Startseite HAZ
Volltextsuche über das Angebot:

Festgruß aus der Hölle

Der Weihnachtspulli Festgruß aus der Hölle

Die Briten, das schrullige, stolze Inselvolk, sind berühmt für romantische Landschaften, gute Musik und modische Experimentierfreudigkeit. Zu Weihnachten manifestiert sich Letzteres im "Ugly Christmas Sweater".

Voriger Artikel
Lagerfelds Lieblinge
Nächster Artikel
Der Knoten ist geplatzt

Schön schlimm: Der Kult um den hässlichen Weihnachtspullover.

Quelle: Hersteller

England – du wunderschöne Insel. Deine Landschaft voll mit sanften Hügeln und Gärten, deine Gläser voll mit dunklem Ale. Deine wunderbaren Bewohner voll von dieser rätselhaften Sehnsucht nach vorsätzlicher Hässlichkeit. Die attraktivsten Britinnen und Briten arbeiten nach Kräften daran, jeden positiven Ersteindruck zu vermeiden. Warum bloß?

Hässliche Strickpullover sind der letzte Schrei auf Weihnachtsfeiern. In den USA und England sorgt das Phänomen schon seit Jahren für Aufsehen – nun auch in Deutschland?

Zur Bildergalerie

Vielleicht hält man die Schönheit der britischen Gefilde nur in einem pinkfarbenen Trainingsanzug und Püschelpantoffeln aus, die wie explodierte Hasen aussehen. Vielleicht hilft gegen ein Übermaß an Geschichte an jeder Ecke nur eine Frisur, in der man wohnen kann. Gegen einen Junggesellinnenabschied in Liverpool jedenfalls ist die RTL-II-Soap "Berlin Tag & Nacht" ein Doktorandenball in den Fünfzigern.

Die Liebe zum Trash

Kennen Sie das, wenn beim Zusammendrücken von zwei Klebeflächen rundherum überschüssiger Klebstoff ausläuft? So sieht es im Sommer an vielen britischen Bushaltestellen aus, wenn sich Teenager in Tanktops hinsetzen. Das ist natürlich ungerecht. Auch in deutschen Städten hängt Bonusgewebe aus Kleidungsstücken. Und es gibt 65 Millionen Briten. Nicht alle malen sich im Urlaub besoffen Smileys auf den Bauch.

Was die Sache so sympathisch macht, ist die allgemeine Freude am Trash. Britische Boulevardmedien suhlen sich mit größter Wonne in Nationenklischees und sabbern glücklich, wenn sie selbst dabei am schlechtesten wegkommen. Die bleichen Beine britischer Männer in Shorts sähen aus wie "rohe Bratwürste, haarlos und wabbelig und nach drei Minuten an der Sonne knallrot wie wütender Frühstücksspeck", ätzte etwa die "Daily Mail".

Nun sind Männerbeine in den meisten Teilen der Welt in einer Hose besser aufgehoben als an der Sonne. Im Unterschied zu vielen anderen Nationen aber, die sich für Gottes Geschenk an die Menschheit halten, wissen Briten, dass sie von Wayne Rooney adäquater vertreten werden als von David Beckham.

Flucht nach vorne

Ihr Rezept ist die Flucht nach vorn. Trash? Gerne doch! Zu Weihnachten etwa blüht der Kult um die "Ugly Christmas Sweater" – die hässlichen Pullover, gegen die Tante Klärchens jährlicher Elchpulli ein Geschmackswunder ist. Heute trägt Mesut Özil ein Wollwerk aus der Hölle samt integriertem Möhrchen-Schneemann mit erigierter Nase, das ihm sein Verein Arsenal London offenbar direkt in den Vertrag geschrieben hat. Vielleicht hat er auch einfach was mit den Augen.

Strickpullover mit mehr als drei Farben sind ja schon schlimm. Aber auch schlimme Pullover lassen sich durch Glitzerfäden, Bommel, aufgenähte Zwerge, Geweihe, Christbaumkugeln und Möbel aller Art immer noch verschlimmern. Manche sehen aus wie aus ganzen Schafen gewebt.

Colin Firth stand Pate

Neuester Schrei in der "Ugly Sweater"-Welt ist ein Frauenmodell, bei dem eine Brust frei bleibt und mit einer Rentierschnauze und einem aufs Schlüsselbein geklebten Geweih verziert wird (Wetten, Sie googeln gerade?). Das soll so aussehen, als ob ein Rentier aus dem Ausschnitt guckt.

In Wahrheit sieht es nur so aus, als ob sich Sinn und Verstand in den Weihnachtsurlaub verabschiedet haben. Es ist die logische Fortsetzung von Colin Firth’ Rentierpulli aus "Bridget Jones" mit den Mitteln der, nun ja, Erotik. Und, Tante Klärchen, falls du das hier liest: Meiner passt noch. Danke.

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Mode & Stil