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20:00 09.10.2015
Mit dem Klischee, Mode lasse sich nicht mit Tradition verbinden, räumt Designerin Barjis Chohan auf. Ihre Kollektionen sind minimalistisch, modern und selbstbewusst. Quelle: Barjis
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Barjis Chohan hastet an diesem Morgen über die Straße. Sie geht fast unter in den Menschenmassen, die im Gleichschritt durch London eilen. Klein, unscheinbar, zerbrechlich wirkt die 44-Jährige in ihrem langen Mantel und dem lilafarbenen Kopftuch. Doch der Schein trügt. Chohan ist eine erfolgreiche Geschäftsfrau. Als Designerin erobert sie einen Markt, der immer mehr aus seinem Nischendasein ausbricht.

Die Britin ist der Kopf des Labels "Barjis". Sie entwirft High Fashion für Frauen, die sich zurückhaltend kleiden wollen – ob aus religiösen oder ästhetischen Gründen oder als politisches Statement. Schmeichelnde Formen, farbenfrohe Stoffe, auffällige Muster – ihre Kleider und Kopftücher stechen heraus. "Frauen lieben Mode, auch diejenigen, die ihr Haar bedecken und nicht zu viel Haut zeigen wollen", sagt Chohan mit selbstbewusster Stimme. Sie räumt mit dem Klischee auf, Glamour und Style gingen nicht zusammen mit Hijab, also Kopftuch, und tiefem Glauben. Aufreizend? Nein. Auffallend? Unbedingt.

Die Designerin Barjis Chohan wollte erst Medizin studieren, doch dann entdeckte sie durch Zufall ihre Leidenschaft für Mode. Quelle: YuHang Fong

Für Chohan stand früh fest, dass sie einmal Ärztin werden würde. Ihre konservativen Eltern, Einwanderer aus Pakistan, wünschten sich eine akademische Laufbahn für das Mädchen. Dann entwarf sie mit 19 Jahren das Hochzeitskleid ihrer Schwester, erhielt viel Anerkennung und alles sollte anders kommen.

Die Tochter von Immigranten schlug den Weg in die Modebranche ein, gegen den Willen ihrer Eltern. Chohan studierte am Londoner Saint Martins College Kunst und Design und arbeitete erst für die legendäre Designerin Vivienne Westwood, dann für ein französisches Modehaus, für das sie schwarze "sexy" Abendkleider entwarf.

Doch das war hohe Schneiderkunst, die sie selbst nie tragen würde. Die Sinnfrage stellte sich. "Ich habe zu dieser Zeit geheiratet und fing an, mich mehr mit meiner Religion auseinanderzusetzen", sagt Chohan. Im Alter von 30 Jahren entschied sie sich, künftig ein Kopftuch zu tragen. Sie war damit nicht allein. Insbesondere nach den Terroranschlägen am 11. September 2001 in New York und jenen am 7. Juli 2005 in London, die im Namen des Islam begangen wurden, habe sich die jüngere Generation zunehmend für ihre Religion interessiert, den Glauben wiederentdeckt, sagt die Designerin.

"Wir wollen uns nicht mehr verstecken"

Das bestätigt auch Reina Lewis, Professorin für Kulturwissenschaft an der Londoner University of the Arts. "Nach den Anschlägen waren alle, die offensichtlich durch ihre Kleidung als Muslime zu erkennen waren, mit Vorurteilen konfrontiert." Zahlreiche Frauen, die zuvor kein Kopftuch getragen hatten, wollten das fortan tun, weil ihre Religion ständig infrage gestellt wurde. "Sie suchten nach Antworten", sagt Lewis. Indem sie sich erkennbar modisch als Muslime kleideten, zweifelten sie die Meinung an, dass Muslime primitiv oder beschmutzt seien.

Bis heute betonen junge, muslimische Frauen in Großbritannien, Europa und den USA die Freiwilligkeit ihrer Entscheidung. "Sie bestreiten vehement, dass sie gezwungen werden, ein Hijab zu tragen", berichtet Lewis. Für Barjis Chohan hat das öffentliche Auftreten seit 2001 auch mit Rebellion zu tun. "Wir Musliminnen wollten uns nicht mehr verstecken, sondern dafür akzeptiert werden, was wir sind", sagt Chohan.

Die junge Designerin kündigte also ihren Job, machte sich als Designerin für Textilien und Einrichtungen selbstständig, reiste um die Welt und verdiente gutes Geld. Modische und religiös angepasste Kleidung zu finden, stellte sich jedoch als Herausforderung dar. Kurzerhand kreierte sie ihre Garderobe selbst und kam zu dem Schluss: "Wenn ich mich schwertue, dann geht es bestimmt auch anderen muslimischen Frauen so."

Mode ohne Bling-Bling und Drama: Barjis Chohan entwirf minimalistische Kleidung. Ihre zurückhaltenden Kollektionen sprechen nicht nur Musliminnen an. Quelle: Barjis

Mit ihrem High-Fashion-Label Barjis hatte sie zunächst eine ganz bestimmte Zielgruppe im Visier: reiche Kundinnen in Dubai, Saudi-Arabien, Abu Dhabi. Die aber wollten "Bling-Bling und Drama", keine minimalistische Mode von Newcomerinnen. Enttäuscht kehrte Chohan in die Heimat zurück. Um schließlich zu merken, dass sich ihr Markt in Europa befand: in der Schweiz, in Großbritannien, in Frankreich und in Deutschland.

"Zurückhaltende Mode spricht nicht nur Musliminnen an", sagt sie. "Viele Frauen in westlichen Ländern mögen meine Entwürfe, weil für sie bescheidene, zurückhaltende Mode gleichbedeutend für elegant und klassisch steht", erklärt die Mutter von drei Töchtern. Sie trifft den Geschmack von Feministinnen genauso wie den gläubiger Christinnen und Jüdinnen. Ihre Kundinnen sind Musliminnen, die im Westen zu modernen und modebewussten Frauen herangewachsen sind, aber lange keine Garderobe fanden, die den Trends folgte und vereinbar war mit dem Islam.

Eine Lücke, die Chohan mit High-Fashion-Kreationen zum Preis von umgerechnet 300 bis 700 Euro füllte. Die 44-Jährige präsentierte ihre Kollektionen bereits auf der London Fashion Week, zudem ist für die Zukunft eine günstigere Kollektion geplant. Chohan ist fest etabliert in einem Wachstumsmarkt, auf den nun auch die großen Modeunternehmen aufmerksam werden. Nicht ohne Grund: Das Dienstleistungsunternehmen Bloomberg schätzt den Wert der muslimischen Modeindustrie weltweit auf umgerechnet mehr als 84 Milliarden Euro.

Wandel in der Modewelt

"Das macht Muslime zu einem sehr wichtigen Kundenkreis", sagt Kulturwissenschaftlerin Lewis, die sich in ihrem demnächst erscheinenden Buch "Muslim Fashion" mit dem Thema beschäftigt. "Der Markt wächst und wird immer facettenreicher." Viele Jahre habe die Mainstream-Modeindustrie diese Konsumenten fast ignoriert. In diesem und dem vergangenem Sommer boten Marken wie DKNY, Hilfiger oder Mango bereits Kollektionen zu Ramadan an.

Barjis Chohan wundert sich darüber nicht. Schon seit einiger Zeit beobachtet sie einen Wandel in der Modewelt: "Der westliche Markt durchläuft eine Revolution weg von aufreizenden Kleidern hin zu einer konservativeren Garderobe." Demgegenüber würden einige muslimische Frauen im Nahen und Mittleren Osten oder in Asien durch Einflüsse wie Fernsehen und soziale Medien eher sexy aussehen wollen.

Am Ende sei jedoch subjektiv, was Zurückhaltung bedeutet. "Es geht um Selbstvertrauen", sagt die Designerin. Und nichts anderes soll ihre Mode ausstrahlen.

Von Katrin Pribyl

Das Kopftuch als Accessoire

Ob als Turban um den Kopf gewickelt, mit lässiger Jeans und farbenfrohen Seidentüchern kombiniert oder als Highlight in knalligem Pink zum langen Kleid, zu Designertasche und High-Heels – das wichtigste Accessoire der Hijabistas ist das Kopftuch. Die Modebloggerinnen sind die muslimische Antwort auf die Fashionistas – die Modeblogger der westlichen Welt. Hijabistas präsentieren auf Instagram oder ihren Blogs die neuesten Looks muslimischer Mode.

Ihr Name leitet sich ab vom Begriff Hijab, der aus dem Arabischen stammt und für „Vorhang“ und „Schleier“ steht, in moderner Auslegung aber das Kopftuch zur Verhüllung von Haar und Hals der Frauen im Islam bezeichnet. Hijabistas inszenieren das Kopftuch als modisches Accessoire wie andere Modeblogger Schmuck, Taschen oder Sonnenbrillen.

Zu den größten Stars der Szene gehören Ascia Farraj aus Kuwait, die auf Instagram mehr als 1,5 Millionen Abonnenten hat, oder die britische Bloggerin Dina Tokia, die mittlerweile zusätzlich als Designerin arbeitet. Auch deutsche Hijabistas gewinnen in sozialen Netzwerken immer mehr Fans.

kap

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