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Verkommt der Schulhof zum Laufsteg?

Kleidung für Schüler Verkommt der Schulhof zum Laufsteg?

Ein neues Outfit zum Schulstart ist mittlerweile Pflicht. Unter dem Slogan "Back to School" vermarkten große Ketten eigens Kollektionen für das Comeback auf dem Pausenhof – eigentlich ein Grund, die Schuluniform einzuführen.

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Vom Scheitel bis zur Sohle: Zum Schulstart brauchen Kinder neue Kleidung – zumindest impliziert das die Modeindustrie.

Quelle: Hersteller

Die großen Ferien sind zu Ende, und damit beginnt vor allem bei Familien auch der Abgesang auf den Sommer: Plansch­becken und Hängematten verschwinden nicht etwa wegen plötzlichen Wetterumschwungs im Keller, sondern weil vor lauter Hausaufgaben und AG-Nachmittagen kaum Zeit zum Planschen und Pofen bleibt. Entsprechend ungenutzt liegen Flipflops und Crocs in den Flurecken herum.

Zusammen mit der restlichen Beachwear wandern sie zurück in die hintersten Regionen des Kleiderschranks. Denn besonders die Kinder müssen sich pünktlich zum Schulstart warm anziehen. Selbst bei spätsommerlichen Temperaturen. So schreibt es neuerdings das Modediktat vor. Überschrift: "Back to School".

Von Prospekten und Plakatwänden schreit dieser Slogan einem schon mitten in den Ferien entgegen. Bei den Schülern soll er Vorfreude auf ein modisch aufsehenerregendes Comeback im Klassenzimmer wecken; für die Eltern ist er eine Warnung: Wenn der Nachwuchs wieder in die Schule geht, bedeutet das nicht in erster Linie, in neue Bücher und Schnellhefter zu investieren, sondern ins Styling. Anderenfalls droht Zensur: Seit Langem schon beobachten Psychologen und Pädagogen eine Zunahme des Markenwahns an deutschen Schulen. Nicht selten entscheidet ein Logo, wer zu einer bestimmten Gruppe dazugehört.

Der Pausenhof als Laufsteg

In eltern- und schüleraffinen Foren ist „Klamotten-Mobbing“ ein Dauerthema. Cool gekleidet zu sein ist augenscheinlich schon in der Grundschule extrem wichtig, wo die Hausschuhe mit Disneys "Eiskönigin" verziert sein müssen, damit der erste Schultag ohne Tränen verläuft. Die Angst, zum Außenseiter zu werden, weil man vermeintlich falsche oder alte Sachen trägt, machen sich Modekonzerne für ihre Vermarktungsstrategien zunutze. Gerade in Ländern wie Deutschland, wo Schuluniformen kaum bis gar nicht verbreitet sind, rühren große Ketten seit einigen Jahren besonders zum Schulstart nach den Sommerferien die Werbetrommel für Outfits, in denen Schule angeblich gleich "doppelt Spaß" macht.

Wenn H&M bedruckte Pullover und warme Jacken als die "perfekten Begleiter für die Schule" hypt, C&A Kunstlederjacken als "Must-haves" zum Unterrichtsstart anpreist und Bonprix mahnt: "Hausaufgaben für alle: Jetzt die schönsten Outfits fürs kommende Schuljahr oder die Kita aussuchen", kann sich dem kaum eine Familie entziehen. Es sei denn, sie puzzelt die Kindergarderobe konsequent aus Second-Hand-Schnäppchen und funktionalen Jako-O-Angeboten zusammen.

Spätestens auf der weiterführenden Schule, wo die älteren Teenies den Pausenhof gern zum Laufsteg machen, wächst jedoch der Druck: Wenn alle plötzlich karierte Flanellhemden von H&M tragen, will man das eigene Kind schließlich nicht modisch im Abseits stehen lassen. Das Werben um die Klientel mit Konfektionsgrößen von 92 bis 170 zum neuen Kindergarten- und Schuljahr dürfte nicht zuletzt auch ein Versuch sein, den schwierigen Markt zumindest zum Jahresende in Schwung zu bringen: Die Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) hat ermittelt, dass der Bereich Kindermode in diesem Frühjahr mit knapp 6 Prozent Umsatzeinbußen zu den Verlierern im Einzelhandel gehörte. Besonders schwer haben es kleine Labels.

Langweiliger Einheitslook

Beherrscht wird der deutsche Markt nach Angaben des Kölner Instituts für Handelsforschung vor allem von Zara und C&A. Diese setzen, wie auch viele internationale Einzelmarken, auf sogenannte Urban-Fashion-Trends: Jeans, Kapuzenpullis, Sneaker. Geht immer. Bei allem, was über die Basics wie Shirt, Winterjacke und Jeans hinausgeht, ist die Mode für Jugendliche und Kinder jedoch oftmals nur an der Größe von den Outfits für Männer und Frauen zu unterscheiden.

Vor allem bei Jeans- und Luxusmarken wie Diesel oder Dior gibt’s Rock-, Punk-, Military- und Glamourlook schon fürs Baby. Einer, der maßgeblich dazu beigetragen hat, Kinder wie geschrumpfte Erwachsene aussehen zu lassen, ist Tommy Hilfiger, der mal beklagte, dass es früher keine coole Kleidung für Kinder gegeben habe, die auch Erwachsene hätten tragen wollen. Darum mache er heute Miniversionen aus ausgewählten Stücken seiner Männer- und Frauenkollektionen – "immer mit einem Twist". Der sieht so aus, dass der Nachwuchs als Zwerganwalt mit Button-Down-Hemd oder als frühreife College-Absolventin im Faltenrock daherkommt. Alles natürlich unter dem Motto "Back to School", aber so langweilig wie eine Mathestunde mit Kurvendiskussion.

Dann doch lieber Karohemden von H&M. Die Kette gehört ohnehin zu den beliebtesten Shoppingadressen von Jugendlichen: In einer Anfang des Jahres veröffentlichten Umfrage der Umweltorganisation Greenpeace zum Kaufverhalten von deutschen Teenagern wählten 76 Prozent der 12- bis 19-Jährigen H&M weit vor Adidas und Nike (jeweils 63 Prozent) zu ihrer bevorzugten Marke. Womöglich würde sich der schwedische Bekleidungsriese deshalb auch gut als Schuluniform-Anbieter eignen. Dann könnten alle den Sommer in Ruhe und in Flipflops ausklingen lassen, und kein Kind müsste an einem warmen Septembertag auf dem Pausenhof in einer Kunstlederjacke schwitzen.

Von Kerstin Hergt

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