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Mode & Stil Kommt wieder auf den Teppich
Sonntag Mode & Stil Kommt wieder auf den Teppich
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20:01 28.10.2016
Die Zeit der nackten Holzböden ist vorbei: Der neue Einrichtungstrend sind ausgefallene, edle Designerteppiche als letzter Schliff für das perfekte Interieur. Quelle: Jan Kath

In manchen Innenhöfen steht sie noch: die Teppichstange. Ein Relikt aus Zeiten, da textile Bodenbeläge im Haushalt selbstverständlicher waren als Staubsauger. Mindestens zwei Generationen lang taugte sie allenfalls noch als Fußballtor oder Hochreck. Jetzt könnte sie wieder von praktischem Nutzen sein, denn der Teppich hält nach jahrzehntelanger Verbannung wegen Spießigkeitsverdacht wieder Einzug unter deutsche Dächer.

Gefragt sind vor allem handgemachte Teppiche. Angesichts solch kunstvoller wie anheimelnder Objekte zum Beispiel aus den Kollektionen von Jürgen Dahlmanns aus Berlin oder Jan Kath aus Bochum, stellt sich die Frage, ob die wahren Spießer nicht jene sind, die zu Hause auf blankem Parkett-, Laminat- oder Fliesenboden leben.

"Der handgeknüpfte Teppich hat in den letzten zehn Jahren eine enorme Renaissance erlebt", sagt Jürgen Dahlmanns. Dazu hätten nicht zuletzt deutsche Unternehmen beigetragen. Vor 15 Jahren gründete er sein Label Rug Star in Berlin, das mittlerweile auch Filialen in Kanada und China unterhält. Tibet- und Perserteppiche bestimmen sein Sortiment. Gefertigt wird in Nepal und Indien. Dahlmanns setzt derzeit international Trends in der Teppichbranche.

Handgeknüpft aus Wolle und Seide: Ein Teppich aus der "Eden"-Kollektion von Rug Star. Quelle: Rug Star

Ebenso wie Jan Kath aus Bochum. Beide verbindet die Leidenschaft für die Handwerkskunst des Teppichknüpfens. Sowohl Kath als auch Dahlmanns verwenden dabei rein natürliche Materialien: tibetische Hochlandwolle, chinesische Seide und Brennesselfasern. Ihre Designs sind Neuinterpretationen klassischer Muster und Motive einer jahrtausendealten Tradition, die schon die Nomadenstämme in den Steppen Zentralasiens pflegten, wo die ersten Teppiche überhaupt entstanden.

Über seinen reinen Gebrauchswert hinaus schafft der Teppich einen Ort, der versammelt und eint. Er hebt sich ab von seiner Umgebung und gleicht somit einer Bühne für die besonderen Momente im Alltag: Das Familienessen, das Zusammentreffen von Freunden, das Ausruhen und Innehalten in den eigenen vier Wänden, das Spielen mit dem Nachwuchs oder auch das Meditieren und Beten.

Peter Brook, der große alte Mann des modernen europäischen Theaters, hat in seinen zahlreichen Inszenierungen weitgehend dem "leeren Raum" gehuldigt. Auf ein Requisit griff er jedoch immer wieder zurück: den Teppich als zusätzliche Erhebung oder auch einer Art Raum im Raum. Für Jürgen Dahlmanns ist ein Teppich gar "ein zweidimensionales Haus".

Schmuckstück für den letzten Schliff

Den studierten Architekten fasziniert die handwerkliche Meisterleistung, mit der ein Teppich wie nach einem Bauplan entsteht – je nach Dicke mit bis zu 300 000 Knoten pro Quadratmeter in Tausenden Arbeitsstunden. Der Schwerpunkt von Rug Star liegt laut Dahlmanns mittlerweile nicht mehr im Wohn-, sondern eher im Objektbereich. Dennoch hat er, um das Traditionsprodukt handgeknüpfter Teppiche in modernes Licht zu rücken, für die Präsentation Berliner Wohnungen mit seinen Exemplaren ausgestattet und fotografieren lassen.

Die Serie "Intimacy Berlin" offenbart vor allem, wie anpassungsfähig selbst Teppiche in Knallfarben oder mit extravaganten Mustern und Motiven sein können: Ob Vintage-Chic mit Stuckdecke oder skandinavisches Mobiliar mit Sichtbeton – das Schmuckstück auf dem Fußboden ist niemals Grundlage für das Interieur, sondern gibt ihm vielmehr den letzten Schliff.

"Ein Teppich macht ein Zimmer wohnlicher, und genau das wollen die Menschen wieder zunehmend", sagt Barbara Schmidt-Zock vom Verband der Deutschen Heimtextilien-Industrie (Heimtex). In ihm ist der Bundesverband des Teppich- und Gardinenhandels aufgegangen, nachdem er sich 2002 nicht zuletzt wegen einer jahrelang prekären Marktlage aufgelöst hatte. Jetzt ginge es in Sachen Teppich wieder aufwärts, sagt Schmidt-Zock.

Himmlischer Blickfang: Ein Teppich aus der Kollektion "Heiter bis wolkig" von Jan Kath. Quelle: Jan Kath

Selbst mit Auslegware sei die deutsche Teppichindustrie zumindest in öffentlichen Gebäuden oder auch Hotels gut vertreten. Der Teppich erfülle dabei nicht nur dekorative Kriterien. Neben mehr Behaglichkeit ginge es auch um akustische Gründe. Ein Teppich dämpfe nun mal mehr Geräusche. Selbst das Image als Staubfänger hat nach Überzeugung von Schmidt-Zock etwas Positives: "Ein Teppich bindet Staub. Das ist gerade für Hausstauballergiker eher von Vorteil." Man müsse den Bodenbelag eben nur regelmäßig absaugen.

Einem qualitativ hochwertigen Teppich kann Staub und Schmutz wenig anhaben. Der Pazyrik-Teppich, das weltweit älteste erhaltene Exemplar, stammt aus einem Fürstengrab im südsibirischen Altai-Gebirge und beeindruckt heute noch mit seiner leuchtenden Farbenpracht. Das Kunstwerk aus Schurwolle, das Kreuzblumen, Elche, Pferde und Ornamente zieren, stammt aus der Zeit um 500 v. Chr. und wird in der Petersburger Eremitage aufbewahrt.

Mit Prüfsiegeln gegen Kinderarbeit

Bei aller Mystik, Schönheit, Eleganz und Pracht, die ein einzelner Teppich gleich einem Gemälde entfalten kann, bleibt doch ein Rest Skepsis, was die aufwändige Produktion angeht. Nach Schätzungen der International Labour Organization (ILO) arbeiten rund 250 000 Kinder in Nepal, Indien und Pakistan als Teppichknüpfer. Die Organisation Goodweave überprüft Teppiche und Produktionsstätten auf faire Arbeitsbedingungen hin und vergibt an die Hersteller entsprechende Siegel, ebenso wie die Schweizer Initiative Label Step.

Verbraucher können damit sicher sein, dass keine Kinderarbeit im Spiel ist. Jürgen Dahlmanns und Jan Kath stehen beide für faire Produktionsbedingungen. Für Dahlmanns war dieser Aspekt sogar ausschlaggebend für den Wechsel von der Architektur ins Teppichgewerbe: "Die Architektur war mir in ihren Prozessen zu seelenlos. Ich wollte vor Ort eine gute soziale Situation sicherstellen."

Von Kerstin Hergt

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