Startseite HAZ
Volltextsuche über das Angebot:

Prestigeobjekt mit Pelzkapuze

Modetrend Parka Prestigeobjekt mit Pelzkapuze

Pelzig hält sich: Trotz Klimaerwärmung ist der Parka mit Fellrandkapuze nicht totzukriegen. Mindestens so anziehend wie seine Funktionalität ist sein verwegenes Abenteurer-Image.

Voriger Artikel
Locker bleiben
Nächster Artikel
Viel Wind um die Ohren

Hauptsache pelzumrahmt: Trendbewusste Großstädterinnen lassen sich vom Klimawandel nicht den Spaß am Luxusparka verderben.

Quelle: Canada Goose

Schmelzende Pole, schneefreie Skigebiete, frühlingshafte Temperaturen zu Weihnachten – derlei Klimawandel-Folgen lassen den Woolrich-Arctic-Parka-Träger kalt. Auch spöttische Michelin-Männchen-Vergleiche von Übergangsjackenträgern prallen an ihm ab. Die Teflonbeschichtung seiner Winteruniform hält schließlich so einiges aus. Laut Herstellerangaben sogar Temperaturen bis zu minus 30 Grad. Möglich, dass so mancher Daunenparka-Fan das Minuszeichen übersehen hat, weil ihm beim ersten Anprobieren die große Fellkapuze über die Augen gerutscht ist. Auf Sylt jedenfalls greift man durchaus schon im August zum Arctic-Modell.

In seinem unter anderem auf der Nordseeinsel spielenden Debüt "Faserland" hat der Schriftsteller Christian Kracht 1995 der grünen Barbour-Jacke als Erkennungszeichen der Jeunesse dorée ein literarisches Denkmal gesetzt. Würde er seinen Roman von den Neunzigerjahren in die heutige Zeit verlegen, träte an die Stelle der Wachsjacke der Woolrich-Parka. "Oben Woolrich, unten Badeschlappen – das sieht man hier im Sommer am Strand häufig. Besonders bei Jugendlichen", sagt Margitta Scholz von der Woolrich-Boutique in Westerland auf Sylt.

Vom Expeditionsausstatter zum Luxuslabel

Seit seiner Eröffnung im April vergangenen Jahres hat der Store regen Zulauf. Bestseller ist der Arctic Parka. Dessen Urmodell hat das von dem Wollspinner John Rich 1830 in Pennsylvania gegründete Unternehmen in den Vierzigerjahren im Auftrag der US-Regierung für Expeditionen ins Eis entworfen und in der Folge auch gleich die Arbeiter in den Kühlkammern von Fischfabriken ausgestattet.

Heute ist Woolrich, das einst auch das schwarz-rot karierte Holzfällerhemd etablierte, ein Luxuslabel. Die günstigste Ausführung des Arctic Parkas kostet rund 700 Euro. Nicht unbedingt ein preiswerter Wetterschutz, falls der Wind mal schärfer weht. Aber wie die Barbour-Jacke ist auch der Woolrich-Parka ein solch langlebiges Kleidungsstück, das Kenner und Liebhaber nach einem Jahrzehnt mehr schätzen als am ersten Tag. Vor allem aber atmet zwischen seinen Pattentaschen die Geschichte der Eisenbahn-, Land- und Minenarbeiter des frühen 20. Jahrhunderts, der Fischer, Jäger, Forscher und Ölbohrer.

Woolrich: Edelparkas für Großstadtabenteurer

Die Edelparkas von Woolrich verkaufen sich auch im Sommer an Großstadtabenteurer.

Quelle: Woolrich

Der Parka ist nylongewordener Traum von Freiheit und Abenteuer, nur echt mit Kojoten- oder Waschbärfell. Und so sieht man ab dem Cabrio-Saison-Ende gerade in Großstädten immer mehr Möchtegern-Trapper, die sich ihren Weg zwischen Barista-Bar und Büro bahnen, das Kreuz unter der Daunenschicht deutlich breiter als im Slim-Fit-Sakko.

Die Frauen halten sich in Sachen Parka an Parker, lassen also die Jacke offen und ziehen wie Stilikone Sarah Jessica (Parker) die große Kapuze über die Ohren. Das pelzumkränzte Gesicht kann sich so direkt dem nächsten Louis-Vuitton-Taschen-Schaufenster zuwenden, ohne dass Ablenkung durch Randerscheinungen wie den Rest der Umwelt besteht.  

Lust am Einmummeln

Der Lust am Einmummeln ihrer Kunden im Herbst und Winter haben seit dem nunmehr zehn Jahre andauernden europäischen Eroberungsfeldzug von Woolrich auch andere Outdoor-Marken Rechnung getragen. Moncler setzt auf Daunen, Wellensteyn auf Membrane, Jack Wolfskin auf Kunstfaservlies – alles wasserabweisend, winddicht, warm. Reicht doch, um gut über den Winter in hiesigen Gefilden zu kommen, könnte man meinen. Doch bizarrerweise ist mit dem globalen Temperaturanstieg in den vergangenen 15 Jahren offenbar auch das Bedürfnis nach noch mehr Schutz und Wärme für den eigenen Körper gestiegen.

Nie gab es solch ein Überangebot an textilen Wärmespendern wie heute. Schon macht der nächste Parka-Fabrikant seinen Kunden erfolgreich glauben, man müsse im Winter überall und jederzeit für frostige Extremwetterverlagen geschützt sein – nicht nur in Alaska, sondern auch unter den Alsterarkaden in Hamburg: Die Firma Canada Goose wirbt als "Experte für Arktis- und Polarbekleidung" mit "äußerst strapazierfähigen" Modellen. Prominentester Werbeträger in Europa ist die schwedische Königsfamilie.

Neben dem rot-weißen Emblem ist das Markenzeichen von Canada Goose vor allem das Kojotenfell an der Kapuze. Dass die wolfsähnlichen Wesen so häufig zu Fellrändern verarbeitet werden, liegt an der Überpopulation in Nordamerika. Zehntausende werden jährlich im Auftrag staatlicher Behörden geschossen. Jetzt schmücken sich europäische Großstadtbewohner mit ihren Überbleibseln wie einst die Inuit. Zum Schutz vor sozialer Kälte. Die neue Eiszeit hat gerade erst begonnen.

Von Kerstin Hergt

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Mode & Stil