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Mode & Stil Möbel mit Macken
Sonntag Mode & Stil Möbel mit Macken
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20:01 11.11.2016
Möbel mit Persönlichkeit: Der Shabby Chic zelebriert die Gemütlichkeit von Erbstücken, Klassikern und rustikalen Materialien statt kühler Perfektion. Quelle: Lauren Mancke / unsplash

Wohl kaum ein anderer Einrichtungstrend hält sich hartnäckiger als der sogenannte Shabby-Chic, der schäbige Schick. Seit Jahren präsentiert sich die Freude am Zerschlissenen und Zerkratzten, am Verwitterten und Verblichenen in den Blogs zahlloser Interior-Designer und Do-it-yourself-Enthusiasten – und tobt sich längst auch in etlichen Möbelgroßmärkten aus.

Einst landeten Möbelstücke und Haushaltsgegenstände, die ein wenig zu viel Patina angesetzt hatten, auf dem Sperrmüll. Heute, in einer schnelllebigen, innovationsbesessenen Zeit, entfalten sichtbar vom Zahn der Zeit angenagte Stücke, vom rustikalen Dielenschrank bis hin zu Uromas Blümchengeschirr, hingegen einen beinahe widerständigen Charme.

Denn: "Shabby-Chic zelebriert das Unperfekte", sagt die Trendforscherin Gabriela Kaiser aus Landsberg am Lech. "Dinge mit Macken, Kratzern, angestoßenen Ecken oder abgeschrubbten, ungleichmäßigen Oberflächen haben keinen Makel: Sie haben Charakter." Dass sich im Shabby-Chic das ästhetische Empfinden so radikal umkehrt, erklärt Kaiser mit einer zunehmenden Sehnsucht nach der sprichwörtlich guten alten Zeit: Das Streben nach Perfektion habe die Wohnwelt in zurückliegenden Jahrzehnten ungemütlich, fast schon unmenschlich wirken lassen, sagt die Trendforscherin.

Nostalgie und Natürlichkeit: Lichte Farben und traditionelle Werkstoffe wie Holz, Keramik, Emaille und grobe Stoffe prägen den Shabby-Chic. Quelle: dpa

Der "schäbige Look" setzt hingegen auf das Gefühl von Behaglichkeit. Natürlich und rustikal wirkende Stoffe und Materialien wie Leinen, Baumwolle, Holz, Zink, grobes Porzellan oder Glas. "Der Stil hat sich in Anlehnung an den englischen Landhausstil entwickelt", erläutert Einrichtungsberaterin Katharina Semling aus Oldenburg. "Statt teure viktorianische Möbel zu kaufen, haben sich die Leute Schätzchen vom Flohmarkt zugelegt." Entsprechend greift der Shabby-Look Elemente des viktorianischen Stils, des Neobarock oder des Rokoko auf.

Doch nicht immer ist das, was alt aussieht, tatsächlich in die Jahre gekommen. Und nicht alles, was schäbig aussieht, auch Shabby-Chic. Wie etwa abgeranzte Möbel aus den Achtzigerjahren. "Die sind nicht kultig, sondern nur hässlich", findet Ursula Geismann, Trendanalystin beim Verband der Deutschen Möbelindustrie in Bad Honnef bei Bonn. Auch für Ware, der industriell Patina verpasst wird, hat sie nicht viel übrig, da sie eine individuelle Prägung nur vortäuschen. "Ich finde es komisch, etwas Neues zu kaufen, das auf alt gemacht ist", sagt Geismann.

Auch hätten diese Dinge im Gegensatz zu echten Antiquitäten nichts mit Recycling und der Schonung von Ressourcen zu tun. "Das Ganze steht im krassen Gegensatz zur Intention des Shabby-Look: der Sehnsucht nach Authentizität, echten Materialien und eigener Geschichte", resümiert die Trendanalystin. So verstanden ist Shabby-Chic eigentlich weniger ein Einrichtungsstil als eine Lebenshaltung: eine Haltung, die auf Nachhaltigkeit zielt, das Geschichtsträchtige würdigt und den Spuren der Zeit eine ganz eigene Ästhetik abgewinnt.

Erlaubt ist, was gefällt

Wer sich stilsicher im Shabby-Chic einrichten will, sollte daher keine Möbel und Accessoires vom Fließband kaufen. Neben persönlichen Erbstücken lässt sich auf dem Dachboden, bei Haushaltsauflösungen, in Antiquitätengeschäften und auf Flohmärkten so mancher Schatz heben, der nicht nur nach Geschichte aussieht, sondern in der Regel auch eine hat.

Ob Küchenbüfett, Kommode oder ein Schrank aus Weichholz, ob gepolsterter Ohrensessel, Chaiselongue, Sammeltassen, Einmachgläser, ausrangierte Obstkisten oder Kristallvasen: Erlaubt ist, was gefällt. "Der Shabby-Look passt in jeden Raum", sagt Trendanalystin Geismann. Die Farbe ist dabei das verbindende Element: Weiß, Beige und Creme gelten als Grundfarben. Akzente setzen mattes Grau und blasse Pastelltöne wie Mint oder Rosé.

Wer seine Möbel selbst im Shabby-Stil gestalten will, sollte zu Farben greifen, bei denen die Grundierung schon enthalten ist, rät Wohnberaterin Semling. "Sie sind zwar teurer, aber die Investition lohnt sich. Man muss nur die Farbe auftragen und abwischen – und ist in einem Nachmittag fertig." Damit der Shabby-Chic das Wohnzimmer nicht in eine Zuckerbäckerei voller Pastellwolken verwandelt, empfiehlt die Wohnexpertin, die Zimmer nicht zu überfrachten.

Einzelstücke als Blickfang: Klassiker und Details mit Geschichte machen sich auch als Bruch mit einer ansonsten schlicht-modern eingerichteten Wohnung gut. Quelle: André Freitas / unsplash

Freiraum, klare Formen und Strukturen helfen dabei ebenso wie einzelne moderne Stücke. "Ein Tisch mit glatter, weißer Oberfläche oder eine neongelbe Vase können hier belebend wirken." Umgekehrt können aber auch schon wenige, dekorative Elemente wie alte Dosen in der Küche oder handgestickte Kissenbezüge auf dem Sofa einer modern eingerichteten Wohnung ein Gefühl von Behaglichkeit verleihen. "Der Kontrast zum modernen Wohnbereich macht solche Einzelstücke zu echten Hinguckern", sagt Trendforscherin Kaiser.

Ohnehin folgt der Shabby-Chic längst keinen starren Regeln mehr, sondern ist zum Synonym für weitgehend im Originalzustand belassene Vintage-Stücke geworden. Längst haben sich verschwisterte Trends herausgebildet, die die Grundregeln des schäbigen Stils auf vielfältige Weise variieren: "Vintage Industrial" etwa holt ausgediente Industriemöbel – Werkbänke, Werkzeugschränke, wuchtige Metalllampen – in die Wohnstube.

Der "Mid Century"-Stil wiederum kommt ein wenig zurückhaltender daher, orientiert sich an der schnörkellosen Formensprache der Fünfzigerjahre und bietet eine perfekte Bühne für Designklassiker von Arne Jacobsen, Hans J. Wegner oder Charles und Ray Eames. Gerade der berühmte Lounge Chair des US-Designerpaares ist ein absoluter Blickfang in jedem Vintage-Interior – und wirkt, wie alle hochwertigen Ledermöbel, im gut eingesessenen Zustand deutlich authentischer als ein allzu makelloser zeitgenössischer Nachbau.

Von Melanie Öhlenbach

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