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Das ewige T-Shirt Neuer Lesestoff

Lange hat das T-Shirt für sich selbst gesprochen: Mal war es Ausdruck eines Lebensgefühls, mal der Erinnerungsfetzen, an einen längst vergangenen Sommer. Jetzt verspielt es mit breit auf der Brust prangenden Statements seinen Kultstatus.

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Lillifee wird erwachsen

Schlicht, schön, zeitlos: Das T-Shirt ist seit Jahrzehnten ein unendlich anpassungsfähiges Kleidungsstück.

Quelle: Fotolia

Hannover. Der schwarze Stoff spannt ein wenig um den Bauch, doch der Mann tritt trotzdem gut gelaunt und selbstbewusst seiner Verabredung gegenüber. “Resonanzkörper“ steht in weißen Lettern auf seiner Brust. Ein Schrei nach Aufmerksamkeit oder das wenig subtile Bekenntnis zur Selbstironie? Für die Frau, die ihm fröhlich um den Hals fällt, vielleicht nur ein Zeichen, dass der neue Schwarm in Sachen Mode auf dem neuesten Stand ist: T-Shirts mit Aussage sind in diesem Sommer angesagt. Die Frau selbst trägt eines mit dem von zwei Blitzen umrahmten Schriftzug “Grl Pwr“. So weiß jeder, woran er ist. Oder auch nicht. Das Aufgedruckte wirkt oft aufgesetzt.

Denn der von Diors Chefdesignerin Maria Grazia Chiuri Anfang des Jahres angeschobene Trend, T-Shirts mit feministischen Slogans zu versehen, wirft natürlich Fragen auf. Wie viel hat ein aufgedruckter Spruch mit der tatsächlichen Haltung zu tun? Oder ist das neue Sendungsbewusstsein eher vordergründig und von modischem Interesse geprägt?

Schließlich sind manche zur Schau getragenen Aussagen ungefähr so überzeugend wie Ivanka Trumps Feminismusbekenntnis beim diesjährigen Frauengipfel in Berlin. Und es gibt natürlich auch Mädchen, die dieser Tage T-Shirts mit Bandnamen von The Who oder Blondie tragen, ohne jemals einen Song von ihnen gehört zu haben. Sondern einfach, weil es irgendwie nach Rock ’n’ Roll oder der eigenen Haarfarbe klingt.

“Ach, Led Zeppelin ist eine Band

“Ach, Led Zeppelin ist eine Band? Wusste ich gar nicht“: Teenager mit Band-T-Shirts.

Quelle: GETTY

Immerhin war die Elterngeneration auch nicht authentischer, als sie in den Achtziger- und Neunzigerjahren T-Shirts mit den Namen von Eliteuniversitäten trug – ein bisschen Harvard in Holzminden. Das war in etwa genauso lustig wie die Chanel-Fälschungen aus Benidorm mit den ineinander verschlungenen Cs. Man hat sich damals einen Spaß aus dem Marken- und Statusbewusstsein der Yuppies gemacht. Und mithilfe von T-Shirts Statements gesetzt.

Spaß und Feminismus dagegen passen nicht so richtig zusammen, insbesondere vor dem Hintergrund, dass die meisten T-Shirts von Näherinnen in Billiglohnländern zu unfairen Bedingungen gefertigt werden. Und Fake-T-Shirts in Zeiten, in denen das echte Gucci-Logo auf der Brust einem Heiligenschein unter Fashion-Jüngern gleichkommt, lassen den Träger oder die Trägerin dann doch eher ein bisschen dümmlich wirken.

Das T-Shirt aber war noch nie ein harmloses Kleidungsstück. Seinen Ursprung hat es, wie so viele Klassiker, beim Militär. Die Royal Navy stattete ihre Matrosen Ende des 19. Jahrhunderts schon mit ihnen aus, im Zweiten Weltkrieg zog die amerikanische Marine nach. Das weiße Leibchen aus 100 Prozent Baumwolle und mit Rundhalsausschnitt setzte sich nach dem Krieg endgültig auch in der Zivilbevölkerung durch.

Rebell in T-Shirt und Lederjacke

Rebell in T-Shirt und Lederjacke: Marlon Brando ist bis heute Stilvorbild.

Quelle: United Archives/IFTN

Gekämpft wurde jedoch weiter in Jersey: In Verbindung mit Bluejeans und Lederjacke galt das T-Shirt als Symbol junger Revoluzzer nach den Vorbildern von Marlon Brando und James Dean. Erst in den Siebzigerjahren wurde es als Oberbekleidung auch abseits von Rockkonzerten und Sportveranstaltungen akzeptiert. Bevor es zu brav wurde, kam die Punkbewegung, allen voran das Designerduo Malcolm McLaren und Vivienne Westwood. Sie ließen T-Shirts aussehen wie Lumpen, verziert mit Sprüchen wie “It’s forbidden to forbid“.

Das in den Neunzigerjahren kurzzeitig mal zum Teenagerkult avancierte Shirt der Hard-Rock-Café-Gruppe kann sogar als früher Ausdruck der Standortbestimmung gesehen werden, die heute gern in Form eines Selfies mit der entsprechenden Sehenwürdigkeit im Hintergrund zum Ausdruck gebracht wird. Durch den Aufdruck der Metropole, in der das T-Shirt erworben wurde, sagte der Träger stets: “Seht her, ich war dort.“

Was das T-Shirt angeht, ist seitdem jedenfalls alles erlaubt. Selbst als Ersatz für das Hemd unterm Anzug ist es mittlerweile salonfähig. “Das T-Shirt ist das einzige Kleidungsstück, das sich unseren Wünschen völlig unterwirft“, hat der Designer Helmut Lang einmal gesagt. Doch es hat auch Macht über uns. “Die Geschichte eines Lebens lässt sich mit einem T-Shirt erzählen“, schreibt die französische Modejournalistin Charlotte Brunel in ihrem Buch “T-Shirt“ über die Kulturgeschichte dieses Kleidungsstücks.

In erster Linie Sprücheklopfen

In erster Linie Sprücheklopfen: Nichtssagende Message auf einem Statement-T-Shirt.

Quelle: dpa

Statement- oder Motto-T-Shirts dagegen erzählen keine Geschichten, sondern dienen in erster Linie dem Sprücheklopfen. Sie erregen allenfalls einen Sommer lang Aufsehen, aber dieselbe Bedeutung wie die baumwollenen Erinnerungsfetzen, die vom ersten Australientrip oder einer verflossenen Liebe zeugen, werden sie nie erlangen.

Taugt ein Shirt mit der Aufschrift “Resonanzkörper“ wirklich zum Stoff, aus dem Träume sind? Oder waren? Wohl eher nicht. Es ist auch kaum vorstellbar, dass es in der Sammlung von Hanne Steen und Carla Richmond auftaucht. Die Autorin und die Fotografin hatten im Jahr 2014 unter dem Namen “Lovers Shirts“ ein Aufsehen erregendes Projekt gestartet: Sie fotografierten Frauen in den baumwollenen Hinterlassenschaften ihrer Ex-Liebhaber.

Es sind Holzfällerhemden und Kapuzenjacken dabei, vor allem aber T-Shirts. Natürlich sind nicht alle schlicht und einfarbig, die wenigsten sind sogar schön. Doch das Relikt von Guns N’ Roses ist zumindest ein echter Fanartikel. Und das graue Trikot mit der Aufschrift “Don’t give up“ wirkt wie eine letzte Umarmung.

Von Kerstin Hergt

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