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Willkommen zur Hutprobe

Wintertrend Willkommen zur Hutprobe

Trotz seiner jahrtausendealten Geschichte hat es der Hut erstaunlich schwer, sich wieder durchzusetzen. In diesem Herbst ist er zumindest aus Sicht der Modebranche obenauf. Wird er sich halten? Eine Hutprobe von Kerstin Hergt.

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Mut zum (Schlapp)Hut: Mit einem Poncho kombiniert, kommt der Schlapphut in diesem Winter groß raus.

Quelle: Hallhuber

Der Schlapphut

Nachdem die berüchtigte Schlapphut-Bande zwischen 2002 bis 2005 im Schutze breiter Hutkrempen rund 50 Banken in Deutschland ausgeraubt hatte, fand der Schlapphut lange nirgends mehr Erwähnung. Bis jetzt. Denn ausgerechnet der Schlapphut, dieses Agenten-, Gauner- und Sesamstraßen-Schlemihl-Utensil, soll den Markt der Kopfbedeckungen revolutionieren: "An einem breitkrempigen (…) Schlapphut kommt definitiv keine modeaffine Frau vorbei", sagt die Gemeinschaft Deutscher Hutfachgeschäfte (GDH) für diesen Herbst und Winter voraus.

In der Tat stolpert man zurzeit in Kaufhäusern oder Boutiquen von C&A bis Chanel früher oder später über den Schlapphut, der, meist in Erdtönen, auf Regalen oder Kleiderständern wie zufällig herumliegt und auf diese Weise seinem Namen besonders viel Ehre macht. Denn mit dem Tragen hapert es noch. Wer nicht in einer Weltstadt lebt und weder Poncho noch Trenchcoat zum Kombinieren besitzt, muss mindestens so aussehen wie die junge Jane Birkin oder die in die Jahre gekommene Joan Collins, um mit dem Schlapphut auf dem Kopf keine Fragen nach Beutezügen, Spionagetätigkeit oder gar dem Verkauf von unsichtbarem Eis zu provozieren.

Fazit: Der Schlapphut dürfte als Must-have spätestens im nächsten Jahr wieder schlappmachen.

Der Trilby

Für die Experten der Hutfachgeschäfte gehört der Trilby zu den "Erkennungszeichen der Individualisten". Individualismus ist mittlerweile jedoch so verbreitet, dass der Trilby in fast jeder Accessoireecke großer Modeketten zu haben ist. Seine Krempe ist maximal vier Zentimeter breit und hinten nach oben gebogen. Dazu hat er eine gekerbte Krone und ein breites Band. Erstmals kam er in den Dreißigerjahren als schnittig-elegantes Herrenmodell auf.

Heute verbindet man mit ihm vor allem grölende Junggesellenabschieds-Rasselbanden und den heroingebeutelten Pete Doherty. Das US-Magazin "Esquire" sah den Hutklassiker von dem Musiker gar entweiht und gab den Lesern vor zwei Jahren eine Gebrauchsanweisung an die Hand, wie man es vermeidet, mit einem Trilby wie der runtergerockte Ex von Kate Moss auszusehen: Ein elegantes Braun sollte die bevorzugte Farbe sein, man sollte ein schmales Gesicht haben und den Hut nicht keck in den Nacken schieben oder schräg aufsetzen, dann sei er ein eleganter Alltagsbegleiter.

Fazit: Als Ausdruck von Understatement wird der Trilby hierzulande kaum Überlebenschancen haben. Als kleines Klamaukhütchen auf Partys schon eher.

Der Fedora

Oben Längseinschlag, vorne Vertiefungen, seitlich eingekniffen – das sind keine Tipps für Halloweenmaskeraden, sondern die Merkmale des Fedora. Er ist der große Bruder vom Trilby, hat eine höhere Krone und eine breitere Krempe als dieser. Der Fedora wird auch – in Anlehnung an einen seiner prominentesten Träger – Bogart genannt. Allerdings trug der Hollywoodstar den Hut nicht mit vorn hochgebogener Krempe, wie es heute angesagt ist.

Nur Jon Hamm alias Don Draper in der US-Fernsehserie "Mad Men" sah als Fedora-Träger noch besser aus. Doch in den Geschichten rund um den Hut ging es nicht immer um gutes Aussehen: Mafialegende Al Capone verpasste den weichen Filzhut seinen harten Kerlen als Erkennungszeichen. Und auch Michael Jackson wählte ihn, um sich Anfang der Achtziger von seinen Brüdern abzusetzen. Benannt wurde der Fedora jedoch nach einer Frau, genauer nach Prinzessin Fedora Romazova, Heldin eines Schauspiels aus dem ausgehenden 19. Jahrhundert. Ihr Beispiel macht bis heute Schule: Der Fedora ist so schnörkellos und männlich, dass er Frauen besonders feminin erscheinen lässt.

Fazit: ein Klassiker mit echter Überlebenschance.

Der Porkpie

Was haben ein Ententeich und eine Schweinefleischpastete gemeinsam? Zusammen bilden sie den Porkpie – einen runden Hut mit flacher Krone und Tellerbeule, der laut GDH in dieser Saison ebenfalls auf Eroberungsfeldzug ist. Ihren Namen verdankt die Kopfbedeckung ihrem Aussehen, das fantasievolle Engländer Mitte des 19. Jahrhunderts an besagte Schweinefleischpastete und in der Mitte an einen Ententeich erinnerte. Noch erfinderischer war jedoch der Komiker Buster Keaton, der seine eigene Kreation schuf, indem er die Krempe eines Fedora knapp über dem Hutband abflachte.

Stars wie Brad Pitt, Taylor Swift oder Justin Timberlake sorgen zumindest an der Celebrity-Front regelmäßig dafür, dass der Porkpie, der meist aus Filz oder Stroh gefertigt ist, von sich reden macht. Doch seit der US-Fernsehserie "Breaking Bad" kann ihn ein Normalsterblicher eigentlich nicht mehr aufsetzen, ohne als "Heisenberg"-Abklatsch belächelt zu werden. Der Name ist das Pseudonym von Serienheld Walter White alias Vince Gilligan, der zum rücksichtslosen Drogendealer wird.

Fazit: Seit dem Ende von "Breaking Bad" 2013 ist der Porkpie kein serientaugliches Modell mehr, allenfalls für "Heisenberg"-Revival-Treffen tauglich.

Der Glockenhut

Perfekte Alternative zur Mütze oder angestaubter Tantenlook? Immerhin war der Glockenhut, auch Cloche genannt, einst ein Merkmal der Frauenbewegung der Zwanzigerjahre und steht damit für ein starkes Stück Modegeschichte. Jetzt ist er wieder da. Nur fehlt den Frauen mittlerweile entweder der Mut zum (Glocken-)Hut oder die richtige Frisur. Denn wer keinen Pixie oder Bob trägt, sollte lieber oben ohne gehen, anstatt die Mähne unter diese das Haupt besonders vereinnahmende Kopfbedeckung zu stopfen.

Modelle gibt es indes viele. Und vielleicht ist die "Andrea Regenglocke" von Seeberger wirklich dazu angetan, "bildschön durch den Regen zu tanzen", wie die Werbung im Internet verheißt. Überhaupt scheint die Welt der Glockenhüte Frauen viel Märchenhaftes zu eröffnen. Mit der "Marina Filzglocke" von Bronté etwa "wandelt man unglaublich fein und chic durch die kühlen Jahreszeiten". Man braucht gar kein Dach über dem Kopf, wenn man nur einen Glockenhut trägt. Aber was haben eigentlich weibliche Vornamen der Babyboomerdekade mit Cloches am Hut? Sollten die Modelle nicht eher Greta oder Gloria heißen? Wer im Hier und Jetzt lebt, für den ist der Glockenhut nichts.

Fazit: nur überzeugend in Kombination mit Flapperkleid und Fuchsstola.

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