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Stars zeigen sich ungeschminkt - oder doch nicht?

Beauty-Trend "No Make-up" Stars zeigen sich ungeschminkt - oder doch nicht?

Sie werden als ungeschminkte Wahrheit gefeiert – aber die Bilder, die Stars unter dem Motto "No Make-up" von sich veröffentlichen, sind nur auf den ersten Blick schonungslos ehrlich. Ganz ohne ein paar kleine Schönheitstricks trauen sich Gwyneth Paltrow, Lady Gaga und Heidi Klum dann doch nicht auf die Straße.

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No Make-up: Immer mehr Stars zeigen sich ganz ungeschminkt und natürlich – oder etwa doch nicht? Einem Phänomen auf der Spur.

Quelle: Instagram/RND

Am Tag zuvor war ihr Vater zum 45. Präsidenten der USA gewählt worden. Als sich am nächsten Morgen die Kameras der Paparazzi auf Trump-Tochter Ivanka richteten, hielten sie Sensationelles fest: Die 30-Jährige hatte ohne ihre übliche Rüstung ihr Apartment in New York City verlassen – sie war nahezu ungeschminkt!

Die Boulevardmedien konnten es kaum fassen. Keine Spur vom großen Abend-Make-up, mit dem sie noch Stunden zuvor bei der Siegesrede ihres Vaters mit auf der Bühne gestanden hatte. Mit farblosen Lippen und bleichem Teint zeigte sich das ehemalige Model am Tag danach so wenig gestylt wie lange nicht mehr. Kann ja mal passieren nach einer langen, durchfeierten Nacht, schließlich wird der Papa nicht jeden Tag zum mächtigsten Mann der Welt erkoren. Oder sollte etwa auch Ivanka Anhängerin der "No-Make-up"-Kampagne sein, die immer mehr Stars für sich entdecken?

Die Initiative macht seit Längerem von sich reden und hat schon manches frappierende Foto hervorgebracht. Die Frau mit der Paste im Haar und den Riesenaugen sieht doch entfernt aus wie … ja, genau, Barbara Schöneberger! Und die Wassertoffblondierte mit den verräterisch dunklen Brauen und der fahlen Haut ist also das, was wirklich unter der Lady-Gaga-Hülle steckt. Sharon Stone ohne Wimperntusche wirkt weitgehend haarlos, und Cameron Diaz sieht ungestylt aus, als sei sie soeben dem Krankenbett entstiegen.

Blick hinter die Fassade

Es hat schon etwas Selbstzerstörerisches, sich so zu präsentieren, wenn man seinem Publikum sonst nur die sorgfältig zurechtgemachte Fassade zeigt. Aber genau darum gehe es ja, behaupten die Akteurinnen. Sie hätten es so satt, immer perfekt geschminkt rumlaufen zu müssen und gar nicht als der Mensch hinter der Maske wahrgenommen zu werden, ächzen Leute wie Schauspielerin Gwyneth Paltrow oder Sängerin Alicia Keys.

Also veröffentlichen sie Fotos von sich, auf denen sie (angeblich) komplett ohne Make-up zu sehen sind, und feiern sich für ihren Mut, das getan zu haben. Die Botschaft dahinter: Seht her, so sehen wir wirklich aus, wir sind ganz normale Menschen wie ihr, liebe Fans.

Das wird natürlich schnell zum Bumerang, denn Gwyneth ohne alles sieht immer noch tausendmal besser aus als die meisten von uns mit zehn Pfund Schminke im Gesicht. Und die Glaubwürdigkeit von Miss Keys, glühendster Verfechterin des nackten Gesichts, hat kürzlich einen heftigen Dämpfer erlitten.

Lady Gaga

Spektakulär normal: Lady Gaga twitterte zu ihrem 30. Geburtstag ein Selfie ohne aufwendiges Make-up, dafür mit umso üppigerer Torte.

Quelle: Twitter

Ihre Visagistin plauderte aus dem Nähkästchen und verriet, dass ihre Kundin mitnichten komplett auf kosmetische Tricks verzichtet. Eisstifte, Selbstbräuner, künstliche Härchen für die Brauen – da ist doch noch allerhand im Einsatz, um die natürlichen Vorzüge von Keys' apartem Gesicht zu betonen. Von all dem Aufwand mit optimaler Ernährung und gezielten Work-outs ganz zu schweigen.

Das ohnehin etwas bigotte Gejammer der Showbiz-Frauen wird dadurch noch ein wenig fragwürdiger. Oder was soll man von jemandem halten, der reichlich Geld unter anderem mit seinem Aussehen verdient und dann lamentiert, weil ihn alle nur nach seinem Äußeren beurteilen?

Was sollen denn Frauen mit Job in einer Wurstfabrik sagen, die dort ihre Haare pflichtgemäß unter einer Haube verstecken müssen und für 10 Dollar die Stunde Schweinehälften klein hacken? Kein Mensch regt sich dort darüber auf, wenn Eyeliner und Rouge fehlen, aber es dreht sich auch keiner auf der Straße um – es sei denn, die Fabrikarbeiterin hat vergessen, die Haube abzusetzen.

Perfektes Make-up sieht man nicht

Es keimt der Verdacht, dass die ganze No-Make-up-Show genau das ist: eine weitere Inszenierung, um maximale Aufmerksamkeit zu erregen. So sieht es auch Martin Gründl, Psychologe und Attraktivitätsforscher. "Ich denke, die ungeschminkten Promis werden die Ausnahme bleiben, dass das Schule macht, kann ich mir kaum vorstellen", sagt er. Dass Hollywood-Stars und andere zeigen, wie sie vor dem Gang in die Maske aussehen, diene wohl vor allem dem Zweck, im Gespräch zu bleiben und sympathisch zu wirken.

Längerfristig könne es aber sogar der Karriere schaden, sich allen Verschönerungsmaßnahmen zu verweigern, wenn der eigene Erfolg auf dem Aussehen beruht, meint Gründl. Zumal der Witz an einem perfekten Make-up ja gerade sei, dass man es nicht sieht: "Wenn ein Profi jemanden schminkt, kann derjenige um Jahre jünger aussehen, ohne dass man überhaupt merkt, dass er geschminkt ist", sagt der Forscher.

Außerdem komme es immer darauf an, für welchen Anlass ein Make-up gedacht ist. Vor einem Fernsehauftritt etwa langen die Maskenbildner ordentlich in den Farbtopf, hinterher auf dem Bildschirm ergibt das aber trotzdem ein halbwegs natürliches Aussehen. Licht schluckt eben Farbe, und da Kameras immer gut ausgeleuchtete Szenen brauchen, müssen die Gefilmten kräftig betonte Augen, Lippen und Wangen haben, damit sie nicht leichenblass und kleinäugig wirken.

Der Trost des unverkleideten Gesichts

Nichts ist eben, was es scheint – und bei einem genauen Blick auf die zahlreichen Schnappschüsse mit vermeintlich ungeschminkten Stars wird deutlich: Ohne ein wenig Grundierung, in Form gebrachte Brauen und einen Hauch Lipgloss haben auch sie sich nicht ablichten lassen, die Heidi Klums und Adeles dieser Welt. Die beachtliche Diskrepanz zwischen diesem Stadium und dem voll verkleideten Gesicht, das sie normalerweise in die Kamera halten, hat dann doch etwas Tröstliches: Trotz einer gewissen Grundschönheit steckt reichlich Arbeit darin, auszusehen wie die Stars.

Irgendwie nachvollziehbar, dass sie auf so eine Prozedur nicht jeden Tag Lust haben. Und andererseits auch nicht denkbar, dass sie für immer darauf verzichten würden. Selbst Alicia Keys' Visagistin geht fest davon aus, dass sie irgendwann wieder mehr als einen Eisstift benutzen darf, um ihrem Schützling zu Schönheit zu verhelfen. Eines Tages, so soll Keys ihr gesagt haben, werde sie vor ihr stehen und sagen: "Weißt du was, ich hätte gern mal wieder knallrote Lippen."

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Von Redakteur Stefanie Gollasch