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Tanz der Moleküle

Dufttrend Minimalismus Tanz der Moleküle

Düfte sind wie Menschen. Einige sind sofort sympathisch, andere begehrenswert und ganz selten begegnet man einem, den man nie wieder vergisst. Neue, minimalistische Düfte, die derzeit auf den Markt drängen, wollen genau das sein: einzigartig. Doch sind sie das wirklich?

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Die meisten Parfüms in den Drogerieregalen sind nur billige Kopien bekannter Düfte. Doch einige Parfümeure gehen jetzt ganz neue Wege: mit radikaler Reduktion.

Quelle: Fotolia / Shutterstock

In seinem Roman "Das Parfum" erzählt Patrick Süskind die Geschichte eines Mörders. Einer, der für den perfekten Duft tötet, der verzweifelt einen Duft sucht, der uns an- und erregt, der bleibt und einzigartig ist. Die Kreation eines solchen Duftes gelingt den wenigsten Parfümeuren.

Mit "Chanel No. 5" erschuf Ernest Beaux 1921 zumindest das erfolgreichste Parfüm aller Zeiten. Bis heute hält sich die Legende, dass die Entstehung allein einem Missgeschick zu verdanken sei. Eine Assistentin soll versehentlich zehnmal mehr Aldehyde zusammengekippt haben, als von Beaux verlangt worden war, und fertig war der Jahrhundertduft. Parfümeure allerdings zweifeln die Geschichte von der ungeschickten Laborantin bis heute an. Der Rose-Jasmin-Akkord sei dafür zu gut mit dem Aldehyd-Komplex ausbalanciert, schwärmen sie.

In der Regel sind es Nachahmungen berühmter Düfte, die in den Drogerieregalen stehen. Selten ist etwas wirklich Neues dabei. "80 Prozent der Marken, die in den vergangenen drei bis vier Jahren auf dem Markt erschienen sind, sind – positiv ausgedrückt – einfach nur marketingorientiert. Weitere 80 Prozent sind Kopien von Kopien", sagt Thorsten Biehl. Biehl ist Parfümhersteller, die Suche nach dem unverwechselbaren Duft sein Beruf.

Minimalistischer geht es nicht

Doch der Mann kreiert weniger selbst, er präsentiert lieber. In Berlin-Mitte betreibt Biehl eine "olfaktorische Galerie". Hier gibt es keine Massenware, sondern "Parfümkunstwerke", wie er sagt. Hier würde auch der Duft von Geza Schön reinpassen. Eine Kreation, die so sagt es Biehl, so "bahnbrechend wie einfach" war. Im Jahr 2006 entwickelte Schön sein "Molecul No. 1". Ein Parfüm, das aus nur einem Molekül besteht, dem "Iso E Super". Minimalistischer ging es nicht.

Normalerweise besteht ein Parfüm aus Dutzenden bis Hunderten teils synthetischen, teils natürlichen Duftstoffen. So wie "Chanel No. 5". In den Zwanzigerjahren sei der Duft eine echte Neuerung, "eine Sensation" gewesen. Den Einsatz der Aldehyde in dieser Form gab es bis dahin noch nicht. "Chanel No. 5" war eine chemische Verbindung in Kombination mit floralen Duftnoten.

Heute setzt sich jedes x-beliebige Rosenöl aus 150 Molekülen und mehr zusammen. Diese lassen sich einzeln extrahieren und dann neu komponieren, erklärt Duftexperte Biehl. Wie ein Orchester. Der Parfümeur übernimmt die Rolle des Dirigenten. Er gibt den Takt vor und erschafft durch das Weglassen oder Hinzufügen einzelner Instrumente immer neue Kompositionen. Und wenn Parfümeure über ihre Düfte sprechen, dann nennen sie das passenderweise Akkord.

Geza Schön

Der Solokünstler der Duftbranche: Der Berliner Parfumeur Geza Schön trat 2006 mit "Molecule 01" den Minimalismus-Trend los.

Quelle: Archiv

Bleibt man bei diesem Vergleich, ist Geza Schön so etwas wie der Solokünstler seiner Branche. Der Berliner Parfümeur komponierte nicht unterschiedliche Substanzen zu einem neuen Duft, sondern extrahierte einen einzelnen Stoff. Durch das Tragen des Duftes verstärke sich der Eigengeruch des Trägers, heißt es. Und zwar im Positiven.

"'Iso E Super' riecht zart, weich und nach Mensch", schwärmt etwa Hans Hatt, Duftforscher an der Ruhr-Universität Bochum. Ein Duft, der lange und schwer auf der Haut liege, der die Anziehungskraft erhöhen und die Kommunikationsfreude fördern soll. Ganz so, wie es sich Süskinds Mörder, Jean-Baptiste Grenouille, ersehnt hatte.

Kein Wunder also, dass immer mehr Designer auf den Trend des Minimalismus aufspringen. Zuletzt war es der Däne Zarko Ahlmann Pavlov, der damit wirbt, losgelöst von der klassischen Lehre zu experimentieren. Zarkos Erfolgsduft heißt "Pink Molécule" und tut so, als sei er ebenfalls einzigartig. Dabei bestehe die Nuance wie alle anderen herkömmlichen Düfte aus verschiedenen ätherischen Ölen und Essenzen, sagt Duftexperte Biehl.

Ein Duft wie eine flüchtige Bekanntschaft

Was dem Duft allerdings fehlt, ist die explodierende Kopfnote, schreibt Zarko selbst auf seiner Website. Das hat seinen Grund: Die Kopfnote ist wie eine flüchtige Bekanntschaft. Am Anfang funkt es heftig, doch die Duftstoffe verfliegen so schnell, wie sie gekommen sind. Anders ausgedrückt: Die Kopfnote ist im Grunde nur das Verkaufsargument in der Drogerie, sagt Biehl.

Wichtiger, vor allem aber beständiger, seien Herz- und Basisnote. "Auch 'Molecule 01' hat keine Kopfnote, der Duft ist eigentlich immer da", sagt Biehl. Wirkliche nachhaltig ist nur die Basisnote. "Die Iso-Moleküle dieses speziellen Duftes liegen schwer auf der Haut." Traditionelle Parfümeure schwören auf den Dreiklang. Der perfekte Duft, so ist man überzeugt, setze sich aus der Summe aller Komponenten zusammen. Die einzelnen Substanzen würden sich gegenseitig beeinflussen und so die perfekte Mischung ergeben.

Auf dieser Grundlage haben beispielsweise auch die Duftforscher an der Ruhr-Universität Bochum ihr Parfüm "Knowledge by Rub" entwickelt. Zitrone, Orange, Bergamotte und ein wenig Lavendel bestimmen die Kopfnote. Das Herzstück setzt sich aus Lavendel, Matetee, Myrrhe, Rose und Jasmin zusammen. Die lang anhaltende Basis bilden Moschus, Hedion, Myrrhe – und "Iso E Super". Trend ist Trend.

Von Nora Lysk

Minimalistische Duftkreationen
Minimalistische Düfte

Weniger ist mehr: Molecule 01, Pink Molécule und Angeliques sous la Pluie sind Düfte abseits des altbekannten Dreiklangs von Kopf-, Herz- und Basisnote.

Quelle: Hersteller

Escentric Molecules / Molecule 01

Nicht nur, dass dieser einzig aus dem Duftmolekül Iso E Super komponierte Duft den Berliner Parfümeur Geza Schön schlagartig zu einer Berühmtheit seines Fachs gemacht hat. Überdies führte "Molecule 01" zu einer Tendenzwende in der Duftbranche: Hin zu entschlackten, reintönigen Formeln, die aus möglichst wenigen Duftkomponenten bestehen. Samtig, warm, ein wenig holzig wirkt Molecule 01 – und soll den Eigengeruch der Nutzer laut Hersteller nicht überdecken, sondern unterstreichen.

Zarkoperfume / Pink Molécule 090 09

Zarko Ahlmann Pavlov ist neben Geza Schön der wichtigste Protagonist des olfaktorischen Minimalismus'. Der einzige Parfümeur Dänemarks kreiert ausschließlich schlank formulierte Unisexdüfte. Seine Kreation "Pink Molécule" soll nach Aussagen Pavlovs in der Nase wirken "wie Roséchampagner am Gaumen" und zudem "die Frische der dänischen Küsten mit der Intensität dunkler Hölzer" kombinieren.

Angeliques sous la Pluie

Der Franzose Jean-Claude Ellena, ein Altmeister der Duftbranche und derzeit die "Nase" des Luxuslabels Hermès, schöpfte seine Düfte einst aus mehr als 200 Ingredienzien. Heute sind es kaum mehr als 20. Entsprechend nennt Elena seine neueren Düfte wie "Angeliques Sous La Pluie" denn auch "Kammermusikarrangements".

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