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Braucht es einen neuen amerikanischen Geist?

Interview mit T. C. Boyle Braucht es einen neuen amerikanischen Geist?

Er ist der Punk der US-Literatur und tief besorgt: T. C. Boyle bezeichnet Donald Trumps Twitter-Verhalten als Schande – und vergleicht die Proteste gegen den US-Präsidenten mit der Anti-Vietnam-Bewegung.

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Haben Sie auch Schwächen?

Ein stets politischer Schriftsteller mit Entertainer-Qualitäten: T. C. Boyle füllt in Deutschland Multiplex-Kinos.

Quelle: GETTY IMAGES

Hannover. Er wettert gegen US-Präsident Donald Trump, spricht von Manipulation und Hasspropaganda: Nina May hat US-Autor T.C. Boyle erzählt, weshalb er trotz allem in Amerika leben will.

In Ihrem aktuellen Roman “Die Terranauten“ beschreiben Sie ein Biosphärenexperiment. Acht Menschen werden für zwei Jahre unter einer Glaskuppel eingeschlossen und müssen in ihrem eigenen Ökosystem namens E2 überleben. Erscheint Ihnen dieses Paralleluniversum als verlockende Alternative zum heutigen Amerika?

Ja, auf jeden Fall. In gewisser Weise ist mein Roman prophetisch: Denn das Projekt wird von einer Big-Brother-artigen Figur namens “GV“ (Gottvater) kontrolliert. Er lässt die Teilnehmer nach seiner Pfeife tanzen. Sie werden immerzu von der Kamera begleitet und haben in mancherlei Hinsicht ihre Freiheit aufgegeben.

Apropos Big Brother: George Orwells Dystopie “1984“ aus dem Jahr 1949 ist wieder in die Bestsellerlisten zurückgekehrt.

Ja, ist das nicht großartig?

Sehen Sie eine Parallele zwischen Orwells Neusprech und Trumps alternativen Fakten?

Ja, natürlich. Die ganze Wahl wurde von Propaganda manipuliert. Die ignoranten Menschen kennen nur eine Wahrheit: die rechtsgerichtete Hasspropaganda aus Fake News und einseitiger Berichterstattung. Und genau da setzt die Aufgabe von Literatur an: Dinge aus verschiedenen Perspektiven zu untersuchen. In meinem Roman “Hart auf Hart“ habe ich zum Beispiel zwei sehr konservative Figuren beschrieben, obwohl ich selbst deren Meinung nicht teile. Aber inmitten von Fake News geht uns das Mitgefühl für andere verloren. Mein eigener Roman “América“ (im Original “The Tortilla Curtain“ aus dem Jahr 1995), in dem es um die Dämonisierung von illegalen Einwanderern aus Mexiko geht, erlebt übrigens ebenfalls gerade eine Renaissance.

Sie schreiben außerdem immer wieder über Umweltschutz und Feminismus, beides rote Tücher für Trump. Welches Thema, das Ihnen wichtig ist, wird er sich als nächstes vornehmen?

Jedes. Alles, wofür ich jemals gearbeitet habe, wird in den nächsten vier Jahren zerstört werden. Die Folgen für die gesamte Welt werden katastrophal sein, insbesondere für die Umwelt. Jeder Fortschritt, den wir gemacht haben, wird hier sofort rückgängig gemacht. Goodbye, Eisbären! Es ist Zeit, Abschied zu nehmen. Nur der Dollar wird die Welt beherrschen.

Also gehören Sie nicht zu denjenigen, die über ein vorzeitiges Amtsende spekulieren?

Dafür beten wir. Er ist so psychotisch, und er gefährdet das Land mit dem Chaos, das er anrichtet. Wenn ich Trump sehe, muss ich immer an John Hurt denken und warte nur darauf, dass aus seiner Brust das Alien hervorbricht wie im Film. Ich hoffe sehr, dass seine eigene Partei sich gegen ihn wendet und er seines Amtes enthoben wird. Die Republikaner haben ja nun schließlich, was sie wollten: die absolute Macht. Sie können sich diese tickende Zeitbombe nicht leisten. Ich bin zwar kein Anhänger der Republikaner, aber alles wäre besser als das, was wir jetzt haben.

Als Trump frisch gewählt war, haben Sie mir eine E-Mail geschrieben, dass Sie auf eine Aussöhnung mit der Demokratie hoffen und zu der “Fratze des Faschismus, die jetzt auf Amerika niedergrinst“ nicht Stellung nehmen wollen. Was hat Ihre Meinung geändert?

Es ist unvermeidbar. Wenn Godzilla wie im japanischen Horrorfilm über die Häuser vor deinem Fenster klettert, dann müssen wir darüber reden.

Sie vergleichen Trump also mit Godzilla.

Das ist noch einer der netteren Vergleiche.

Eins Ihrer Lieblingsthemen ist die animalische Natur des Menschen. Welches Tier charakterisiert Ihren neuen Präsidenten am besten?

Ich werde mich da jetzt mal mit weiteren Vergleichen zurückhalten. Aber ich bin sehr froh über unsere Demokratie, die mir erlaubt zu sagen, was ich will. Ich schätze das sehr. Und ich werde dafür kämpfen, dieses Recht für kommende Generationen zu erhalten.

Denken Sie, dass dieser kollektive Anti-Trumpismus von Schriftstellern und Künstlern auch die Chance auf einen erneuerten amerikanischen Geist birgt?

Ja, wenn diese Hoffnungen auch winzig angesichts der Realität sind. In vier Jahren kann man schließlich gewaltigen Schaden anrichten. Aber die Menschen erheben sich. Als ich jung war, war ich Teil einer Gegenkultur im Angesicht des Vietnamkriegs. Etwas Ähnliches erleben wir jetzt auch.

Haben Sie einmal darüber nachgedacht, nach Kanada auszuwandern?

Nein, ich bin Amerikaner. Und ich möchte hier bleiben, um für unsere Rechte zu kämpfen.

Auf welche Weise?

Nun, indem ich mit Ihnen dieses Interview führe, zum Beispiel. Indem ich immer wieder laut meine Meinung äußere. Das Problem ist, dass alle, die mir zuhören, ohnehin meine Ansicht teilen. Darin lag ja auch schon im Wahlkampf die Wurzel allen Übels. Ich und kaum ein Intellektueller kennen jemanden, der für Trump gestimmt hat, und im Trump-Country hat niemand Hillary gewählt. Das Land ist tief gespalten, und dieser Graben scheint unüberwindbar. Angesichts von Fake News – woher sollen die Menschen auch wissen, was wahr und was falsch ist?

Sie kommen ja selbst aus einer Arbeiterfamilie. Können Sie verstehen, was die Trump-Wähler antreibt?

Nein, nicht wirklich. Die soziale Mobilität hat es mir erlaubt, in eine andere Klasse aufzusteigen. Das ist der amerikanische Traum. Aber ich habe viel Zeit in den Bergen von Sierra Nevada verbracht, ich habe sehr enge Freunde dort. Sie bezeichnen sich selbst als Rednecks. Sie beziehen ihre Informationen ausschließlich von Fox News. Ich liebe sie, wir besuchen uns. Unsere politischen Ansichten sind verschieden. Ein Freund von mir ist kurz vor der Wahl vier Monate lang durch das Land gefahren, nachdem seine Frau gestorben war. Als er zurückkehrte, kam er zu uns zum Abendessen. Und er sagte: “Weißt du was, ich glaube, Trump wird gewinnen.“ Ich habe widersprochen, und wir haben uns schließlich angeschrien. Doch er sollte recht behalten. Er hatte mit Arbeitern gesprochen und sah ihre Wut. Doch diese sollte sich gegen diejenigen richten, die das System erhalten wollen, und Trump gehört entgegen seinen Versprechungen dazu. Die Menschen wählen gegen ihre eigenen Interessen.

Ihre Terranauten im Roman werden in einer Art Dschungelcamp im wissenschaftlichem Gewand vorgeführt. Fühlen Sie sich manchmal wie in einer Realityshow mit Trump als Gamemaster?

Schon irgendwie. Ich versuche jetzt einfach meine Arbeit weiterzumachen, ein guter Bürger zu sein und meine Steuern zu zahlen. Anders als Trump.

Wie beurteilen Sie die Verschmelzung der öffentlichen und der privaten Person in Trumps Twitter-Verhalten?

Es ist eine Schande. Der Präsident sollte jemand sein, zu dem man aufschaut, und nicht jemand, der sich über Belanglosigkeiten ereifert. Anstelle von Weltproblemen sorgt er sich um die Modelinie seiner Tochter. So etwas hat es in Amerikas Geschichte noch nicht gegeben. Es ist einfach nur peinlich.

Wären Sie für eine Reformation des Wahlsystems?

Ich weiß nicht. Natürlich, wenn man verliert, will man das System ändern. Wenn Trump verloren hätte, würde er das System auch ändern wollen.

Was würde geschehen, wenn Sie und Trump in E2 zusammen eingesperrt wären?

Ich würde ihn töten und essen (lacht). Aber nicht nur Trump, sondern jeden, mit dem ich auf längere Zeit eingesperrt wäre. Ich muss draußen im Freien sein und liebe es, in der Wildnis allein zu sein. Insofern wäre ich ein schlechter Kandidat für die Terranauten-Mission.

Zur Person: T. C. Boyle

Mit seinen markanten Piratenringen, der kühnen Haarlocke und dem legeren T-Shirt sieht der US-Schriftsteller T. C. Boyle wie der Sänger einer Punkband aus. Im Gespräch ist der 68-Jährige höchst konzentriert und antwortet pointiert, zugleich ist er charmant und auf das Gegenüber bedacht. Selbst wenn er, wie er erzählt, frühmorgens aus dem Schlaf geschreckt wurde, weil er auf seiner Lesereise von Heidelberg bis Hamburg beinahe den Zug verpasst hätte.

Deutschland ist für Thomas Coraghessan Boyle der zweitwichtigste Markt nach den USA. Alle Lesungen sind ausverkauft, in Braunschweig füllt der Autor mit Entertainer-Qualitäten ein ganzes Multiplex-Kino, die Menschen stehen Schlange. Der Roman “Hart auf Hart“ erschien 2015 sogar noch vor dem Original “The Harder They Come“ auf Deutsch. Er handelt von einem jungen Rebellen, der aus Protest gegen seine Eltern Hanf in den Wäldern anbaut und so zum Gejagten der Justiz wird.

Boyle ist ein Experte darin, historische Biografien oder anderes dokumentarisches Material ins Romangewand zu kleiden. In “Willkommen in Wellville“ (1993) etwa steht der Cornflakes-Gigant John Harvey Kellogg im Mittelpunkt. In “Die Frauen“ (2009) geht es um den Architekten Frank Lloyd Wright, und in “Dr. Sex“ um den Sexualwissenschaftler Alfred Kinsey. Auch sein aktueller Roman “Die Terranauten“ beruht auf einem realen Biosphäre-Experiment aus den Neunzigerjahren. In einem geschlossenen Ökosystem wollten Wissenschaftler das Leben auf dem Mars simulieren. Zwei Jahre lang durfte niemand das Megaterrarium verlassen. Boyle greift hier sein Lieblingsthema des von Menschen an den Kollaps gebrachten Planeten auf. Und natürlich geht es in der Erzählung um vier Männer und vier Frauen, die auf engem Raum zusammen eingesperrt sind, wie immer um Sex und die animalische Natur des Menschen.

“Die Terranauten“ setzt zudem Boyles Reihe an Romanen fort, in denen Utopisten – meist vergeblich – versuchen, ihre Gesellschaftsentwürfe zu leben. Sein Roman “Drop City“ (2003) etwa handelt von einer Hippiekommune, der Science-Fiction-Roman “Ein Freund der Erde“ (2000) von Umweltaktivisten und ihrem Kampf gegen die Zerstörung unseres Lebensraumes. In dem Roman “San Miguel“ (2013) betrachtet der Schriftsteller drei verschiedene Generationen dabei, wie sie sich auf der kargen gleichnamigen Insel vor der Küste Kaliforniens durchs Leben schlagen.

Boyles Geburtsname lautet eigentlich Thomas John Boyle. Den irischen Namen Coraghessan gab er sich selbst erst mit 17 Jahren nach einem Vorfahren mütterlicherseits. Grund für die Namensänderung war auch die Entfremdung von seinen Eltern – Mutter und Vater waren Alkoholiker. Boyle schwänzte oft die Schule und schaffte den Highschool-Abschluss nur knapp.

Boyle ist seit 1974 verheiratet. Das Paar lebt in Montecito bei Santa Barbara in Kalifornien. In diesem Haus, so erzählt er bei der Braunschweiger Lesung, sammelt er oft Ratten in Lebendfallen ein. 129 bislang. Die fährt er dann im Auto auf einen Hügel und entlässt sie in die Freiheit. Das Publikum seufzt gerührt. Doch Boyle wäre nicht Boyle, wenn jetzt nicht der Bruch folgen würde, die Erinnerung an die rauen Gesetze der Wildnis: “Sie werden dann wahrscheinlich von einem Kojoten gefressen.“

Von RND/Nina May

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