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Gibt es ein Leben nach Youtube?

Interview mit Schauspielerin Nilam Farooq Gibt es ein Leben nach Youtube?

Wenn sie sich schminkt, schauen Millionen Jugendliche zu. Inzwischen ist Nilam Farooq aber mehr als ein Youtube-Star. Die 26-Jährige hat längst andere Pläne: die Schauspielerei. Sophie Hilgenstock sprach mit ihr über die Karriere im Netz, Privatsphäre und das Selbstbewusstsein von Digital Natives.

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Nilam Farooq wurde als "Daaruum" zum Youtube-Star mit Millionenpublikum und ist inzwischen erfolgreiche Schauspielerin. Ein Gespräch über die Karriere im Netz, den Medienwandel und Beautytussi-Klischees.

Quelle: Sören Stache / dpa

Frau Farooq, man hat mich gewarnt, Sie sprächen lieber über die Schauspielerei als über Ihre Youtube-Karriere. Mehr als eine Million Follower und 217 Millionen Aufrufe lassen sich jedoch nicht unter den Teppich kehren. Ist Ihnen die Youtuberei etwa unangenehm?
Überhaupt nicht. Ich mag nur nicht, wenn die Leute sagen: Sie hat Youtube gemacht und wurde dann Schauspielerin. Das verletzt mich. In meinem Fall ist das die falsche Geschichte. Ich habe Schauspiel vor zehn Jahren angefangen und Youtube vor fünf. Da liegt also etwas Zeit dazwischen. Ich schäme mich nicht für mein Youtube-Dasein, ich möchte das nur richtigstellen.

Im Oktober 2010 haben Sie Ihren Kanal gegründet. Was trieb eine damals 21-jährige Schauspielschülerin aus Westberlin dazu, es im Netz mit Schminktipps, Outfittrends und Frisurentutorials zu versuchen?
Nach dem Abi stand Schauspiel ganz oben auf meiner Liste. Ich war mir allerdings unsicher, das zu studieren, und wollte nicht alles auf eine Karte setzen – und suchte Beschäftigung. Youtube war sofort meins: Ich bin vor der Kamera, was ich gern sein will, und ich kann mir selbst Inhalte überlegen, ohne dass mir irgendwer reinredet. Das ist ja das Traurige am Schauspiel, da hat man relativ wenig mitzubestimmen. Damals habe ich mit Youtube keinen Cent verdient, ich ahnte auch nicht, wie groß die Sache einmal werden wird. In Phasen, in denen ein Casting nicht klappte oder gar nichts lief, war das einfach eine verdammt gute Ablenkung.

In den ersten Jahren kannten Ihre Fans Sie nur unter dem Pseudonym Daaruum. Warum Daaruum?
Das normale Wort "darum", mit einem a und einem u, ist im Deutschen mein Lieblingswort. Wenn jemand "darum" sagt, meint er entweder total viel oder absolut nichts. Es kann eine Trotzantwort sein, oder eine äußerst knappe Antwort für etwas sehr Bedeutendes. Leider war das Wort in normaler Schreibweise bei Youtube schon vergeben, und weil ich keine Zahlen anfügen wollte, habe ich einfach Doppelvokale eingebaut. Hätte ich geahnt, dass ich das irgendwann in einem Interview erklären muss, hätte ich es vielleicht nicht gemacht.

Anfang 2014 gaben Sie via Youtube Ihren wirklichen Namen bekannt. Auch der Kanal heißt inzwischen Nilam. Ist Daaruum damit gestorben?
Ein bisschen schon, aber das musste sein: 2013 fing es an, wesentlich besser mit der Schauspielerei zu laufen. Gleichzeitig wurde es schwierig, auf dem Fernsehbildschirm im Abspann als Nilam zu stehen, aber auf meinem Kanal so zu tun, als gäbe es diese Person nicht. Ich habe lange versucht, Youtube und Schauspiel auseinanderzuhalten: Weil ich nicht wollte, dass Dinge passieren, weil ich Youtuberin bin. Irgendwann habe ich eingesehen, dass die Trennung keinen Sinn macht: Das bin beides ich – Nilam. Heute drehe ich fürs Fernsehen, morgen mache ich Youtube. Daaruum war nur das, was die Leute aus mir gemacht haben.

Ob im Bett, im Bad oder im Büro – Sie sind jederzeit und von jedem Ort am Vloggen, das heißt, Sie erstellen Video-Botschaften und Filme auf Ihrer Website. Wie wichtig ist Ihnen Privatsphäre?
Sehr wichtig. Ich zähle mich zu den Youtubern, die noch am meisten Privatsphäre besitzen, denn ich zeige ganz viele Sachen nicht. Wenn ich vom Bett aus vlogge, sieht man meine Bettwäsche. Man erkennt aber nicht, wie mein Bett aussieht, wo es steht, wo das Fenster ist, was sonst noch im Raum ist. Es gibt Ecken, die habe ich für Youtube geöffnet, andere wieder nicht. Bei Menschen bin ich noch strenger. Mein Bruder tritt in meinen Videos auf, weil er das möchte. Ich würde aber nie Freunde von mir zeigen, niemals meine Eltern und auch niemals private Ansichten über Religion oder Politik offen teilen.

Trotzdem haben Sie erstaunlich viel mitzuteilen: Twitter, Instagram, Facebook, Snapchat – Sie sind auf diversen Kanälen präsent und geben Ihren Followern permanent Futter. Wird so ein Social-Media-Dasein auch mal zur Last?
Gelegentlich ja. Aber das gehört zum Job. 50 Prozent der Plattformen nutze ich, weil man sie nutzt. Facebook ist Pflicht. Twitter hätte ich wahrscheinlich nie privat, das finde ich überhaupt nicht spannend. Instagram hingegen liebe ich. Tatsächlich werde ich nervös, wenn ich drei Tage lang nichts gepostet habe. Ich weiß einfach, ich muss es machen. Drei von vier Posts gehen mir leicht von der Hand, beim vierten frage ich mich manchmal, was ich da eigentlich mache.

Nilam

"Es wäre toll, wenn mein Migrationshintergrund mal in einer Rolle keine Rolle spielen würde": Nilam Farooq wünscht sich mehr Rollen abseits der Kopftuch-Klischees.

Quelle: Dennis Madaus

Es heißt, das klassische Fernsehen sei tot, die Jugend von heute suche Unterhaltung nur noch bei Youtube. Warum strebt also ausgerechnet eine Youtuberin der ersten Generation zum Fernsehen?
Weil das klassische Fernsehen gar nicht so tot ist. Klar: Die Fernsehmacher sollten sich überlegen, wie sie in Zukunft jüngere Zielgruppen erreichen wollen. Aber Youtube würde nie im Fernsehen funktionieren. Genauso wie Fernsehen nicht auf Youtube funktioniert. Beide Formate werden sich nicht gegenseitig den Rang ablaufen, sie sind von den Abläufen her so unterschiedlich. Es sind zwei völlig verschiedene Dinge, zwei völlig verschiedene Berufe. Ich bin froh, dass ich mal das eine, mal das andere machen darf.

Inzwischen drehten Sie neben Anna Maria Mühe und Kostja Ullmann Ihren ersten Kinofilm ("Mein Blind Date mit dem Leben") und spielen in der Krimiserie "SOKO Leipzig" die junge Kommissarin Olivia Fareedi.
Ich fände es großartig, wenn mein Migrationshintergrund, der aufgrund meines Aussehens offensichtlich ist, in einer Rolle mal keine Rolle spielen würde. Dass ich nicht das Mädchen spiele, das Kopftuch trägt. Dass ich nicht das Mädchen bin, das keinen deutschen Freund haben darf. Ich wünschte, ich dürfte mal eine junge Frau mit Problemen spielen, die ethnisch und kulturell nicht relevant sind. Bisher war ich immer die Shila, Aische, Olivia des Films. Ein einziges Mal war ich Laura – eine Chilenin.

Sie sind als Schauspielerin also noch nicht am Ziel?
Nö, noch lange nicht. Ich zähle noch nicht zu diesen deutschen Nachwuchsschauspielern, deren Namen erklingen und alle wissen sofort, wer gemeint ist. Da bin ich noch nicht. Ich möchte mir als Schauspielerin einen Namen machen, so wie ich es bei Youtube geschafft habe.

Das klingt, als wären Sie ehrgeizig. Ist es Ehrgeiz, womit man es zur Youtube-Marke schafft?
Alle sagen immer, dass ich ehrgeizig bin. Früher habe ich jeden Tag ein Video gemacht und auf Youtube hochgeladen. Erst später wurde mir bewusst, wie ehrgeizig das gewirkt haben muss – schließlich steckt in jedem Clip viel Arbeit. Dabei war es nicht Ehrgeiz, der mich getrieben hat. Ich war nie verbissen. Das war meine Arbeit, das war das Konzept meines Kanals, ich habe damit Geld verdient. Leidenschaft trifft es wohl besser.

Heute bestücken Sie Ihren Kanal nur noch mit einem Video pro Woche. Ist die Leidenschaft verflogen?
Nein, mehr schaffe ich einfach nicht. Seit Kurzem leite ich mit zwei Freunden ein Start-up, daneben die Drehtage fürs Fernsehen. Da bleibt nicht viel Zeit.

Im vergangenen Sommer verabschiedeten Sie sich ganz von Youtube. Hatten Sie die Nase voll?
Ich suchte Veränderung, für mich, für meinen Kanal. Auf die letzten Jahre war ich wahnsinnig stolz. Zu sagen, ich mache Webvideo, ich bin Youtuber, war eine coole Sache. Aber ich bin da reingestolpert. Mit Beauty und Fashion hatte ich vorher nichts am Hut. Ich habe das gemacht, weil das Frauen auf Youtube eben so machen. Zu Hause hatte ich nicht mehr als einen Lipgloss und Mascara. Irgendwann hat es mich gestört, in dieser Beautytussi-Schublade zu stecken. Unterschätzt zu werden, nur weil ich Schminktipps gebe. Also habe ich weniger Beauty-Clips produziert und mich auf die Themen Lifestyle, Reise und Ernährung gestürzt. Doch auch das hat nichts genützt.

Was war passiert?
Youtube wurde zusehends trashiger. Angesagt waren plötzlich die, die sich zum Affen machen. Die sich kotzend und Schwachsinn faselnd vor der Kamera zeigen. So etwas wollte ich nie, da habe ich nicht mitgemacht, auch wenn es von mir verlangt wurde. Aber das kostete Klicks, das kostete Erfolg. Ich musste mir Gedanken machen, wie es weitergeht. Deshalb die Auszeit.

Gibt es für Sie also ein Leben nach Youtube?
Das wäre schade, denn ich verdanke Youtube und meinen Anhängern dort viel. Aber ich bin vorbereitet. Wer weiß, ob Youtube in zwei Jahren als Webvideo-Plattform überhaupt noch etwas zählt. Es kann jederzeit etwas Neues kommen. Und ein Leben ohne Webvideo? Ja, irgendwann bestimmt. Mit 40 muss ich nicht mehr lustig über mein Leben erzählen. Aber noch will ich nicht darauf verzichten.

Zur Person
Nilam Farooq: Schauspielerin und Youtube-Star

Die Schauspielerei und das eigene Start-up stehen im Vordergrund: Auf Nilam Farooqs Youtube-Kanal gibt es inzwischen nicht mehr täglich neues Futter für die Fans.

Quelle: Screenshot / Youtube

Der Raum wirkt recht spartanisch: ein Heizkörper, zwei Sitzsäcke, drei Packungen Toilettenpapier. Nilam Farooq lässt sich in den gelben Sitzsack fallen, schon sprudelt sie los. Über die Kollegen, mit denen sie in diesem Berliner Hinterhofbüro ein Start-up führt. Über ihren Bruder, der als ihr persönlicher Assistent arbeitet. Über ihren jüngsten Außentermin für Youtube, die Dreharbeiten beim ZDF, das Toilettenpapier, das hier nur zwischengeparkt ist. Keine drei Minuten, und die karge "Interviewzelle" ist voller Leben.

Nilam Farooq ist das, was man Neudeutsch einen Influencer nennt – Meinungsführer, Multiplikator und Marketingmaschine der Generation Digital Native. Farooq kommt ein paar Tage vor dem Mauerfall, im September 1989, in Westberlin zur Welt. Ihr Vater ist Pakistani, die Mutter Polin, sie selbst bezeichnet sich als "Berlinerin durch und durch".

Während die Eltern ihr eine Karriere als Anwältin oder Ärztin wünschen, träumt die junge Nilam von einem Leben als Schauspielerin. Mit 14 Jahren ergattert sie die ersten Komparsenjobs, ab dem 17. Lebensjahr besucht sie für vier Jahre neben der Schule eine private Schauspielschule.

Millionenpublikum im Netz

Ihren ersten Fernsehauftritt hat Farooq im Jahr 2006 in der deutsch-türkischen RTL-Serie "Alle lieben Jimmy". Es folgen Gastspiele in Vorabendformaten wie "Danni Lowinkski" oder ZDF-Krimiserien wie "Bella Block". Farooq macht Abitur, die Schauspielkarriere aber kommt nicht recht in Fahrt. Aus Langeweile meldet sie sich im Jahr 2010 bei Yotube an – nichtsahnend, dass sie mit ihrem Kanal Daaruum zu den Webvideo-Größen Deutschlands aufsteigen wird.

Farooq videobloggt (kurz: vloggt) zu den Themen Mode und Kosmetik. Bis heute wächst ihre Gefolgschaft auf 1 103 994 an, Facebook- und Instagram-Follower nicht mitgezählt. Youtube wird ihr Fulltime-Job, dank der Werbeerlöse mit phasenweise anständigem Einkommen.

Mehr als 1120 Videos hat Nilam für ihren Kanal produziert, über 217 Millionen Mal wurden sie aufgerufen. 2014 erntet die Berlinerin einen Shitstorm, als ihr ein Rechercheteam der "Süddeutschen Zeitung" vorwirft, in ihren Youtube-Clips Schleichwerbung zu machen. Bis zu 12 800 Euro soll sie pro Produktbesprechung bekommen. Farooq fühlt sich "zu Unrecht an den Pranger gestellt", ändert aber ihre Praxis beim Nennen und Zeigen von Produkten.

Nilam Farooq in "SOKO Leipzig"

Mit Social-Media-Kompetenz: 2013 steigt Nilam Farooq als Kommissaranwärterin Olivia Fareedi in der ZDF-Krimiserie "SOKO Leipzig" ein.

Quelle: rbb

Das Jahr 2015 ist Farooqs Wendejahr: Sie trennt sich von der Youtuber-Schmiede Mediakraft und gründet mit zwei Berliner Freunden das Start-up Ellevant, eine Art erwachsenen Webvideo-Kanal. Seit 2013 gehört sie als Kommissarin Olivia Fareedi zum Ermittlerteam der ZDF-Serie "SOKO Leipzig" – eine Rolle, die wie auf den Leib geschneidert wirkt: Fareedi hat polnisch-pakistanische Wurzeln und ist Social-Media-beflissen. Im Herbst 2016 ist "die deutsche Mila Kunis" ("Die Welt") in dem Kinofilm "Mein Blind Date mit dem Leben" zu sehen.

Von Sophie Hilgenstock

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