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Haben Sie Angst vor dem IS?

Interview mit Kriegsreporter Christoph Reuter Haben Sie Angst vor dem IS?

Er sei kein Gefahrensucher, sagt der Journalist Christoph Reuter. Dennoch wagte er sich näher als die meisten seiner Kollegen an den "Islamischen Staat" (IS) heran. Ronald Meyer-Arlt sprach mit ihm über Gefahr und Angst, über Kriegsreporter-Klischees – und das harte Ringen um die Wahrheit.

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Unterwegs in den Krisengebieten der arabischen Welt: Journalist und Kriegsreporter Christoph Reuter in Aleppo.

Quelle: Privat

Wie war das, als Sie den Entschluss fassten, ein Buch über den IS, die Terrororganisation "Islamischer Staat", zu schreiben: War zu der Zeit damit zu rechnen, dass das Thema so virulent bleiben wird?
Nein, damit hatte ich nicht gerechnet. 2014 hat der IS rasch riesige Gebiete erobert. Woraufhin vollmundige Ankündigungen der USA folgten, Mosul bald zurückzuerobern – sodass ich schon daran zweifelte, ob das Thema lange halten wird. Ich hielt es für undenkbar, dass die Amerikaner den Vormarsch der Terrororganisation einfach so geschehen lassen. Ich dachte: Wenn das Buch im Frühjahr 2015 erscheint, ist es vielleicht in manchen Teilen eine historische Momentaufnahme.

Wäre das ein Problem gewesen?
Nein. Schließlich gab es noch nie eine solche Organisation, die es in so kurzer Zeit geschafft hat, eine so große Fläche zu erobern. Zu beschreiben, wie diese Organisation funktioniert, ist auf jeden Fall spannend.

Sie beschreiben das Innenleben des IS sehr eindringlich, manchmal stockt einem der Atem bei der Lektüre. In einem Kapitel, das Sie "Nordkorea auf Arabisch" genannt haben, erwähnen Sie einige Absurditäten des "Islamischen Staates". Zum Beispiel, dass gefrorenes Hühnerfleisch verboten ist, oder das Mitführen von Ersatzreifen für Autos. Man wundert sich, dass ein Staat, in dem es solche grotesken Regeln gibt, überhaupt so lange existieren kann.
Diese ganzen Verbote sind machttechnisch völlig irrelevant. Selbst das zentrale Rauchverbot ist eher hinderlich. Es hat damit zu tun, dass man die Klientel, die aus eigenem Entschluss aus Europa angereist ist, bei Laune halten möchte. Man will den Fanatikern zeigen, dass man das neue Reich gottgefällig bis in die letzten Details ausrichtet. Für viele Verbote lassen sich auch keine Erklärungen aus dem Koran herleiten. Das aber ist Teil des Herrscherkonzeptes: Man muss sich nicht erklären, man entscheidet einfach.

Sie arbeiten in Ihrem Buch die Janusköpfigkeit des IS heraus: Einerseits rasende Brutalität, andererseits auch freundliche Milde, einerseits besinnungslose Gottergebenheit, andererseits raffinierte Berechnung. Ist diese Beschreibung nicht auch eine Vereinfachung?
Ich würde es eher eine Zuspitzung nennen. Denn das trifft es sehr gut. Das Bild spiegelt eine Herrschaft wieder, in der es eine allwissende Führung gibt, die aber gegenüber ihren Untertanen alles geheim hält. Es gibt keine Rechenschaftspflicht gegenüber den Untertanen. Die Führerschicht begreift sich als Bindeglied zwischen Gott und den Untertanen.

Als Experte für den IS sind Sie gerade als Talkshowgast sehr gefragt. Gibt es Fragen, die Sie schon nicht mehr hören können?
Nein. Viele Fragen ähneln sich, aber es gibt keine, die ich nicht mehr hören mag.

Was ist mit der Frage:  "Wann glauben Sie wird das Interesse am IS wieder abebben?"
Diese Frage stellt keiner. Allerdings wäre ich ganz froh, wenn wir in eine Phase kämen, in der das Interesse wieder abebben würde. Ich fürchte nur, dass eher das Gegenteil der Fall sein wird. Wahrscheinlich wird der IS zur Erzeugung größerer Angst weitere Anschläge begehen. Oder auch nur mit Anschlägen drohen. Das reicht für die Schreckenserzeugung vollkommen aus. Der IS will vor allem Angst auslösen. Das scheint ihm ein Mittel zu sein, europäische Regierungen dazu zu bringen, sich mit ihm abzufinden.

Was würden Sie glühenden Pazifisten sagen, die selbst gegenüber einer Terrormiliz ein anderes Vorgehen fordern als ein militärisches? Die – Bertha von Suttner zitierend – der Überzeugung sind, dass man Blut nicht mit Blut abwaschen kann?
Ich würde ihnen sagen, dass es leider Situationen gibt, in denen wir uns mit friedlichen Mitteln der Gewalt anderer nicht erwehren können. Wenn man 1938 gesagt hätte, wir sollten gegenüber Hitler friedlich bleiben, dann wäre man irgendwann unterworfen worden und hätte unter einer Gewaltdiktatur gelebt, die nach Belieben missliebige Menschen umbringt. Es gibt Dinge, für die man mit der Waffe antreten muss.

Für Journalisten ist es schwer, an ungefilterte Informationen über den IS zu kommen. Denn der ist ja sehr darum bemüht, das Bild zu kontrollieren, das sich die Welt von ihm machen soll.
Ja, er hat es nicht nur geschafft, zu verhindern, dass Bilder über ihn erscheinen, die er nicht veröffentlich haben will; er hat es sogar geschafft, ein Bilderangebot bereitzustellen, das die Bedürfnisse unserer Medienwelt befriedigt. Selbst auf dem Cover meines Buches ist ein Bild, das mit Billigung des IS entstanden ist. Alle Bilder, die eine gewisse Dramatik haben und technisch gut sind, sind Propagandabilder, die vom IS kommen. Erst in jüngster Zeit sind Medien dazu übergegangen, bei der Veröffentlichung dazuzuschreiben, dass es sich um Propagandabilder handelt.

IS-Propaganda

Dramatische Bilder, die die Bedürfnisse westlicher Medien befriedigen: Der "Islamische Staat" kontrolliert seine Außendarstellung bis ins Detail.

Quelle: dpa / IS

Aber als schreibender Journalist haben Sie doch den Anspruch, gerade das zu veröffentlichen, was der IS nicht veröffentlicht haben will.
Ja, aber das müssen wir erst mal wissen. Es ist extrem mühsam herauszubekommen, wie der IS wirklich funktioniert. Das, was der IS heute ist, ist meilenweit von dem entfernt, was er in der Anfangszeit war.

Es gibt sicher angenehmere journalistische Arbeiten. Wie ist es dazu gekommen, dass Sie Kriegsreporter geworden sind?
Es hatte mit Zufällen zu tun. Zum ersten Mal habe ich den Irak im Jahr 1990 bereist. 1989 habe ich in Syrien gelebt. Ich habe über diese Gegenden geschrieben, als sie friedlich waren. Eigentlich habe nicht ich mich verändert, die Gegenden haben sich verändert. Ich habe einfach nur weiterhin über sie berichtet, auch wenn dort Kämpfe ausbrachen. Es hat sich also so ergeben. Heute halte ich die Tätigkeit für extrem wichtig. Denn das Umfeld von Kampfhandlungen lädt geradezu zu haarsträubender Propaganda ein. Es ist schwer dahinzukommen und es ist schwer, das alles nachzuprüfen. Also kann alles Mögliche behauptet werden.

Rauchen Sie?
Jetzt nicht, aber gelegentlich. Aber muss das eigentlich erwähnt werden?

Nicht unbedingt, aber Kriegsreporter stellt man sich oft rauchend vor.
Ja, und man stellt sich auch vor, dass Kriegsreporter ein großes Faible dafür haben, gerade dort hinzugehen, wo es besonders riskant ist. Aber das ist falsch.

Haben Sie Angst?
Angst ist ein weites Feld. So etwas wie sehr große Vorsicht und Zurückhaltung: Ja. Aber Angst, die unkontrollierbar wird: Nein. Wenn man Panikattacken hat oder eine grundsätzliche Furcht verspürt, muss man es lassen.

Sie berichten von einem Restaurant, in dem Sie einen IS-Kämpfer mit Sprengstoffweste beobachtet haben, den Finger am roten Knopf. Haben Sie in dem Moment nicht empfunden, jetzt absolut am falschen Ort zu sein?
Ja, aber das war so dermaßen unwirklich, dass wir in dem Moment alle nur dastanden und ganz ruhig versuchten, dem Mann zu sagen, dass es keine so gute Idee wäre, jetzt die Weste zu zünden. Das Herzrasen kommt dann hinterher.

Was war die kritischste Situation bei Ihrer Arbeit?
Auf diese Frage mag ich nicht antworten. Sie hat so etwas Voyeuristisches.

Da haben Sie recht. Aber einige Kollegen und vielleicht auch einige Leser würden sich sicher wundern, wenn ich sie nicht stellen würde.
Das führt immer zu so "Best of Danger"-Geschichten. Dann geht es nicht mehr um Inhalte, sondern nur noch um Dramatik. In diesem Fahrwasser möchte ich nicht sein. Ich gehe nirgendwohin, nur weil es dort so gefährlich ist.

Was raten Sie jungen Kollegen?
Zuerst einmal: sich so viel Geld zu erwirtschaften, dass sie für drei, vier Monate irgendwo hingehen können, wo es nicht ganz so gefährlich ist, und sich dort Kontakte aufzubauen. Wenn man dort Leute kennt, kann man sich langsam weiter in heiklere Gegenden vorwagen. Man muss sich auskennen und dann kleine Schritte machen, um seinen Radius zu erweitern. So habe ich es auch gemacht. Man springt nicht in Situationen, von denen man keine Ahnung hat. Und man sollte sich nicht die gefährlichste Gegend aussuchen, bloß weil man meint, dass das gut für die Karriere sei. Das sind die klassischen Fälle, bei denen es schiefgeht.

Man sollte also möglichst vorinformiert sein.
Nicht nur vorinformiert. Lesen hilft zwar, nützt aber nicht für alles. Man sollte eine Gegend und die Menschen dort kennen. Und man sollte so etwas tun, weil man sich für die Gegend und für die Leute interessiert, nicht, weil man glaubt, dass es hier die dramatischsten Szenen gibt.

Kann es für Reporter eine zu große Nähe zum Krieg geben?
Klar, kann es. Wenn man nicht mehr im normalen Leben existieren möchte. Wenn man merkt, dass man das Dramatische des Krieges braucht. Wenn man einfach nur ein Gefahrensucher ist, der daran gewöhnt ist, kettenrauchend mit Helm unter Granatbeschuss zu sein – um hier mal das Klischee auf die Spitze zu treiben. Dann geht es nur darum, irgendetwas zu erleben, und nicht mehr darum, etwas zu verstehen.

Zur Person

Auszeichnungen hat der Journalist Christoph Reuter schon viele erhalten. Im Jahr 2012 kürte ihn das Medium Magazin zum  "Reporter des Jahres", bereits 1997 erhielt er den Axel-Springer-Preis. Und am Mittwoch wurde er für sein jüngstes Buch in Hannover mit dem "NDR-Kultur-Sachbuchpreis" ausgezeichnet. In "Die schwarze Macht. Der 'Islamische Staat' und die Strategen des Terrors" beschreibt und analysiert er den Aufstieg der Terrororganisation.

Das Buch ist auch eine Warnung; Christoph Reuter schreibt: "Der 'Islamische Staat' ist weit mehr als die gefährlichste Terrorgruppe der Welt. Er ist eine Macht, die auf verschiedenen Feldern ein zuvor ungekanntes Maß an Fähigkeiten zeigt, militärisch, geheimdienstlich, medial. (...) Mit seinen Vorgängern wie Al-Kaida hat der 'Staat' nicht viel mehr gemeinsam als das dschihadistische Label. In seinem Handeln, seiner strategischen Planung, seinem vollkommen skrupellosen Wechsel der Allianzen und seiner präzise eingesetzten Propagandainszenierungen ist im Kern nichts Religiöses mehr erkennbar. Der Glaube, auch in seiner extremsten Form, ist nur eines von vielen Mitteln zum Zweck. Die einzige konstante Maxime des 'Islamischen Staates' bleibt: Machterweiterung um jeden Preis."

Christoph Reuter in Afghanistan

Das undatiertes Foto zeigt den damaligen Korrespondenten des Magazins "Stern", Christoph Reuter, in afghanischer Landeskleidung. 2011 gab er seinen Posten als einziger deutscher Korrespondent in Afghanistan auf.

Quelle: dpa / privat

Christoph Reuter, geboren 1968, berichtet aus den Krisenregionen der arabischen Welt. Zuerst war er für "Die Zeit", "Geo" und den "Stern" tätig, seit 2011 ist er Korrespondent für den "Spiegel". In seinem neuen Buch über den "Islamischen Staat" beschreibt in seinem Buch nicht nur den Aufstieg der Terrororganisation, er widmet sich auch dem Alltagsleben in den Gebieten, die der "Islamische Staat" besetzt hält. Dem Kapitel, in dem er Herrschaft, Wirtschaft und Alltag im "Islamischen Staat" beschreibt, hat er den Titel "Nordkorea auf Arabisch" gegeben.

Durchaus treffend. Der "Islamische Staat" ist ein radikaler Überwachungsstaat, der intensiv Informationen über die Bewohner sammelt. Und er ist ein Staat, in dem drakonische Strafen an der Tagesordnung sind: Wer raucht, wird ausgepeitscht, manchmal werden Rauchern auch die Finger gebrochen. Bilder von Frauen auf dem Mobiltelefon sind verboten, der Verkauf von gefrorenem Hühnerfleisch ist verboten und auch Ersatzreifen für Autos sind verboten – wer sie mitführt, zeigt halt mangelndes Gottvertrauen. Schiedsrichtern beim Fußball wurde das Pfeifen verboten – sie dürfen nur noch "Allahu akbar" rufen.

Surreale Regelungen

Reuter berichtet in seinem Buch von geradezu surrealen Regelungen: "Ein Bauer aus dem Weiler Schuyuch al-Fauqani am Euphrat südlich von Kobane erzählt, dass auf dem dortigen Viehmarkt die Euter der Kühe nun bedeckt sein müssten, damit niemand auf sündige Gedanken käme." Oft fragt man sich bei der Lektüre des Buches, ob das denn alles wahr sein könne – und wie ein Staat mit so verqueren Regeln überhaupt existieren kann.

Der Autor plädiert sehr dafür, die Terrororganisation äußerst ernst zu nehmen: "Bislang hat der IS davon profitiert, im Westen als reiner Fanatiker-Haufen unterschätzt zu werden. Doch eine derart schlagkräftige Kombination zweier gegensätzlicher Elemente hat es noch nie gegeben: die nüchternen Planer der Geheimdienste und die bis zum Selbstopfer fanatischen Gläubigen."

Von Ronald Meyer-Arlt

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