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Haben Sie Angst vor dem Tod?

Interview mit Martin Walser Haben Sie Angst vor dem Tod?

Martin Walser gilt als Meister der deutschen Gegenwartsliteratur. Jetzt erscheint sein Roman "Ein sterbender Mann". Mit Nina May sprach der 88-jährige Schriftsteller an seinem neuen Lebensort in München über Sterbehilfe, letzte Worte, die Verschrobenheiten eines alten Mannes und späte Einsichten.

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Ein liebender Mann, ein schreibender Mann, ein Mann mit Hut: Martin Walser über seinen neuen Roman "Ein sterbender Mann".

Quelle: dpa

Herr Walser, es heißt, Sie würden in der Zeitung nur noch die Todesanzeigen lesen. Stimmt das?
Ich verfolge auch den Sport- und den Politikteil. Aber ich lese tatsächlich mit wachsendem Interesse die Todesanzeigen. Ich forste sie Stück für Stück für Stück durch. Ich schaue immer, wie alt die Verstorbenen waren. Als ich nach Überlingen umzog, konnte ich die "Schwäbische Zeitung" aus meiner alten Heimat nicht abbestellen – wegen der Todesanzeigen. Ich habe ein natürliches Interesse dafür entwickelt.

Der Titel Ihres jüngsten Werks "Ein sterbender Mann"“ klingt recht trotzig ...
Der Titel erschien mir wie eine kleine Notwendigkeit am Horizont meines Bewusstseins, eingeladen von früheren Titeln wie "Ein fliehendes Pferd", "Ein springender Brunnen". "Ein liebender Mann", jetzt "Ein sterbender Mann". Das ist schon fast unausweichlich.

Es heißt im Roman, das Beste am Altsein sei, auf nichts mehr warten zu müssen. Der Protagonist Theo Schadt kann aber nicht aufhören, etwas zu erwarten. Ist unser Unterbewusstsein der heimlichen Überzeugung, dass unsere Endlichkeit nur eine böse Mär ist?
Der Hauptperson in meinem Roman "Muttersohn" wird von einem Journalisten dieselbe Frage gestellt. Die Antwort: "Was die Unsterblichkeit angeht, da weiß ich, meine Hosenträger sind unsterblich." Genauer kann man es nicht sagen.

Theo Schadt bewegt sich, nachdem ihn sein Vertrauter verraten hat, in einem Suizidforum im Internet. Sie beschreiben Suizidale als "Wortmenschen", sowohl in ihrem Mitteilungsbedürfnis als auch in ihrer Ausdrucksfähigkeit. Sind sie mit Schriftstellern seelenverwandt?
Ja, das kann man so sagen. Schriftsteller sind potenzielle Suizidale und halten sich nur mit Schreiben immer weiter am Leben. Die Suizidalen, wie sie sich selbst nennen, sind sprachmächtig, fantasiebedürftig, kritiklüstern. Ein fabelhaftes Beispiel dafür ist im Roman die Forums­teilnehmerin Aster, mit der sich Theo schreibt. Er ist beeindruckt von ihren verbalen Fähigkeiten.

Das ist eine ziemlich romantische Vorstellung von Selbstmord, man denkt an Kleist ...
Jetzt reden Sie wie Aster! Die hält Theo Schadt ja auch für einen Romantiker. Aber Kleists Selbstmord hat nichts mit Romantik zu tun. Nichts! Das ist das furchtbarste und kälteste Geschehen, dass er sich und seine Geliebte umbringt. An diese Selbsttötung hätte ich nicht rühren wollen. Dagegen ist mein sterbender Mann ein Leichtgewicht.

Ein sterbenskranker Mann trennt sich im Angesicht des Todes von seiner Ehefrau und sucht sich eine neue Frau, die Tangotänzerin Sina. Klingt nach einem chauvinistischen Klischee ...
Wenn Sie das so sehen möchten, ich will Sie nicht bekehren. Aber eins ist falsch: Er hat keine Spur nach ihr gesucht, es ist einfach so gekommen.

Eine gleichnishafte Szene erzählt von zwei Todeskandidaten auf einer Party, beide sterbenskrank, aber nichts vom Schicksal des anderen wissend. So können sie sich nicht austauschen. Ist Sprachlosigkeit eine Vorstufe des ewigen Schweigens?
Wenn das Datum unwiderruflich feststeht, dann kann man nur noch schweigen, davon soll diese Szene erzählen. Jeder muss dann so tun, als sei er mit allem einverstanden, so heißt es in der Notatensammlung "Ums Altsein" im Roman. Und die beiden Todeskandidaten sind dafür ein Beispiel.

"Ums Altsein", das ist ein Zettelkasten schwermütiger Seelennotate – wie viel Martin Walser steckt darin?
Ich habe eine literarische Figur für derartige Gedanken, die nenne ich Meßmer. Durch ihn drücke ich etwas aus, was eigentlich unausdrückbar ist. Als Schreibender weiß man natürlich, dass das alles nichts bringt. Aber der Versuch, es dennoch zu versuchen, spielt eine große Rolle. Auch Aster verschwindet nicht einfach sang- und klanglos, sondern teilt sich noch einmal im Forum mit. Das weiß Theo zu schätzen: diese große Geste im Aus, diese Schlusshöflichkeit. Das Geschriebene ist aber immer viel schöner als das, was wirklich passiert. Etwas so schön sagen, wie es nicht ist: Das ist die Urformel für das Schreiben. Romane werfen einen weißen Schatten: Das pure ungesagte Elend ist entsetzlich, das gibt es noch und noch. Aber nicht bei einem Schriftsteller. Eine Meßmer-Eintragung heißt: "Ich bin die Asche einer Glut, die ich nie war." Ich will gar nicht wissen, was das heißt. Ich weiß nur: Dieser Satz tut mir gut. Und so ist es mit der gesamten Schreiberei. Andere müssen das Altern ungesagt ertragen. Daran will ich nicht denken. Die sind viel schlimmer dran. Das Gelungensein einer Seite macht jedes Elend quitt. Deshalb dreht sich mein Roman auch um den Satz: "Mehr als schön ist nichts."

Martin Walser

Der Bundestag hat geschäftsmäßig organisierte Sterbehilfe im November verboten. Was ist Ihre Meinung dazu?
In 100 Jahren werden die Menschen auf unsere Zeit zurückblicken wie wir auf das Mittelalter, weil man damals noch aus natürlicher Bedingung gestorben ist. Es ist unwürdig, das Sterben der Naturgemeinheit zu überlassen, wenn Medizin und Technik doch das Sterben menschenmöglich machen könnten. Man sollte selbst die bestmögliche Art zu sterben wählen.

Wie sieht die aus?
Hemingways Gewehr, das liegt mir nicht. In meinem Text "Ums Altsein" wünsche ich mir eine Gleitdroge, die die Arbeit in einem Zwölfstundenschlaf für mich erledigt. Das halte ich für menschenwürdig.

Haben Sie Angst vor dem Tod?
Ja, natürlich. Aber ich bin nicht dazu da, blanke Auskünfte zu geben. Antworten gibt es nur in meinem Roman. Jede direkte Erwiderung auf eine solche Frage ist prinzipiell unvollkommen. Der Theo sagt einmal: "Ich sterbe gern, ich sterbe natürlich auch ungern."

Aber Sie haben selbst mal gesagt, man dürfe das literarische Ich nicht mit dem Autor gleichsetzen.
Ja, das stimmt. Aber die Meßmer-Figur ist mir näher als normale Romanfiguren. Der Theo Schadt, der "Ums Altsein" formulierte, ist mir sehr nahe.

In Ihrer Novelle "Mein Jenseits" bezeichnen Sie "Mödelen" als "Extramenschenrecht für Älterwerdende". Bemerken Sie an sich selbst gewisse Sonderbarkeiten?
Ohne Mödelen könnte man keinen Tag überstehen! Mödele ist im schwäbischen Dialekt die Verniedlichungsform von Mode. Mode ist ja auch eine Lizenz für besondere Eskapaden. Das heißt, nicht mehr verurteilungsfähig zu sein. Man macht sich die Wirklichkeit auf die komischste oder die grauenhafteste Weise zurecht, wie man es gerade möchte. Es ist eine Selbtlizensierung so zu sein, wie man glaubt, sein zu müssen, und sei es unter den Bedingungen des sogenannten Alters. Die Menschen um mich herum könnten immerzu sagen: "Was ist das jetzt wieder für eine Mödele?"

In Ihrem Tagebuch 1979-1981 schreiben Sie: "Wenn einer schreibt, bis er stirbt. Wenn er sich unmöglich benimmt, benimmt er sich richtig." Und im neuen Roman heißt es: "Kein Widerspruch gegen irgendwas oder irgendwen. Eine Schlusskurve des scheinbaren Einverständnisses." Sind Sie müde geworden?
Ich gestehe sofort, dass sich da ein schneidender Widerspruch auftut! Das eine ist eine einmalige Tagebuchkühnheit, eine Wunschvorstellung vom Verrecken, das andere ist sozusagen die Wirklichkeit, ein scheinbares Einverstandensein mit dem Aufhörenmüssen. Der Tagebuchschreiber ist übrigens auch nur eine meiner Figuren.

Sie hören jedoch nicht auf, sich in aktuelle Debatten einzuklinken. In Ihrem Roman sprechen Sie die Flüchtlingsfrage an. Würden Sie den Seehofers dieser Welt gern einen Flüchtling ins Gästebett legen?
Ja, das habe ich im Roman geschrieben: Jeder Hausbesitzer soll einen Flüchtling aufnehmen, das würde die Lage entspannen. Eine meine Töchter hat allerdings gleich protestiert: Das wäre doch dann immer nur eine Person, und die Flüchtlinge kommen doch meist zu mehreren. Man kann alles unmöglich reden.

Wie kommentieren Sie den Militäreinsatz Deutschlands in Syrien?
So verständlich es zu sein scheint, dass man militärisch reagiert, so wenig Sinn kann ich darin finden. Man bombardiert, dann gibt es ein Attentat, dann ruft man den Ausnahmezustand aus. Das ist eine Spirale des Irrsinns. Schluss damit! Nach dem, was Deutschland im 20. Jahrhundert verbrochen hat, bin ich der Ansicht, dieses Land darf nie mehr an einer militärischen Aktion teilnehmen.

Sie haben erst kürzlich gesagt, heute würden Sie die Paulskirchenrede nicht mehr so halten. Weshalb erst so spät?
Ich brauchte diesen ungeheuren Autor Sholem Yankev Abramovitsh für diese Einsicht. Bei der Aussage, dass sich Auschwitz nicht zur Moralkeule oder zur Instrumentalisierung eigne, da habe ich überhaupt nicht an jüdische Zuhörer gedacht, sondern an Walter Jens oder Günter Grass, die gesagt haben, die deutsche Teilung sei eine Strafe für die deutschen Verbrechen. Hätte ich damals schon Abramovitsch gelesen, wäre mir bewusst gewesen, dass jüdische Zuhörer meine Rede anders verstehen müssten als nicht-jüdische. Ich war damals nicht empfindlich genug für die Leidensqualität des jüdischen Volkes.

Einmal schließt Theo Schadt mit dem Satz "Es grüßt aus dem vorläufigen Jenseits". Wenn Sie mir nach diesem Gespräch einen Brief schreiben würden, welche Formel stünde darunter?
Das Jenseits käme mir dabei zumindest nicht in den Sinn. Ich würde mit diesem Satz schließen: Wenn unser Gespräch dazu beigetragen hätte, dass Sie nicht alles, was sie schon wussten, immer noch zu wissen glauben – dann wäre es nicht umsonst gewesen.

Zur Person

Die Liebe als Leitmotiv im Leben und in der Literatur

Da sitzt der Schriftsteller Martin Walser in einer Nische des gutbürgerlichen Gasthofs "Iberl's" und verspeist zu Riesling und leiser Klimpermusik Rösti mit Lachs, so wie man das gern tut im grünen Münchner Nobelvorort Solln. In diese eher beschauliche Ecke der Republik ist Walser zum Schreiben seines neuen Romans gezogen, der eben hier spielt.

Kokettierend bezeichnet sich der Nestor der deutschen Gegenwartsliteratur im Gespräch wiederholt als "halb dement", wenn er die Philosophen Søren Kierkegaard und Johann Gottlieb Fichte zitiert und zwischendurch einen Moment innehalten muss, um das Gedächtnis arbeiten zu lassen.

Man kommt nicht umhin, diesem weit jünger als 88 Jahre wirkenden Mann mit den markanten Augenbrauen Respekt zu zollen: Er schrieb Weltliteratur wie "Jenseits der Liebe" (1976) und "Ein fliehendes Pferd" (1978), er war regelmäßiger Gast bei den Tagungen der Gruppe 47.

Martin Walser und Günter Grass

Martin Walser 1999 mit seinem Konkurrenten und Freund Günter Grass.

Quelle: dpa

Nach dem Tod von Günter Grass und Siegfried Lenz ist Walser einer der letzten großen Vertreter der deutschen Nachkriegsliteratur. Sein jüngster Roman "Ein sterbender Mann" ist vordergründig ein Briefroman mit verschiedenen Adressaten, eigentlich aber ein Selbstgespräch des Autors über die letzten Dinge.

Im Interview stimmt Walser dieses Thema ein wenig schmollend an, viel lieber würde er wohl über Tagespolitik oder die Liebe sprechen. Auf die Frage, wo das Jenseits im Diesseits zu spüren sei, antwortet er mit stoischer Ironie: "In Rom vielleicht. In München-Solln dürfte das schwieriger sein."

Walsers Figuren leiden am Unbehagen an sich selbst, was sie nicht von Selbstüberhebung abhält. Der Roman "Die Inszenierung" (2013) ist ein grandioses Beispiel für die Selbstbespiegelung des Autors. Der Protagonist, ein "mit Prominenz gepanzerter Regisseur", ist unschwer als Alter Ego des Verfassers zu erkennen.

Walsers großes Thema ist die Liebe – und ihre Irrwege, etwa in seinem Roman "Ein liebender Mann" (2008) über die Zuneigung des 74-jährigen Goethe zur 19-jährigen Ulrike von Levetzow. Dreiecksverhältnisse prägen nicht nur seine Literatur: 2009 machte der Journalist Jakob Augstein öffentlich, dass Martin Walser sein leiblicher Vater sei. Augsteins rechtlicher Vater, der "Spiegel"-Gründer Rudolf Augstein, war ein Freund Walsers. Mit seiner Ehefrau Katharina hat Walser vier Töchter, die selbst zu festen Größen des ­Literatur- und Schauspielbetriebs geworden sind.

Die heikle Paulskirchenrede als folgenreichster Ausrutscher

Walser wurde als Sohn eines Kohlenhändlers am 24. März 1927 in Wasserburg am Bodensee gebo­ren. Das Kriegsende erlebte er als Wehrmachtssoldat. Die deutsche Schuld lässt den Schriftsteller nicht los: Er veröffentlichte 2014 ein Büchlein über den jiddischen Dichter Sholem Yankev Abramovitsh und vor einem Jahr die Aufsatzsammlung "Unser Auschwitz".

Nach der Paulskirchenrede zur Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels 1998, in der Walser sagte, Auschwitz eigne sich nicht als "Moralkeule", wurde er als geistiger Brandstifter heftig kritisiert. Der Rechtfertigungsdruck hält bis heute an.

Ein weiterer Skandal: Der Roman "Tod eines Kritikers" (2002) spiele mit antisemitischen Klischees, schrieb das Feuilleton, die "FAZ" verweigerte den Vorabdruck. In dem Protagonisten erkannten viele eine Parodie Marcel Reich-Ranickis, Walsers Erzrivalen. Ein liebender Mann, ein sterbender Mann. Walser ist vor allem ein schreibender Mann.

Martin Walser: "Ein sterbender Mann", Rowohlt; 288 Seiten, 19,95 Euro.

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