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Haben Sie Angst vor der Digitalisierung?

Oskar Negt im Interview Haben Sie Angst vor der Digitalisierung?

Einen Computer hat er noch nie benutzt – die Auswirkung der Digitalisierung auf die Gesellschaft beobachtet der Sozialphilosoph Oskar Negt dennoch mit großem Interesse. Daniel Behrendt hat mit dem 82-Jährigen über den radikalen Wandel der Arbeit und die Notwendigkeit, wieder nach dem Sinn des Lebens zu fragen, gesprochen.

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Aufklärung als Ausweg aus der Unmündigkeit: Warum der Sozialphilosoph Oskar Negt zum Denken anstiften will.

Quelle: dpa

Hannover.  

Herr Negt, Sie haben tatsächlich noch nie einen Computer benutzt – denken aber dennoch über die gesellschaftlichen Auswirkungen der Digitalisierung nach. Wie passt das zusammen?

Sie werden es nicht glauben: Ich hatte sogar mal einen Computer! Allerdings habe ich ihn verschenkt, weil er jahrelang ungenutzt herumstand. Ich wollte die digitale Welt, diese zweite Wirklichkeit, die so viel unserer Kraft und Freiheit absorbiert, nicht in mein Leben lassen. Trotz meiner Digitalabstinenz erlaube ich mir, über den digitalen Wandel nachzudenken – denn seine Auswirkungen auf Gesellschaft und Arbeit sind nicht wirklich neu. Sie sind vergleichbar mit den Folgen der industriellen Revolution, nur dass das Maß der menschlichen Selbstentfremdung durch die Technik diesmal noch viel größer ist.

Bald wird uns diese Technik sehr viele Arbeiten abnehmen: Busse fahren, Patienten pflegen, Steuerbescheide ausstellen und etliches mehr. Haben Sie Angst vor einer solchen Zukunft?

Lassen Sie mich ein wenig ausholen: Seit jeher ist es der Traum des Menschen, durch Technik frei von der Mühsal der Arbeit zu werden. Es ist ja historisch betrachtet eine noch junge Errungenschaft, dass wir in gesicherten und freundlichen Verhältnissen arbeiten und angemessen entlohnt werden. Über Jahrhunderte war Arbeit knochenhart, schmutzig und entfremdet. Digitalisierung und Robotik haben nun Möglichkeiten geschaffen, die Schufterei zu beenden. Doch jetzt, da unsere alten Sorgen scheinbar gegenstandslos sind, dämmert uns, dass die von uns angestoßene künstliche Intelligenz zunehmend ihre eigenen Gesetze schreibt – und uns aufnötigt, ihnen zu folgen. Wir mühen uns ab, nicht den Anschluss zu verlieren, nicht überflüssig zu werden. Technik ist ambivalent: Sie ist Segen und Fluch zugleich, sie kann uns dienen, aber auch versklaven. Wenn Letzteres geschieht – und danach sieht es derzeit aus –, müssen wir die Zukunft tatsächlich fürchten.

Weil eine Armee von Arbeitslosen am Horizont erscheint?

Das ist gewiss etwas, das uns beunruhigen muss. Denn die Erwerbsarbeit hat sich auf dem Weg von der feudalen zur bürgerlich-demokratischen Gesellschaft von einem Joch zu einer Identitätsstifterin gewandelt. Für die meisten Menschen ist der Job nicht nur Broterwerb, sondern ein essenzieller Teil der Persönlichkeit, an dem viel der eigenen Würde hängt. Entsprechend fürchten viele kaum etwas mehr als die Arbeitslosigkeit. Diese Angst erhält in unserer ohnehin krisengeprägten Zeit durch den Einzug von Robotern in die Arbeitswelt weitere Nahrung. Ich fürchte, es ist nur eine Frage der Zeit, bis die so stark gewordenen Rechtspopulisten in Europa und den USA auch mit den Ängsten vor den Folgen der Digitalisierung spielen werden.

Aber diese Ängste ließen sich doch leicht mildern: etwa durch ein bedingungsloses Grundeinkommen oder eine Robotersteuer, mit der sich etwa im sozialen und kulturellen Bereich neue Jobs schaffen ließen.

Gewiss, aber das wäre allenfalls eine Teillösung. Selbstverständlich muss darüber nachgedacht werden, wie man die vielen Menschen auffängt, die aus der Wertschöpfung herausfallen. Wichtiger ist es aber, das System zu hinterfragen, das diese Verhältnisse produziert. Solange wir glauben, unsere gegenwärtige Wirtschaftsordnung wäre alternativlos, werden sich unsere Probleme womöglich noch verschärfen: wachsende Ungerechtigkeit und ein zunehmendes Gefühl der Bindungs- und Ortlosigkeit bei immer mehr Menschen. Wir müssen uns aufrichtig fragen: Wollen wir wirklich so leben? Wollen wir die Sklaven der von uns geschaffenen und immer unerbittlicher werdenden Produktionsverhältnisse bleiben?

Wie kommen wir raus aus dieser Sklaverei?

Indem wir uns wieder stärker auf die dingliche, die analoge Welt beziehen. Die technische Evolution hat von der ersten industriellen Revolution bis hin zur Digitalisierung eine immer abstrakter werdende zweite Wirklichkeit geschaffen, die unsere Bezüge zur “echten“ Welt porös gemacht hat. Wir sehen die Realität buchstäblich durch die Datenbrille, nicht mehr mit unseren eigenen Augen. Dabei geht auch die politische Sehkraft verloren. Diese zweite Wirklichkeit, die uns immer stärker absorbiert, bietet uns keinen Anker. Deshalb sollten wir uns wieder stärker am Echten reiben! Das setzt gegenständliche Tätigkeiten in konkreten Erfahrungsräumen mit lebendigen Menschen voraus.

Also letztlich doch wieder zurück zur ungeliebten Plackerei?

Nein, natürlich nicht. Aber der bloße Austausch von Abhängigkeiten ist kein Akt autonomen Handelns, vielmehr das genaue Gegenteil. Ich glaube, dass direktes Erfahrungslernen in Erziehung und Bildung eine mindestens ebenso große Rolle spielen sollte wie abstraktes Bücherwissen. Natürlich sollen Kinder Mathematik, Naturwissenschaften und Programmiersprachen lernen. Aber in einer Suppenküche aushelfen, einen Garten anlegen oder ein Praktikum auf dem Bauernhof zu machen, das ist ebenso wichtig. Nicht nur als freiwilliges Angebot, sondern als Bestandteil des Lehrplans. Es muss darum gehen, die unmittelbare körperlich-sinnliche Erfahrung gerade in diesen prägenden Jahren zu stärken und den Blick zu weiten für die mannigfaltigen Möglichkeiten, die das Leben bietet. Die Erfüllung von Bildungsnormen darf nicht das oberste Ziel der Schule sein, das Produzieren von Fachkräften nicht der alleinige Zweck von Ausbildung und Universität. Wir brauchen junge Menschen, die nicht nur brav in der Spur laufen, sondern eigenständig denken und wieder zu träumen wagen.

Da fallen mir gleich die Millennials ein. Klar, einen Computer haben sie alle und tummeln sich auch in sozialen Netzwerken. Zugleich erproben sie sich etwa als Minimalisten, die extrem karg leben, um nicht zu abhängig von Erwerbsarbeit zu werden. Vollzieht sich der von Ihnen geforderte Wandel womöglich schon von ganz allein?

Es wäre schön. Aber ich glaube, der gesellschaftliche Mainstream steuert gerade in eine ganz andere Richtung. Unsere Zeit ist von Krisen erschüttert, von gesellschaftlicher Erosion und von Umbrüchen mit ungewissem Ausgang – wie eben der Digitalisierung – geprägt. Die Mehrheit reagiert darauf eher verzagt. Sie klammert sich lieber an verbliebene intakte Strukturen, als ein marodes System von Grund auf zu reformieren. Dennoch sind die wenigen jungen Leute, die etwas anderes versuchen,wichtig: Sie fordern uns heraus, über das Bestehende hinauszudenken. Sie erinnern uns daran, dass Geschichte nicht einfach passiert, sondern dass unsere Lebensverhältnisse – und damit auch unsere Zukunft – in unserer Gestaltungsmacht liegen.

Also müssen wir uns wieder trauen, Utopien zu formulieren?

Unbedingt. Wir sind gefangen in den Tatsachen, in kaltem Pragmatismus. Wir denken in Fakten, nicht in Möglichkeiten. Der Tatsachensinn ist nur eine Tür, durch die wir gehen. Wir kommen von A nach B, wenn wir uns an den Tatsachen orientieren, mehr aber auch nicht. Der Möglichkeitssinn hingegen ist der Rahmen, in dem diese Tür hängt. Warum verschieben wir ihn nicht einfach – und suchen uns einen ganz anderen Weg?

Kann eine Gesellschaft in einer rundum vernetzten Welt denn einfach so ausscheren und ihren eigenen Weg gehen?

Es geht ja nicht darum, alles anders zu machen. Auch nicht darum, die vielen Chancen der Digitalisierung kleinzureden. Aber sehr wohl darum, uns aus der Verstrickung mit der Technik und aus unserem Machbarkeitswahn zu lösen, um wieder frei entscheiden zu können, wie viel Automatisierung dem Menschen dienlich ist. Wer sagt denn, dass es gut ist, Pflegeroboter einzusetzen, nur weil wir inzwischen welche bauen können? Wir brauchen eine höhere Warte, um unseren Kurs im Hier und Jetzt auf seine Zukunftsfähigkeit hin beurteilen zu können – eben die Utopie, die Möglichkeit des Anderen. Adorno brachte das sehr gut auf den Punkt. Er sagte: “Wer nicht weiß, was über die Dinge hinausgeht, weiß auch nicht, was sie sind.“

Zur Person: Oskar Negt

Wenn Oskar Negt nur eine Gestalt der Geistesgeschichte als prägende Figur nennen dürfte, dann wäre es Immanuel Kant. Und das, obwohl Negt bei großen zeitgenössischen Gelehrten studiert hat. Nach dem Abitur nahm der 1934 im ostpreußischen Kapkeim geborene Sohn aus kleinbäuerlichem Milieu ein Jurastudium in Göttingen auf. Dort hörte Negt bedeutende Rechtsexperten wie den Bundesverfassungsrichter Gerhard Leibholz. Die Aussicht jedoch, seinen Lebensunterhalt wirklich mit der Juristerei bestreiten zu müssen, ließ Negt 1955 nach Frankfurt am Main weiterziehen – zum Studium der Soziologie und Philosophie bei Theodor W. Adorno und Max Horkheimer.

Bei einem dritten Protagonisten der Frankfurter Schule, bei Jürgen Habermas, war Negt von 1962 bis 1970 Assistent an den Universitäten in Heidelberg und Frankfurt/Main. Kant, neben Hegel und Marx der wichtigste Inspirator der Kritischen Theorie, war ein zentraler Anker- und Anknüpfungspunkt für die Denker der Frankfurter Schule. Negts Sympathien für den bedeutendsten Philosophen der Aufklärung liegt zu einem kleinen Teil auch darin begründet, dass Negts Heimatort Kapkeim nur etwa 30 Kilometer von der Kant-Stadt Königsberg entfernt ist.

Hauptsächlich aber rührt die Geistesverwandtschaft daher, dass Negt wie Kant seine Rolle als die eines Aufklärers, gewissermaßen eines Anstifters zu eigenständigem Denken, ansieht: “Aufklärung ist der Ausgang aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit – dieser Kant-Satz hat mich nachhaltig geprägt“, sagt Negt. Folgerichtig hat sich der Sozialphilosoph, der von 1970 bis 2002 Soziologie an der Leibniz Universität Hannover lehrte, einen Namen in der Bildungsarbeit gemacht. So gehört Negt Anfang der Siebzigerjahre zu den Gründern der hannoverschen Glockseeschule, einer alternativpädagogischen Gesamtschule, die auf selbstbestimmtes und erfahrungsorientiertes Lernen setzt.

Obgleich jeder seiner komplexen Gedankengänge, jeder seiner oftmals verschachtelten Sätze den Intellektuellen verrät, ist Negt alles andere als ein Mann des Elfenbeinturmes. Anders als viele seiner Frankfurter Kollegen, die sich gegenüber der Achtundsechziger-Bewegung eher als erst wohlwollende, dann zunehmend distanzierte Zaungäste positionierten, avancierte Negt zu einer Art Sprachrohr der Außerparlamentarischen Opposition (APO). Er wagte es gar, sich mit seinem Mentor Habermas anzulegen, als dieser die zunehmend tumultuös agierende Studentenbewegung des „linken Faschismus“ bezichtigte.

Freilich äußerte sich Negt wenig später ebenfalls missbilligend über jedwede Gewalt – und zog damit eine scharfe Trennlinie zwischen den politisch motivierten Kräften der APO und dem zu jener Zeit aufkeimenden RAF-Terrorismus. Denn bei all seiner (bis heute bestehenden) Skepsis gegenüber dem Mainstream ist Negt Radikalität fremd. Im Gegenteil: Gerade in jüngerer Vergangenheit mahnt das einstige SPD-Mitglied Negt vor dem Hintergrund eines bröckelnden Europas und erstarkender Rechtstendenzen eine Rückbesinnung auf die geistigen Traditionen der alten Welt an, auf das in der Aufklärung wurzelnde Verständnis von Staat, Gesellschaft und Individuum.

Für Negt ist der Anspruch der Aufklärung – eben die Befreiung aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit – längst nicht erfüllt, sondern kann nur durch ein immerwährendes Ringen eingelöst werden. So versteht Negt die Demokratie denn auch nicht als ein Geschenk, sondern als “die einzige Staatsform, die gelernt werden muss“. Und wenn es so etwas gibt wie einen freundlichen, aber in der Sache durchaus fordernden Demokratielehrer, dann ist es wohl Oskar Negt.

Von Daniel Behrendt

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