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Haben Sie einen Putzfimmel?

Sven Regener im Interview Haben Sie einen Putzfimmel?

Sven Regener ist als Autor der Herr-Lehmann-Romane und als Sänger der Band Element of Crime bekannt. Im Interview mit Nina May verteidigt er verbrannten Kuchen als Kunst. Er verrät, dass er einst auf viele Raves ging und dass er mehr mit seiner Figur Frank Lehmann gemein hat als geahnt.

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Erfolg als Autor ebenso wie als Musiker: Sven Regener über das Berlinern, seinen Helden Herrn Lehmann und sein neues Buch “Wiener Straße“.

Quelle: dpa

Berlin.  

Die Berliner Begriffe Icke und Späti sind gerade in den Duden aufgenommen worden. Was halten Sie davon?

Mit dem Duden habe ich nicht viel zu tun. Die Begriffe hat es auch schon vorher gegeben, und ob sie nun im Duden stehen, ist wohl eher egal. Das Berliner Idiom hat aber etwas Besonderes, und das spielt ja auch in meinem neuen Roman “Wiener Straße“ eine Rolle. Denn das Berlinern ist ein untypischer Dialekt, weil man ihn nicht dauerhaft sprechen kann. Das wäre zu nervtötend und würde den Sprecher sofort zum Volltrottel machen. Selbst richtige Icke-kieke-Leute können das nicht die ganze Zeit durchhalten. Das Berlinern wird eher verwendet, um bestimmte Sätze oder Satzteile einer Rede besonders zu betonen. Als Geschmacksverstärker quasi, oder auch, um Unsicherheit zu überspielen. Oder um sich als Doofer zu tarnen, weil es immer gleich so prollig rüberkommt. In meinen literarischen Dialogen fungiert das Berlinern vor allem als Aggressionsanheizer.

“Wiener Straße“ spielt in den Achtzigerjahren: Berlinern war damals noch kein Fall für das Wörterbuch, sondern eine Lieblingsbeschäftigung der vielen Neuberliner. Sie beschreiben da eine schöne Szene im Baumarkt: Die Figur H. R. regt sich darüber auf, dass der Verkäufer nicht konsequent berlinert. Schreiben Sie da aus eigener Erfahrung, nervt Sie aufgesetztes Berlinern?

H. R. ist nicht wirklich genervt. Es ist ein Kampf: Der Baumarktmitarbeiter greift zum Berlinern und sagt damit: “Icke habe hier Millionen Menschen hinter mir, zu denen du nicht dazujehörst.“ Das ist ja auch eine Funktion von Dialekten, dass man andere ausgrenzt. H. R., schlägt zurück, indem er wie beim Kampfsport die Kraft des Angreifers gegen ihn benutzt und ihn damit aus dem Tritt bringt.

Berlinern Sie selbst manchmal?

Nein, oder nur aus Jux. Berlinern ist ein Stilmittel im Dialogkampf, das ich nicht verwende. Wenn ich in meine alte Heimat komme oder unsicher bin, kommt aber das Bremerische stärker hervor.

Der Roman versetzt den Leser in die Achtzigerjahre und nach West-Berlin, Sie gründeten dort zu dieser Zeit die Band Element of Crime. Welche Aspekte dieses Lebens vermissen Sie am meisten?

Ich war damals 35 Jahre jünger, in den Zwanzigern, das ist dann schon ein anderes Leben, wenn man so jung ist. Nicht unbedingt besser, aber anders. Eins, das ich beim Schreiben eines solchen Romans dann wieder zum Leben erwecke. “Nostalgie ist eine Zeit, die es nie gab“, sagt man, und da ist was dran. Ich denke zwar gern daran zurück, aber sentimental bin ich dabei nicht.

Inzwischen haben Städte wie Leipzig Berlin den Rang als Kultort abgelaufen. Verhindert die immer mehr um sich greifende Altberlinnostalgie die Erneuerung der Stadt?

Nein. Zum Kult wird man ja eher in der medialen Beobachtung. In Leipzig ist das Leben vielleicht noch ein bisschen leichter und unbeschwerter. Übrigens habe ich gehört, dass Halle an der Saale immer mehr zum Kultort wird, wegen all der Studenten. Ich habe viele junge Leute getroffen, die gesagt haben, da sei ’ne Menge los. Kann man glauben, kann man lassen.

Im Roman wird an einer Stelle verbrannter Kuchen als Kunstobjekt verkauft – mit Erfolg. Kommen Sie sich als Künstler auch manchmal vor wie ein genialer Hochstapler?

Wieso, weshalb soll das Hochstapelei sein? Wenn Joseph Beuys einen Stuhl mit Fett beschmiert und in die Ecke stellt, dann ist das auch Kunst, weil er es sagt. Man kann das auch blöd finden, so wie die Menschen damals Van-Gogh-Bilder für Gekleckse gehalten haben. In der Kunst ist Ablehnung ohnehin der häufigere Fall als Zustimmung. Die Achtzigerjahre waren eine Zeit der Entakademisierung von Kunst. Diesen ganzen spießigen “Was-will-der-Künstler-uns-damit-sagen“-Mist lehnte die Szene größtenteils ab, das war erfrischend.

Der Roman spielt teils im Milieu der Hausbesetzer, allerdings sind diese bei Ihnen in Wahrheit österreichische Aktionskünstler. Hausbesetzen als Kunstform, hat diese Idee heute noch Bestand?

Die wirkliche Hausbesetzerszene aus den Achtzigerjahren kommt in diesem Roman gar nicht vor. Es handelt sich bloß um die Simulation einer Hausbesetzung von Aktionskünstlern. Diese Kunstszene wollte mit den Hausbesetzern gar nichts zu tun haben, die Hausbesetzer wurden von denen eher als Hippies abgetan. Beides waren Parallelwelten, die kaum miteinander in Berührung kamen.

Sie haben einige Hörbücher eingelesen, neben Ihren eigenen Werken zuletzt Texte von Franz Kafka. Was verbinden Sie mit diesem Schriftsteller?

Ich habe Kafka mit großem Gewinn gelesen, sein Humor und seine Erzählweise sind mir sehr nah. Die sich ständig steigernde Erregung des Erzählers bis hin zur Hysterie ist ein Stilmittel, das auch bei mir zu finden ist. Na ja, und bei vielen anderen natürlich auch.

Die Verfilmung Ihres Romans “Magical Mystery“ ist jüngst ins Kino gekommen. Die Geschichte dreht sich um Techno. Haben Sie selbst Erfahrungen damit?

Man konnte dem gar nicht entkommen, Techno war schließlich in den Neunzigerjahren die vorherrschende Musikrichtung. Und zwar in dem Maße, dass man denkt, heute gäbe es sie gar nicht mehr. Das stimmt aber nicht, sie ist lediglich nur mehr eine von vielen. Ich habe mich quasi in die Szene eingeheiratet, meine Frau Charlotte Goltermann war eine große Nummer in der Elektroszene. Durch sie bin ich auf all die großen Raves geraten.

Haben Sie sich dafür auch in Neonklamotten geschmissen?

Nein, das musste man ja auch gar nicht. Das war nur das Lieblingsmotiv deutscher Fotoreporter. Der Hamburger Künstler 4000, der früher die Urban-Lounge bei der Mayday und jetzt in meinem Auftrag das Cover von “Wiener Straße“ gestaltet hat, ist ein großer Raver, und der läuft immer so alltäglich rum wie ich jetzt gerade.

Mit der Band Element of Crime gehen Sie musikalisch aber andere Wege ...

Die Welten sind gar nicht so unterschiedlich, wie man immer meint. Partys feiern und Nächte durchmachen – das kennt auch jeder Rockmusiker. Und die Floskel “Das rockt“ ist auch im Elektrobereich üblich. Am Ende sind wir alle Musiker. Warum künstliche Mauern hochziehen?!

In den früheren Filmen wurde die Rolle des Karl Schmidt, der jetzt die Titelfigur ist, von Detlev Buck gespielt. Der ist bei Ihnen auch zu sehen, allerdings als Technomanager Ferdi, während Schmidt von Charly Hübner gespielt wird. Weshalb dieser Rollentausch?

Karl Schmidt ist in dem Roman etwa 35 Jahre alt und Ferdi über 50, von daher ist Hübner/Buck schon die richtige Altersverteilung. Ich wollte erst gar nicht, dass Buck schon wieder mitspielt. Aber dann hat mir der Regisseur einen Filmschnipsel vom Casting gezeigt, und das war wahnsinnig gut und überzeugend. Detlev Buck ist ein ausgezeichneter Ferdi!

Sie kommen nach einem Abstecher um die Figur Karl Schmidt nun wieder zu Ihrem bekannten Protagonisten Frank Lehmann zurück, der im Roman jedoch auch nur eine von vielen Personen ist. Er wird hier vor allem bei einer Beschäftigung gezeigt: dem Putzen im Café Einfall. Haben Sie selbst einen Putzfimmel?

Frank Lehmann hat eine ganz besondere Qualität: Wenn er irgendwas macht, dann macht er es gern, gründlich und gut. Selbst Kloputzen. Deshalb kauft er sich auch erst mal die richtigen Putzmittel. Das ist das Yogihafte an ihm: Selbst eine unglamouröse Arbeit nimmt er ernst. Tiefer, als in einer Kneipe die Toiletten zu putzen, kann man jobmäßig ja kaum stehen. Ich habe das in den Achtzigerjahren selbst gemacht – im Café Swing am Nollendorfplatz. Ein Freund von mir hat da jeden Tag geputzt. Als er mal Urlaub machen wollte, bin ich eingesprungen. So gewissenhaft wie Frank Lehmann war ich dabei allerdings nicht. Seine Haltung finde ich bewundernswert, ich wäre selbst gern so.

Zur Person: Sven Regener

“Wann kommt der Wind, der uns weitertreibt / irgendwohin, wo keine Erinnerung mehr bleibt.“ Sven Regeners Songtexte für seine Deutschrockband Element of Crime klingen so melancholisch wie ein russisches Trinkerlied, sie klingen nach Jahrmarkt und nach Mondschein. Nächstes Jahr soll es ein neues Album geben. Seine Rollen als Musiker und als Romanautor trennt er streng, sagt er. “Obwohl mir bei Lesungen der Umgang mit dem Klang der Sprache am besten gefällt – insofern gibt es da wahrscheinlich doch eine kleine Verbindung.“

Als Musiker war er schon bekannt, als der heute 56-Jährige im Jahr 2001 seinen ersten Roman veröffentlichte: In „Herr Lehmann“ beschreibt er die letzten Monate vor dem Mauerfall in Berlin-Kreuzberg aus Sicht des Barkeepers Frank Lehmann. Das Debüt war ein großer Erfolg: Es wurde eine Auflage von über einer Million Exemplaren erreicht, die gleichnamige Verfilmung von Leander Haußmann, für die Regener das Drehbuch schrieb, bekam den Deutschen Filmpreis und den Deutschen Drehbuchpreis. Und der sonst so strenge und inzwischen verstorbene Kritiker Marcel Reich-Ranicki sagte im “Literarischen Quartett“, er habe herzlich gelacht.

Herr Lehmann ist ein Antiheld: Er vergisst es zu verweigern und geht zunächst zum Bund. Erst im Nachhinein verweigert er doch noch und will wieder bei den Eltern einziehen. Die haben sein Kinderzimmer jedoch bereits für eigene Zwecke umgebaut, sodass Frank in eine kuriose WG einzieht. Diese Vorgeschichte zu “Herr Lehmann“ wird in dem Prequel-Roman “Neue Vahr Süd“ beschrieben. 2008 folgte der Roman “Der kleine Bruder“, der detailliert die ersten beiden Tage Lehmanns in Berlin im Jahr 1980 beschreibt. Es gibt Parallelen im Leben von Regener und seiner Hauptfigur: Beide wuchsen in Bremen auf und zogen dann nach Berlin.

In dem Roman “Magical Mystery oder: Die Rückkehr des Karl Schmidt“ (2013) ist nicht Lehmann die Hauptfigur, sondern ein Mann aus seinem Umkreis. Der Roman spielt in den Neunzigerjahren und erzählt die Geschichte Schmidts, der nach einem Drogenentzug in die Gesellschaft zurückkehrt. Die Verfilmung läuft gerade in den Kinos. Mit seinem jüngsten Roman “Wiener Straße“ geht Regener auf Lesereise, einige Stationen: Berlin (22.9.), Hamburg (27.9.), Kiel (7.11.), Bremen (9.11.), Dresden (15.11.) und Leipzig (21.11.).

Regener spricht im Interview ohne Punkt und Komma und lümmelt sich auf eine Bank des Schwarzen Cafés in der Nähe des Bahnhofs Zoo in Berlin, das wie eine etwas edlere Version des Cafés Einfall aus dem aktuellen Roman wirkt. Der nordische Einschlag lässt seine Sätze noch einmal so rotzig erscheinen.

Immer wieder betont Regener, dass er als Autor “nicht als Meinungsschleuder“ herhalten wolle. “Diese Verpflichtung fühle ich für mich nicht“, sagt er. Angesprochen etwa auf die Diskussionen um die Rote Flora in Hamburg nach den Ausschreitungen rund um den G-20-Gipfel sagt er: “Da mische ich mich nicht ein. Ich habe mal ganz in der Nähe der Roten Flora gelebt und mit diesen Leuten nie etwas zu tun gehabt, bis auf einen Konzertbesuch. Eine Parallelwelt. Ich kenne mich damit nicht aus. Wenn man keine Ahnung hat, sollte man die Klappe halten.“

Von Nina May

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