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Sind Sie der Retter des Genitivs?

Interview mit Bastian Sick Sind Sie der Retter des Genitivs?

Was als "Zwiebelfisch"-Kolumne bei "Spiegel Online" begann, wurde unter dem Titel "Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod" zu einem der größten Buchbestseller des Jahrzehnts. Nina May sprach mit Bastian Sick über sein neues Buch, Sprachmoden, Negerküsse und Espressis.

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Aus Liebe zum Genitiv: Bastian Sick nimmt sich seit 2004 den Fallstricken der deutschen Sprache an.

Quelle: Till Gläser

Eine existenzielle Frage vorab: Heißt es nun die oder das Nutella?
Diese Frage hat mich schon in meinem ersten Buch beschäftigt. Es hängt davon ab, was man hinter dem Markennamen sieht: Ist es eine Haselnusscreme, dann ist Nutella weiblich. Denkt man jedoch an Mus, dann kann man einen sächlichen Artikel verwenden. Manche sehen darin auch einen Brotaufstrich. Dann kann man sogar der Nutella sagen. Eine hundertprozentige Festlegung gibt es da nicht. Man muss sich immer veranschaulichen, um welches Produkt es geht. Deshalb sind Autos zum Beispiel alle männlich. Der Opel, der VW, der Peugeot – weil dahinter das männliche Wort "Wagen" steht. Im Französischen hingegen sind alle Autos weiblich: la Peugeot, la Volkswagen, la Mercedes – weil dahinter das weibliche Wort "la voiture" steht.

Hat sich Ihre Wahrnehmung der Welt geändert, seit Sie Kolumnen über die Fallstricke der deutschen Sprache schreiben? Suchen Sie jetzt auf Speisekarten und Plakaten stets den Fehler?
Ich bin nicht auf der Suche nach Fehlern. Ich kann aber nicht verhindern, dass ich sie finde. Sie springen mich förmlich an. Leider klappt das bei den eigenen nicht immer so gut: Die übersehe ich leicht. Ich habe aber die große Unterstützung meiner Leser, die mich jeden Tag mit Fundstücken versorgen. Heute Morgen fand ich diesen Brief in meinem Briefkasten. Er stammt von einem Leser aus Gelsenkirchen. (öffnet den Umschlag). Hier haben wir einen Zeitungsausriss, in dem es heißt: "Laterne gestriffen". Natürlich müsste es "gestreift" heißen. Das ist als Zeitungsüberschrift schon etwas bedenklich. Die Form "gestriffen" gibt es gar nicht, selbst Pullover sind gestreift. Bei dem Verb "schleifen" ist es etwas anderes, und so ist dieser Fehler wahrscheinlich auch entstanden. Da gibt es zwei Formen: Wird "schleifen" im Sinne von schärfen gebraucht, dann heißt es im Perfekt "geschliffen". Wenn es aber "hinter sich herziehen" bedeutet, dann wird es im Perfekt zu "geschleift".

Sie sprachen von Ihren eigenen Fehlern, haben Sie vielleicht eine kleine Dativ-Genitiv-Schwäche, sorgen Konjunktiv oder Fugen-s bei Ihnen womöglich regelmäßig für Irritationen?
Beim Tippen auf der Tastatur mache ich immer wieder die gleichen Fehler, da hat man so seine eingeschliffenen Bewegungsmuster. Den Namen Christian schreibe ich immer Chrisitan, ich weiß nicht, wieso. Ich muss natürlich im Alltag immer wieder nachgrübeln, über jeden einzelnen Satz. Aber darüber nachzudenken, was man sagen will, kann ja auch nicht schaden. Ich bin nicht mit dem Löffel der Weisheit auf die Welt gekommen, sondern musste mir wie jeder andere auch meine Muttersprache erarbeiten. Ich feile bis heute an meinen Sprachfähigkeiten. Das hört nie auf.

Bastian Sick

Feilt noch immer an seinen Sprachfähigkeiten: Bastian Sick.

Quelle: Bastian Sick / CC 0

Die deutsche Sprache gilt im Vergleich zur englischen als kompliziert. Macht sie das in Ihren Augen edler oder nur sperriger?
Ich habe mal geschrieben: Englisch ist der Volkswagen unter den Sprachen, Deutsch ist der Rolls-Royce. Das eine ist ein Massenprodukt und relativ leicht zu beherrschen. Das andere hingegen ist nicht für jedermann, sondern für den gehobenen Anspruch.

Gibt es eine Sprachspielart, die Aggressionen bei Ihnen auslöst, wenn jemand etwa zwei Espressis bestellt?
Nein, viele Menschen denken, dass ich über Fehler in Rage gerate. Aber dann läge ich schon längst auf der Intensivstation. Ich liebe die Sprache und versuche ihre Besonderheiten zu ergründen und zu erklären. Je mehr man sich mit ihr beschäftigt, desto besser versteht man auch, wie es zu den Fehlern kommt. Viele Menschen sprechen von "Antibiotikas" oder "Praktikas", weil sie nicht wissen, dass Praktika schon der Plural ist. Wir sind es bei Fremdwörtern gewohnt, im Plural ein -s anzuhängen: Avocados, Kimonos, Pizzas, Taxis, und nach diesem Muster entstehen auch Graffitis, Spaghettis und Lexikas.

Sie erzählen in Ihren Büchern von Sprachmoden, wie zum Beispiel der Inflation von Apostrophen und Bindestrichen. Was schreibt man diese Saison so?
Heutzutage verwendet man okay immer öfter im Sinne von "aha". Das klingt bisweilen merkwürdig, wenn jemand etwas Schreckliches berichtet wie "Du, der Meier ist gestürzt und liegt jetzt im Krankenhaus", und sein Gegenüber entgegnet mit einem gedehnten "Okay…". Dabei ist das natürlich ganz und gar nicht okay, im Gegenteil. Ein anderes Beispiel ist der Begriff "hallo" im Sinne von "Geht’s noch?!". Hallo ist ein internationaler Begriff, aber wir Deutschen sind die Einzigen, die das Wort in diesem ironischen Sinne gebrauchen. Und dann gibt es jedes Jahr neue Fachbegriffe, die in Mode geraten, vor einiger Zeit war es das Wort Prekariat. In meiner Jugend hat man noch von der Unterschicht gesprochen, aber das gilt heute als abwertend. Im Bemühen um politische Korrektheit wird die Sprache ständig verändert, von der Genderisierung bis zur Entkolonialisierung, aus Negerkuss wird Schokokuss.

Diesem Thema widmen Sie in Ihrem jüngsten Buch ein ganzes Kapitel. Sie plädieren für einen entkrampften Umgang mit der politischen Korrektheit. Weshalb?
Manche glauben, indem sie die Sprache ändern, könnten sie die Gesellschaft verändern. Das bezweifle ich. Mit dem Auslöschen von Wörtern verschwindet die Diskriminierung nicht. Bei einigen Wörtern sind die Empfindlichkeiten auch unterschiedlich gelagert. Ich sehe etwa in dem Begriff "Eskimo" nichts Herabwürdigendes. Die Inuit fordern, "Eskimo" in "Inuit" umzubenennen. Wenn wir aber jedes Volk so nennen würden, wie es sich selbst nennt, müssten wir alle Indianerstämme Nordamerikas umbenennen. Die haben ihre Namen nämlich meist von Nachbarstämmen, die den Europäern bei der Erschließung des Wilden Westens Auskunft gaben. Die Apachen zum Beispiel haben ihren Namen von den Zuñi, bei denen das Wort "apachu" "Feind" bedeutet. Die Apachen selbst nennen sich "Inde", was Volk oder Menschen bedeutet.

Die meisten Menschen beschäftigen sich mit Grammatik ja nur im Deutschunterricht und das auch eher gezwungenermaßen. Wie war das bei Ihnen damals als Schüler?
Sprache war von Anfang an neben der Musik meine große Liebe. In meiner Jugend gab es ja noch keine Computer oder Youtube-Filme oder das ständige Posten und Chatten im Netz. Man hat noch Bücher gelesen. Sie wissen schon: Das sind E-Books aus Papier. Und ich hatte sehr gute Lehrer, die die Regeln noch wirklich kannten und in der Lage waren, sie verständlich zu erklären.

Im Vorwort des sechsten Bandes erzählen Sie von der Geburtsstunde der "Zwiebelfisch"-Kolumne. Sie haben als Korrekturleser bei "Spiegel Online" ziemlich kecke Rundmails über die Fehler der Kollegen geschrieben ...
Ich kam 1999 zu "Spiegel Online". Wir waren damals noch ein junges, überschaubares Team mit vergleichsweise wenig Hierarchien. So konnte ich als Dokumentationsjournalist in die Texte der Kollegen eingreifen und hier und da auf Phrasen hinweisen oder dazu anhalten, über die eigentliche Bedeutung von bestimmten Wörtern nachzudenken. Ich wollte aber nicht wie ein Oberlehrer klingen, das Dozieren war nie meine Art. Stattdessen habe ich das Ganze lieber in Humor verpackt. Denn witzige Texte liest man lieber.

Gab es von Germanisten mal den Vorwurf, das sei pseudowissenschaftlich?
Vorwürfe gab es viele. Einige Linguisten hat es zutiefst irritiert, dass ein Fachfremder, der praktisch auf ihrem Gebiet wildert, einen solchen Erfolg haben kann. Man hat immer versucht, mir Fehler nachzuweisen, und in Einzelfällen hatten die Kritiker auch recht. Doch niemandem ist es gelungen zu erklären, woher mein Erfolg rührt. Ich glaube, es liegt daran, dass meine Bücher eben nicht nur Sachtexte sind, sondern Unterhaltungsliteratur.

Wie steht es denn nun mit dem Genitiv zehn Jahre nach Ihrem ersten Buch?
Der Genitiv wird sich behaupten. Nicht in der Alltagssprache und nicht in den Dialekten, denn dort war er ohnehin nie zu Hause. Der Genitiv war nie ein Volks-, sondern immer ein Bildungsgut. Solange es Menschen gibt, die sich über ihre Sprache Gedanken machen und daran arbeiten, ihre Ausdrucksmöglichkeiten  zu verfeinern, so lange wird es den Genitiv geben. Er ist nämlich sehr nützlich. Er ist ja nicht entstanden, um uns zu quälen, sondern um die Beziehung zwischen Menschen oder Dingen klarzustellen. Der Dativ macht eben nicht immer alles deutlich, das zeigt etwa die irreführende Überschrift "Mutter von vier Kindern erschlagen". So grausam sind Kinder nun doch wieder nicht.

Der sechste ist der letzte Band der Reihe. Werden Sie jetzt ein anderes Thema popularisieren, Differenzialrechnung oder Statistik zum Beispiel?
Die Sprache wird selbstverständlich mein Thema bleiben. Ich wollte nur mal eine neue Form ansteuern: weg von der lockeren Kolumnensammlung hin zum Buch aus einem Guss. Ich plane ein Grammatikbuch für junge Menschen, das die Grundlagen unserer Sprache anschaulich und witzig erklärt. Zurzeit arbeite ich außerdem an einer App, einem Quiz mit vielen spannenden Fragen aus den Bereichen Rechtschreibung, Wortbedeutung und Redewendungen. Das macht viel Spaß. An die deutsche Sprache kann man schließlich unendlich viele Fragen stellen.

Hintergrund
Die Bastian Sick Schau

Erste eigene Fernsehshow: Bastian Sick mit Susanne Pätzold, Jochen Busse und Konrad Beikircher bei der Aufzeichnung der Bastian-Sick-Schau für den WDR im Alten Wartesaal in Köln am 11. Juni 2008

Quelle: WDR Presse / CC 0

Ein Mann für den Konjunktiv und die Ikea-Abteilung "Verstauen und Ordnen"

Druckfrische Bücher, in Vitrinen präsentiert wie kostbarer Schmuck, eine ganze Wand mit Zeitungshaltern, eine Deckenbemalung wie aus barocken Kirchen: Das ehrwürdige Literaturhaus Hamburg ist mit seiner angenehmen Kaffeehausatmosphäre genau der richtige Ort, um einen Sprachhüter zu treffen. Zumal das Ernst-Deutsch-Theater gleich um die Ecke ist.

Bastian Sick, der vor elf Jahren mit dem ersten Band seiner Kolumnensammlung "Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod" einen Überraschungserfolg landete, holt gleich nach der Begrüßung sein iPad heraus und blättert in einem privaten Fotoalbum. Eine ungewöhnliche und höchst anschauliche Form, sich selbst vorzustellen. Sein ganzes Leben trägt der einstige "Spiegel"-Fotoarchivar mit sich herum, vom Einschulungsfoto mit Schultüte und Kniestrümpfen zur kurzen Hose bis zum ersten Theaterauftritt und dem ersten Auto, das sich Sick erst 2008 kaufte.

"Wie heißt es richtig?"

Eine Reihe von Aufnahmen zeigt den Autor als glücklich grinsenden Fan mit den Sängern Udo Jürgens und Mireille Mathieu. Sick hat stets das genaue Datum vermerkt. Eine gewisse Pedanterie schadet wohl weder Archivaren noch Korrekturlesern. Als solcher arbeitete Sick für den Carlsen Verlag während seines Studiums der Geschichtswissenschaft und Romanistik. "Sprachpflege ist etwas für kleine Jungen, die gerne Tabellen anlegen", hat ihm seine Lektorin einmal gesagt. Er widerspricht nicht, obwohl er meint, er gelte zu Unrecht als Erbsenzähler.

Im Gespräch entwickelt der groß gewachsene Autor trotz seiner überschwänglichen Offenheit eine gewisse Oberlehrerattitüde. So fragt er mehrfach nach: "Wie heißt es richtig?" Es verwundert nicht, dass dem 50-Jährigen bei Ikea die Abteilung "Verstauen und Ordnen" am besten gefällt, wie er im sechsten und letzten Band seiner Reihe erzählt. Darin geht es auch um die Unart, "riesen" als Attribut zu verwenden, die Verbannung der Schreibschrift aus den Lehrplänen und Wörter wie "Ungeziefer" und "ungestüm", denen das positive Pendant fehlt. Die Ode an den Konjunktiv ("Wär der Konjunktiv / wieder in, / Gebrauchte / ich ihn permanent! / Ich fühlte / mich darin /Ganz in meinem Element.") steht auch in Schulbüchern.

Sagenhafte Verkaufszahlen

Der gebürtige Lübecker lebt mittlerweile in Niendorf an der Ostsee. 1995 kam er als Dokumentationsjournalist zum "Spiegel", 1999 wechselte er in die noch junge Redaktion von "Spiegel Online". Ab 2003 schrieb er dort die Kolumne "Zwiebelfisch" – so nennen Drucker es, wenn einzelne Buchstaben eines Textes aus einer anderen Schriftart stammen. Die Auflage des zweiten Bandes betrug sagenhafte 200 000.

Sick spricht von sich selbst als Phänomen. Er veröffentlichte zahlreiche weitere Bücher über die Sprache wie etwa "Hier ist Spaß gratiniert" oder "Füllen Sie sich wie zu Hause!" und tourt mit einem Bühnenprogramm. Sein Vorbild ist der Journalist und Sprachkritiker Wolf Schneider. Bastian Sick spricht prononciert und mit sonorer Stimme, mitten im Café stimmt er lauthals Chansons an. Zwischen den Sätzen macht er auffällig lange Pausen. Damit jeder merkt, dass er sich über jede Formulierung Gedanken macht?

may

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