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Haben Sie je um eine Rolle bitten müssen?

Interview mit Charlotte Rampling Haben Sie je um eine Rolle bitten müssen?

Die französisch-britische Schauspielerin kommt im coolen schwarzen Ledermantel ins Hotel. Sie lacht viel, auch mit ihren grünblau schimmernden Augen. Wird ihr aber eine Frage zu persönlich, fährt sie blitzschnell die Krallen aus. Stefan Stosch hat Rampling in Berlin getroffen.

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Charakterdarstellerin und Femme fatale, auch mit 70 Jahren: Charlotte Rampling fasziniert und provoziert gern mit ihren Filmen.

Quelle: Clemens Bilan / dpa

Frau Rampling, Sie haben kürzlich den Europäischen Filmpreis für Ihr Lebenswerk bekommen. Das klingt ziemlich endgültig. Dabei sind Sie auf der Leinwand doch gerade in Bestform ...
Preis fürs Lebenswerk, das ist aber auch ein pompöses Wort. Für mich hieß das einfach nur: Jemand will dich glücklich machen. Es ist für mich immer wieder überraschend, wenn Leute so etwas tun. Aber ich akzeptiere es dankbar.

Aber wollen Sie denn nun schon Bilanz ziehen?
Aber nein! Na ja, ich kann ja nun nicht unbedingt behaupten, dass ich mich in der Mitte meiner Karriere befinde. Aber ich bin gerade aktiver als in manchen früheren Jahren. Deshalb habe ich mich entschlossen, die Auszeichnung als einen Förderpreis zu betrachten. Von jetzt an beginnt ganz einfach etwas Neues für mich im Kino!

Wollten Sie immer schon zum Film?
Ich wusste zumindest immer, dass ich Filme machen würde. Aber ich wusste nicht genau, wann und wie viele – im Leben ist nun mal alles eine Frage des glücklichen Timings. Ich habe meine Entscheidungen aber nie nach Karriere-Gesichtspunkten getroffen. Ich wollte Filme machen, die es wert sind, gemacht zu werden.

Gab es Zeiten des Zweifels?
Ich hatte es leicht, war geradezu privilegiert: Ich habe mich nie bei Castings herumschlagen müssen, ich musste mich nie anpreisen oder jemanden um eine Rolle bitten. Andererseits habe ich aber auch nie Filmen nachgeweint, die ich verpasst habe. So eine Denkensart würde mich nur quälen.

Aber Sie haben doch bestimmt schon mal zum Hörer gegriffen und einen Regisseur angerufen, wenn Sie eine Rolle partout haben wollten?
Einige Kolleginnen sind mit dieser Methode erfolgreich, wie ich aus Erfahrung sehr genau weiß. Aber ich habe das nie getan. Dafür bin ich zu schüchtern. Ich möchte ganz einfach die Auserwählte sein. Ich habe aber auch keine Angst, dass mein Telefon irgendwann nicht mehr klingeln könnte. Und solange das so ist, wird es klingeln. Da bin ich ganz sicher.

Tom Courtenay und Charlotte Rampling in einer Szene des Kinofilms "45 Years".

Tom Courtenay und Charlotte Rampling in einer Szene des Kinofilms "45 Years".

Quelle: Piffl Medien GmbH / dpa

Verstehen Sie sich als europäische Schauspielerin?
Sie werden sich vielleicht wundern: Diese Frage hat mich tatsächlich schon früh beschäftigt. Ich habe im britischen Kino angefangen, wechselte kurzzeitig nach Hollywood, ging dann nach Italien, lebe heute in Frankreich. Schon früh habe ich erkannt, dass ich Teil eines ganzen Kontinents sein will – zugehörig zu verschiedenen Kulturen, Sprachen, Lebensweisen.  

Sie haben Ihre Karriere in den Swinging Sixties begonnen. Das muss eine aufregende Zeit gewesen sein – die aufregendste in Ihrem Leben?
Die außergewöhnlichere Zeit waren für mich die Siebzigerjahre. Filme wie "Der Nachtportier" haben Themen behandelt, an die sich bis dahin niemand gewagt hatte und die dann ja auch Proteststürme auslösten: Eine ehemalige KZ-Gefangene verliebt sich nach dem Krieg in ihren Peiniger und beginnt mit ihm ein sadomasochistisches Verhältnis.

Gut, aber wenn Sie die Leinwand mal vergessen: Wie lebte es sich in den Sechzigern in der Wirklichkeit?
Ich war 18, und all das passierte nun mal in London. Man hing damals mit den Beatles und den Stones in den Clubs herum. Wir waren jung, wir gehörten einer Generation an. Da müssen die Leute heute nicht gleich in Ehrfurcht erstarren, wenn man davon erzählt.

Glauben Sie denn, dass die Sixties im Rückblick oftmals idealisiert und überschätzt werden?
Wenn die Leute diese Zeit überschätzen wollen, dann sollen sie es tun. Das muss jeder für sich selbst definieren. Ich liebte diese Zeit auch, aber ich habe sie ganz einfach gelebt.

Wie hat sich denn das Kino in all den Jahrzehnten geändert?
Gar nicht so sehr. Es gibt immer noch gute wie schlechte Geschichtenerzähler. Und wir brauchen diese Geschichten, weil wir unser eigenes Leben dann besser verstehen. Wir beziehen unsere eigene Existenz auf die Erzählungen, die wir auf der Leinwand sehen – oder meinetwegen auch auf dem iPad.

Welches ist Ihr persönlichster Film?
Vielleicht "Unter dem Sand" von François Ozon: Eine Frau verliert ihren Mann bei einem Badeurlaub an das Meer und kann sein Verschwinden nicht akzeptieren. Ebenso sind aber auch "Nachtportier", "Max mon Amour", "In den Süden", ganz bestimmt auch "45 Years" etwas Persönliches. All diesen Filme haftet etwas Intimes an. Wenn Sie so wollen, bebildere ich mein Leben mit diesen Rollen.

Charlotte Rampling in "Der Nachtportier"

Eine ihrer liebsten Rollen: Charlotte Rampling 1974 in dem Skandalfilm "Der Nachtportier"

Quelle: Verleih

Wie meinen Sie das?
Sie bekommen  gewissermaßen die Essenz von mir zu sehen. Wir Schauspieler begeben uns auf eine Seelenreise und tauchen tief in die Rolle ein. Wir sind Leinwandarchäologen und machen Ausgrabungen.

Schätzen Sie eigentlich die so hochgelobten Fernsehserien?
Jedenfalls momentan sind sie fantastisch. Ich habe in zweien mitgespielt, in "Restless" und "Dexter". Aber ich würde es so schnell wohl nicht wieder tun.

Warum nicht?
Ich möchte lieber etwas Neues machen. Das war immer mein Prinzip: etwas anderes ausprobieren – vielleicht irgendwann ja auch wieder Theater spielen. Ich möchte nie auf einen meiner Filme schauen und sagen: So etwas habe ich doch schon einmal gedreht. In zu viel Routine würde ich ertrinken.

Provozieren Sie gerne?
Ich hoffe, Sie beziehen die Frage auf meine Filme. Ja, auf der Leinwand schon. Das liebe ich.

Wir sitzen hier in Berlin, wohin Sie immer wieder zurückkehren: Haben Sie eine besondere Beziehung zu dieser Stadt?
Mein Vater hat in Berlin 1936 die Goldmedaille bei den Olympischen Spielen in der britischen 4x400-Meter-Staffel gewonnen, das war das Rennen seines Lebens. Ich habe hier genau 80 Jahre nach seinem Olympiasieg erst den Silbernen Bären für "45 Years" gewonnen und jetzt gleich zwei Europäische Filmpreise. Für mich sind das so Zeichen und Wunder, wie sie das Leben ausmachen. Und das meine ich ganz ernst.

Wenn eine junge Schauspielerin Sie um einen Rat bitten würde, was würden Sie ihr empfehlen?
Das, was ich jedem rate, der etwas wirklich will: Tu es einfach! Du findest schon einen Weg, wenn du genug Talent, Energie und Feuer hast. Kann sein, dass es ein wenig dauert, vielleicht sogar Jahre. Nun gut, wenn es nach zehn Jahren immer noch nicht geklappt hat, sollte es sich die junge Kollegin vielleicht doch noch einmal überlegen.

Zur Person

Wie macht sie das bloß? Am 5. Februar wird Charlotte Rampling 70, aber Alter scheint für sie keine Bedeutung zu haben. Erwähnt man ihren Namen gegenüber männlichen Kinogängern, werden diese sofort hellwach. Die britisch-französische Schauspielerin ist nun schon ein halben Jahrhundert beides zugleich: Charakterdarstellerin und Femme fatale.

"La Légende" nennen sie die Franzosen. Im Englischen haben Kenner ihren Namen in ein Verb verwandelt: "To rample" bedeutet demnach so viel wie einen Mann mit kühler Sinnlichkeit wehrlos machen. Das trifft es ziemlich genau. Rampling kann in ihren Rollen Versuchung sein, Männer aber auch mit durchdringendem Blick eiskalt zur Strecke bringen. "The Look" lautete der Titel eines Dokumentarfilms über sie vor ein paar Jahren.

Begonnen hat die Tochter eines britischen Offiziers und einer Kunstmalerin ihre Karriere als Fotomodell, wechselte aber bald schon auf die Schauspielschule – beides gegen den Willen ihres Vaters, der für seine Tochter eine anständigere Zukunft im Sinn hatte. In England gab sie nach eigenem Bekunden zunächst einmal das "Püppchen" im sexy Minirock, war auch in mehreren Folgen der Fernsehserie "Mit Schirm, Charme und Melone" dabei.

Charlotte Rampling in "Max mon amour"

"Max mon amour": Margaret (Charlotte Rampling) verbringt ihre Nachmittage in den Armen des Schimpansen Max (Aisla Berk).

Quelle: Verleih

Der Durchbruch gelang ihr 1969 in Italien: Sie spielte die Nichte eines deutschen Stahlmagnaten in Luchino Viscontis opernhaftem Melodram "Die Verdammten", einem umstrittenen Werk mit Verweisen auf die Krupp-Dynastie und deren Verwicklung in den Nationalsozialismus.

Bald drehte Rampling mit Patrice Chéreau ("Das Fleisch der Orchidee", 1975), mit Woody Allen ("Stardust Memories", 1980), Sidney Lumet ("The Verdict – Die Wahrheit und nichts als die Wahrheit", 1982) oder mit Lars von Trier ("Melancholia", 2011). In Nagisa Oshimas "Max mon Amour" spielte sie eine Ehefrau aus besseren Kreisen, die sich in einen Schimpansen verliebt – noch so ein Aufregerfilm aus der Kinogeschichte.

Dazwischen gab es aber immer wieder auch stillere Phasen, Rampling kämpfte mit Depressionen. Die zeitweilige Unnahbarkeit bringt sie selbst in Verbindung mit dem Selbstmord ihrer Schwester, die sich als 23-Jährige erschoss. Jahrzehnte lang lebte die Familie mit der Lüge, die Schwester sei an einer Gehirnblutung gestorben – um die gesundheitlich schwer angeschlagene Mutter zu schonen. Erst nach deren Tod verriet Ramplings Vater seiner Tochter die Wahrheit.

Neues Karrierehoch

Es war ein französischer Regisseur, der Ramplings Karriere in den vergangenen Jahren wieder so richtig in Schwung brachte: François Ozon drehte mit ihr das Drama "Unter dem Sand" (2000), einen Film, der ihr nahe ging, danach folgte die ganz anders gelagerte Krimikömödie "Swimming Pool" (2003).

Momentan feiert Rampling Erfolge mit dem feinfühligen Drama "45 Years" (Regie: Andrew Haigh). Darin muss eine Frau (Rampling) nach 45 Jahren Ehe feststellen, dass die Beziehung zu ihrem Mann (Tom Courtenay) auf einer viel weniger stabilen Grundlage ruht als gedacht. Viele halten ihren Auftritt in dem Film für oscarreif. Diese Auszeichnung fehlt ihr noch.

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