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Wie ehrlich ist die Schauspielerei?

Interview mit Lars Eidinger Wie ehrlich ist die Schauspielerei?

So leicht ist Lars Eidinger nicht zu erwischen. Zwischen Kino, Fernsehen und Bühne ist er unterwegs. Aber wenn der 39-Jährige einmal anfängt zu erzählen, dann steigt er gerne tiefer ein. Da geht es um Geltungssucht, Theater als Sexorgie oder auch Fitnessgeräte am Filmset.

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Lars Eidinger wird von seinen Theaterkollegen gerne "Die Rampensau" genannt.

Quelle: Uwe Zucchi/dpa

Herr Eidinger, Sie brechen gerade zu Dreharbeiten auf. Wohin geht’s?
Nach St. Petersburg, ich spiele in einem russischen Kinofilm über die Romanows. Ich bin der letzte russische Zar Nikolai II. Eine Riesenproduktion: 30 Millionen Dollar Budget. Mit der Rolle bin ich jetzt schon beinahe zwei Jahre beschäftigt, insgesamt hatte ich 80 Drehtage.

Wie sind Sie da denn ran gekommen?
Der Regisseur hatte schon fünf Jahre lang einen Schauspieler gesucht. Russische Schauspieler haben einen fast lähmenden Respekt vor dem letzten Zaren, er wird bei ihnen als Heiliger verehrt. Dann hat mich Regisseur Alexei Uchitel in Moskau gesehen, als ich dort "Hamlet" spielte und mich zum Vorsprechen eingeladen.

Klingt nach einem Wunschprojekt von Wladimir Putin.
Das Projekt hatte seinen Ursprung lange vor dem Ukraine-Konflikt. Aber wer weiß: Vielleicht hätte ich mich mit meinem jetzigen Wissen um die politische Entwicklung sogar dagegen entschieden.

Spielt Ihr berühmtester russischer Schauspielerkollege, Gérard Depardieu, auch mit?
Nein, in Russland wird Depardieu, jedenfalls nach meiner Erfahrung, eher als Steuerflüchtling wahrgenommen. Er hält sich wohl auch kaum im Land auf. Ich habe aber kürzlich eine sehr witzige Uhrenwerbung mit ihm in der Schweiz gesehen: Da blickt Depardieu über seinen hochgeschlagenen Mantelkragen, und darunter steht: "Proud to be a Russian".

Soweit bekannt, kann der stolze Russe Depardieu kein Russisch. Können Sie es?
Leider nein. Ich bin in West-Berlin aufgewachsen und habe Russisch rein phonetisch lernen müssen. Eine mühselige Angelegenheit. Man muss aufpassen, nicht so autistisch vor sich hinzuspielen. Man versteht ja auch die Antworten der anderen nicht.

Im deutschen Kino sind russische Aristokraten selten zu besetzen: Sie haben dafür viel Familien- und Beziehungsstress, aktuell als ungnädig aufgenommener Sohn im Film "Familienfest". Suchen Sie nach solchen Rollen?
Ein Schauspieler ist auf Angebote angewiesen. Und die richten sich nach dem, was man von ihm kennt. Mich hat Maren Ades Film "Alle Anderen" 2009 bekannt gemacht. Ich bin also glücklicherweise auf einem gewissen Niveau eingestiegen, an dem sich die Folgeangebote orientiert haben.

Ist Thomas Vinterbergs Familien-Zerfleischungsdrama "Das Fest" ein Lieblingsfilm von Ihnen?
Zumindest ist das ein grandioser Schauspieler-Film. Mich hat überhaupt die ganze dänische Dogma-Bewegung damals stark interessiert, da war ich gerade auf der Schauspielschule. Diese direkte, ungekünstelte Spielweise hat mich geprägt.

Nimmt man solche Rollen mit nach Hause? Sagt Ihnen Ihre Frau abends: Lars, komm mal runter?
Es gibt ja sogar Schauspieler, die es ablehnen, Rollen zu übernehmen, in denen sie etwa Krebskranke spielen – aus der Angst heraus, dass sie dann Krebs kriegen. Klar, das ist Aberglaube. Aber man fantasiert sich in die Figur hinein. So etwas Ähnliches ist mir auch im Fall des Romanow-Films begegnet: Ich bin in Russland oft gefragt worden, ob ich mich nicht vor den Konsequenzen fürchte, die der vom Unglück verfolgte Nikolai II. auf mein Leben haben könnte.

Und? Fürchten Sie sich?
Abgründige, konfliktbeladene Rollen beschäftigen mich schon über den Dreh hinaus. Wahrscheinlich nehmen aber auch Börsianer oder Chirurgen ihren Job mit nach Hause. Ich sehe das als Bereicherung: Ich lerne, mich mit mir auseinanderzusetzen. Eine Rolle kann etwas Therapeutisches haben. Genau das macht die Qualität meines Berufs aus.

Lassen sich Theater und Kino problemlos verbinden?
Tatsächlich gerate ich immer wieder in Konflikte. Ich übe ja quasi zwei Berufe gleichzeitig aus. Am Abend bin ich noch "Richard III." an der Schaubühne in Berlin, am nächsten Morgen fliege ich irgendwohin ans Set. Andererseits bleibe ich immer im Spielmodus: Ein Sportler, der viel trainiert, bleibt in Form.

Foto: Lars Eidinger spielt derzeit an der Berliner Schaubühne die Hauptrolle in "Richard III."

Lars Eidinger spielt derzeit an der Berliner Schaubühne die Hauptrolle in "Richard III."

Quelle: Kay Nietfeld/dpa

Warum entscheiden Sie sich nicht für eines von beiden – Theater oder Kino?
Meine Steuerberaterin würde sagen: Dreh doch lieber mehr Filme, da verdienst du in zwei Tagen so viel wie in einem Monat am Theater, wo du dir jeden Abend als Hamlet den Arsch aufreißt. Tatsächlich interessiert mich Film im Moment auch schon deshalb sehr, weil für mich noch vieles neu ist. Aber Theater ist intensiver. Film ist so eine Art Quickie, Theater eine Sexorgie.

Wie meinen Sie das denn?
Film ist stark auf das Erlebnis des Zuschauers ausgerichtet, Theater profitiert vom Erleben des Schauspielers: Man schaut zu, wie jemand etwas durchlebt. Im Kino dagegen wird getrickst. In "Familienfest" habe ich heftige Schweißausbrüche. Ich hätte mir auch Glycerin ins Gesicht spritzen lassen können, aber ich habe mir lieber einen Heimtrainer neben das Set gestellt und mich zehn Minuten lang abgestrampelt. Keine Ahnung, ob der Zuschauer das wahrnimmt, aber ich finde es glaubwürdiger.

Würden Sie für eine Rolle so weit gehen wie Matthew McConaughey, der als Aidskranker bis auf die Knochen abgenommen hat?
Nein. Ich habe für den Endzeitthriller "Hell" mal zehn Kilo abgenommen. Ich bin aber sowieso schon schlank, das ging an die Substanz. Seitdem habe ich die Tendenz zu Essstörungen und sofort ein schlechtes Gewissen, wenn ich zu viel Weißbrot esse. Vor "Hell" habe ich gegessen, was ich wollte, und es ging mir gut damit.

Okay, aber McConaughey hat jetzt einen Oscar im Schrank.
Stimmt, aber er hat auch seinen Körper zerstört. Eine schauspielerische Leistung ist schwer messbar, während sich eine Hungerkur ganz konkret auf der Waage niederschlägt. Ich will aber nicht, dass ein Arzt bei den Dreharbeiten am Rand stehen muss, um zu beobachten, ob ich gleich tot umfalle. Ich brauche meinen Körper noch für die nächste Rolle.

Würden Sie bei einem Film von Til Schweiger mitmachen?
Nein, einfach weil mich seine Filme nicht interessieren. Allerdings ist schon beachtlich, wie viele Zuschauer er zieht. Andere freuen sich über Hunderttausende, bei ihm sind es Millionen. Das muss man schon anerkennen.

Würden Sie einen Nazi in Hollywood spielen – eine der Rollen, die gerne an deutsche Darsteller vergeben werden?
Damit habe ich gar kein Problem, sofern das Thema in der nötigen Komplexität behandelt wird. Probleme kriege ich eher bei der Darstellung der Opfer – und zwar immer dann, wenn wohlgenährte deutsche Schauspieler sich eingefallene Wangen schminken lassen und KZ-Häftlinge spielen. Ich sehe dann immer die Gefahr, das Leid, das diese Menschen erfahren haben, zu banalisieren. Übrigens spiele ich demnächst einen Nazi: in der BBC-Serie "SS-GB". Die handelt von der fiktiven Besatzung Großbritanniens durch die Nationalsozialisten.

Muss man als Schauspieler von einer gewissen Geltungssucht beseelt sein?
Jeder hat einen gewissen Geltungsdrang. Nicht nur Schauspieler sind eitel, sondern auch alle anderen Menschen. Jeder kontrolliert doch sein Aussehen im Vorbeigehen mit einem Seitenblick in der Spiegelung eines Schaufensters. Schauspieler haben eher einen Minderwertigkeitskomplex: Sie brauchen die Bestätigung durchs Publikum. Sie wollen hören, dass man sie lieb hat. Wenn einem Schauspieler die Liebe des Publikums entzogen wird, fühlt er sich schnell verloren.

Die Frage hatte einen Hintergedanken: Manche sprechen etwas despektierlich von der "Lars-Eidinger-Bühne" und meinen die Schaubühne, bei der Sie Ensemblemitglied sind.
Ach so? Das sind ja nicht wir, die "Lars-Eidinger-Bühne" draufschreiben. Das macht das Feuilleton, das wird von außen definiert. Ich laufe ja nicht rum und nenne mich Star, dafür sind Journalisten wie Sie verantwortlich. Das ist so, als ob jemand eine Stinkbombe wirft und sich dann erkundigt, wie man mit dem Gestank zurechtkommt.

Und wie gut ist die Luft bei Ihnen im Ensemble?
Natürlich besteht die Gefahr, dass die Atmosphäre innerhalb einer Gruppe vergiftet wird, wenn ein Einzelner herausgestellt wird. Ich kann aber nur sagen: Die Stimmung im Ensemble ist super. Neider gibt es immer, aber ich biete ihnen keine große Angriffsfläche. Ich bin kein egomanischer Einzelgänger. Experte fürs Maßlose, Rampensau oder Berserker auf der Bühne nennen mich andere. Das ist im Theater wie bei einer Fußballmannschaft: Da wird auch immer der Stürmer hervorgehoben, kein Mensch schreibt über den linken Verteidiger.

Striptease, Breakdance oder einfach mal schweigen

Von Provokation hält der Schauspieler Lars Eidinger viel. Aus den Reaktionen des Publikums bezieht er seine Antriebskraft auf der Bühne. Schon einiges hat sich das Ensemblemitglied der Schaubühne in Berlin einfallen lassen, um in Schwung zu kommen: In Shakespeares "Ein Sommernachtstraum" legte er einen Striptease hin, den Dänenprinz "Hamlet" verwandelte er in einen Breakdancer.

Bei beiden Inszenierungen führte Thomas Ostermeier Regie, den man getrost als Entdecker Eidingers bezeichnen kann. Allerdings fanden die beiden zunächst nicht recht zueinander. Was soll man auch von einem Schauspieler halten, der beim Vorspielen eine Minute lang einfach nur dasitzt und ein Bonbon lutscht? Das war Eidingers Interpretation von Franz Moors Monolog aus Schillers "Die Räuber", in dem Moor über den Mord an seinem Vater sinniert. Eidinger hatte das Selbstgespräch gewissermaßen in sein Inneres verlegt, beeindruckte aber offenbar trotzdem seine Zuschauer.

Ostermeier ignorierte die so eigenwillige Schauspielkraft in seinem Ensemble erst einmal rundheraus. Genauso untersagte er Eidinger Ausflüge ins Kino, was diesen ziemlich gewurmt haben muss. Beides hat sich ziemlich bald geändert: Heute gilt Eidinger als Schaubühnen-Star, und er hat eine Zweitkarriere in Film und Fernsehen gestartet.

Foto: Lars Eidinger in "Alle Anderen"

Mit dem Berlinale-Film "Alle Anderen" gelang Lars Eidinger der Durchbruch als Filmschauspieler.

Quelle: Prokino

Der Durchbruch gelang Eidinger mit Maren Ades intensivem Beziehungsdrama "Alle Anderen" (2009), in dem ein auf den ersten Blick zufriedenes Paar sich im Sardinien-Urlaub unmerklich entfremdet. Birgit Minichmayr war damals Eidingers Partnerin. Der Film wurde als treffliches Generationenporträt verstanden und bei der Berlinale gefeiert. Plötzlich war Lars Eidinger berühmt – und galt ganz nebenbei auch noch als exemplarische Besetzung, wenn es darum ging, übersensible 30-Jährige zu spielen.

In seinem aktuellen Kinofilm "Familienfest" (Regie: Lars Kraume, Start: 15. Oktober) ist er als einer von drei Söhnen zu sehen, die zum Geburtstag ihres auf Konflikt gebürsteten Vaters (Günther Maria Halmer) nach Hause zurückkehren. Alte Wunden werden wieder aufgerissen. Dann kippt die Feier ins Tragische – und nichts ist mehr so, wie es zuvor war.

Der 1976 geborene Sohn einer Kinderkrankenschwester und eines Ingenieurs hat konsequent daran gearbeitet, sich seinen Traum vom Schauspielerberuf zu erfüllen: Nach dem Abitur besuchte Eidinger die Berliner Schauspielschule Ernst Busch. Er gehörte zu einem Jahrgang, in dem sich ganz besonders talentierte Nachwuchskräfte versammelten. Dazu zählen Devid Striesow, Fritzi Haberlandt und auch Nina Hoss.

Vermutlich ist Eidinger der Extrovertierteste in dieser Gruppe. Im Gespräch lässt er ganz nebenbei Sätze fallen, die fürchterlich arrogant klingen. Er sagt diese Sätze trotzdem – und schiebt dann Erklärungen nach, die das Eigenlob nicht gänzlich aufheben, aber doch elegant relativieren. Lars Eidinger ist ein viel zu kluger Darsteller, als dass er nicht wüsste, dass eine überzeugende Show mit Substanz unterfüttert werden muss.

sto

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