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Sind Sie eine Helikopter-Mutter, Frau Delpy?

Interview mit Julie Delpy Sind Sie eine Helikopter-Mutter, Frau Delpy?

Der Jetlag vom Flug aus Los Angeles steckt Julie Delpy noch in den Knochen. Und doch wirkt die 46-Jährige putzmunter. Irgendwann aber dringt Müdigkeit durch ihre Worte – und diese Erschöpfung einer Regisseurin in Hollywood ist nicht der Zeitdifferenz geschuldet. Stefan Stosch sprach mit ihr.

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Eine Französin in Hollywood: Julie Delpy ist Autorin, Regisseurin und Schauspielerin – und kämpft für mehr Filme von Frauen.

Quelle: NFP marketing & distribution, Anne Wilk

Julie Delpy, Sie lassen gerne persönliche Erfahrungen in Ihre Filme einfließen: Wie ist denn Ihr kleiner Sohn Leo so drauf – hoffentlich nicht so selbstbezogen wie die Titelfigur in Ihrer neuen Komödie "Lolo"?
Auf keinen Fall! Mein Sohn ist sieben Jahre alt, sehr süß, einfühlsam, er sorgt sich ständig um mich. Für sein Alter ist er erstaunlich wenig egoistisch, aber ...

Dann bin ich beruhigt.
... natürlich fragt man sich als Mutter ständig, wie man sein Kind erzieht, damit es gesund, glücklich und zu einem sozial agierenden Menschen wird. Ich habe viele Eltern gesehen, die mit ihren Kindern gar nicht klarkommen. Wie bekommt man Kinder in diesen schwierigen Zeiten anständig groß? Darauf weiß ich keine Antwort, tue aber mein Bestes.

Also doch eigene Erfahrungen?
Gar nicht, ich wollte von Frauen Mitte vierzig erzählen, die sich wieder verlieben – und auch davon, wie es ist, in die Hände von narzisstischen Personen zu geraten. Das kann ein Arbeitskollege oder ein Ex-Mann sein, beim eigenen Kind wird es aber erst so richtig kompliziert: Von einem Freund kann man sich trennen, von einem Kind nicht.

Wo ist Ihr Sohn denn jetzt gerade?
Leider nicht hier in Berlin, deshalb fühle ich mich auch gar nicht so gut. Er befindet sich im Flugzeug auf dem Weg von London nach München.

Was, allein, in dem Alter? Etwa mit einem Schild um den Hals, auf dem steht "München"?
Nein, nein, nein. So etwas würde mir das Herz brechen. Leo darf frühestens allein reisen, wenn er 14 ist. Jetzt gerade ist er mit seinem Vater unterwegs. Mir würden überhaupt nur zwei, drei Leute einfallen, denen ich meinen Sohn anvertraue.

Sind Sie etwa eine Helikopter-Mutter?
Sie meinen: übervorsichtig und überbehütend? Ein bisschen wohl schon.

Denken Sie schon über den Moment nach, in dem Ihr Leo ausziehen und auf eigenen Beinen stehen will?
Ja, den Gedanken halte ich gar nicht aus. Lassen Sie uns bitte über etwas anderes reden – vielleicht über meinen Hauptdarsteller Dany Boon? Ein Gespräch über meinen Sohn vertrage ich nicht so gut, wenn ich weiß, dass Leo irgendwo da oben in der Luft ist.

Okay, reden wir über Leos Filmmutter Violette, also über Ihre eigene Rolle: Können Sie sich im wirklichen Leben vorstellen, sich in einen Mann zu verlieben, der Socken zu Sandalen trägt?
Oh ja, ich hatte schon mehrfach Dates mit Männern mit Socken in Sandalen. Ich kenne auch Deutsche, die so rumlaufen.

Tatsächlich?
Okay, es spricht vielleicht nicht für den ganz guten Geschmack. Aber die Filmfigur Violette hat damit keine Probleme. Sie kommt zwar aus dieser Modewelt, aber sie ist nicht so von oben herab, als sie diesen ungestylten Typen im Urlaub trifft. Ihr geht es nicht um Oberfläche, sondern um den Inhalt.

Dieser Jean-René, gespielt von Dany Boon, verfügt offenbar ja auch über andere Qualitäten ...
Stimmt, er ist gut im Bett!

Bei diesem Thema sind Violette und ihre Freundin Ariane erstaunlich offen in ihren Gesprächen.
Sie spielen jetzt auf die Szene im Zug an, in der die beiden sich übers "Muschilecken" unterhalten, richtig? Die Szene habe ich in einem Rutsch verfasst. Wenn ich schreibe, zensiere ich mich nicht. Das habe ich aus der "Before"-Filmreihe gelernt: Nur Regisseur Richard Linklater, Ethan Hawke und ich kennen das Skript, dann legen wir los. Bei "Lolo" wollte ich aber keinesfalls vulgär werden, wie es so oft in Teenie-Filmen passiert, wenn die Witze auf die Gegend unter der Gürtellinie abzielen. Die beiden Freundinnen sind aber keine Küken, die haben schon einiges erlebt. Für Männer ist das vielleicht ein kleiner Schock.

Julie Delpy als Violette in "Lolo - Drei ist einer zuviel"

Julie Delpy als Violette in "Lolo - Drei ist einer zuviel"

Quelle: The Film / dpa

Wieso?
Männer wissen doch oft gar nicht, wie ausgiebig sich Frauen über die praktischen Dinge der Liebe unterhalten. Frauen reden nicht nur darüber, ob sie einen Strauß Blumen beim letzten Rendezvous überreicht bekommen haben. Ich spreche mit meinen Freundinnen genauso offen über Sex wie Violette. Auch die angeblich so verklemmten Amerikanerinnen tun das übrigens – und das in einer wirklich humorvollen Art. Und in meinem Film geht’s eben um Oralsex und die Freiheit, darüber zu lachen. Es gibt ja leider nicht so viele Ecken auf dieser Welt, wo das für Frauen möglich ist.

Gerade in Hollywood hat man das Gefühl, dass die Freiheit für Frauen sowieso begrenzt ist.
Das ist jetzt ein anderes Thema. Aber okay, Hollywood hat ein Problem mit Regisseurinnen. Sie kommen dort kaum vor. Es gibt zwischen ihnen keine Solidarität, sie stärken sich nicht gegenseitig. Überhaupt hilft dir niemand in Hollywood. Regieführen wird schnell zur Sackgasse.

Ändert sich da nicht gerade etwas?
Ja, aber es passiert das Falsche. 24-Jährige werden als Actionheldinnen besetzt, die dann aber nichts anderes tun, als sich genau wie Männer zu benehmen. Das ist doch keine feministische Revolution! Da steht einfach nur eine hübsche, junge Frau vor der Kamera. Es ginge aber darum, Frauen hinter die Kamera zu bringen. Sogar mein kleiner Sohn Leo hat bei "Star Wars" über die Heldin Rey gesagt: "Keine Frau kämpft so." Und er hat recht!

Wenn alles so schrecklich ist: Wie halten Sie es so lange schon in Hollywood aus?
Hollywood ist der schrecklichste Platz überhaupt! Aber wenn die Frauen nicht dahin gehen, wer soll dann diese Auseinandersetzung führen? Wir müssen das System von innen verändern. Es bringt nichts, wenn Frauen Filme in Frankreich drehen.

Ihr aktueller Film ist eine rein französische Produktion.
Ja, aber ich lege mich gerade ins Zeug für zwei andere US-Projekte.

Wie schwierig ist es, dafür Geld aufzutreiben?
Sehr schwierig. Am Ende werde ich die Finanzierung vielleicht doch wieder in Europa auf die Beine stellen müssen. Aber ich will zumindest in den USA drehen. Und noch habe ich nicht aufgegeben. Ich habe Drehbücher in der Schublade, die längst gedreht worden wären, wäre ich ein Mann. Davon bin ich überzeugt. Unzähligen Frauen geht es wie mir. Vielleicht wird es besser mit Amazon und Netflix, wenn diese bessere Filme als die Studios machen und unabhängige Regisseure engagieren. Es wird ja schon besser: Mit Amazon entwickele ich gerade eine TV-Serie.

Stars wie Emma Watson oder Jennifer Lawrence wehren sich heftig gegen die Ungleichbehandlung zwischen Mann und Frau.
Ja, und ich würde mir wünschen, dass sie mehr Druck auf die großen Studios ausüben, Frauen zu engagieren. Sie haben die Macht, nicht Leute wie ich. Ich habe mal ein Drehbuch für eine Frau geschrieben, die wollte einen feministischen Aufkleber auf ihren Film pappen. Tatsächlich aber ging es ihr darum, angehimmelt zu werden wie eine 25-Jährige – dabei war die Frau Mitte 40.

Und dann?
Sie hat mich am Ende rausgeschmissen. Wissen Sie, über Feminismus zu reden und danach zu handeln sind zwei ganz verschiedene Dinge. Viele Frauen wollen dann doch von alten Männern gefilmt werden und das Begehren spüren. Die wütende Rede von Patricia Arquette bei der Oscar-Verleihung vor einem Jahr war toll, aber danach ist nicht viel passiert.

Sie werden ja richtig wütend.
Oh ja. Die Wahrheit ist, dass ich das große Glück habe, meine Filme in Europa drehen zu können – auch wenn das manchmal Jahre dauert. In Frankreich hat sich vieles zum Guten gewendet. Das war noch ganz anders als zu der Zeit, als ich angefangen habe vor einem Vierteljahrhundert. Aber mein Sohn und ich leben nun mal in Los Angeles. Für Independent-Filmemacherinnen wird es immer härter. Wir müssen unsere Nischen finden.

Fühlen Sie sich nach all der Zeit noch fremd in Hollywood?
Durchaus. Ich kann Ihnen sagen, dass in Los Angeles einige Agenten und Produzenten gezielt unterwegs sind, um Frauen zu verletzen. Das sind Leute, die ihre Macht auf keinen Fall teilen wollen. Das ist verrückt, das ist krank. Dieser patriarchalischen Grundordnung ist schwer beizukommen.

Denken Sie gelegentlich daran, das Filmgeschäft ganz aufzugeben?
Manchmal. Aber was soll ich tun? Mein Sohn sagt: Mama, du kannst doch Wissenschaftlerin werden. Vielleicht hat er ja recht: Als Kind war ich gut in so etwas. In 25 Jahren oder so bin ich dann ja vielleicht Astrophysikerin ...

Ach, machen Sie mal lieber weiter Filme ...
Wissen Sie, ich will mich gar nicht so viel beklagen: Ich kann vom Film leben, also in dem Job, den ich wirklich mag. Und hoffentlich bleibt das auch so. Es ist bloß alles so kraftraubend. Manchmal bin ich einfach müde.

Zur Person

Julie Delpy muss man sich als eine Wandererin zwischen den Welten vorstellen: Für die Franzosen ist die 46-Jährige ins schwarze Herz der US-Filmindustrie abgedriftet. Für Hollywood wiederum ist sie die Französin par excellence. Seit vielen Jahren lebt Delpy nun schon in Los Angeles, eine ungewöhnliche Entscheidung für jemanden, der im europäischen Autorenkino seine Meriten erworben hat.

Delpy begann ihre Karriere bei niemand Geringerem als Jean-Luc Godard. Als Assistentin bewarb sie sich bei dem Großmeister. Doch Godard wollte partout, dass die junge Frau mit dem Engelsgesicht, dem blassen Teint und dem entwaffnenden Lächeln vor seiner Kamera steht. Er gibt ihr eine kleine Rolle in "Detective" (1985). Es folgen Auftritte in Leos Carax’ Science-Fiction-Liebesfilm in "Die Nacht ist jung" (1986) sowie in Bertrand Taverniers Mittelalter-Epos "Die Passion der Beatrice" (1987).

Julie Delpy in "Die Passion der Beatrice"

Mittelalter-Epos: Julie Delpy 1987 in "Die Passion der Beatrice"

Quelle: Verleih

Spätestens jetzt werden andere auf die Tochter zweier Theaterschauspieler aufmerksam, die Hauptrollen kann sie sich beinahe nach Lust und Laune aussuchen: In Agnieszka Hollands "Hitlerjunge Salomon" (1990) ist sie die junge Leni, Volker Schlöndorff besetzt sie in "Homo Faber" (1991) als Sabeth (Tochter und Geliebte von Sam Shepard), und der Pole Krzysztof Kieslowski wählt sie aus für "Drei Farben: Weiß" (1994), den mittleren Teil seiner legendären Trilogie über Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit.

Nun könnte sie so richtig durchstarten, doch Delpy geht nach New York und studiert Regie. Sie weiß schon damals, dass es noch mehr Qualifikationen als Jugend, Schönheit und Talent bedarf, um dauerhaft im Filmbusiness zu bestehen.

In den USA läuft es weniger gut. "Die Drei Musketiere", "Killing Zoe", "American Werewolf in Paris": Das sind keine Filme, auf die die Welt gewartet hat. Aber dann folgt "Before Sunrise" (1995), Richard Linklaters zauberhafte Romanze, in der die Französin Céline (Delpy) und der Amerikaner Jesse (Ethan Hawke) eine lange, kurze Nacht durch Wien flanieren und reden, reden, reden. Alle neun Jahre hat das Trio die Geschichte seitdem fortgeschrieben und ist mit "Before Midnight" inzwischen im alltäglichen Krisenmodus einer Patchwork-Kleinfamilie angelangt – ein weiterer Film ist nach Worten von Delpy keinesfalls ausgeschlossen.

Julie Delpy und Ethan Hawke in "Before Sunset" von Richard Linklater.

Julie Delpy und Ethan Hawke in "Before Sunset" von Richard Linklater. Delpy schrieb an dem für einen Oscar nominierten Drehbuch mit.

Quelle: Warner Bros / dpa

Der mittlere Film "Before Sunset" wurde 2005 für den Drehbuch-Oscar nominiert, Delpy hatte am Skript mitgeschrieben. Auch bei diesem Gemeinschaftsprojekt wird eine ihrer Qualitäten deutlich: Sie streut in ihre Filme gern Bezüge ein, die zumindest autobiografisch sein könnten. Das gilt auch für ihre beiden bislang wohl erfolgreichsten Regiearbeiten, die Culture-Clash-Komödien "2 Tage Paris" (2007) und "2 Tage New York" (2012), in denen ihr eigener Vater Albert mitspielt.

Inzwischen hat Delpy einen Sohn, Leo. Ist es Zufall, dass die Produzentin, Regisseurin, Drehbuchautorin und Hauptdarstellerin Julie Delpy mit "Lolo – Drei ist einer zu viel" (Kinostart 17. März) eine Komödie über eine Mutter und ihren missratenen Sprössling vorlegt? Über Selbstironie verfügt Julie Delpy nämlich auch.

Von Stefan Stosch

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