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Sind Sie ein Wahrsager?

Interview mit Investor Peter Thiel Sind Sie ein Wahrsager?

Er ist Mitgründer von Paypal und war einer der ersten Investoren bei Facebook. Der Silicon-Valley-Investor Peter Thiel spricht im Interview mit Dirk Schmaler über das Magische von guten Geschäftsideen und über seine deutschen Wurzeln. Das nächste Projekt des 48-Jährigen: Die Unsterblichkeit.

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Schachspieler, Stratege, Milliardär: Peter Thiel ist einer der erfolgreichsten und einflussreichsten Investoren im Silicon Valley.

Quelle: Imago

Herr Thiel, sind Sie so etwas wie ein Wahrsager?
Nein, das ist der falsche Ansatz. Ich glaube nicht, dass die Zukunft etwas ist, das es schon gibt. Ich denke, der beste Weg, die Zukunft zu beeinflussen, ist es, sie selbst zu machen.

Sie sind einer der bedeutendsten Investoren im Silicon Valley. Sie haben den Internetbezahldienst Paypal mitgegründet und waren der erste Investor von Facebook und vielen anderen IT-Unternehmen. Wie oft erklären Ihnen Startup-Unternehmer im Fahrstuhl ihre Geschäftsidee?
Der legendäre Elevator-Pitch, ja das passiert tatsächlich. Aber das Problem ist: Man kann eine gute Idee nicht in 30 Sekunden erklären. Auch nicht in einer halben Stunde. Es geht ja nicht nur um die Idee. Ich glaube, die meisten Menschen geben dem Pitch zu viel Bedeutung.

Was braucht es, damit Sie zuhören?
Es ist immer ein Mix aus vielen Faktoren. Das Team ist wichtig, eine einzigartige Geschäftsidee, und man braucht eine interessante Technologie. In der Praxis werden mir oft Projekte von anderen empfohlen, die ich dann über eine längere Zeit begleite und eine Beziehung aufbaue. TV-Shows wie "Die Höhle des Löwen", in denen Investoren Projekte vorgestellt bekommen und sofort einsteigen, sind völlig unrealistisch.

Sie haben ein Buch geschrieben, das heißt "Zero to One".
Wir haben den Titel nicht ins Deutsche übersetzt, sonst klänge es nach einem schlechten Fußballergebnis.

Sie schreiben, Geschäftsmodelle seien nur dann interessant, wenn man sie als erster und als einziger macht. Konkurrenz verdirbt ihrer Meinung nach das Geschäft?
Ja, ich denke, auf dem Gebiet der Technologie funktionieren Geschäftsmodelle nur, wenn sie etwas einzigartiges anbieten. Sicherlich kann man sagen, Google war nur eine weitere Suchmaschine – aber es war die erste, die automatisiert suchte. Facebook war nicht nur ein soziales Netzwerk unter vielen. Es war das erste, das die echten Identitäten der Internetnutzer herausgefunden hat. Das macht es so wichtig.

Silicon-Valley-Superstars dank Paypal: Peter Thiel (links) und Elon Musk.

Silicon-Valley-Superstars dank Paypal: Die Gründer Peter Thiel und Elon Musk. Thiel (links) ist zum Top-Investor geworden, Elon Musk hat mit SpaceX und Tesla Motors Firmen für Raumfahrt und Elektroautos gegründet.

Quelle: afp

Sie sind in Deutschland geboren, haben einen deutschen Vater und sind als Kleinkind in die USA gezogen. Heute repräsentieren Sie den kalifornischen Traum. Bemerken Sie noch etwas Deutsches an sich?
Es gibt einen riesigen Kontrast zwischen Deutschland und den Vereinigten Staaten, insbesondere Kalifornien. Kalifornien ist sehr optimistisch und sehr unsicher zugleich. Die Deutschen hingegen sind sehr pessimistisch, dafür ist das Leben bequem und sicher. Das ist der Unterschied. Vielleicht bin ich etwas pessimistischer als andere. Ich glaube, das ist in Kalifornien ein gutes Korrektiv.

Internetunternehmen behaupten gern, dass sie mit ihrer Geschäftsidee nicht in erster Linie Geld verdienen, sondern vor allem die Welt zu einem besseren Ort machen wollen. Ist das Marketing oder schon eine eigene Religion?
Von beidem etwas. Wenn man ein Unternehmen startet, muss man immer Menschen von etwas überzeugen, was noch nicht existiert. Wenn man genug Menschen überzeugt, wird die Idee real, es wird dann eine sich selbst erfüllende Prophezeiung. So funktioniert das. Dafür ist ein starker Glaube wichtig. Es ist nicht gut, wenn es zu viel Kult gibt, aber es gibt auch ein Problem, wenn es keinen Kult gibt, nichts Magisches, nichts Spezielles. Vielleicht sind die deutschen Unternehmen nicht kulthaft genug. Die Leute sind sehr professionell, aber sie machen vor allem ihren Job und kümmern sich nicht viel darum, ob das Geschäft gut läuft.

Kann Technik die Welt zu einem besseren Ort machen?
Ich bin kein Träumer. Technik hat die Atombombe möglich gemacht und viele andere problematische Erfindungen hervorgebracht. Aber die doppelte Verneinung ist auf jeden Fall richtig: Ich glaube nicht, dass es eine gute Zukunft gibt ohne technologischen Fortschritt.

Warum nicht?
Wenn man sich ins Gedächtnis ruft, dass sechs Milliarden Menschen in sehr armen Ländern leben und wir das Leben bisher vor allem für die eine Milliarde Menschen verbessern, die in der sogenannten entwickelten Welt leben, dann zeigt das, dass wir noch viel mehr technischen Fortschritt brauchen. Dabei kann viel schief gehen, man muss sich nur all diese Science-Fiction-Filme anschauen, um einen Eindruck davon zu bekommen. Aber ich glaube nicht, dass die Alternative zu diesen Dystopien ist, sich in ein viktorianisches Haus zurückzuziehen, um zu leben wie im 19. Jahrhundert. Es gibt hoffentlich noch etwas dazwischen.

Manche im Silicon Valley träumen bereits von eigenen Staaten mit eigenen Gesetzen – etwa auf Plattformen im Meer vor Kalifornien. Sie selbst haben sich einmal für ein solches Projekt ausgesprochen.
Das wird in absehbarer Zeit nicht funktionieren. Das war ein Projekt, das ich vor Jahren einmal unterstützt habe, ein Gedankenexperiment. Es gibt eine interessante Frage dabei: Wie würden Gesellschaften aussehen, wenn man sie vom Reißbrett entwerfen würde? Ohne all die Traditionen, historischen Herleitungen und gewachsenen bürokratischen Strukturen.

Der Traum vom Tabula rasa – ist die Tech-Szene in Kalifornien von heute vergleichbar mit der Hippiekultur der Sechziger- und Siebzigerjahre?
Das ist eine interessante Frage. In San Francisco gab es früher tatsächlich starke Gegenkulturen mit den Hippies und der Schwulenbewegung. Heute dominiert diese Strömungen die amerikanische und auch die europäische Gesellschaft. Das Silicon Valley und die Tech-Branche setzen etwas gegen die Technikfeindlichkeit. So gesehen sind die Startup-Unternehmer die Hippies von heute, die Gegenkultur zur westlichen Welt.

In Europa schaut man mit großen Augen und fasziniert, aber auch ängstlich auf Kalifornien, weil dort immer mehr entschieden wird, was alle betrifft. Es entsteht der Eindruck, die Firmen im Silicon Valley wüssten alles über uns. Das macht Angst. Können Sie das verstehen?
Es ist schwierig, die richtige Balance zu finden aus Datensicherheit auf der einen und Benutzerfreundlichkeit auf der anderen Seite. Ich will das nicht kleinreden: Es gibt ein Problem im Silicon Valley, diese Herausforderungen werden unterschätzt. Aber ich denke gleichzeitig immer im Hinterkopf: Wenn Europa in diesen Dingen erfolgreicher wäre, wäre die Debatte eine völlig andere.

Peter Thiel auf der Technologie-Konferenz Techcrunch 50

Peter Thiel im Jahr 2008 auf der Technologie-Konferenz Techcrunch 50.

Quelle: Techcrunch / CC BY 2.0

Haben Sie eine Geschäftsidee, die sie irgendwann einmal selbst umsetzen wollen?
Ich sage Ihnen, warum es so schwierig ist, das zu tun. Wenn Sie einmal extrem erfolgreich sind, ist es fast unmöglich, noch ein neues Unternehmen zu starten. Teil der Dynamik eines Startups ist es, dieses starke Team zu haben, in dem jeder für den anderen da ist. Wenn man extrem erfolgreich und finanziell unabhängig ist, kann man so eine Atmosphäre kaum noch herzustellen.

Finden Sie das schade?
Ich will das nicht romantisieren, ein Unternehmen aufzubauen. Es könnte gehen, wenn man wirklich alles, was man hat, da hineinstecken würde. Aber das will ich nicht. Ich bin mit meiner Rolle als Investor zufrieden.

Was ist aus Ihrer Sicht dass größte technologische Problem, das noch nicht gelöst ist?
Ich denke, das größte Problem der Menschheit ist die Sterblichkeit. Daran müssen wir viel stärker arbeiten. Ich bin nicht bereit zu sagen, das ist kein technisches Problem. Weder Investoren, noch Regierungen und Universitäten kümmern sich in ausreichendem Maße darum.

Woran liegt das?
Die meisten Menschen gehen an dieses Thema mit einer ungesunden Mischung aus Fatalismus und Verdrängung heran. Sie akzeptieren, das wir alle sterben werden und man nichts dagegen tun kann. Und sie verdrängen es gleichzeitig, weil sie denken, es wird einem selbst nicht so bald passieren. Diese Kombination führt zum Nichtstun. Ich glaube, wir müssen diese Einstellung ändern. Wir können den Tod bekämpfen.

Es geht Ihnen nicht darum, das Leben zu verlängern, sondern es geht um Unsterblichkeit?
Ja, das ist das Ziel. Vielleicht nicht in ein oder zwei Jahren. Ich glaube nicht, dass es eine einzige Pille gibt, die das möglich macht. Aber ich denke, wir sollten uns darum kümmern. Das ewige Leben war schon das große Projekt aller frühen Wissenschaft – viel bedeutender als die Alchemie.

Es gibt bereits Ideen, im Computer weiterzuleben, als digitale Abbildung des Gehirns.
Einige glauben, die Lösung könnte in einem neuen Zusammenspiel zwischen Bio- und Computertechnologie liegen. Die Frage ist: Wären wir es wirklich selbst, die da weiterleben? Ich bin da skeptisch.

Zur Person
Mit dem Schachweltmeister Garri Kasparov (links) verbindet Thiel eine langjährige Freundschaft.

Mit dem Schachweltmeister Garri Kasparov (links) verbindet Thiel eine langjährige Freundschaft.

Quelle: privat

Gespräche mit Peter Thiel haben schon viele Menschen zu Millionären gemacht. Der Amerikaner mit deutschen Wurzeln ist einer der einflussreichsten und berühmtesten Kapitalgeber aus dem kalifornischen Silicon Valley. Seine Investments sind Legende.

1998 kaufte er sich der damals 31-jährige Stanford-Absolvent in das damals völlig unbekannte Startup-Unternehmen Paypal ein – und wurde Chef des Dienstleisters für Geldüberweisungen im Internet. Vier Jahre später brachte er Paypal an die Börse und kassierte mehr als 50 Millionen US-Dollar, mit denen er einen Hedgefonds gründete.

Die Erfolgssträhne hielt an. 2004 stieg Thiel als erster Investor überhaupt in ein kleines Startup-Unternehmen im Silicon Valley ein, das Studenten mit einem Internetnetzwerk verbinden sollte. Der Name: Facebook. Das Darlehen für Computertechnik und ein paar Mitarbeiter in Höhe von 500 000 US-Dollar war die wohl spektakulärste Investition Thiels. Nach dem Börsengang 2012 erhielt er für seine 7 Prozent Unternehmensanteile angeblich mehr als eine Milliarde US-Dollar.

Investor, Milliardär, Visionär

Hat dieser Mensch einfach Glück? Oder kann er in die Zukunft sehen? Thiel, der im Gespräch bescheiden und nachdenklich wirkt, hält davon wenig. Für ihn ist Geld investieren harte Arbeit. Er geht solche Dinge eher systematisch als aus dem Bauch heraus an. Mit Wahrsagerei habe das nichts zu tun, erklärt der 48-Jährige. Erstens müsse man fragen, ob es eine gute Branche ist, um zu investieren. Zweitens müsse man sich fragen, was man von diesem Geschäft versteht, was andere nicht verstehen.

"Als ich damals als erster Investor bei Facebook einstieg, hatte Mark Zuckerberg ein exzellentes Geschäftsmodell, und er brauchte nur ein paar Computer, um loslegen zu können. Das war natürlich ein guter Zeitpunkt, um zu investieren. Zweitens war Facebook bis dahin nur auf Colleges ausgelegt, und Investoren gehen meistens nicht ins College. Das war mein Vorteil."

Thiel wurde in Frankfurt am Main geboren. Als er ein Jahr alt war, wanderten seine Eltern in die Vereinigten Staaten aus. Bis heute spricht er Deutsch und ist regelmäßig in Deutschland unterwegs – auch um die Startup-Szene in Berlin im Auge zu behalten, die zu den größten Europas gehört. Thiel studierte Philosophie und Jura an der Stanford University in Kalifornien – Geburtsort vieler Silicon-Valley-Protagonisten.

Leidenschaftlicher Schachspieler

Der Entrepreneur engagiert sich für mehrere Gesundheitsprojekte, vergibt Stipendien für Studenten und entwickelt Visionen für die Zukunft. Außerdem gehört Thiel bis heute zu den besten Schachspielern der USA – auch wenn er seit Jahren nicht mehr Turniere spielt.

Mit dem Schachweltmeister Garri Kasparov verbindet ihn seit vielen Jahren eine Freundschaft, gemeinsam haben beide ein Buch geschrieben, in der sie die Stagnation des technologischen Fortschritts beklagen und mehr Forschungsausgaben fordern, um den globalen Wohlstand zu erhöhen. Parallelen zwischen dem Schach und seiner Tätigkeit als vorausschauender Investor hält er für so naheliegend wie unsinnig. "Das ist nur ein Hobby und hat wenig miteinander zu tun."

Von Dirk Schmaler

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