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Sind Sie es manchmal leid, Popstar zu sein?

Interview mit Morten Harket Sind Sie es manchmal leid, Popstar zu sein?

In seiner Autobiografie offenbart der a-ha-Sänger, dass er früher "dieser seltsame Junge" war, "der Blumen und Schmetterlinge liebte". Mädchen gegenüber war er schüchtern, von seinen Mitschülern wurde er gemobbt. Mathias Begalke erzählt er, warum er sich bis heute wie ein Außenseiter fühlt.

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Sagt von sich selbst, dass er früher ein Tagträumer war und lange unter dem Verlust seiner Privatsphäre gelitten hat: a-ha-Sänger Morten Harket im Interview.

Quelle: Massel

Man sieht es ihm nicht an. Morten Harket ist inzwischen 56 Jahre alt, Typ norwegischer Beach Boy, lässig, nachdenklich. Die lächelnde Melancholie von einst umspielt noch immer Augen und Mund. Sie passt gut zu seiner honighellen Stimme. Dass er am Anfang des Interviews skeptisch wirkt, war zu erwarten, denn er weiß ja noch nicht, ob sein Gegenüber zu den von ihm verachteten "bloody media" gehört, zu den weniger freundlichen Journalisten.
 
Kaum zu glauben, dass Sie in der Schule gehänselt wurden, dass Ihre Mitschüler Sie sogar traten, ohrfeigten, in den Bauch boxten. Das wissen viele Fans gar nicht ...
Wie sollten sie auch. Mein Image, das eines Teenie-Idols, haben die Medien erschaffen. Man hat wenig Einfluss darauf. Allein die Tatsache, berühmt zu sein, lässt eine ziemlich undurchsichtige, blendende Fassade entstehen. Menschen, wir alle, haben eine gewisse Sehnsucht danach, zu jemandem aufzuschauen, ja, jemanden anzuhimmeln, oder etwas zu bewundern, das größer als das Leben erscheint. Das ist grundsätzlich nicht falsch, schränkt aber die Sicht auf diese Person ein.

Wollen Sie mit Ihrem Buch auch klarstellen, dass a-ha mehr ist als ein Pop-Phänomen, dass Sie, Magne und Pål wahre Künstler sind? Diesen Eindruck bekommt man beim Lesen. Hat der gigantische Erfolg gleich der ersten Single "Take On Me" sie davon abgehalten, die Band zu werden, die sie eigentlich sein wollten?
Wenn es passiert, wenn man plötzlich Popstar wird, droht man in einer nicht nachlassenden, massiven Welle der Aufmerksamkeit zu ertrinken. Sie erscheint übermächtig.

Klingt nach einem Tsunami ...
Es gibt nichts Gefährlicheres als eine Meute hysterischer Teenager, die alle auf ein und dasselbe aus sind. Es ist das Gleiche, wie wenn der Mob verlangt: Tötet ihn, werdet ihn los! Es gibt wenig Möglichkeiten, mit dieser Menschenmasse zu kommunizieren. Die Medien werden dabei zu Vermittlern, und manche feuern die Meute geradezu an. Dagegen anzukommen, durch diese Mauer der Hysterie zu kommunizieren ist für eine Band eine Herausforderung. Wir versuchen das mit unserer Musik.

Haben Sie das immer geschafft?
Das hängt nicht nur von uns ab, sondern auch von dir als Fan. Ob du bereit bist, mehr in uns zu sehen als die Band, die "Take On Me" gesungen hat – oder ob du das nicht willst. An mir als Künstler, oder was immer ich bin, liegt es, dich neugierig zu machen, dich für mehr zu interessieren. Scheitere ich, funktioniert diese Kommunikation nicht, dann bleibt nur ein Gesicht, ein Körper, eine Verpackung übrig. a-ha haben es in all den Jahren geschafft, Menschen immer wieder neu zu berühren. Deswegen gibt es uns noch immer. Viele Fans haben mehr in uns gesehen, aber: Wir haben sie für eine ganze Weile nicht hören können in dieser Pop-Fabrik, in der es mehr um unser Aussehen ging als um die Songs.

Sie beschreiben die Fans in den Achtzigern als "Wand aus Kreischen" und "grapschende Masse". Im Buch steht, dass die Türgriffe Ihrer Limousinen unter Strom standen, um Sie zu schützen. Wirklich?
Nein, das stimmt nicht. Diesen Fehler habe ich beim Korrekturlesen übersehen. Er ist mir durchgerutscht. Das Buch hat ein Ghostwriter auf Grundlage von Interviews geschrieben. Ich war naiv zu glauben, dass das funktioniert. Ich habe letztlich wochenlang daran gesessen, ganze Kapitel umzuschreiben. Jede Seite habe ich mehr oder weniger verbessert. Aber noch mal: Es ist mein Fehler. Ich habe genug Interviews gegeben, um zu wissen, was dabei schiefgehen kann.

Trotzdem, interessante Vorstellung, die Türgriffe würden wie ein elektrischer Weidezaun funktionieren ...
Ja, keine schlechte Idee. Wir nennen uns zwar Menschen, sind aber auch nur Säugetiere. Die Frage ist: Wo ist der Unterschied? Ich sage dir, er ist sehr, sehr gering. Was uns unterscheidet, ist unsere Fähigkeit, Dinge infrage zu stellen. Aber eine Menschenmenge und eine Tierherde verhalten sich ähnlich, wenn sie außer Kontrolle geraten. Wir wissen das. Deshalb ist die Hauptaufgabe unserer Security nicht, auf uns zu achten, sondern auf die Fans aufzupassen, sie vor sich selbst zu schützen.

Fühlen Sie sich auch heute noch bedrängt?
Ich habe damals meine Privatsphäre für immer verloren.

Sie beschreiben sich als Frettchen, das sich ducken muss. Können Sie tatsächlich niemals unerkannt Milch einkaufen?
Manchmal kann ich das. Aber ich weiß nie, wann.

Tarnen Sie sich auf der Straße?
Nein. Ich versuche, immer in Bewegung zu sein. Es ist keine gute Idee, irgendwo anzuhalten, weil dies den Menschen Zeit geben würde, auf mich zu reagieren. Wenn sie mich sehen, brauchen sie ein paar Sekunden, um mich wirklich zu erkennen. Das ist die Zeit, die ich habe, um wieder aus dem Bild zu verschwinden. Ich weiß, dass ich erkannt wurde, bevor es die Menschen selbst wissen. Damit kein falscher Eindruck entsteht: Es sind freundliche Fans, aber aus einem wird schnell eine ganze Menge. Ich habe einfach nicht die Zeit dafür.

Sie haben Ihrem Vater von den "Take On Me"-Tantiemen aus Liebe und Dankbarkeit einen Flügel gekauft. Was hat er Ihnen beigebracht?
Respekt. Gegenüber anderen Menschen, gegenüber allen Lebewesen, dem Leben an sich. Und Disziplin. Er und meine Mutter haben mir das nicht eingebläut, sondern vorgelebt. Ruhm und Reichtum beeindrucken mich nicht, auch das habe ich von ihnen gelernt. Sie haben mich gewissermaßen geimpft, indem sie mir zeigten, worauf es im Leben ankommt, und nicht, indem sie mir vorschrieben, dieses oder jenes zu tun.

a-ha spielen 2015 beim Konzert anlässlich der Friedensnobelpreis-Verleihung.

a-ha spielen im Dezember 2015 beim Konzert anlässlich der Verleihung des Friedensnobelpreises in Oslo.

Quelle: Nesvold / dpa

Erziehen Sie Ihre fünf Kinder genauso?
Im Wesentlichen ja. Denn es handelt sich um fundamentale Werte im Leben. Verschiedener Meinung zu sein in bestimmten, kleineren Angelegenheiten, Dinge anders zu regeln als die Eltern, widerspricht dem nicht. Im Gegenteil: Das zeigt nur, dass wir nicht alle gleich sind, dass wir Situationen unterschiedlich lesen und beurteilen. Dies zu akzeptieren hat wieder mit Respekt zu tun.

Ihr Buch endet am 26. Januar 1991 im Maracanã-Stadion in Rio de Janeiro. a-ha spielten vor 195 000 Fans. Sie waren 31 und einer der größten Popstars der Achtziger. Sie schreiben, dort, auf der Bühne, fühlten Sie eine starke Sehnsucht nach Veränderung, Sie fühlten sich erwachsen. Was heißt das? Was unterschied Sie in diesem Moment von dem Jungen, den Sie in "Living a Boy’s Adventure Tale" besingen?
Der Junge in mir war nicht weg, aber ich spürte eine gewisse Stärke, eine Selbstsicherheit, mir war bewusst, was mir guttut und was nicht, ich war imstande, Nein zu sagen, und das aus einem Gefühl tieferer Überzeugung heraus. Erwachsen sein heißt, du kannst die Verantwortung für dich und deine Entscheidungen übernehmen. Du hast mehr Zugriff auf dein eigenes Leben. Die Trennung von a-ha Mitte der Neunzigerjahre, die Scheidung von meiner Frau, das Bedürfnis, mich selbst über das Songschreiben auszudrücken, all das kann zurückgeführt werden auf diesen Moment auf der Bühne in Rio.

Aufgrund des Stresses, immer alles geben zu müssen, verloren Sie in den Achtzigern Ihren Farb- und Geschmackssinn für ein Weile. Sind Sie deshalb heutzutage mit einem Heiler unterwegs? Was macht er?
Wie der Name schon sagt. Ein Heiler kümmert sich um ein Problem oder eine Herausforderung, mit der du nicht fertigwirst, weil du keine Zeit dafür hast oder nicht weißt, was du tun sollst.

Spricht er mit Ihnen?
Nein, er spricht nicht mir mir, er hat einfach nur diese heilende Wirkung.

Ist er auch jetzt in der Nähe?
Nein, es klappt auch am Telefon. Ich nutze ihn seit 16 Jahren, und zwar aus einem einzigen Grund: weil es funktioniert. Ich weiß nicht, wie er das macht. Ich weiß nicht, warum er diesen Einfluss auf mich hat. Ich weiß nur: Es passiert tatsächlich.

Wann bitten Sie ihn um Hilfe?
Es gibt heutzutage Tausende, die sich Heiler nennen. Ich kann über nichts anderes sprechen als über meine Erfahrungen mit meinem Heiler. Auf Tournee ist für mich entscheidend, jeden Tag voll da zu sein, ich muss alles dafür tun, um abends auf der Bühne zu stehen und zu singen, abzuliefern. Das erfordert Disziplin, ein Versagen liegt nicht drin, das gilt für jeden einzelnen in der Crew, denn zu jeder Show strömen Tausende Fans. Du darfst es nicht vermasseln.

Hilft er Ihnen auch gegen die Angst vor Terroranschlägen? Hat die Attacke auf das Konzert der Eagles of Death Metal in Paris Ihr Verhalten beeinflusst? Fühlen Sie sich nun unsicher auf der Bühne?
Nein. Autos rasen tagtäglich dicht an dir vorbei. Eigentlich müssten wir deswegen ständig nervös sein. Das sind wir aber nicht. Wir haben gelernt, mit dieser Gefahr zu leben. Du könntest mit dem Gedanken in ein Flugzeug steigen, dass es möglicherweise abstürzt, aber das wäre extrem anstrengend. Dasselbe gilt für Terroranschläge. Kann so etwas passieren? Ja, das kann es. Doch ließest du die Angst davor in deinen Alltag, würde sie dich davon abhalten, Dinge zu tun. Würde dir das helfen? (kurze Pause) Nein.

Zur Person
a-ha

Plötzlich Popstar: Erst mit der zweiten Veröffentlichung von "Take on me" wurden a-ha in den Achtzigern zu Superstars und Teenieschwärmen.

Quelle: Yutaka Nishimura

Es war kein Senkrechtstart, sondern eine Spätzündung: "Take On Me" erschien das erste Mal im Herbst 1984. "Daran erinnert sich aber kaum noch ein Mensch", schreibt Sänger Morten Harket in seiner Autobiografie "My Take On Me" (Edel Books, 256 Seiten, 19,95 Euro). "Die Veröffentlichung war eine absolute Katastrophe." Anstatt es mit Songs wie "The Wild Boys" von Duran Duran, "Pride" von U2, "Freedom" von Wham! oder "Purple Rain" von Prince and the Revolution aufzunehmen, verkaufte die norwegische Gruppe angeblich nur 300 Exemplare ihrer Debütsingle.

Erst knapp ein Jahr später katapultierten sich Harket, Magne Furuholmen (Keyboards) und Pål Waaktaar-Savoy (Gitarre) weltweit an die Spitze der Charts – mit der zweiten Version des Stücks. Die Band, die in den ersten Jahren von der Pop-Metropole London aus operierte, tat es Abba gleich, bewies, dass Skandinavier ein Händchen haben für global zündende Popmusik. Auf einmal liebten die Menschen "Take on me". Angefeuert durch ein innovatives Musikvideo, in dem Regisseur Steve Barron Bleistiftzeichnungen und Filmaufnahmen kombinierte, kauften sie die Single acht Millionen Mal.

80 Millionen verkaufte Alben

Mit bisher mehr als 80 Millionen verkaufter Alben gehören die Norweger zu den weltweit beliebtesten Popgruppen. Das kunstvolle, intensive "Scoundrel Days", das zweite Album von 1986, nennt Harket heute "die Platte, die wir wirklich machen wollten". Sie enthält den vielleicht besten a-ha-Song, das Trennungslied "Manhattan Skyline", ein rührendes Stück Wavepop, verspielt und vertrackt, mit melancholischer Melodie und einem düsteren Text, der im Widerspruch zur eingängigen Musik steht – viele a-ha-Songs funktionieren nach diesem Muster. Dass Harket Queen-Fan ist, ist nicht zu überhören.

Der 56-Jährige, selbst fünffacher Vater, ist mit drei Brüdern und einer Schwester in einem offenen, liberalen Elternhaus aufgewachsen. Sein Vater war Arzt, seine Mutter Lehrerin. "Mein Vater wollte, dass wir alle ein Musikinstrument spielen lernen." Seine erste Band Laelia Ancepts benannte der naturverbundene Künstler nach einer Orchidee, die er besonders mochte. Beim Interview wirkt der Sänger mit der sanften, hellen Stimme bedacht, aber auch bestimmt.

"Wir gingen nie aufeinander los"

Sein Sanftmut hat offenbar Grenzen: "Wir gingen nie aufeinander los, schrien einander nicht an", beschreibt Harket das Verhältnis zu seinen a-ha-Freunden Magne und Pål, dem Hauptsongschreiber der Band. "Wir waren eher passiv-aggressiv – drei starke, sture Individuen, die wussten, was sie wollten, und sich weigerten, von ihren Standpunkten abzuweichen." Deswegen legten die drei Musiker 1993 nach ihrem fünften Album "Memorial Beach" erstmals eine Pause ein. "So ist es eben mit dem Ruhm – er trennt dich von allen anderen", sagt Harket, der sich nie damit anfreunden konnte, ein Popstar zu sein.

Die a-ha-Geschichte ist von Pausen und Comebacks geprägt. Die Gruppe löste sich jedoch nie auf – nicht 2010, als sie nach 25 Jahren ihr vermeintlich letztes Konzert in Oslo gab, und auch nicht jetzt, nach ihrem zehnten Album "Cast in Steel" und der gerade zu Ende gegangenen Europatournee. "Wer weiß, was passiert", sagt der Sänger. "a-ha sind für immer ein bedeutender Teil meines Lebens."

Von Mathias Begalke

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