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Wann stirbt das Kino denn nun endlich?

Interview mit Hans-Joachim Flebbe Wann stirbt das Kino denn nun endlich?

Hans-Joachim Flebbe ist Unternehmer. Aber Filmliebhaber ist er über all die Jahrzehnte auch geblieben. Erst betrieb er Programm-, dann Groß- und heute Edelkinos. Stefan Stosch sprach mit ihm über ergraute Besucher, Popcorn und die Kinokrise.

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Hans-Joachim Flebbe revolutionierte mit seinem Cinemaxx die deutsche Kinolandschaft. Heute betreibt er edle Filmtheater.

Quelle: dpa

Hannover.  

Herr Flebbe, wann haben Sie das letzte Mal im Kino Popcorn genascht?

Popcorn gehört für mich persönlich im Kino dazu – obwohl es ehrlich gesagt in vielen meiner Premium-Kinos gar kein Popcorn gibt. Da geht es eher exklusiv zu, mit nur ein bis drei Leinwänden und individueller Betreuung – Begrüßungscocktail, kostenlose Garderobe, Getränkeservice am Platz. Die Eintrittskarte kostet dann aber auch um die 15 Euro. Popcorn gibt’s bei uns aber zum Beispiel im Berliner Zoo Palast, einem ehemaligen Multiplex-Kino, das wir umgebaut haben.

Erinnern Sie sich noch daran, wie Sie Anfang der Siebziger in Hannover ins Kinogeschäft eingestiegen sind?

Klar, damals hatte ich lange Haare und Vollbart, studierte Germanistik und Psychologie, später bin ich auf BWL umgeschwenkt, aber irgendwie nie fertig geworden. Ich hatte viel Zeit und war täglich im Kino. Damals hatten Filme lange Laufzeiten, oft Monate. Waren sie aber erst mal verschwunden, dann auf Nimmerwiedersehen. Es gab ja kein Video und erst recht kein Internet. Jahre später tauchten die Filme wieder im Fernsehen auf. Vielleicht.

Heute kaum mehr vorstellbar.

Mich als Cineasten hat das mächtig geärgert. Ich wollte Peter Fonda in „Easy Rider“ über die große Leinwand knattern sehen. Also kreuzte ich bei einem kleinen hannoverschen Kino auf, dem Apollo. Damals lief es dort nicht mehr so gut. Der Besitzer Henk ter Horst hörte sich meine Vorschläge an und hatte den Mut, mich mein Wunschprogramm zusammenstellen zu lassen. Vom ersten Tag an hat das funktioniert. Viele Zuschauer hatten wohl ähnliche Vorstellungen. Geld habe ich anfangs noch gar nicht damit verdient, ich wollte nur bestimmte Filme wiedersehen.

Wie ging es weiter?

Damals wurde kaum mehr ins Kino investiert, die Besucherzahlen gingen runter. Meine Idee war, alte Filmtheater zu renovieren und mit bequemen Stühlen und besseren Leinwänden auszustatten. Zeitweilig besaß ich alle Kinos am Berliner Kurfürstendamm, Säle in Hamburg, Bielefeld, Göttingen und anderswo. Man nannte mich auch den Kino-König von Ostfriesland. Damals zählte ich zu den Top-Ten-Kinobetreibern – war aber hoch verschuldet. Das Geld, das ich einnahm, habe ich gleich wieder investiert. Am schlimmsten war es in warmen Sommern: Wenn die Menschen lieber in die Biergärten gingen, wurden die Bankdirektoren nervös, ob sie ihre Kredite wiedersehen würden.

Wenn das so gut flutschte, warum erfanden Sie die Cinemaxx-Kinos?

Weil ich an Grenzen stieß, vor allem an bauliche. Die Säle wurden ja nicht größer. Dann kam die Konkurrenz durch die privaten TV-Sender hinzu. Es ging ums blanke Überleben, das ist heute also gar nichts Neues. Wir brauchten große Leinwände als Alleinstellungsmerkmal und änderten komplett den Ansatz: Wir begannen, das Kino um die Leinwand herum zu planen – mit einem Zuschauerraum wie in einem Amphitheater, damit jeder über die Köpfe der vor ihm Sitzenden gucken kann.

Wusste das Publikum die Neuerungen zu schätzen, als Sie 1991 das erste Cinemaxx in Hannover eröffneten?

Mir war klar: Entweder wird das ein Riesenerfolg, oder ich bin bis ans Ende meiner Tage ruiniert. Dann applaudierten die Besucher schon, als sie die riesige Leinwand nur erblickten. Und als erst die Sitze beim Dolby-Surround-Ton erzitterten ...

Warum haben Sie so viele Cinemaxx-Kinos hochgezogen, bis es dem Konzern das Genick brach?

Wir sind tatsächlich schnell gewachsen. 1998 gingen wir an die Börse, um die Expansion finanzieren zu können. Bald hatten wir 40 Kinos in Deutschland und 15 in halb Europa, in Polen, Dänemark, Ungarn, Österreich, in der Türkei. Das heute noch erfolgreichste Kino der Schweiz steht in Luzern und war mal ein Cinemaxx. Aber wir hatten keine Wahl: Wir mussten wachsen, wir waren Pioniere. Wer als Erster eröffnete, war der Platzhirsch. Das Problem war: Später genehmigten die Städte weitere Großkinos der Konkurrenz, sogar an so exotischen Orten wie Bielefeld. Dafür gab es einfach nicht genug Publikum.

Wie tief war der Absturz?

Ich war sicher zu risikofreudig, hatte es auch versäumt, einen vorsichtigeren Finanzvorstand an meine Seite zu holen. Aber die Cinemaxx-Gruppe war entgegen allen Gerüchten nie pleite. Nach meinem Ausstieg 2008 wurde sie für 150 Millionen Euro nach England verkauft. Netto.

Wann in Ihrer Karriere haben Sie sich am ehesten als “Kino-König“ gefühlt?

Den Titel habe ich mir nicht selbst verliehen. Aber wenn Sie so fragen: Am besten trifft der Begriff um die Jahrtausendwende zu. Damals war Cinemaxx die größte Gruppe Europas. Ich liebte es, neue Kinos zu bauen, manchmal drei pro Jahr. Ich kenne heute noch ziemlich genau den Abstand der Sitzreihen und die Größe der Leinwände. Was ich aber hasste und was immer mehr Zeit kostete, waren die Verhandlungen mit Bankern und Aktionären.

Warum haben Sie nach dem erzwungenen Ausstieg nicht Lieblingsfilme geschaut und Popcorn geknuspert?

Ich erinnerte mich daran, dass Freunde sich bei mir immer wieder beschwert hatten über ihre Multiplex-Erlebnisse – die Schlangen, der Fußboden voller Popcorn, der Geruch nach Nachos. Das hatte durchaus etwas Ironisches: Sie kritisierten ja genau das, was ich mitgeschaffen hatte. Da habe ich mir überlegt, wie wohl mein Lieblingskino aussehen müsste. Das erste, das ich nach meinen Vorstellungen realisieren konnte, war die Astor Film Lounge am Kurfürstendamm in Berlin. Das Echo war enorm. Berlinale-Kritiker von der “New York Times“ und von “Le Monde“ berichteten zu Hause. So etwas gab es bei ihnen auch noch nicht.

Ist der Markt an Edelkinos gesättigt?

Die Auslastung ist nicht das Problem. Der Knackpunkt sind die Standorte. Es gibt kaum noch traditionelle Kinosäle. Einzelhändler sind in die Innenstädte eingezogen, sie können höhere Mieten bezahlen. Momentan freue ich mich aber über zwei Leuchtturm-Projekte: Im kommenden Jahr eröffne ich ein neues Haus in der Hamburger Hafen-City, und wir erweitern das traditionsreiche Münchener Arri-Kino.

Und was ist mit der viel beschworenen Kinokrise?

Die jungen Leute sind diejenigen, die zu Hause vor dem Computer sitzen. Wenn sie noch ins Kino gehen, dann müssen es Blockbuster wie “Star Wars“ sein. Die Älteren bleiben dem Kino treu. Denen kommt es auch nicht auf jeden Euro an. Die Logenplätze sind bei uns immer zuerst ausgebucht.

Das heißt, Sie sehen in Ihren Edelkinos nur ergraute Besucher?

Natürlich nicht nur, aber was ist daran schlimm? Diesen Zuschauern geht es ums besondere Erlebnis. Das kann auch eine 70-Millimeter-Projektion sein, wie wir sie in Hamburg, Hannover und im Zoo Palast bieten. Dieses Format wird sonst nur noch in Karlsruhe und Essen gespielt. Da können Sie eine restaurierte Kopie von “2001 – Odyssee im Weltraum“ oder “Dunkirk“, den neuen Film von Christopher Nolan, in ganzer Brillanz genießen.

Wann stirbt das Kino denn nun?

Die Exklusivität eines Kinobesuchs wird weiter steigen und die Anzahl der Leinwände weiter abnehmen. Irgendwann aber werden hoffentlich auch Serienjunkies wieder Lust auf eine zehn Meter hohe und 23 Meter breite Leinwand haben. Wichtig ist, dass die Kinos standhaft bleiben und auf ihrem Recht beharren, neue Filme vor den Streamingdiensten und allen anderen zu zeigen. Ich kenne keinen besseren Ort als den vor der Leinwand, um mit anderen zu lachen oder zu weinen.

Zur Person: Hans-Joachim Flebbe

Hans-Joachim Flebbe hat die Geschichte der deutschen Lichtspielhäuser (wie es so schön nostalgisch heißt) begleitet wie kaum ein zweiter Kinobetreiber. Ja, mehr noch: Der 1951 geborene Unternehmer hat diese Geschichte immer wieder maßgeblich mitgestaltet.

Seine erste Karriere begann der spätere Kino-König Anfang der Siebziger in dem kleinen hannoverschen Apollo-Kino. Dort schaute der Student Flebbe einfach mal vorbei und durfte fortan das Programm gestalten. Bald übernahm er in Hannover und in der ganzen Bundesrepublik sogenannte Filmkunstkinos. Aber diese Häuser waren nur die Vorstufe für sein späteres Imperium.

Die wahre Kinorevolution läutete Flebbe 1991 ein. Damals eröffnete er, ebenfalls in Hannover, das erste Cinemaxx-Kino. Schon ein Jahr später galt das Kino als das wirtschaftlich erfolgreichste im ganzen Land. Flebbes Ruf als Neuerfinder des Kinos hallte so vernehmlich durch die Republik, dass Entertainer Harald Schmidt auf ihn aufmerksam wurde und ihn in seine Fernsehshow einlud. Hans-Joachim Flebbe schenkte bei dieser Gelegenheit Harald Schmidt Freikarten, und Harald Schmidt schenkte Hans-Joachim Flebbe Freikarten – allerdings handelte es sich um Tickets der Konkurrenz. Und beide gemeinsam machten Witze über den armen Herbert Feuerstein, der am Katzentisch saß. So viel Ehre dürfte danach nie wieder einem Kinobetreiber zuteil geworden sein.

Für Jüngere muss man vielleicht erklären, dass Kinobesuche vor der Erfindung der Multiplex-Kinos anders aussahen. Zuschauer kletterten dunkle Treppen hinab und stolperten in Schachtelkinos, deren Leinwände kaum größer waren als heutige Flachbildschirme. Der Siegeszug der Cinemaxx-Kinos – bald folgten andere Ketten wie etwa Cinestar – veränderte die deutsche Kinolandschaft radikal. Sie bedeuteten eine Trumpfkarte gegenüber dem Fernsehen, doch zugleich blieben kleine Häuser auf der Strecke.

Von nun an strömten die Zuschauer geradezu begeistert in riesige Filmpaläste mit sieben, acht oder noch mehr Leinwänden. Sie ließen sich in Plüschsessel plumpsen und futterten lautstark Popcorn aus eimergroßen Bechern. Am liebsten mochten sie es, wenn es auf der Leinwand so richtig krachte und schepperte. So ist es im Grunde heute immer noch, auch wenn die Großkinobetreiber inzwischen ihr Programm erweitert haben und auch ältere Zuschauer mit ein wenig Filmkunst bedienen.

Bis ins neue Jahrtausend eröffnete Flebbe ein Cinemaxx nach dem anderen. Dann kam es zu Streitigkeiten innerhalb des Unternehmens. 2008 schied Flebbe als Vorstandschef aus, ein paar Monate später räumte er auch seinen Platz im Aufsichtsrat. Der unfreiwillige Abgang traf ihn hart.

Die Ära des “Kino-Königs“ schien zu Ende zu gehen – bis Flebbe gewissermaßen zu seinen cineastischen Wurzeln zurückkehrte. Mittlerweile hat er bundesweit eine Gruppe von Luxuskinos aufgebaut – mit insgesamt mehr als 40 Leinwänden. Die Ticketpreise sind dort höher als anderswo, aber der Service ist auch besser: Kinogäste erhalten Begrüßungscocktails, kostenlose Garderoben sind verfügbar, und man sitzt in schicken Ledersesseln und streckt die Beine auf Hockern aus. Auf Wunsch werden vor dem Hauptfilm Getränke und Snacks serviert.

Flebbes Prunkstück ist der Zoo Palast in Berlin, das wohl bekannteste deutsche Kino, das er für 5,5 Millionen Euro umbauen ließ. Seit der Wiedereröffnung haben dort Hollywoodstars von Quentin Tarantino bis Tom Hanks vorbeigeschaut und das Haus in höchsten Tönen gelobt. Inzwischen ist auch die Berlinale an diesen traditionsreichen Ort zurückgekehrt.

Von Stefan Stosch

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