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Warum fließt in Ihren Filmen so viel Blut?

Interview mit Quentin Tarantino Warum fließt in Ihren Filmen so viel Blut?

Wie eine Comic-Figur sieht er aus mit seinen kantigen Gesichtszügen: Im Schlabber-T-Shirt und mit schwarzer Kapuzenjacke rauscht Quentin Tarantino ins Hotelzimmer. Zu bieten hat der ausgesprochen umgängliche US-Regisseur aber mehr als nur Wortblasen.  Stefan Stosch hat ihn in Berlin getroffen.

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Kino-Junkie und Liebling der Filmkunst-Fraktion: Quentin Tarantino über seinen neuen Film "The Hateful 8".

Quelle: Britta Pedersen / dpa

Mr. Tarantino, warum findet sich in Ihren Filmen so viel Wut?
Stimmt, auch in "The Hateful 8" stecken Hass und Zynismus und Wut. Aber vielleicht ist das nur eine oberflächliche Wahrnehmung. Im Drehbuch findet sich ja nicht nur Nihilismus. Wenn Sie sich den Film mehrfach anschauen, merken Sie, wie viel Witz da verborgen ist.

Wie gut kommen Sie im wirklichen Leben mit Hass klar?
Ich könnte mich jetzt um die Antwort herumdrücken, aber um die Wahrheit zu sagen: Ich habe "The Hateful 8" geschrieben, als ich ordentlich Wut im Bauch hatte und auch ein bisschen depressiv war. Diese Stimmung habe ich in mein Skript übertragen: Ich habe meinen Hass gewissermaßen bei den Figuren abgeladen.

Also ist dieser Film persönlicher als die sieben zuvor?
Er ist persönlich, aber nicht unbedingt persönlicher als die anderen. Ich habe meine Wut ja nicht eins zu eins in die Geschichte umgesetzt, nur meine Gefühle. Und falls Sie gleich fragen: Verstehen Sie bitte, dass ich nicht darüber reden will, was meine Depressionen verursacht hat.

Warum haben Sie Ihren Film ausgerechnet in Ultra Panavision 70 gedreht, also in einem musealen Breitwand-Format, das in den Sechzigern für zwei Handvoll Filme wie etwa "Meuterei auf der Bounty" verwendet wurde?
Ganz einfach: Wir haben die Ultra-Panavision-Kameralinsen gefunden. Die haben wir ausprobiert, und wir haben erkannt, dass dieses Format ganz wunderbar bei unserem Film funktioniert. Man kommt näher an die Figuren in der Hütte heran, der Film bekommt geradezu etwas Intimes.

Normalerweise suchen Sie sich Ihren Soundtrack Stück für Stück zusammen. Nun hat der italienische Altmeister Ennio Morricone, berühmt für die Filmmusik zu "Spiel mir das Lied vom Tod", diesen Job im Alleingang erledigt. Was ist da passiert?
Dafür gibt es zwei gute Gründe. Der zweite Grund ist: Morricone hat ja gesagt, als ich nach Rom gefahren bin und ihn gefragt habe. Und der erste: Ich habe auf die Stimme in meinem Kopf gehört, die mir dazu geraten hat, es mit der Musik dieses Mal anders zu halten. Bei meinen früheren Filmen hat es mich nie gestört, wenn die Musik aus zweiter Hand war. Das konnten auch gerne Popsongs sein. Übrigens: In "Kill Bill" und "Inglourious Basterds" waren auch schon Stücke von Morricone zu hören.

"The Hateful 8" von Quentin Tarantino

Tim Roth, Kurt Russell und Jennifer Jason Leigh im Wilden Westen: Mit "The Hateful 8" hat Tarantino nach "Django Unchained" wieder einen Western im Kino.

Quelle: The Weinstein Company / Andrew Cooper

Könnten Sie sich vorstellen, einen Film zu drehen, in dem keine Schwarzen durch den Wilden Westen ziehen, sondern Indianer?
In meinen Adern fließt ein bisschen Cherokee-Blut, wie Sie vielleicht wissen. Aber so recht kann ich mich mit der Idee nicht anfreunden. Ich kann mir nicht vorstellen, ein historisches Indianerdorf aufzubauen und darauf zu achten, dass die Zelte genau so stehen, wie sie sollten. Glücklicherweise haben ja schon andere Regisseure gute Filme aus der Perspektive der Indianer gedreht.

Wie viel Wut haben Sie in sich gespürt, als Ihr Drehbuch von "The Hateful 8" im Internet auftauchte und sich alle Welt darauf stürzte?
Mir hat das Herz geblutet! An Schreiben war erst einmal nicht mehr zu denken, der Vorfall hat mich weit zurückgeworfen. Wütend war ich aber auf die Kinoindustrie, die es besser hätte wissen müssen. So etwas darf nicht passieren.

Wie meinen Sie das?
Viele waren in diesen Vorfall verwickelt, aber niemand fühlte sich wirklich verantwortlich. Das Skript war heimlich von Hand zu Hand gewandert. So ein System muss in moralischer Korruption enden. Deshalb habe ich damals so einen Aufstand gemacht. Ich kann nicht genau sagen, was sich seitdem verändert hat, aber vielleicht hat meine Reaktion manchem vor Augen geführt, dass es so nicht weitergehen kann.

Ihre Filme sind berüchtigt für blutige Gewalt. Bremsen Sie sich manchmal, damit nicht zu viel Blut fließt?
Mich bremsen? Warum das denn? Deshalb ist da ja so viel Blut. Ich zensiere mich doch nicht selbst. Ich will ja auch gar nicht geschmackvoll oder höflich sein oder immer nur an mögliche Zuschauerzahlen denken. Ich sehe mich eher als einen Schriftsteller: Meine Figuren tun, was sie eben tun müssen.

Ein anderes Ihrer Lieblingsthemen ist Rassismus, siehe auch Ihren ersten Western "Django Unchained". Was reizt Sie daran?
In einem Western wird immer auch die Geschichte Amerikas erzählt. Was ich zu dieser großen Erzählung beitragen kann, sind nun mal die Gespräche über Rassismus. Beinahe alle großen Western-Regisseure haben dieses Thema zu vermeiden versucht oder bestenfalls ober­flächlich behandelt.

Halten Sie auch der Gegenwart einen Spiegel vor?
Ich glaube, genau das ist im Fall von "The Hateful 8" passiert. Aber das hatte ich nicht beabsichtigt, als ich die erste Seite des Drehbuchs schrieb und sich eine Postkutsche den Weg durch den Schnee der Rocky Mountains bahnte. Western sind nun mal ein besonderes Genre: Immer schon reflektierten sie in geradezu grundlegender Weise die Zeit, in der sie gedreht wurden.

Haben Sie Beispiele parat?
Nehmen Sie die Fünfzigerjahre. Das war für Western eine goldene Ära. Sie spiegelten Eisenhowers Vorstellung vom idealen Amerika, priesen die Einzigartigkeit dieses Landes. Konsequenterweise griffen die Western der späten sechziger und frühen siebziger Jahre unterschwellig den Zynismus ihrer Gegenwart auf: Damals bestimmten Vietnam-Krieg und Watergate-Affäre das politische Bild.

Welche Gegenwartsbezüge finden sich denn in Ihrem aktuellen Film?
Wir leben heute in einem gespaltenen Land. Da kann man sich durchaus an die Zeit des Bürgerkrieges erinnert fühlen, als Nord- und Südstaatler sich bekriegten. Als ich mit dem Schreiben fertig war, schienen sich die Fernsehnachrichten plötzlich auf die Gespräche in meiner Postkutsche zu beziehen. Oh, Mann, dachte ich: Der Film bekommt Relevanz – aber in einer guten Art und Weise. Ich hatte es nicht darauf angelegt, aber "Hateful 8" berührt Dinge, die in Amerika in der Luft liegen.

Sie haben sich in jüngster Zeit ganz direkt mit politischen Aussagen aus dem Fenster gelehnt: Sie nannten Polizisten Mörder. Würden Sie diese Worte heute zurücknehmen?
Nein, in einigen dieser Fälle handelt es sich meiner Ansicht nach tatsächlich um Mord. Denken Sie an den schwarzen New Yorker Bürger Eric Garner. Der Polizist, der ihn strangulierte, hat ihn umgebracht. Und die Polzisten, die Eric Garner auf den Boden drückten, haben dabei geholfen. Bloß verallgemeinern darf man meine Aussage nicht: Es geht immer um ganz bestimmte Fälle.

"The Hateful 8" stößt weltweit auf gigantisches Interesse: Bleiben Sie trotzdem dabei, dass Sie nach dem zehnten Film Ihre Regiekarriere an den Nagel hängen wollen?
Ja, das ist der Plan. Zehn ist doch eine gute Zahl.

Und womit wollen Sie sich danach den lieben langen Tag beschäftigen?
In den vergangenen Jahren hat sich meine Arbeit immer mehr hin zum Literarischen entwickelt. Ich werde Theaterstücke schreiben. Oder vielleicht auch ein Buch übers Kino.

Zur Person
Quentin Tarantino mit Bruce Willis beim 47. Filmfestival in Cannes

Quentin Tarantino bei der Präsentation von "Pulp Fiction" mit Bruce Willis beim 47. Filmfestival in Cannes.

Quelle: afp

Das irre Lachen ist sein Markenzeichen: Quentin Tarantino ist ein Film-Junkie, ein Kino-Wahnsinniger, bei dem man mit allem rechnen muss. Welcher Regisseur sonst ließe zwei Gangster über Fleischklopse bei McDonald‘s und Burger King philosophieren ("Pulp Fiction")? Käme ein anderer Filmemacher auf die Idee, mal eben Adolf Hitler von einer Truppe ­jüdisch-amerikanischer Soldaten erschießen zu lassen ("Inglouri­ous Basterds")?

Gab es schon jemals einen Western, in dem am Lagerfeuer die "Nibelungensage" nacherzählt wurde und ein Zahnarzt aus Düsseldorf sein Unwesen trieb ("Django Unchained")? Und nun zitiert Tarantino auch noch Agatha-Christie-Krimis in seinem aktuellen Western "The Hateful 8", der gerade in unseren Kinos gestartet ist.

Tarantino, 52 Jahre alt, geboren in Knoxville, Tennessee, spielt mit Genres wie kaum ein Zweiter. Das heißt aber nicht, dass er keinen Respekt vor der Kinogeschichte hätte, ganz im Gegenteil: Dreht er im Studio Potsdam-Babelsberg, so geschehen bei "Inglourious Basterds", dann wandelt er schon mal ehrfürchtig über das Gelände, auf dem einst Fritz Langs "Metropolis" entstand und Marlene Dietrich in "Der blaue Engel" ihre Beine übereinanderschlug.

Grundausbildung im Grindhouse-Kino

Eine Filmschule hat Tarantino nie besucht – allerdings begann er eine Schauspiel-Ausbildung, nachdem er die Schule in der 9. Klasse abgebrochen hatte. Seine cineastische Grundausbildung bezog er aus schäbigen Grindhouse-Kinos, wo Kung-Fu-, Horror- und Blaxploitationfilme über die Leinwand flimmerten.

Ebenso jobbte er als Platzanweiser im Porno-Kino und in Videoläden, in denen er selbst sein bester Kunde war. Daher rührt Tarantinos bis heute ungebrochene Begeisterung für B-Movies und Kampfkunst-Filme – und auch seine Neigung zu exzessiven Gewaltdarstellungen, für die er immer wieder kritisiert wird.

Das Erstaunliche an diesem Regisseur aber ist, dass er ebenso die Filmkunst-Fraktion zu begeistern versteht: Mit "Pulp Fiction" gewann er erst die Goldene Palme beim Filmfestival in Cannes und dann den Oscar für das beste Original-Drehbuch. Tarantino lässt sich in kein Schema pressen: Er verfolgt amerikanische Träume und amerikanische Albträume, seine Filme handeln von blutiger Rache und Gewalt – und doch ist er im besten Sinne ein Autorenfilmer, wie man sie gewöhnlich in Europa verortet.

Liebling der Schauspieler

Die Schauspieler drängeln sich geradezu vor seine Kamera, sie sind begeistert von diesem Regisseur. Da kann man fragen, wen man will. Grandios spiele er die Szenen am Set vor (Jamie Foxx), sorge für gute Laune, wenn es besonders anstrengend werde (Samuel L. Jackson), verstehe Kino als "ganz große Oper" (Christoph Waltz), grandios sei schon die Musikbeschallung am Set (Kurt Russell), die Liebe zum Detail bewundernswert (Jennifer Jason Leigh).

Umgekehrt ist Tarantino so fasziniert von seinen Darstellern, dass er gern auch mal ihre Füße in Großaufnahme zeigt – besonders die seiner Film-Muse Uma Thurman. In "The Hateful 8", seit Donnerstag im Kino, war das leider nicht möglich: Der Western spielt in den tief verschneiten Rocky Mountains. Für nackte Füße war es einfach zu kalt.

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