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Warum jammern Sie so gern?

Interview mit Ronja von Rönne Warum jammern Sie so gern?

Feuilleton-Nachwuchsstar, Stimme ihrer Generation: Die 25-jährige Ronja von Rönne ist als Kolumnistin, Bloggerin und Autorin erfolgreich. Im Interview mit Nina May erzählt sie, weshalb ihre Texte so an der Welt leiden, was sie von Jan Böhmermann hält und was es mit ihrem Namen auf sich hat.

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Die Frau mit dem Kragen: Ronja von Rönne.

Quelle: Aufbau Verlag

Berlin.  

Sie haben mal gesagt, Sie probierten Meinungen an wie Kleider. Welche haben Sie heute Morgen ausprobiert?

Das hab ich mal gesagt, aber die Meinung habe ich wieder geändert, ich bin jetzt doch konsequent. Im Ernst: Warum erscheint es allen denn so unfassbar, dass man seine Haltungen feinjustiert oder ändert? Was ich mit diesem polemischen Zitat damals meinte, war vielleicht eher: Ich versuche, mich in jede Haltung einfühlen zu können. Ich meinte das eher empathisch als wahllos-ignorant.

In Ihrem Blog schreiben Sie: „Ich bin mir relativ sicher, dass man jammern darf, solange man eigentlich keinen Grund dazu hat.“ Ist Lamentieren vielleicht so etwas wie der Grundgestus Ihrer Texte?

Zum Jammern gibt es zumindest immer genug Gründe, literarisch ist das schlicht ergiebiger als Freude. Außerdem muss man über die schönen Dinge des Lebens nicht so viel Worte verlieren, die erschließen sich ja gleich. Und als Leser fühle ich mich auch eher getröstet, wenn ein Autor quasi für mich an der Welt mitleidet, als wenn er mir nur erzählt, dass er gerade einen „superschönen Bowlingabend mit den Liebsten“ hatte. Freude ist schön. Manchmal freu ich mich auch in Texten. Aber noch lieber im echten Leben.

Weshalb jammern Sie so gerne? Oder wirken zumindest so auf einige Leser?

Ich habe sehr große Angst, zu viel über Wirkung nachzudenken. Das passiert einem ja eh schnell, wenn man von außen bewertet wird, in Rezensionen etwa. Vielleicht wirke ich auf manche ein bisschen wie ein verbitterter, alter Mann. Aber dafür ist ja ein schönes, großes Autorenfoto in dem Buch, um solche Missverständnisse aus dem Weg zu räumen. Oh, und manche Leser mögen mich auch schlicht überhaupt nicht. Aber solange sie meine Bücher trotzdem brav bezahlen und nicht ihre Buchhändler beklauen, finde ich das auch in Ordnung.

Haben Sie damit vielleicht eine zeitgemäße Form für den Weltschmerz gefunden, der charakteristisch fürs Feuilleton ist?

Nein, ich glaube nicht.

Der Titel Ihrer neuen Sammlung lautet „Heute ist leider schlecht. Beschwerden ans Leben“. Um mal etwas ganz anderes von Ihnen zu lesen: Wie sähe ein Lob des Lebens von Ronja von Rönne aus?

Das Leben gehört so selbstverständlich gelebt, gelobt und gefeiert, dass es gar kein Buch von mir darüber braucht!

Der erste Text tut so, als würde er erklären, weshalb Sie wütende Texte schreiben: weil Ihre Mutter in Ihrer Kindheit die AOL-Werbe-CDs weggeschmissen hat. Diese Frage nach den wütenden Texten scheint Sie sehr zu nerven ...

Es stört mich vor allem deshalb, weil ich meine Texte nicht als sehr wütend empfinde. Vielleicht eher als verletzt. Aber ich schätze, auch 55-jährige, männliche Autoren fühlen sich oft missverstanden. Gehört vielleicht zum Berufsbild.

In der Sammlung versuchen Sie, den Leser als Misanthropen anzuwerben, Sie schreiben über Panikattacken in der Nacht oder darüber, wie schwierig es ist, angemessen unglücklich zu sein. Wie viel davon ist Rolle, wie viel Haltung?

Das ist eine schwierige Frage. Ich möchte eine leichtere stellen: ,Wie bekommt man Rotweinflecken aus dem Teppich?’ Die überraschende Antwort: Nicht etwa mit Salz, sondern mit klarem Glasreiniger oder, im Notfall, Weißwein.

Die Sammlung ist eingeteilt in die Kategorien „Warum es schlimm ist“, „Wo es schlimm ist“ und „Was gegen das Schlimme hilft“. Im dritten Teil geben Sie etwa ironische Tipps gegen die Traurigkeit: „Googeln Sie Depressions-Schnelltests. Wenn Sie einen bestehen, haben Sie zumindest ein Erfolgserlebnis.“ Nach der ersten Veröffentlichung der Zeitungskolumne haben Sie verärgerte Briefe von depressiven Lesern bekommen. Fühlen Sie sich oft unverstanden?

Ach, das ist so dumm. Wenn ich Depressionen nicht todernst nehmen würde, würde ich keine Witze über sie reißen. Ich finde, man muss Themen, die man ernst nehmen muss, unbedingt ab und an nicht ernst nehmen, um sie beherrschbar zu machen. Um Distanz zu ihnen zu gewinnen. Um zum Beispiel die Depression lächerlich zu machen. Nicht etwa, um Betroffene als weinerliche Mimosen darzustellen, sondern um für sich selbst Souveränität darüber zu erlangen, um zu sehen, dass man immer noch Herr über seine Sichtweise ist. Humor ist für mich verschossenes Pulver, wenn er sich mit Dingen auseinandersetzt, die eh amüsant sind. Humor ist ein Schutzschild gegen das Dunkle, und dazu gehören sowohl Trump-Karikaturen als auch ein Belächeln der Depression, nicht des Depressiven. Ich verstehe aber, wenn Leute verärgert sind. Es stört mich nur in dem Fall nicht besonders, weil ich mich im Recht empfinde. Wer aus meinen Texten nicht herauslesen kann, dass ich aus persönlicher Erfahrung schreibe, wird mich sowieso missverstehen.

Im Rahmen einer „Welt“-Debattenreihe haben Sie den polemischen Text „Warum mich der Feminismus anekelt“ geschrieben, der Sie über Nacht zu einer Art Anti-Alice-Schwarzer gemacht hat. Würden Sie den Artikel heute noch mal so schreiben – oder ihn vielleicht am liebsten mit einer Art Gebrauchsanweisung versehen?

Nein. Allein schon, um nie, nie, nie wieder Interviewfragen zu dem Thema zu beantworten. Es tut mir so leid, aber ich kann das einfach nicht mehr. Ich habe so viel gesagt, ich habe einen Preis für den Text mit einer langen Erklärung abgegeben, ich mag nicht mehr. Entschuldigung.

Sie waren neulich bei Jan Böhmermann zu Gast, der im Widerspruch zum Altersunterschied neben Ihnen irgendwie wie ein unreifes Spielkind wirkte. Wie haben Sie die Begegnung empfunden?

Oh, ich mochte ihn sehr gerne. Ich mag nur Spiele, bei denen ich live im Fernsehen nach Würstchen schnappen muss, nicht sehr gerne. Ich hatte ihn vorgewarnt, dass ich für derlei viel zu schüchtern bin. Das hat er nicht ernst genommen, aber dafür musste er dann ja auch allein nach Würstchen schnappen. Sehr seltsame Situation, in einer Satireshow Spielverderber zu sein, aber ich kann so etwas einfach nicht machen.

Ihr Blog heißt „Sudelheft“. Liegt Ihnen das Hingeschmierte, Beiläufige, Rotzige tatsächlich besser, oder durchdenken Sie Ihre Texte entgegen dem Titel sehr genau?

Eigentlich mag ich das Hingeschmierte, zumindest von der Arbeitsweise her. Vom Ergebnis her gefällt mir das Hingeschmierte leider meist gar nicht, also fang ich dann meistens noch mal von vorn an. Wenn ich für die Zeitung schreibe und dafür bezahlt werde, denke ich, dass das Durchdenken der Texte wohl auch eher angemessen ist, als sich in Hemingway-Manier in einer Bar zu besaufen und etwas auf schmierige Notizzettel zu schmieren. Auf dem Blog erlaube ich mir das aber. Es ist meine Spielwiese im literarischen Feld.

Ist Ronja von Rönne eigentlich Ihr Geburtsname? Gibt es zu dem Namen eine Geschichte?

Ja, mein sehr echter, sehr alberner Geburtsname. Klingt dämlich, oder? Bisschen wie Karla Kolumna oder Rennschwein Rudi Rüssel. Der Nachname stammt, glaube ich, ursprünglich von einem schlesischen Ritteradel, aber bis auf ein Silberbesteck und dem „von“ im Namen ist nicht viel davon übrig.

Und jetzt zum Abschluss, wechseln Sie doch bitte sehr noch mal die Meinung.

Ich bin doch kein dressiertes Zirkusäffchen. Bin ich doch. Bin ich nicht. Bin ich doch. Bin ich nicht.

 

Von Nina May

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