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Warum schreiben Sie nur so traurige Songs?

Interview mit Martin Gore Warum schreiben Sie nur so traurige Songs?

Die Deutschen lieben Depeche Mode. Der Hauptsongschreiber der Synthie-Pop-Giganten ist nicht nur berühmt für seine Musik, sondern auch für seine dunkel geschminkten Augen und eine alles überschattende Melancholie. Mathias Begalke sprach mit ihm übers Kühemelken – und Tristesse als Teil der DNA.

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Quelle: Mondadori Portfolio Editorial

Berlin.  

„Where’s the Revolution?“ heißt Ihre neue Single. Nervt Sie die Gleichgültigkeit mancher Menschen, gerade jetzt, wo die populistischen Vereinfacher und neuen Rechten immer lauter werden?

Ja, das trifft es ganz gut. Die Welt befindet sich im Chaos. Ich bin sehr enttäuscht über das Brexit-Votum. Denn ein sich einiges Europa bedeutet, dass auch die Welt ein bisschen mehr zusammenhält. Zersplittert die europäische Idee weiter, leidet die Menschlichkeit, da durch die Abschottung Rassismus und Fremdenfeindlichkeit gefördert werden. Das ist ein Rückschritt.

Sie haben Ihr neues Album ein halbes Jahr vor Erscheinen angekündigt. Warum veröffentlichen Sie Ihre Musik nicht über Nacht aus dem Nichts heraus, so wie es U2, Radiohead oder Beyoncé in der Vergangenheit taten?

Darüber haben wir noch nie nachgedacht. Ich weiß nicht, ob ein solcher Überraschungscoup für uns infrage kommt. Möglicherweise. Wir könnten unsere Alben auch problemlos ohne Plattenfirma herausbringen. Aber das machen wir nicht … vielleicht sind wir ja altmodisch (lacht).

Mal ehrlich: Hätten Sie gern anstelle von Dave den Golf VII im Volkswagen-Spot vor ein paar Jahren gefahren?

Ich werde sehr ehrlich zu Ihnen sein: Ich habe gar keinen Führerschein. Ein Auto zu steuern wäre womöglich eine sehr schlechte Idee.

Warum machen Sie überhaupt Werbung für einen Konzern wie VW?

Wir denken lange darüber nach, ob wir ein Produkt empfehlen. Wenn wir finden, dass es das Produkt wert ist, dann tun wir es. Wir bekommen eine Menge Anfragen, die wir ablehnen.

Zum Beispiel?

Ich möchte keine Marken nennen.

Leidet nicht Ihre Glaubwürdigkeit oder Unabhängigkeit als Künstler, wenn Sie sich mit einem Wirtschaftsunternehmen zusammentun?

Das sehe ich nicht so. Es gibt nicht viele Verpflichtungen. Wir müssen nicht an zehn VW-Events teilnehmen. Wenn der Spot abgedreht ist, sind wir fertig.

Sie geben ab Mai neun Konzerte in Deutschland und nur ein einziges in England, Ihrer Heimat. Wie erklären Sie sich Ihre Beliebtheit hierzulande?

Es ist fantastisch, aber ich kann es Ihnen nicht erklären. Genauso wenig weiß ich, warum bei den Konzerten auch 15-, 16-, 17-Jährige aufkreuzen. Ihre Eltern haben sie wohl gezwungen, Depeche Mode zu hören.

Ihren ersten Nummer-eins-Hit überhaupt hatten Sie in Deutschland. 1984 mit „People Are People“. Wird eine Gruppe, die in Deutschland erfolgreich ist, im Popland England nicht ernst genommen?

Mit „New Life“ und „Just Can’t Get Enough“, unserer zweiten und dritten Single, landeten wir in England schon 1981 Hits. Doch der Markt dort funktioniert anders. Seit Anfang der Neunziger sind wir am Kämpfen. Man ist immer auf der Suche nach dem nächsten großen Ding, es ist kompliziert, eine Karriere in Gang zu halten. Die englische Musikindustrie ist wirklich sehr, sehr eigenartig. Wer hätte gedacht, dass sich Bros wiedervereinen und 2017 in den großen Hallen auftreten. Das zu hören war für mich ein Schock.

Dann erhalten Sie wahrscheinlich eher das Bundesverdienstkreuz, als dass Sie von der Queen zum Ritter geschlagen werden?

Ich bin mir gar nicht sicher, ob das überhaupt möglich ist, weil ich seit 16 Jahren in den USA lebe.

Damals, als Sie noch in der Bank arbeiteten, bot die Band Ihnen die Möglichkeit, der Enge und Langeweile Ihrer Heimatstadt Basildon zu entkommen …

Basildon war einer dieser Orte, in dem man nichts anderes tun konnte, als sich zu betrinken. Früher gab es dort für junge Leute sehr wenig zu tun. Ich denke, dass sich das ein bisschen geändert hat. Heute ist Basildon eine große Stadt mit einer Kleinstadt-Mentalität. Eine Schlafstadt. Wegen der Nähe zu London leben dort viele Pendler.

Hat die Trostlosigkeit Basildons Ihren Sound damals beeinflusst? Sind Sie deshalb ein Sad-Song-Schreiber geworden?

Ich bin mit diesen Genen geboren. Schon als Junge faszinierten mich immer die traurigsten Songs. Diese Platten habe ich mir dann gekauft. Mit fröhlichen Liedern konnte ich nichts anfangen.

Dann sind Sie wohl zur Lichttherapie nach Kalifornien gezogen …

Die Wahl meines Wohnortes muss tatsächlich eigenartig wirken. Doch dort zu leben ist sehr angenehm und gesund. Das Wetter mit Temperaturen um die 20 Grad Celsius ist praktisch immer gleich.

Was vermissen Sie an England?

Meine Freunde und Familie. Meine Mutter und meine beiden Schwestern mit ihren eigenen Familien leben bis heute in Basildon. Auch wenn ich schon lange in den USA zu Hause bin, bin ich im Herzen Europäer. Ich glaube, Europäer fühlen ein bisschen dunkler, oder anders ausgedrückt: Sie geben sich realistischer. Amerikaner sind sehr optimistisch, zu optimistisch.

Ist es schwierig, als Popstar älter zu werden? Brauchen Sie jetzt, mit Mitte 50, mehr Kajal als früher?

Auf der Bühne habe ich schon immer eine Maske getragen, hinter der ich mich verberge. Der Glamrock in den Siebzigerjahren hat mich inspiriert.

Für Ihr zweites Soloalbum haben Sie „Das Lied vom einsamen Mädchen“ gecovert, das auch schon Hildegard Knef und Nico interpretierten. Es heißt, Sie sprechen sogar fließend Deutsch …

Das würde ich nicht behaupten, nicht mehr. Ich habe heute kaum mehr Gelegenheit dazu. Ich hatte Deutsch in der Schule. Besser lernte ich es, nachdem ich 1987 ein Haus in London gekauft hatte. Es musste renoviert werden. Mir war ein Handwerker aus Deutschland empfohlen worden. Er lebte im Grunde zwei Jahre bei mir, war ein Allroundtalent, verlegte Stromkabel, übernahm die Klempnerarbeiten – aber er konnte kein Wort Englisch. Ich war also gezwungen, Deutsch zu sprechen, damit alles so wird, wie ich es haben wollte.

Sie verbrachten Mitte der Siebzigerjahre bei einem Schüleraustausch zwei Wochen auf einem Bauernhof in Schleswig-Holstein. Sie lernten dort Kühemelken ...

Soweit ich mich erinnere, molk ich eine Kuh. Seitdem habe ich es nicht wieder gemacht, ich melke also keine kalifornischen Kühe.

Die Band gibt es seit 1980. Wie haben Sie es geschafft, so lange zusammenzubleiben?

Unsere Alben erscheinen seit 1993 im Vierjahresrhythmus. Danach gehen wir auf Tournee. Wenn das letzte Konzert gespielt ist, kehrt jeder nach Hause zurück, Dave nach New York, Andy nach London und ich nach Santa Barbara. Zwischendurch haben wir selten Kontakt, etwa alle vier bis sechs Monate. Diese Bandpausen tun gut, nachdem wir während der Aufnahmen und der Tournee anderthalb bis zwei Jahre gemeinsam unterwegs waren.

Welches ist Ihr liebstes Depeche-
Mode-Album?

„Violator“, wegen der qualitativen Dichte, der vielen großartigen Songs.

... die Sie alle geschrieben haben, „Personal Jesus“ zum Beispiel. Johnny Cash hat den Titel nicht lange vor seinem Tod gecovert. Was bedeutete Ihnen das? Hat das mehr Wert als ein Grammy oder Brit Award?

Wir waren schon immer eher Außenseiter, eine Art Kultband, sodass wir selten für Musikpreise gehandelt werden. Wenn ein Idol von dir wie Johnny Cash einen deiner Songs aufnimmt, dann ist das eine enorme Auszeichnung. Als mir jemand erzählte, er habe gerade „Personal Jesus“ im Radio gehört, und zwar von Johnny Cash gesungen, konnte ich es nicht fassen. Ich dachte, er macht Witze.

Sie wussten das nicht? Hatte er nicht gefragt?

Nein. Aber jedes Mal, wenn seine Version gespielt oder verkauft wird, werde ich bezahlt.

Von Matthias Begalke

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