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Was war ihre beste Entscheidung?

Interview mit Cate Blanchett Was war ihre beste Entscheidung?

"Eine Mischung von irdischer Stärke und Sinnlichkeit" – so beschreibt Cate Blanchett ihren Modestil. Mariam Schaghaghi sprach mit der vierfachen Mutter über die Choreografie auf dem roten Teppich, den neuen Film "Carol" und die komischen Seiten von Erotikszenen vor der Kamera.

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Coole Eleganz: Cate Blanchett beherrscht die Choreografie auf dem roten Teppich perfekt.

Quelle: Facundo Arrizabalaga / dpa

Cate, Sie spielen in "Carol" eine Society-Lady der Fünfzigerjahre, die sich in eine Frau verliebt. Warum hat Patricia Highsmiths Story Sie so fasziniert?
Weil die Krimiautorin genauso spannend über Herzensangelegenheiten des Menschen schreiben kann wie über Morde. In dieser Geschichte ist quasi die Liebe der beiden Frauen das Verbrechen, um das es geht. Carol lebt in einer Gesellschaft, in der Homosexualität nur im Untergrund stattfindet und gesellschaftlich völlig verpönt ist. Trotzdem steuert sie diese Welt des Untergrunds gezielt nicht an. Und das bringt sie in diese schwierige Situation.

Ein Drama, das unter die Haut geht, aber auch viel nackte Haut zeigt. Die Bettszenen konnten Sie nicht schrecken – Erotik kann durchaus komische Seiten haben, sagten Sie mal.
Nun, es ist schon seltsam, vor der Kamera die Brustwarzen einer Frau zu küssen, die ich kaum kenne. Da hilft’s dann, einen Sinn für Humor zu haben! Aber Rooney Mara ist zum Glück genau so pragmatisch an die Aufgabe herangegangen wie ich. Uns kann beide so schnell nichts schocken. Aber einfach waren die Bettszenen nicht, zumal unser Regisseur Todd Haynes erreichen wollte, dass sich der Zuschauer nicht von der Erotik abwendet, sondern in den Gefühlsstrudel hineingezogen wird.

Ist es eine Folge von 25 Jahren Berufserfahrung, wenn Sie nicht so schnell zu schocken sind? Oder waren Sie immer schon die Coole?
Wahrscheinlich ein bisschen von beidem. Ich bin kein Freund von Schubladendenken. Deshalb habe ich eine ... sagen wir: elastischere Herangehensweise, wenn es um moralische oder allgemein menschliche Charakterzüge einer Figur geht.

Haynes hat den Film bewusst in der Ära angesiedelt, in der Highsmith ihren Roman unter Pseudonym veröffentlicht hat. Hatten Sie Angst, dass die Eleganz zu sehr ablenkt und "Carol" zu einem Kostümdrama verkommt?
Gar nicht, ich fand seine Entscheidung richtig. Anfang der Fünfzigerjahre ist die Gesellschaft noch anders aufgestellt, diese Periode ist politisch, soziologisch und kulturell extrem spannend. Keiner von uns hatte Interesse daran, einen Film zu machen, der wie ein Museumsstück einfach nur das Leben und die moralischen Anschauungen der Fünfzigerjahre wiedergibt. So eine Geschichte muss Momente schaffen, in denen das Publikum an die eigene aktuelle Wirklichkeit anschließen kann.

Cate Blanchett in "Carol"

Cate Blanchett in einer Szene aus ihrem neuen Film "Carol".

Quelle: Verleih

Haben Sie die Kostüme mitentwerfen können?
Für "Carol" stand nur ein kleines Budget zur Verfügung. Trotzdem hat ein Genie zugesagt, Sandy Powell. Ich hatte schon mehrfach das Vergnügen, mit ihr zu arbeiten. Diesmal haben wir uns nur in einer Drehpause von "Cinderella" zusammengesetzt und unsere Ideen auf den Tisch gelegt. Sie hat immer mutige Ansätze, da versuche ich mitzuhalten. Am Ende kombinieren wir die Entwürfe. Die Zusammenarbeit mit ihr ist jedes Mal ein Genuss.

"Carol" lief in Cannes, sogar im Wettbewerb. Das Festival gilt als härtestes Kritikerpflaster überhaupt, gleichzeitig auch als glamourösestes. Gefällt Ihnen diese Filmzirkus-Welt?
Ich bin sehr gerne in Cannes. Es ist dort rund um die Uhr laut, fiebrig und voller Trubel. Die gesamte Stadt wirkt auf mich während des Festivals wie ein großer Nachtclub. Oder wie beim Karneval in New Orleans, dem Mardi Gras, wenn die Einwohner zwei Wochen lang eine Auszeit nehmen. Ich war schon oft dort, habe aber erst das letzte Mal vom Balkon aus entdeckt, dass es in Cannes auch eine Altstadt gibt und eine alte Festung – nachts sieht es aus wie die Hafenstadt in "Fluch der Karibik".

Genießen Sie Auftritte auf dem roten Teppich, wo Sie von Hunderten Fotografen abgelichtet werden?
In Cannes ist der Gang über den roten Teppich ganz anders als sonst, es ist mehr eine Choreografie. Dort fühlst du dich als Teil einer langen Tradition. Ich war tatsächlich etwas nervös, weil es eben das erste Mal war, dass ich am Wettbewerb teilnahm. Man weiß nie, wie das Publikum dort reagiert. Und dann stehst du dort auf der Bühne und musst mit der Reaktion live umzugehen wissen.

Kostüme helfen Ihnen im Film, eine Haltung zu einer Figur zu entwickeln.  Welche Rolle spielt Mode für Sie privat? Was tragen Sie im Alltag?
In der Regel trage ich so etwas wie jetzt, einen lässigen, klassischen Hosenanzug. Nur dass sich im Alltag leider kein Maskenbildner um meine Haare und Makeup kümmert! Wir Frauen sind ja wunderbare, komplizierte und außergewöhnliche Wesen – all das, nur nicht immer alles gleichzeitig. Daher liegt mir auch in der Mode eine Mischung von irdischer Stärke und Sinnlichkeit.

An Facetten mangelt es Ihnen wahrlich nicht: Sie sind Charakterdarstellerin. Theaterregisseurin. Produzentin. Eine Ikone auf der Leinwand und dem roten Teppich. Und gleichzeitig Mutter von vier Kindern. Was denkt die vierfache Mutter Cate über die Cate in der Öffentlichkeit?
Wenn du von Hunderten Fotografen abgelichtet wirst, gibst du dich ein wenig anders, als wenn du deine Kinder zur Schule bringst oder in einem Meeting sitzt. Der Unterschied ist gering, ob ich ein Kostüm in einem Film trage oder eine Robe auf dem roten Teppich. Aber mir ist in diesen Momenten wichtig, mich als mein bestes Ich zu fühlen. Ob das den Leuten gefällt oder nicht, spielt für mich keine Rolle. Ich mache das erst mal für mich selbst.

Glauben Sie, dass Ihnen aufgrund der Mehrfachbelastung tolle Angebote entgehen?
Klar. Du kannst nicht alles haben, das ist nun mal so. Aber es gibt da draußen ja so viele grandiose Schauspieler! Wenn du versuchst, alles zu machen, machst du nichts richtig gut.

Was halten Sie für die beste Entscheidung Ihres Lebens?
Dass ich 1997 meinen Mann geheiratet habe – auch wenn das jetzt furchtbar kitschig und sentimental klingt. Das war für mich als auch für ihn ein großer Wendepunkt im Leben. Wir sind wunderbare Komplizen. Ich sehe oft Paare, die miteinander konkurrieren oder einander nicht guttun. Ich habe eher das Gefühl, dass Andrew und ich zu besseren Menschen geworden seitdem wir zusammen sind.

Mit Ihrem Mann Andrew Upton haben Sie zusammen die Sydney Theatre Company geleitet. Würden Sie auch gern mal Regie bei einem Kinofilm führen?
Ja. Es dauert bei mir als Mutter von vier Kindern natürlich etwas länger. Meine Kinder sind noch recht klein, da muss sich der richtige Zeitpunkt erst noch finden. Neben dem Dreh selbst nehmen Casting, Location-Suche und Postproduktion auch viel Zeit in Anspruch. Das dauert bei einem Low-Budget-Film mindestens drei Jahre.

Derzeit sieht man Sie auch auf Werbeplakaten „Ja“ zu einem Parfüm sagen. Wozu sagen Sie selbst aus vollem Herzen "Ja"?
Ich sage zu allem Ja! Das ist eher mein Problem ...

... und Sie müssten wohl lernen, öfter "Nein" zu sagen?
Unbedingt! Gerade wenn man wie ich in Australien lebt und jedes Mal lange Reisen zu absolvieren hat, wenn man bei Festivals oder Auslanddrehs mitmacht. Ich habe schon mal darüber nachgedacht, für ein Jahr in Amerika zu leben. Ich mag Austin und San Francisco. Mal sehen, wo wir sechs demnächst landen.

Welche Tricks benutzt ein Globetrotter wie Sie, um trotz Jetlag fit zu sein?
Das Beste ist Pfefferminzöl, das habe ich immer bei mir. Es ist erstaunlich: ein paar Tropfen auf meinen Nacken und schon bin ich wach. Und ich trinke viel heißes Wasser mit Zitrone. Das hält mich ebenfalls fit. Ich reise derzeit mit meiner kleinen Tochter Edith und meiner Mutter, da bekomme ich nicht viel Schlaf. Dann hilft auch ein Spritzer Parfüm, wenn ich aus dem Flieger aussteige und direkt zu einem Meeting oder Termin muss. Sonst haftet mir der Geruch des Flugzeugs an, der so gar nicht sexy ist.

Welches ist für Sie der schönste Duft, der nicht künstlich erzeugt werden kann?
Der Geruch von Kindern – jedenfalls bevor sie ins Teenie-Alter kommen. Kleine Kinder riechen so herrlich, so unschuldig ... einfach zum Anbeißen.

Sie haben eine sehr positive Haltung zum Älterwerden. Hängt Schönheit in Ihren Augen überhaupt noch von Alter oder Jugend ab?
Nun, älter zu werden passiert uns allen. Das Ältersein hat auch viele Vorteile: Ich fühle mich jetzt viel wohler in meiner Haut als früher. Ich habe jetzt mehr Möglichkeiten, weil ich mich weniger in der Defensive fühle als mit 20. In dieses Alter möchte ich nicht noch mal zurückversetzt werden! Meine Dreißiger habe ich sehr genossen, und auch jetzt mit über 40 Jahren fühle ich mich sehr wohl. Alt werden passiert so oder so – es gibt sicher einiges dabei, gegen das man gern ankämpfen möchte, doch das ist nun mal sinnlos. Du gehst besser mit Neugierde voran und guckst, wohin die Zeit dich führt. Es ist in jedem Fall ein Abenteuer.

Zur Person

Als Elbenfürstin zum Weltstar

Cate Blanchett in "Der Herr der Ringe"

Ein Kuss für den mutigsten Hobbit aller Zeiten. Mit der Rolle der Elbin Galadriel in den „Herr der Ringe“-Filmen wurde Cate Blanchett (mit Elijah Wood) dem Massenpublikum bekannt.

Quelle: Verleih

"Die Welt ist im Wandel", raunte die Elbin Galadriel, "Vieles, was einst war, ist verloren, da niemand mehr lebt, der sich erinnert." Mit diesen Worten, feierlich und wie vom Grunde des Brunnens der Traurigkeit geschöpft, begann 2001 die Verfilmung von "Der Herr der Ringe". Cate Blanchetts Rolle der zauberischen Sindarin, der Herrin des Waldes von Lórien, trug die Australierin in die Herzen von Millionen Mittelerde-Fans rund um den Globus.

Erst hatte Elijah Wood als Frodo den Text sprechen sollen, dann Sir Ian McKellen als Zauberer Gandalf. Aber erst Blanchetts Stimme erfüllte die Worte mit jener Endzeit-Grandezza, die noch heute den abgebrühtesten Hörer mit Frösteln überzieht. Die Zeit der Elben war zweifellos vorüber, die Karriere der Australierin Cate Blanchett aber erklomm 2001 ihren Popularitätsgipfel, noch ehe man ihrer in jenem Film überhaupt ansichtig geworden war. Später sagte die heute 46-Jährige, sie habe die Rolle der Elbin angenommen, "weil ich schon immer spitze Ohren haben wollte".

Drei Jahre zuvor hatte Blanchett in Shekhar Kapurs "Elizabeth" (1998) die englische Herrscherin der Shakespeare-Zeit gespielt – mit breitem Mund, zwinkernden Äuglein und ätherischer Erscheinung. Zum Schauspiel war Blanchett durch eine traumatische Erfahrung gekommen. Mit zehn Jahren hatte sie ihren Vater verloren, winkend ging er noch an ihrem Fenster vorbei und starb danach an einem Herzinfarkt – mit knapp 40 Jahren.

Und weil sie ihn beim Abschied nicht umarmt hatte, umarmt sie seither liebe Menschen, aus Sorge, es könnte die letzte Begegnung sein. Nach dem Tod des Vaters hat Blanchett angefangen, die Welt mit anderer Leute Augen zu sehen, sagt sie.

Cate Blanchett bei der Oscar-Verleihung 2013.

Für die Titelrolle in Woody Allens „Blue Jasmine“ bekam die 1969 geborene Australierin 2013 ihren zweiten Oscar.

Quelle: dpa

Die Anfänge einer Weltkarriere, die mit bislang zwei Oscars belohnt wurde: für die Darstellung der Vier-Oscar-Hollywoodkönigin Katharine Hepburn in Martin Scorseses "Aviator" (2004) und für die gefallene Neurotikerin Jasmine Francis in Woody Allens "Blue Jasmine" (2013). Seit 1997 ist sie mit dem Drehbuchautor Andrew Upton verheiratet, mit dem sie drei leibliche Söhne und eine Adoptivtochter hat. Privatleben kommt vor Film und Theater, die Kinder sollten in Ruhe in Australien aufwachsen, die Filmrollen wurden zuletzt weniger.

"Carol", ihr zweiter Film mit Todd Haynes, läuft derzeit in den Kinos. In "I’m Not There" war sie für Haynes Bob Dylan gewesen, jetzt spielt sie in seiner Patricia-Highsmith-Verfilmung eine verheiratete Frau, die mit einer anderen durchbrennt. Kenner handeln sie damit schon jetzt für ihren dritten Oscar. Blanchett ist gewohnt intensiv, hat Katharine-Hepburn-Kaliber, die Konkurrenz bei den Academy-Awards kann schon jetzt vorsichtshalber alle Hoffnung fahren lassen.

Gemäß der Prophezeiung Galadriels, als ihr der Hobbit Frodo den Ring des dunklen Herrschers Sauron anvertrauen wollte: "Alle werden mich lieben ... und verzweifeln." Wofür es den vierten Award geben könnte? Als nächstes wird Blanchett zur Schlange werden und 2017 als Python Kaa das "Menschenjunge" Mogli im neuen "Dschungelbuch" einwickeln. Für Sprechrollen sind Oscars noch nicht vorgesehen. Zeit, das zu ändern.

Von Matthias Halbig

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