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Weshalb haben Sie Ihren Roman weggeworfen?

Interview mit Autor David Nicholls Weshalb haben Sie Ihren Roman weggeworfen?

Mit dem Roman "Zwei an einem Tag" schrieb David Nicholls eines der wichtigsten romantischen Dramen der Gegenwart. In seinem Londoner Schreibbüro erzählt er Nina May, weshalb er nach dem Welterfolg in Selbstzweifel verfiel, und warum eine langjährige Liebe erfüllender ist als eine frische.

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Will weg von den Liebesroman-Klischees: David Nicholls.

Quelle: Imago

Mal ehrlich, weshalb haben Sie die erste Fassung Ihres Romans "Drei auf Reisen" auf den Müll geworfen?
Ich wollte nichts veröffentlichen, das ich selbst nicht mochte. Es hätte mir nichts Schlimmeres passieren können, als die erste Version zu veröffentlichen. Ich habe Monat über Monat verschwendet, aber es war die absolut richtige Entscheidung.

Was gefiel Ihnen nicht an der ersten Version?
Ich war nach dem Erfolg von "Zwei an einem Tag" so darauf bedacht zu beweisen, dass ich nicht nur ein Liebesromanschreiber bin, dass der Text lieblos wurde. Die Romantik fehlte komplett. Es ging um zwei Menschen, die sich hassen. Sie hätten sich zwar am Ende angenähert, aber der Leser hätte sie nicht gemocht. Das Ganze wurde sehr gehässig und gemein. Immerhin hätten die Leser gedacht: "Oh, hey, er kann richtig fiese Charaktere erfinden." Aber diese Reaktion ist nicht wirklich erstrebenswert. Also habe ich jeden einzelnen Satz gelöscht und neu geschrieben.

Veränderung und Neubeginn sind auch die Hauptthemen des Romans. Der Held Douglas ist ein Evolutionsforscher. Wenn man Evolution als Summe vieler kleiner Anfänge versteht – liegt sein Schicksal in seinem Beruf?
So ist es. Es geht auch um Reproduktion. Dieses Wort suggeriert, dass Vater und Mutter zu gleichen Teilen in ihrem Kind fusionieren. Douglas jedoch sieht, dass sein Sohn nur der Mutter zugetan ist. Das ist insbesondere für einen Wissenschaftler eine traurige Erkenntnis, der nach Erklärungen für das große Ganze sucht und sie in seiner eigenen Familie nicht findet.

Douglas ist ein Experte für Fruchtfliegen. Braucht es diese ironische Untertreibung, damit ein Liebesroman nicht kitschig wird?
Ja. Wenn man in diesem Genre unterwegs ist, muss man sich ganz schön anstrengen, nicht ins Klischee abzudriften. Ich habe schon viel über Schriftsteller und Künstler geschrieben, jetzt wollte ich mal eine andere Art von Held schaffen, die man nur selten in romantischen Romanen findet. Ich wollte auch nicht Fremdgehen oder Midlife-Crisis thematisieren, wie es oft in Beziehungsromanen mit reifen Protagonisten der Fall ist. Douglas verehrt seine Frau vorbehaltlos. Der Babysitter meiner Kinder, eine Wissenschaftlerin, hat uns in ihr Labor mitgenommen. Und ich verliebte mich in die Idee, eine Romanze zwischen all diesen Käfern, Petrischalen und Mikroskopen anzusiedeln.

Sie beschreiben die Europareise von Douglas und Connie, die nach 20 Jahren Ehe nicht wissen, ob sie danach weiter zusammenleben werden. Ihre innere Wanderung spiegelt sich in der Reise. Normalerweise gehen ja eher Studenten oder Abiturienten auf solche Trips...
Ja, das stimmt. Ich selbst allerdings komme aus einer Familie von Nichtreisenden, bin als junger Mensch überhaupt nicht herumgekommen und war deshalb wie Douglas immer ein wenig von Europa eingeschüchtert. Ich fing erst in meinen Vierzigern an, mich auf der Welt umzusehen. Doch ältere Menschen haben dieselben Hoffnungen an eine Reise wie junge: Dass sie von einem Sonnenuntergang, vom Blick auf die Rialtobrücke oder einem Abendessen auf dem Eiffelturm auf irgendeine Weise verändert werden. Reisen gilt als romantisch, und zu einem gewissen Grad stimmt das auch. Aber es kann auch sehr stressig sein.

Wie kamen Sie auf die Idee, eine Liebesgeschichte von ihrem drohenden Ende aus zu erzählen?
Wieder geht es darum, mit dem Klischee zu brechen. Ich glaube nicht an Liebe auf den ersten Blick und auch nicht daran, dass nach der Hochzeit nur noch Langeweile kommt. Ich wollte also eine ganz andere Geschichte erzählen. Die klassische Lovestory dreht sich um die Frage: Werden sie zusammenkommen? Bei mir lautet die Frage: Werden sie zusammenbleiben? Außerdem bin ich mittlerweile 48 Jahre alt, habe zwei Kinder und hatte schon seit 20 Jahren kein Date mehr. Deshalb wollte ich über die nächste Phase schreiben: Was kommt nach der Hochzeit, die bei Shakespeare und im Märchen das Ende der Geschichte markiert? Was passiert mit der Liebe, wenn man Eltern wird?

Würden Sie die Elternschaft selbst auch als rite de passage, als Ritual des Übergangs, bezeichnen?
Ja. Ich teile mein Leben in das "vor" und "nach" der Geburt meines ersten Kindes ein. In England gibt es das Sprichwort: "Der Feind der Kunst ist der Kinderwagen im Flur." Ich sehe das anders, ich arbeite seitdem sogar viel sorgfältiger. Aber Kinder beeinflussen die Beziehung sehr. Plötzlich gibt es da diese dritte Person, und man stellt sich ganz praktische Fragen nach Disziplin, Zubettgehzeit oder Ernährung. Darüber macht man sich keine Gedanken, wenn man datet. Eltern zu werden ist also eine große Veränderung – eine gute.

An einer Stelle im Roman heißt es: "Das alles fühlt sich an wie ein Beckett-Stück." Steht dieser Satz auch für Ihr Werk – geht es um einen humorvollen Blick auf das absurde Leben?
Das hoffe ich sehr. Es würde mir sehr schwer fallen, ein Buch zu schreiben, das vollkommen ernst und deprimierend ist. Ich habe diesen Reflex, das Komödiantische an einer Situation zu suchen. Ich kann die Leser aber auch nicht mit jeder Seite zum Lachen bringen. Der Mittelweg fühlt sich natürlich an. Das erscheint mir wie eine schöne Spiegelung des Lebens mit seinen lustigen und traurigen Momenten. Allerdings werden meine Bücher mit zunehmendem Alter immer düsterer. Das liegt aber vor allem daran, dass ich als Schreiber selbstbewusster werde. Ich habe nicht mehr den Drang, immerzu Witze erzählen zu müssen.

Sie haben in Ihrem Leben mal ganz von vorne begonnen. Sie waren einst ein Schauspieler und kein sehr erfolgreicher, wie Sie in Ihrem selbstironischen Buch "Ewig Zweiter" beschreiben...
Es war ein Desaster. Ich war ein schrecklicher Schauspieler. Ich liebte es, im Theater und ein Teil der Bühnengemeinschaft zu sein. Ungewöhnlicherweise für einen Schauspieler war ich jedoch sehr viel glücklicher, wenn mich niemand anschaute. Um auf der Bühne Erfolg zu haben, braucht man mehr Ego, als ich jemals hatte. Aber diese Erfahrung hilft mir sehr, wenn ich mir Charaktere ausdenke. Im Theater gibt es zu jeder Figur eine Backstory, die etwa aufschlüsselt, wo ihre Eltern leben, was sie zum Frühstück isst und dergleichen. Dieses Training hilft mir als Autor.

Wird es jemals einen Neuanfang für Dexter geben, der im Roman "Zwei an einem Tag" allein zurückbleibt?
Vielleicht. Ich mag Dexter. Ich habe aber das Gefühl, dass seine Reise auf der letzten Seite zu Ende war. Andernfalls müsste er wieder ein mieser Kerl werden, aber das wäre ja nicht schön. Ohne Emma funktioniert er einfach nicht. Aber vielleicht schreibe ich eine Fortsetzung, wenn meine nächsten Romane floppen.

Sie begleiten Emma und Dexter über eine Zeitspanne von 20 Jahren, Connie und Douglas sind seit 20 Jahren verheiratet: Wie wird Ihre eigene Beziehung nach 20 Jahren wohl aussehen?
Dieser Meilenstein steht uns kurz bevor. Als wir uns kennenlernten, war alles so bemüht, unser Zusammensein war eine Performance. Das ist alles verflogen, wir sind ruhiger, weiser und glücklicher geworden.

Zur Person
Uneitler Gentleman: David Nicholls

Uneitler Gentleman: David Nicholls in seiner Schreiboase in London.

Quelle: Reinhardt

Schreiboase im Londoner Finanzdistrikt

David Nicholls wirkt wie ein Professor für Literatur oder Philosophie. Er trägt einen dunkelblauen Anzug wie auffallend viele Briten. Die Haare sind ein wenig durcheinander, die Brille verleiht ihm etwas Gelehrtenhaftes. Der 48-Jährige hat die geschliffenen Manieren eines Gentlemans.

Sein Schreibbüro hat er an einem ungewöhnlichen Ort: in einer Oase im Londoner Finanzdistrikt, nahe der Haltestelle Barbican. Kaum jemand wohnt in diesem Stadtteil, doch Nicholls’ Büro ist eigentlich eine schmucke Singlewohnung. Um dahin zu kommen, muss man jedoch erst einmal das Labyrinth aus verschiedenen Türmen durchqueren, aus dem sich der Komplex zusammensetzt.

Von Nicholls’ loftartiger Wohnung im Obergeschoss schweift der Blick über ein Kricketfeld und ein Stück alter Londoner Stadtmauer. Nur zwei von drei Balkonkästen sind bepflanzt, die Pflanzen des dritten hätten es nicht über den Sommer geschafft, meint der Autor. Eine Wohnung in dieser Lage muss ein Vermögen kosten – aber dazu äußert der Autor sich nicht.

Ikone des Romantischen Dramas

Nicholls zieht sich hierhin zum Schreiben zurück, weil der zweifache Vater zu Hause nicht zur Ruhe kommt, wie er sagt. Mit dem Roman "Zwei an einem Tag" – 2011 verfilmt mit Anne Hathaway – ist David Nicholls zur Ikone des romantischen Dramas geworden. Erzählt wird die wechselhafte Geschichte von Emma und Dexter, die über 20 Jahre begleitet werden. Die kurzen Einblicke in unterschiedliche Lebensabschnitte zeigt sie mal als Beinahepaar, mal als beste Freunde, mal getrennt voneinander. Als sie sich endlich finden, ist es schon fast wieder zu spät.

Meisterhaft erzeugt Nicholls diese melancholische Grundstimmung des "Was hätte sein können". In seinem vierten Roman "Drei auf Reisen" geht es um ein Paar, das nach 20 Jahren Ehe kurz vor dem Aus steht. Mitten in der Nacht kündigt die Frau an: Wenn der Sohn seinen Schulabschluss macht, will sie noch einmal einen gemeinsamen Familienurlaub machen und sich danach entscheiden, ob sie noch mit ihrem Mann zusammenbleiben möchte.

Auch als Drehbuchautor ist Nicholls erfolgreich, unter anderem mit Adaptionen von Charles Dickens’ Roman "Große Erwartungen" (2012) und von Thomas Hardys "Am grünen Rand der Welt" (2014). Er wird auch an dem Film "Bridget Jones’s Baby" beteiligt sein, der im Original 2016 in die Kinos kommt.

Erfolgloser Schauspieler

Nicholls war nicht immer Autor. Zunächst absolvierte der in Eastleigh in der Grafschaft Hampshire Geborene eine Schauspielausbildung an der Central School of Speech and Drama. Er spielte unter dem Pseudonym David Holdaway im West Yorkshire Playhouse in Leeds und am Royal National Theatre in London. Er wurde sogar eingeladen, mit der renommierten Royal Shakespeare Company auf Tour zu gehen. "Allerdings nicht wegen meines Talents, sondern weil ich einfach ein netter Typ war, den man gerne um sich hatte", meint Nicholls im Rückblick.

Zur selben Zeit bekam er ein Arbeitsangebot als Lektor, das sich als Katalysator in Richtung Schriftstellerei erweisen sollte: "Es fühlte sich für mich einfach passender an, Manuskripte zu lesen, als auf der Bühne zu stehen", resümiert Nicholls.

Von Nina May

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