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Wie entkommen Sie dem digitalen Irrsinn?

Interview mit Anke Engelke Wie entkommen Sie dem digitalen Irrsinn?

Das Sofa in dem Berliner Hotel sieht bequem aus. Aber Anke Engelke nimmt lieber auf dem Boden vor dem Polstermöbel Platz. Die Entertainerin macht gern alles ein bisschen anders als die anderen. Im Gespräch mit Stefan Stosch verrät sie, wie sie sich Stress vom Leib hält und warum sie keiner Mode folgt.

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Entspannt ohne Smartphone: Anke Engelke im Gespräch über bewusste Entscheidungen, ihr Image als Rampensau und ihren neuen Film “Happy Burnout“.

Quelle: dpa

Berlin.  

Frau Engelke, wie weit in die Zukunft reichen die Termine in Ihrem Handy-Kalender?

Ich habe gar kein Smartphone.

Tatsächlich?

Ich denke auch nicht so in Terminen.

Sie wirken tatsächlich ziemlich entspannt: Aber in Wirklichkeit sind Sie eine Perfektionistin, richtig?

Nö.

Die meisten Leute erwarten von Ihnen, dass Sie bei jedem Auftritt witzig sind: Empfinden Sie das als Druck?

Ich sehe mich ja nicht von außen und frage mich auch nicht, was die Leute wollen. Das würde mich im Kopf ja doof und dödelig machen.

Mögen Sie Ihre Zuschauer?

Ja, klar. Ich mache das ja nicht nur für mich. Ich möchte ja durchaus unterhalten, zum Beispiel bei der Berlinale-Eröffnung. Dann habe ich eine Vereinbarung mit dem Publikum: Es hat sich frei genommen, schick gemacht, geduscht und Eintritt bezahlt. Man verbringt eine gewisse Zeit miteinander.

Können Sie mit dem Begriff Rampensau etwas anfangen?

Ich benutze ihn, glaube ich, total selten, dann und wann bekomme ich ihn auch selbst zu hören. Aber das sind so Schubladenbegriffe, ich finde die nicht so interessant. Ein Bäcker möchte ja auch nicht reduziert werden auf seine Vollkorn-Bagels.

Wieso? Die Bagels schmecken den Kunden. Ist doch ein Qualitätssiegel.

Das sagen Sie. Wann sprechen wir denn über den Film “Happy Burnout“? Ich dachte, darum gehe es bei unserer Verabredung? Ha, nein, Entschuldigung: Das ist Ihr Job. Ich muss mal aufhören, immer selber Fragen zu stellen in Interviews.

Dann fragen Sie doch mal.

Ja, womit haben Sie gerechnet bei diesem Film?

Das Thema Burnout in einer Komödie ist toll. Aber der Film nimmt erwartbare Kurven und bleibt oberflächlich. Jetzt frage ich wieder, okay? Was hat Sie an dem Film interessiert?

Ich schaue immer zuerst auf die Rolle, in diesem Fall spiele ich eine Therapeutin in einer Klinik. Ist diese Rolle so fordernd, dass es sich lohnt, damit Zeit zu verbringen? Wichtig ist auch das Team. Mit Regisseur André Erkau und mit Wotan Wilke Möhring wollte ich schon lange mal arbeiten.

Kennen Sie die Symptome, um die es im Film geht, Erschöpfung, Überforderung?

Nein.

Überhaupt nicht?

Ah, jetzt mache ich Ihnen einen Strich durch die Rechnung, weil ich keine Erschöpfte bin. Mist! Aber ich möchte nicht lügen.

Schön, dass es Ihnen gut geht. Wie haben Sie sich denn für dieses Filmthema mit dem, tja, Modethema Burnout erwärmen können?

Ich kriege Moden gar nicht mit. Dafür bin ich echt zu doof, glaube ich.

Sie müssen doch in Ihrem Umfeld Leute haben, die von Burnout betroffen sind. Solche Leute kennt jeder.

Erst mal habe ich mir erklären lassen, dass das gar kein Fachbegriff ist. Einem Burnout liegt eine Depression zugrunde. Und es gab immer schon Leute, die überfordert sind.

Subjektiv fühlen sich viele Leute im digitalen Zeitalter mehr gestresst.

Den Stress verursachen wir ja selbst. Wir sind die Gesellschaft, über die wir uns beschweren. Da gerät man leicht in so eine Schuldzuweisungsfalle. In der Steinzeit haben sich Leute sicher auch überfordert gefühlt. Ich weiß nur nicht, wie sich das geäußert hat, wenn einer durchgedreht ist, weil er das mit dem Jagen nicht hingekriegt hat.

Ist Ihre Smartphone-Abstinenz eine bewusste Entscheidung gegen die allgemeine Beschleunigung?

Na klar. Ob man eine Mode oder einen Trend mitmacht, ob man bestimmte Unternehmen unterstützt oder nicht, das geschieht ja nicht im Halbschlaf. Ich bin auch noch nie nachts schlafwandelnd in einer Boutique eingebrochen, habe ein Kleid mitgenommen und am nächsten Tag auf die Frage geantwortet, ob meine Kleiderwahl eine bewusste war: Nein, das habe ich im Halbschlaf angezogen.

Oft geht es aber kaum ohne Handy.

Trotzdem ist es eine bewusste Entscheidung zu sagen: Mit mir nicht. Ging bislang prima ohne. Macht mich nicht wahnsinnig. Tschüss.

Sie haben leicht reden: Für Sie regelt bestimmt eine Assistentin Termine.

Hoppla, worauf wollen Sie hinaus? Klar, wie viele Kollegen habe ich eine Schauspiel- und eine Presseagentin.

Aha.

Also, ich möchte auch nicht mit Rauchzeichen kommunizieren. Telefone sind schon cool. Und zwar zum Telefonieren. Deswegen heißen sie so.

Ganz entkommen Sie dem digitalen Wahnsinn aber nicht: Wie reagieren Sie auf einen Internet-Shitstorm nach einer provokativen Pointe?

Ich mache eine Pointe. Fertig. Die kann man lustig finden oder nicht. Ich stehe da ja nicht als Politikerin. Aber gut: Wenn die Leute etwas loswerden wollen und sich echauffieren, dann sollen sie das tun.

Können Sie mit dem Begriff “Work-Life-Balance“ etwas anfangen?

Nee, was ist das denn? Ist die Arbeit ausgegliedert aus dem Leben? Das ist ja irre. Dann ist das ja ein ziemlicher Scheißbegriff, den wir einfach so nachlabern.

Sie engagieren sich für das Medikamenten-Hilfswerk “action Medeor“: Würden Sie für einen großen Konzern eine Veranstaltung moderieren, wenn dabei eine ordentliche Stange Geld für diese Organisation herausspringt?

Solche Anfragen kommen vor, aber das muss ja nicht sein. Man muss keine Dinge tun, zu denen man nicht steht. Früher habe ich Sachen gemacht, die ich heute nicht mehr machen würde. Da war ich schlecht beraten.

Was haben Sie denn so gemacht?

Zum Beispiel bestimme Preise angenommen. Es gibt Preisverleihungen, bei denen klar ist, es werden Menschen nur deshalb ausgezeichnet, weil sie gerade in der Stadt sind oder eingeflogen werden können. Gerade so Hollywood-Größen.

Wie wählen Sie Ihre Engagements aus?

Wenn eine Sache komplett unterstützenswert ist, bin ich dabei und bei “action Medeor“ eben ohne Honorar, logo. Aber man sollte nicht vergessen, dass es Kollegen gibt, die auf Honorare angewiesen sind, da bin ich gerade sehr privilegiert.

Wissen Sie inzwischen, was gut für Sie ist?

Oft. Aber ich mache trotzdem Dinge, über die ich später den Kopf schüttele. Langsam raffe ich, was zu mir passt und was nicht nur mich glücklich macht, sondern im Idealfall auch noch andere.

Dann muss es Ihnen doch auch passieren, dass Sie sich zu viel zumuten.

Das passiert wohl jedem mal.

Was tun Sie dagegen?

Ich jogge, gehe aber auch gern spazieren oder setze mich auf eine Wiese. Ich bin gern draußen, aber auch gern unterwegs – bloß nicht im Auto oder im Flugzeug. Ich fahre total gern und viel Zug.

Sind Sie für dieses Gespräch aus Köln mit dem Zug nach Berlin gekommen?

Ja, ich mache alles in Deutschland mit dem Zug. Das entschleunigt so schön und tut dem Planeten gut. Man weiß dann auch noch, wie man von A nach B gekommen ist. Und wenn ich doch mal über den Atlantik fliegen muss, frage ich mich: Wie geht das denn, über dieses große Wasser und gegen die Uhr zu fliegen? Ich bin ja kein Jetsetter, auch wenn mein Beruf oft aufregend ist und herrlich wirbelig. Ich bin dann aber auch sehr gern wieder zu Hause, ich bin eine ziemliche Köln-Else.

Zur Person: Anke Engelke

Als Anke Engelke zehn Jahre alt ist, singt sie im Kinderchor. Als sie zwölf ist, moderiert sie Kindersendungen im Radio, als 13-Jährige auch im ZDF-Ferienprogramm. Sie interviewt Astrid Lindgren und Frank Elstner, Nina Hagen und Udo Lindenberg. Schwer vorstellbar, dass es die 1965 als Tochter eines Lufthansa-Managers und einer Fremdsprachenkorrespondentin in Montreal (Kanada) geborene Engelke je irgendwo anders hätte hinziehen können als ins Scheinwerferlicht. Dabei wollte sie Lehrerin werden, studierte Anglistik und Romanistik, ließ das Studium aber nach der Zwischenprüfung sausen.

Heute ist Engelke eine Institution im Kulturbetrieb, egal ob als Moderatorin, Komikerin, Schauspielerin, Sängerin oder Synchronsprecherin. Ihr Name steht fürs Hintersinnige, Verblüffende, auch Abseitige. Mit Standard-Performances gibt sie sich nicht zufrieden. Vor ihrem Witz ist niemand sicher. Die Vielbegabte gilt als die witzigste Frau im deutschen Fernsehen, die frechste und schlagfertigste ist sie womöglich auch.

Die Liste ihrer Erfolge ist lang. In der vielfach prämierten Sat.1-Sketchreihe “Ladykracher“ spielte sie die verrücktesten Frauen. Mit ihrem Partner Bastian Pastewka amüsierte sie sich als Duo „Wolfgang und Anneliese“ über die deutsche Volksmusik. Und mit Olli Dittrich erwies sich Engelke in der Reihe „Blind Date“ als Meisterin der Improvisation. Eine etwas andere Talkshow mit dem Titel “Anke hat Zeit“ übernahm sie im WDR.

Im Kino war sie genauso in Detlev Bucks Komödie “Liebesluder“ wie in Tobi Baumanns “Wixxer“ oder in Sönke Wortmanns “Frau Müller muss weg“ zu sehen. Nun spielt sie eine Psychologin in André Erkaus Komödie “Happy Burnout“ (Start: 27. April). Die Fachkraft bekommt es mit einem ausgesprochen relaxten Patienten zu tun (“Old Shatterhand“ Wotan Wilke Möhring), der das Klinikleben tüchtig aufmischt.

Eine Lieblingsbeschäftigung von Engelke ist das Synchronisieren: Sie lieh der verwirrten Paletten-Doktorfischdame in “Findet Dorie“ ihre Stimme und spricht Mutter Marge in der Serie „Die Simpsons“. Engelke moderierte gemeinsam mit Stefan Raab und Judith Rakers den Eurovision Song Contest 2011 in Deutschland. Legendär sind ihre Auftritte bei den Berlinale-Galas, bei denen sie etwa den US-Schauspieler James Franco in einen eigenartigen Flirt verstrickte. Eine Gastprofessur an der Kunsthochschule für Medien in Köln hat Engelke zudem übernommen.

Gibt es etwas, das der überzeugten Kölnerin nicht gelungen ist? Als einziges Desaster muss wohl “Anke Late Night“ gewertet werden, eine Fortsetzung der legendären Show von Harald Schmidt. Fünf Monate lang lief die Veranstaltung mit schlechten Quoten und noch schlechteren Kritiken.

Ihr Privatleben schirmt Engelke ab. So viel ist bekannt: Im Mai 2015 trennte sie sich von dem Musiker Claus Fischer, mit dem sie zwei Söhne hat. Eine Tochter stammt aus der Ehe mit dem Keyboarder Andreas Grimm. In ihrer Freizeit, wenn sie denn welche hat, engagiert sich Engelke für das Medikamenten-Hilfswerk „action Medeor“.

Von Stefan Stosch

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