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Wie gehen Sie in den Wahlkampf?

Interview mit Serdar Somuncu Wie gehen Sie in den Wahlkampf?

Der Kabarettist Serdar Somuncu will sich im Berliner Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg direkt  in den Bundestag wählen lassen. Jan Sternberg sprach mit ihm  über Politik und Satire, Europa  und Erdogan.

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Quelle: Michael Palm

Herr Somuncu, Sie wollen für Martin Sonneborns Polit-Truppe „Die Partei“ als Kanzlerkandidat antreten. Machen Sie ab jetzt Politik statt Satire?
Nein, der Wahlkampf geht erst im August los. Ich bin lediglich designierter Kanzlerkandidat und mache jetzt erst einmal weiter meine Sendungen.

Werden Sie ein zweiter Sonneborn? Der hat sich stark verändert, seit er Europaabgeordneter ist – er ist inzwischen vom Satiriker fast komplett zum Politiker geworden.
Ja, das stimmt, aber das finde ich nicht falsch. Sonneborn macht Politik aus einer satirischen Position. Aber die Realität hat ihn eingeholt. Die Rede, die er zur Steuerfreiheit von Apple gehalten hat, war eine der besten Reden, die im Europäischen Parlament gehalten wurden. Wenn man sich noch mal daran erinnert, wie nahe die Realität in Sachen Böhmermann und Erdogan an die Politik rangerückt ist, dann finde ich es nur zeitgemäß, wie Sonneborn Politik macht. Satire macht eben auch Politik, und Politik ist manchmal auch Satire.

Sie haben andererseits ja eh keine Chance, in den Bundestag gewählt zu werden.
Moment, so abwegig ist das nicht. Ich habe bei der letzten Tournee 300.000 Zuschauer gehabt. Wenn die mich alle wählen, bin ich schon nah dran. Besonders, wenn ich mich als Direktkandidat in Friedrichshain-Kreuzberg aufstellen lasse. Nach dem Rückzug von Hans-Christian Ströbele, der den Wahlkreis viermal direkt gewonnen hat,  bin ich dort sicher nicht ganz chancenlos. Und wenn ich in den Bundestag gewählt werde, mache ich das.

Sie haben in Ihrer Radiosendung „Die Blaue Stunde“ im Rundfunk Berlin-Brandenburg dafür plädiert, mehr mit der AfD zu diskutieren. Die sitzen doch schon in jeder Talkshow, was wollen Sie denn noch?
Ich will eine inhaltliche Debatte. Man darf aus Angst vor Populisten nicht die Argumente scheuen. In Amerika hat mit Donald Trump ein vermeintlicher Underdog einen Durchmarsch hingelegt. Ich befürchte, dass das auch in Deutschland möglich ist, solange wir nicht mit der AfD auf Augenhöhe diskutieren über Richtig und Falsch. Ich habe  viele Vorbehalte gegen das Deutschland, das die AfD sich vorstellt. Aber bei den etablierten Parteien regiert die blanke Angst, sie trauen sich gar nicht, offensiv mit Gegenargumenten anzutreten.

Welche haben Sie?
Wenn man bei der Europafeindlichkeit der AfD beginnt, denn daraus ist die Partei entstanden, muss man auch fragen: Warum gibt es dieses Europa, das wir gerade haben? Und was ist daran schlecht? Wir haben die längste Periode des Friedens, die es je auf diesem Kontinent gab. Wir haben ein Gegengewicht gegen die großen wirtschaftlichen Player USA und China. Der Euro hat uns wettbewerbsfähiger gemacht. Es wäre ein riesiger Rückschritt, den Euro aufzulösen. Außerdem hat gerade Deutschland das Bekenntnis für Europa, das Bedingung für die Wiedervereinigung war, einzuhalten. Ich glaube an Europa, denn wir sind ein Teil davon. Das muss man offensiv vertreten, auch wenn man dabei in Kauf nehmen muss, durch klare Positionen Wähler an die Populisten zu verlieren.

Was wird 2017 besser?
Vermutlich wenig. Ich kann nur hoffen, dass unser Umgang mit den großen Konflikten der Welt klüger wird. Statt wegzuschauen, müssen wir viel öfter solidarisch sein. Wir müssen aber auch lernen,die Debatten darüber angstfreier zu führen. Ich glaube zwar nicht, dass die Welt untergeht. Aber vieles wird schlimmer werden. Die Lage in der Türkei wird sich weiter zuspitzen, auch weil sich gerade die Achse Putin-Trump-Erdogan bildet. Der Terrorismus wird allgegenwärtiger sein. Der Anschlag am Breitscheidplatz war nicht der letzte. Die AfD wird mit einem hohen Stimmenanteil in den Bundestag einziehen. Merkel wird von einer rot-rot-grünen Koalition abgelöst.

Geduldet von Serdar Somuncu und einigen Abgeordneten der AfD?
AfD und FDP werden die Zünglein an der Waage sein. Bei sechs Parteien und einer schwachen Union könnte rot-rot-grün möglich werden.

Obwohl die Grünen nicht wissen, was sie wollen?
Das interessiert ihre Wähler nicht. Die Grünen sind mittlerweile eine Spießerpartei, die von einem saturierten Bürgertum als Statussymbol gewählt wird.

Wie hat der Anschlag vom Breitscheidplatz Deutschland verändert?
Die Angst ist konkreter geworden, aber die Erkenntnis daraus ist weiterhin diffus. Das meiste sind Floskeln und Durchhalteparolen. Solange wir davon profitieren, dass es anderen schlecht geht, können wir uns nicht sicher fühlen.

Wie groß ist Ihre Beunruhigung über die Entwicklung der Türkei unter Erdogan?
Sehr groß. Erdogan wird die Todesstrafe wieder einführen, er wird seine Agenda weiter durchsetzen, und der EU bleibt nichts anderes übrig, als sich das bieten zu lassen, weil sie erpressbar geworden ist. Erdogan kann die Schleusen öffnen – und wir sind mit der einen Million Flüchtlinge, die bisher nach Deutschland gekommen ist, schon überfordert.

Inwiefern?
Nicht organisatorisch, aber mental. Wir haben zum ersten Mal verstanden, dass die Konflikte der Welt vor unserer Haustür landen, wenn wir sie ignorieren. Wir machen uns keine Gedanken über die Fluchtursachen. Dazu gehören nicht nur Kriege, dazu gehört auch die Verteilungsungerechtigkeit in der Welt. Wir exportieren Waffen, wir kaufen billige Klamotten, ohne uns darum zu kümmern, wie und zu welchen Löhnen sie produziert werden. Die Menschen in Bangladesch oder sonst wo sehen doch, wie es uns geht. Deswegen sind so viele Leute auf dem Weg hierher.

Wie sehr wird der Konflikt in der Türkei auch Deutschland beeinflussen?
Erdogan streckt seine Fangarme auch nach Deutschland aus. Hier leben schließlich 3,5 Millionen potenzielle Separatisten.

Meinen Sie damit die Deutschtürken?
Ja, die meine ich. Die Ambivalenz der in Deutschland lebenden türkischen Bevölkerung und der mangelnde Wille, sich für eine deutsche Identität zu entscheiden, war größer, als ich angenommen habe. Und das schmerzt.

Das sagen Sie vor dem Hintergrund der Pro-Erdogan-Demonstrationen in Köln?
Ja, denn das waren alles deutsche Staatsbürger. Und wenn die sich alle aussuchen, wann sie was sind, ist es einfach nicht fair. Das ist ein Affront gegen den Gastgeber.

Jetzt wählt Sie in Kreuzberg keiner mehr.
Die Erdogan-Fans wählen mich sowieso nicht. Ich habe meinen türkischen Pass zurückgegeben. Deutschland ist in den vergangenen zehn Jahren ein Land geworden, an dem jeder mitbauen kann, der sich dazu bekennt. So wird es bleiben. In 20, 30 Jahren wird dieses Land noch gemischter sein. Und das ist gut so. Das ist allerdings bei vielen hier lebenden Türken nicht angekommen, vielleicht, weil sie zu lange ausgegrenzt wurden.

„Grobian“ und „Hassias“: Somuncu polarisiert, im deutschen Kabarett gibt es keinen Härteren

Foto: Provokanter Kabarettist, feiner Satiriker, angenehmer Plauderer im Radio und Spitzenkandidat für „Die Partei“: Serdar Somuncu will in den Bundestag.

Provokanter Kabarettist, feiner Satiriker, angenehmer Plauderer im Radio und Spitzenkandidat für „Die Partei“: Serdar Somuncu will in den Bundestag.

Quelle: Privat

Mit Hass kennt sich Serdar Somuncu aus. Mehr als 1400-mal las er aus Hitlers Hetzschrift „Mein Kampf“. Sein berühmtestes Programm startete Somuncu 1996, und natürlich war es die maximale Provokation. Die politisch Korrekten hatten Angst davor, dass Hitlers Worte auf die Bühne kamen. Die Neonazis wurden wahnsinnig bei dem Gedanken, dass ein Türke ihren Führer lächerlich machte. „Sie sind doch auch so eine Art Kanaken“, rief er seinen Zuhörern im sächsischen Dippoldiswalde zu. Der Auftritt von 2005 ist auf Youtube dokumentiert und bis heute besonders, weil eine Gruppe Jung-Rechter den Saal stürmt. Das Video zeigt, wie souverän Somuncu reagiert. Er zieht sich scheinbar zurück, bietet dem Nazi-Nachwuchs sogar die Bühne an. Aus dem Zuschauerraum zieht er sein Programm weiter durch und lässt die Zuhörer so über Nazis lachen. Über die alten und die neuen gleichermaßen. Nach wenigen Minuten räumt die Polizei die Bühne, die Situation ist bereinigt. Natürlich vertraut Somuncu bei solchen Auftritten auf den Polizeischutz – und in seinem Privatleben auf Anwälte, die dafür sorgen, dass nichts über seinen Beziehungsstatus geschrieben wird. Ansonsten kennt er wenig Zurückhaltung, auch gegenüber Arbeitgebern: „Diese Arschlöcher nehmen sich raus, im Namen der Gebührenzahler, uns zu zensieren. Und das war für mich die Keimzelle des Faschismus.“ Das bezog sich auf Auftritte im Westdeutschen Rundfunk. Der Sender verklagt Somuncu jetzt auf Unterlassung. Dabei wird der in Istanbul geborene Rheinländer ja meist eingekauft, um den pöbelnden Migrationshintergründler zu geben, „Grobian“ hieß er im WDR, „Hassias“ nennt er sich selbst. Seine Live-DVD „H2 Universe – Die Machtergreifung“ ist gerade erschienen. Somuncu polarisiert: „Jede Minderheit hat ein Recht auf Diskriminierung“ ist das Motto des Bühnen-Somuncu. Im „Stern“ sprach er über die Anfeindungen, die dieser Satz ausgelöst hat: „Viele Gruppen wollen die Ironie darin nicht verstehen. Das sind nicht nur Rechtsextreme, sondern auch viele andere, die damit nicht umgehen können. Die Palette reicht von Neonazis bis zum Veganer, die mich mit dem Tod bedrohen. Humorlosigkeit ist offensichtlich keine Frage der politischen Gesinnung.“

Doch es gibt auch den fein satirischen Kolumnisten Somuncu, den ernsthaften Talkshowgast und den charmanten Radiomoderator. „Die Blaue Stunde“ heißt seine Talkshow beim Rundfunk Berlin-Brandenburg. Dort ist er angenehm, ernsthaft, manchmal plaudernd, manchmal gehaltvoll. Es wirkt, als mache Serdar Somuncu dort Urlaub von seinen anderen Rollen.   jps

Von Jan Sternberg

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