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Wie halten Sie’s mit Luther?

Interview mit Feridun Zaimoglu Wie halten Sie’s mit Luther?

Der Autor Feridun Zaimoglu ist als Moslem aufgewachsen – jetzt hat er ein Buch über Martin Luther geschrieben. Im Gespräch mit Nina May erzählt er von dessen Sprachgewalt, Fieberträumen bei der Recherche und erklärt, weshalb der Reformationstag in allen Bundesländern ein Feiertag sein sollte.

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“Schweigen, wenn man nichts zu sagen hat“: Autor Feridun Zaimoglu ist ein Freund von Stille und Eskapismus.

Quelle: dpa

Hannover.  

Sie haben mal gesagt, dass Sie sich in Ihre Romanfiguren hineinversetzen, für das Buch “Isabel“ etwa haben Sie sich abgemagert wie Ihre Protagonistin. Was haben Sie diesmal getan, haben Sie irgendwo Ihre Thesen angeschlagen wie Martin Luther, der im Zentrum Ihres Romans “Evangelio“ steht?

Um mich Martin Luther anzuverwandeln, habe ich mir zumindest nicht seinen Bauch angefressen! Ich habe natürlich seine Schriften gelesen, die “Biblia teutsch“, also die von ihm verdolmetschte Bibel, habe ich ohne Übertreibung einige Dutzende Male verinnerlicht. Ich bin an die Originalschauplätze gefahren, doch das alles reichte noch nicht. Ich wollte nah an der Sprache von damals sein. In einer spätmittelalterlichen Kunstsprache also habe ich diesen Roman dann verfasst. Das war ein langer Prozess, ich fieberte, ich träumte schlecht, ich brach ein Stück weit mit meiner Identität. Ein Jahr hat es gedauert, dann hatte ich einen nüchtern verfassten Szenenablauf zusammen, und dann habe ich den Roman in drei Monaten aufgeschrieben.

Diese Fieberträume teilen Sie dann ja auch mit Luther, wie Sie sie im Roman beschreiben ...

Ich wollte mich nicht als Klassenbester hinstellen und von unserer heutigen Position auf Luther schauen. Ich habe ihn deshalb sehr ernst genommen, auch seine Frömmigkeit. Wenn er sagte, dass er auf der Wartburg vom Teufel angefochten wurde, dann nehme ich auch das ernst. Wir können das natürlich heute belächeln und sagen: “Teufelsvisionen, das ist ja Dark Fantasy!“ Aber das habe ich nicht getan. Da nimmt es kein Wunder, dass diese von mir beschriebenen Visionen und Versuchungen auch in meine Träume einscherten. Aber meine Devise ist: Wenn es mir schlecht geht, dann bin ich auf einem guten Weg, dann ist es gut für den Roman.

Spezifische Sprachfärbungen spielen in Ihrem Werk eine große Rolle. Diesmal haben Sie sich Luthers Sprache so angeeignet, dass die eingestreuten Briefe Luthers an seine Vertrauensleute wie authentische Zeitdokumente erscheinen, obwohl sie aus Ihrer Feder stammen. Wie haben Sie sich das Teutsche, also den Sprachduktus der Lutherzeit, aktiv angeeignet?

Über eine Art “Method Writing“: Ich muss körperlich angegangen werden, Gewaltmärsche machen, mich vergessen. Ich habe das monatelang gemacht. Die Unruhe wurde immer größer. So brenne ich schließlich für den Stoff. Und dann stellen sich die Worte ein. Ich musste vergessen, wie wir heute sprechen, um diesen Roman schreiben zu können.

Das klingt nach Selbstkasteiung. War das nicht ungeheuer mühsam?

Ich habe mich immerhin nicht ausgepeitscht! Ich kenne viele Kollegen, die aus einer nüchternen Position heraus ganz herrliche Bücher schreiben. Ich kann wohl nur schreiben, wenn es in meinem Leben etwas dramatisch wird. Insofern muss ich mich doch immer etwas vorwärtspeitschen.

Was fasziniert Sie so an Martin Luther, dass Sie sich schon als Jugendlicher mit ihm befasst haben?

Auf seine Widersprüchlichkeiten, auch die Widerwärtigkeiten haben schon andere hingewiesen, deshalb muss ich das nicht tun. Für mich ist er ein großer Deutscher. Einer, der den Kopf hingehalten hat. Mich fasziniert seine Sprachgewalt. Er kannte die Klosterstille und die Sprache der Gelehrten. Doch er ist hinausgegangen und lauschte dem Volk die Worte ab, um sie für seine Übersetzung zu verwenden. Er konnte aufbrausend und ätzend sein, er kannte keine Gnade gegenüber Menschen, die in seiner Ansicht die Herrlichkeit des Heilands nicht achteten.

Sie lassen Luthers negative Seiten nicht aus, seinen Antisemitismus und seine Vorstellung vom teuflischen Weib, das den Mann verführt. Taugt Luther überhaupt als Lichtgestalt, als die er im Reformationsjahr verehrt wird?

Ich habe nicht den Eindruck, dass er als Lichtgestalt wahrgenommen wird, sondern eher als Kräutermännlein. Er ist der nette, pausbäckige Onkel in der Mönchskutte, der zwischendurch auch mal flegelhafte Dinge sagen darf. Man überwindet ihn, um zu einem heutigen Verständnis zu kommen. Das hat zwar seine Berechtigung. Aber ich bin Schreiber, und ich achte auf die Worte. Und wenn Floskeln aufgeschrieben werden, dann fehlt mir das Deftige, das Zünftige, das Heftige. Dann fehlt mir das Teutsche.

Haben Sie ein Lieblings-Bibelzitat?

Als Salonlinker gefällt mir die Bergpredigt besonders. In der ersten Segnung heißt es da: “Selig sind die Armen im Geiste, denn ihrer ist das Himmelreich.“

Sie haben 1995 mit “Kanak Sprak“ dem Jargon von türkischstämmigen Migranten einen Namen gegeben. Wollten Sie mit “Evangelio“ den Beweis antreten, dass das Deutsche Ihre Heimat als Schriftsteller ist?

Für mich war bereits als Kind klar, dass nicht mein türkischer Hintergrund, sondern mein deutscher Vordergrund mich interessierten. Wenn ich heute sage “Deutsch ist mir zur Muttersprache geworden“, verweise ich auf meine Biografie. Deutschland ist auch Ausdruck der für mich spannenderen Welt. Kinder sind unbestechlich, und ich wandte mich dem zu, was mit Lust und Temperament zu tun hatte, und das war für mich Deutsch. Deutsch ist meine Seelensprache.

Welche Rolle hat Religion in Ihrer Erziehung gespielt?

Wenig bis gar keine. Meine Eltern sind knallharte Sozialdemokraten, Religion war für sie ein Mittel für jene, die damit die Menschen betäuben. In diesem Geiste bin ich auch erzogen worden, und dafür bin ich dankbar. Zwar wurde nach dem Essen dem Herrn gedankt, und wenn mein Vater sich auf den Weg gemacht hat, sagte er: “Gott sei mit dir.“ Aber ansonsten hieß es: Man lebe nur einmal, und man sollte sich daran freuen. Ich habe so einen Kinderglauben, ich glaube an einen guten und schönen Gott und erfreue mich meines Lebens. Man kann mir also ruhig Naivität unterstellen.

Sie verwenden in Ihrer Antwort den Begriff muslimisch nicht. Was entgegnen Sie Kritikern, die sich fragen, weshalb Sie als Moslem einen Roman über Luther schreiben?

Solange man an einen schönen Gott glaubt, was sollte es für eine Rolle spielen, welche Farbe das T-Shirt hat, das man trägt?

Hat die Spaltung der christlichen Kirche heute noch eine Bedeutung im Alltag?

Ich habe mit vielen Christen gesprochen. Eine katholische Dame hat gesagt: “Spaltung, papperlapapp, Martin Luther steht für einen Befreiungsschlag.“ Auf evangelischer Seite sehe ich viele Menschen, die nicht die religiösen Gefühle der Katholiken verletzen wollen, immerhin hat Luther den Papst ja als Antichristen bezeichnet. Ich sehe also den Versuch, nicht das Spaltende und Trennende zu sehen, sondern eher über das christliche Moment zusammenzukommen. Das klappt nicht immer, aber im Alltag spielt Religion ja für die meisten Menschen ohnehin keine übergeordnete Rolle. Man möchte also nun um Gottes Willen keine große Religionsdebatte anschieben, und das ist auch gut so.

Was halten Sie davon, dass im Jubiläumsjahr auch nicht evangelische Bundesländer den Reformationstag als Feiertag begehen?

Ich finde es nicht das Schlechteste, Luther zu feiern, indem man den Arbeitenden einen freien Tag schenkt. Ich denke aber nicht, dass ein Feiertag jemanden dazu bewegen wird, über Martin Luther nachzudenken. Die Menschen pflegen in der Regel nicht, sich tiefer auf etwas einzulassen, sondern genießen einfach die Freizeit, und das finde ich auch irgendwie sympathisch. Natürlich könnte ein besonders kritischer Geist den konsumistischen Anspruch der Menschen bemäkeln. Aber darauf verzichte ich.

Zur Person: Feridun Zaimoglu

Er sehe ja aus wie eine Fledermaus, sagt Feridun Zaimoglu, als er sich vor einer Lesung noch mal schnell im Spiegel betrachtet. Tatsächlich wirkt der Schriftsteller mit seinen schwarzen Klamotten, einer Handschelle als eigenwilligem Armreif und den auffälligen Silberringen wie ein Geschöpf der Nacht. “Klunker“, sagt der 52-Jährige selbst dazu. Er sammele Silberschmuck, “mit Gold würde ich ja wie ein Zigeuner aussehen“.

Zaimoglu wurde 1964 im anatolischen Bolu geboren, seit seinem sechsten Lebensjahr lebt er in Deutschland. Bekannt wurde Zaimoglu 1995 zunächst als Enfant terrible der deutsch-türkischen Literatur, als er sein Werk “Kanak Sprak – 24 Misstöne vom Rande der Gesellschaft“ veröffentlichte, in dem er den jugendlichen türkischen Migranten auf den Mund schaute. In “Leyla“ (2006) erzählte er von den Freiheitswünschen einer jungen Frau in der türkischen Provinz.

Heute wehrt er sich dagegen, wegen seines Herkunftslandes Türkei auf die Rolle des Deutschtürken reduziert zu werden. Während der Leipziger Buchmesse sagte er, angesprochen auf die antidemokratische Entwicklung in der Türkei, in diesem Jahr: “Wegen meiner Herkunft werde ich nach einer Sprachformel gefragt. Ich soll das missbilligen, und natürlich missbillige ich das. Meine Gedanken sind bei den Kollegen in der Türkei, die in Unfreiheit leben. Doch an einer Parole scheitere ich.“

Mit “Liebesbrand“ (2008) tauchte Zaimoglu tief ein in die bundesrepublikanische Gegenwart: Seine Hauptfigur ist ein junger Aktienhändler, der rechtzeitig vor dem Börsenkrach aus dem Geschäft ausgestiegen ist. Nun lebt er in Kiel – wie der Autor selbst – und sehnt sich nach einer neuen Versuchung. In “Siebentürmeviertel“ (2015) schließlich verwebte er die Schicksale beider Länder: Es geht um eine deutsche Familie, die in den Dreißigerjahren vor der Gestapo nach Istanbul flüchtet.

Sein jüngstes Werk “Evangelio“ spielt im Jahr 1521. Martin Luther ist auf die Wartburg gebracht worden, und ausgerechnet ein katholischer Landsknecht soll den Geächteten auf Befehl des Kurfürsten beschützen. Aus der ungewöhnlichen Perspektive eines “Römlings“ wird auch die Geschichte erzählt. Er beschäftige sich bereits seit 35 Jahren intensiv mit Religion und den Irritationen, die damit einhergehen, sagt der Autor. Zaimoglu ahmt in “Evangelio“ (Kiepenheuer & Witsch) den Duktus der Luthersprache bis ins Detail nach. Dieses Erzählen über Sprachfärbungen ist das Markenzeichen des Schriftstellers. Wie ein Chamäleon pflegt Zaimoglu die spezifischen Tonfälle seiner Protagonisten anzunehmen.

Er gehe beim Schreiben sehr bildhaft vor, erzählt Zaimoglu. “Manchmal male ich eine Szenenfolge auf einer Kästchenseite in vielen Kästchen vor.“ Er wolle kein Katapult für Ideen sein, verrät er und hält nicht viel vom moralischen Anspruch des Intellektuellen, auf alles eine Antwort zu haben. Doch auch den demokratischen Meinungsaustausch über soziale Netzwerke sieht er kritisch: “Der zunehmende Lärm missfällt mir, denn ich bin ein großer Freund der Stille und des Eskapismus. Was im Stillen gedeiht, das kann so falsch nicht sein.“ Heutzutage werde jedem in der Schule vermittelt, man reife nur zu einer Persönlichkeit heran, wenn man zu jedem Thema eine Meinung hat. Das sähe er nicht so. “Wenn man nichts zu sagen hat, dann sollte man lieber schweigen.“

Eine Parallele zur Umbruchsbewegung der Reformation in der Gegenwart sieht er nicht: “Wir leben in einer Zeit, die ständig den Umbruch beschwört oder die Revolution, oft mit apokalyptischem Unterton.“ Oft genug falle das Ganze dann in sich zusammen. Zaimoglus Fazit: “Es wird immer neue Anfänge geben, denn Umbrüche haben ja nur ein gewisses Haltbarkeitsdatum.“

Von Nina May

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