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Promi-Talk Wie lang ist der Arm der Mafia?
Sonntag Promi-Talk Wie lang ist der Arm der Mafia?
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20:01 30.09.2016
Engagiert gegen das organisierte Verbrechen: Seit zehn Jahren steht der Journalist Roberto Saviano unter Polizeischutz und wird dennoch nicht müde, die Machenschaften der Mafia aufzudecken. Quelle: Jacqueline Schulz

Herr Saviano, ist es an der Zeit, den Krieg gegen die Drogen zu beenden? Und wer hätte ihn dann gewonnen?
Gewonnen haben die Drogenkartelle, die Strukturen, die ich den Narco-Kapitalismus nenne. Denn sie verhalten sich nicht mehr wie Gangster, sondern wie internationale Konzerne. Bisher wird der Krieg in den Herkunftsländern der Drogen geführt, die Verlierer sind die Handlanger im großen Drogengeschäft. Der Dealer wandert in den Knast, die Organisation bleibt unangetastet. Der Gewinner sind die Kartelle.

Lassen Sie uns bei dem Begriff Narco-Kapitalismus bleiben, den Sie in Ihrem Buch "Zero Zero Zero" geprägt haben. Was bedeutet das eigentlich? Benutzen Sie ihn als Symbol? Oder beeinflusst der Drogenhandel die Art, wie die Wirtschaft insgesamt funktioniert?
Der Narco-Kapitalismus ist die Avantgarde des Kapitalismus. Früher musste die Mafia in Italien eine Bank gründen, um ihr Kapital deponieren zu können. Heute sind Milliarden Dollar Drogengeld bei den größten internationalen Banken deponiert. Die Banken weigern sich, die DNA des Geldes zu kennen. Sie wollen dem Kind keinen Namen geben.

Welche Länder sind betroffen?
Das Blut wird in Neapel vergossen und in Ciudad Juarez an der Grenze zwischen Mexiko und den USA. Das Geld aber liegt in London – oder in Frankfurt. Die größte weltweite Plattform für Geldwäsche ist nicht etwa Panama – es ist die City of London. Das sind die Tatsachen. 90 Prozent des Geldes der südamerikanischen Kartelle kommt in die USA und nach Europa. Das Geld der Drogenkartelle landet also wieder in den Ländern, in denen die Drogen konsumiert werden. Die Banken gehen so gut wie kein Risiko ein, wenn sie diese Gelder annehmen. Wenn ich und andere auf dieses Problem hinweisen, sieht man uns an wie Botschafter der Apokalypse. Aber es ist die Realität.

Wie lang ist der Arm der Mafia? Wie aktiv ist sie in Deutschland?
Die Deutschen glauben immer noch, dass die Mafia in ihrem Land kein großes Problem sei. Denn die Mafia ist in Deutschland unsichtbar. Es fließt kein Blut auf der Straße. Nach dem Blutbad von Duisburg im Jahr 2007 hat sich das kurzzeitig geändert. Aber das ist vorbei. Die italienische Mafia hat nach der Wende in Ostdeutschland wie auch in ganz Osteuropa Fuß gefasst. Sie hat in verschiedene Geschäftszweige investiert, in Chemnitz zum Beispiel in Textilläden und die Baubranche.

Auch Hamburg und Rostock bezeichnen Sie als Operationsgebiete der Mafia. Die Behörden haben das nicht bestätigt. Woran liegt das?
Ich bin immer wieder erstaunt, wie zurückhaltend die deutsche Polizei mit Informationen über Mafiaoperationen umgeht, obwohl sie die Tipps selber an die italienischen Behörden weitergeleitet hat. In Rostock ging es 2005 um eine Operation gegen die kalabrische Mafia, die 'Ndrangheta. Auf einem venezolanischen Kohlefrachter wurden 130 Kilogramm Kokain beschlagnahmt. Die 'Ndrangheta hat das Schiff genutzt, um die Drogen nach Deutschland zu schmuggeln.

Ihr Bestseller "Gomorrha" ist auch zu einer Fernsehserie verarbeitet worden, deren zweite Staffel zurzeit läuft. Und auch für die Serie "Narcos" über das Leben des kolumbianischen Drogenkönigs Pablo Escobar haben Ihre Recherchen eine Rolle gespielt.
Ich habe mich kürzlich mit Wagner Moura unterhalten, dem Darsteller des Pablo Escobar in der Serie. Er erzählte mir, dass er "Zero Zero Zero" als Vorbereitung gelesen habe, als Grundlage für diese Rolle. "Narcos" ist eine wichtige Serie, denn sie zeigt Escobar nicht nur als Gangster, sondern auch als Manager.   

Saviano im Jahr 2008 auf dem Weg zu einer Gerichtsverhandlung in Neapel. Vorgeladen sind Mitglieder des Casali-Clans, einer mächtigen Mafiagruppierung. Quelle: afp

Die Drogenkartelle verhalten sich wie internationale Großkonzerne, und sie investieren auch so – vor allem in legale Geschäftszweige. Sind solche Kartelle überhaupt noch zu brechen? Wenn wir morgen alle Drogen legalisieren, verschwindet dann die Drogenmafia?
Ich wäre nicht dafür, alle Drogen zu legalisieren. Dazu ist die Gesellschaft noch nicht bereit. Wir sollten aber auf jeden Fall weiche Drogen wie Marihuana und Haschisch legalisieren. Auch damit nehmen wie der Mafia bereits einen Markt weg. Die Narco-Kapitalisten werden sich entweder auf ihre legalen Geschäftszweige konzentrieren oder neue kriminelle Geschäftsfelder erschließen. Die Legalisierung wird die Kriminalität reduzieren, aber nicht komplett eliminieren.

Wie würden Sie die Situation in Neapel heute beschreiben? Die Situation in der Stadt ist blutiger denn je. Ist der Narco-Kapitalismus wieder in seinen Urzustand zurückgefallen? Oder haben wir es mit einem desorganisierten Verbrechen zu tun, das keine Regeln mehr kennt?
Neapel wird heutzutage von Jugendlichen beherrscht. Aber diese "Baby Gangs" sind keine Banden von halbstarken Kleinkriminellen, sie sind eine neue Mafia. Es ist nicht so, dass sie keine Regeln haben, sie sind nur schneller und rücksichtsloser beim Töten. Sie haben die Regeln einer Mafia. Was wir heute in Neapel sehen, ist nach wie vor eine organisierte Kriminalität, nur mit sehr jungen Protagonisten. Wer heute in Neapel Mafioso wird, tut das in dem Bewusstsein, wahrscheinlich sehr früh zu sterben. Einige Gangmitglieder sind nicht älter als 13. Aber wer als Jugendlicher ein schönes Auto und viel Geld bekommt, den stört es meist nicht, dass er wahrscheinlich noch maximal acht bis zehn Jahre zu leben hat.

Und deswegen sind diese Gangs auch nicht mehr von einzelnen Familien beherrscht? Mit den klassischen Mafiastrukturen haben diese Gangs anscheinend nicht mehr viel zu tun, oder?
Es ist etwas komplett Neues. Das hat es noch nie so gegeben, seit die Mafiaclans in Italien aktiv sind.

Sie stehen wegen Todesdrohungen der Mafia inzwischen zehn Jahre unter ständiger Bewachung. Wie gehen Sie damit um?
Es gibt Leute, die sagen: Solltest du nicht längst tot sein? Ist es nicht eine Inszenierung? Wenn du immer noch lebst, stimmt doch etwas nicht. Es ist schlimm, in diesem Zustand zu leben. Nicht die Erwartung des Todes ist schlimm, sondern dieser andauernde Zustand. Ich bin immer unter Beobachtung, 24 Stunden pro Tag, auch im Bad. Das geht einem unter die Haut. Und es wird immer schlimmer. Es gibt keine Routine, auch nicht nach zehn Jahren. Viele halten das ja für ein Privileg. Es ist kein Privileg, und auch kein großes Verdienst meinerseits. Es ist eine Verdammung.

Wie und wo leben Sie eigentlich?
Ich versuche, ein möglichst normales Leben zu führen. Das ist mein Ziel. Ich verbringe viel Zeit im Ausland, in den USA und auch in Skandinavien. Aber ich bin auch viel in Italien. Ich nutze auch wechselnde Identitäten.

Wünschen Sie sich manchmal, über ein anderes Thema als über die Mafia zu schreiben?
Das ist eine berechtigte Frage. Aber die Wunde, die die Kriminalität bei mir hinterlassen hat, verheilt nicht. Sie ist zur Obsession geworden. Über die Mafia und die Drogenkartelle zu schreiben ist für mich der einzige Weg, über den heutigen Kapitalismus zu erzählen. Auch mein nächstes Buch, das zu Weihnachten in Italien erscheint, beschäftigt sich mit der Mafia – diesmal wieder in meiner Heimat. Es ist ein auf Tatsachen basierender Roman, der von einer Kinder-Gang in Neapel erzählt.

Zur Person

Roberto Saviano geht nicht schwimmen. Er geht auch nicht in die Eisdiele. Nicht, weil der 37-jährige Journalist und Schriftsteller Angst hat, beim kurzen Bad im Mittelmeer oder mit der Waffel in der Hand von einem Mafioso umgelegt zu werden. Sondern, weil er die Paparazzi fürchtet. Giovanni di Lorenzo, Chefredakteur der "Zeit" und Freund Savianos, hat kürzlich darüber berichtet.

Er saß mit Saviano in einem kleinen Lokal am Meer, die Leibwächter einen Tisch weiter, und di Lorenzo fragte, ob man kurz ins Meer steigen wolle. Saviano winkte ab: "Wenn ich jetzt baden gehe, macht nur irgendjemand ein Foto, wie ich durchs Wasser plansche, und morgen steht in der Zeitung: Der Antimafiaheld, dessen Leibwächter der Staat bezahlt, macht sich einen schönen Lenz." Der "Zeit"-Chefredakteur hielt die Laudatio, als Saviano kürzlich den M 100-Medienpreis in Potsdam erhielt. Bundeskanzlerin Angela Merkel nannte Saviano zur selben Gelegenheit ein "leuchtendes Beispiel" für mutigen Journalismus.

Im Ausland bewundert, in Italien kritisiert

Saviano ist mutig, er ist hartnäckig, und er erreicht ein Millionenpublikum mit seinen Büchern. Sie sind eine Mischung aus journalistischer Reportage und Roman, aber die Fakten stimmen, und er nennt auch Namen. In "Gomorrha", seinem Erstling, stellt er die Camorra-Bosse in Neapel bloß. Als das Buch ein Millionenerfolg wird, beschließen diese, Saviano umzubringen. Seit zehn Jahren wird der Autor nun ständig bewacht. Angaben über seine Aufenthaltsorte und vor allem über seine Familie müssen vage bleiben.

In Italien geht Saviano den Menschen auf die Nerven. Vor allem den Politikern. Er verherrliche geradezu das Hässliche, kritisierte Neapels Bürgermeister Luigi de Magistris den Autor. Und der italienische Ministerpräsident Matteo Renzi sagte bei einem Besuch in Kampanien: Von dieser Region dürfe nicht immer nur als der Gegend die Rede sein, in der "Gomorrha" spiele. Im Gegenteil, konterte Saviano: Es gebe nur einen Weg, Süditalien zu retten: nicht die Augen vor der Realität dort zu verschließen.

Realistisch, schonungslos und dreckig sind auch der Spielfilm (2008) und die Fernsehserie inszeniert, die auf das Buch folgten. Die zweite Staffel der "Gomorrha"-Serie wird zurzeit in Deutschland im Bezahlfernsehen Sky Atlantic gezeigt.

Zwei der Bücher, in denen Roberto Saviano seine Recherchen gegen die Mafiaclans und Drogenkartelle verarbeitete: "Zero Zero Zero" und "Gomorrha". Quelle: Herausgeber

Saviano versteht sich als einsamer Kämpfer, als obsessiver Anti-Mafia-Rechercheur. Das ist zu einem nicht kleinen Teil sein Antrieb, die "Verdammnis" des dauernden Personenschutzes zu ertragen. Sein nächstes Buch beschäftigt sich mit der schockierenden aktuellen Situation in Neapel, das nun von den so genannten "Baby Gangs" beherrscht wird. Sie halten sich nicht an die althergebrachten Regeln der patriarchalischen, gläubigen Clans von einst: keine Morde während der Messe, kein Risiko für Unbeteiligte. Sie ballern einfach drauflos. 69 Mafiamorde gab es im vergangenen Jahr, dieses Jahr könnte die Zahl noch höher liegen.

Aber längst beschränkt sich Saviano nicht mehr auf Italien. Er hat sehr detailliert über die mexikanischen Kartelle publiziert – und nennt nun auch den sogenannten Islamischen Staat (IS) eine Mafia. Im Kern gehe es auch den Dschihadisten um Einfluss und Einnahmen, auch aus dem Drogenhandel. Überspitzt gesagt: Für Saviano ist an fast allen Übeln dieser Welt eine Form von Mafia schuld. Und ganz unrecht hat er damit nicht.

Von Jan Sternberg

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