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Wie schwer ist es, lustig zu sein?

Interview mit Joel und Ethan Coen Wie schwer ist es, lustig zu sein?

Bei den Coen-Brüdern ist Vorsicht geboten: Nie weiß man, wo der Spaß aufhört und der Ernst beginnt. Oder umgekehrt. Stefan Stosch hat die beiden US-Regisseure getroffen. Ein Gespräch über Hollywood, den größten Deppen am Set und den Philosophen Wittgenstein.

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Unzertrennlich und urkomisch: Die Coen-Brüder Joel und Ethan sind für ihre schrägen Filme ebenso berühmt wie berüchtigt.

Quelle: Getty Images

Joel und Ethan Coen, Ihr aktueller Film "Hail, Caesar!" handelt von einem sogenannten Problemlöser in Hollywood, der hinter den Kulissen Schwierigkeiten aus dem Weg räumt. Wer von Ihnen beiden ist denn der bessere "Cleaner"?
Joel: Beim Drehen eines Films gibt es so viele Probleme. Da muss jeder ran.
Ethan: Wir laufen sowieso den ganzen Tag nur rum und beantworten die Fragen anderer Leute.

Würden Sie zustimmen, dass die Komödie "Hail, Caesar!" eine reichlich nostalgische Angelegenheit ist?
Joel: Wir haben für die Hollywood-Filme der Fünfziger eine gewisse Zuneigung. Wenn das nostalgisch ist, dann gewiss.
Ethan: Nostalgie setzt ja eigentlich voraus, dass man diese Zeit selbst erlebt hat. Aber im allgemeineren Sinn ...
Joel: Genau. Je älter man wird und je länger die Zeit zurückliegt, desto besser wird sie.

Hätten Sie sich gewünscht, in dieser goldenen Hollywood-Ära zu arbeiten?
Joel: Schwer zu sagen. Es gäbe da interessante Aspekte: Das Studio sagte zum Beispiel, diesen Monat drehen wir einen Thriller oder einen Western oder ein Musical oder was auch immer. Das war dann eine klare Sache, beinahe eine Mission.

Aber Sie hätten es gewiss gehasst, dass Ihnen das Studio dauernd reinredet.
Joel: Ich bin mir gar nicht so sicher, ob das in dem Maße der Fall war. Ein Regisseur mit einer gewissen Reputation, sagen wir: John Ford, hatte auch damals Freiheiten. Wenn Ford einen Western auf die Leinwand bringen wollte wie zum Beispiel "The Searchers" über eine lange, lange Reise nach Hause, dann machte er das, und das Studio folgte ihm.

Ist Ihnen jemals ein Star vom Set abhandengekommen, so wie es in "Hail, Caesar!" geschieht?
Joel: Warten Sie, muss ich kurz nachdenken ... Nein, ich glaube nicht.
Ethan: Nein.
Joel: Nein.

Aber wünschen Sie sich manchmal, dass ein nerviger Star verschwinden möge?
Ethan: Ach, wissen Sie, über die Jahre trifft man so viele Leute und gelegentlich, von Zeit zu Zeit, da wäre es schon ganz schön, wenn ...
Joel: Wir sagen Ihnen jetzt aber nicht, an wen wir denken. Wir versuchen sowieso, immer mit Leuten zusammenzuarbeiten, die wir wirklich mögen. Wir müssen mit denen dann ja auch zu Mittag essen.

Wieso spielt Kidnapping in so vielen Ihrer Filme eine Rolle – in "Fargo", "Arizona Junior" oder "The Big Lebowski"?
Ethan: Das ist uns auch schon aufgefallen. Wir haben noch keine Antwort. Manchmal wird die Handlung aber auch anders motiviert: In "The Man Who Wasn’t There" zum Beispiel ist es der Wunsch eines Friseurs, eine chemische Reinigung zu betreiben, weshalb er einen Erpressungsversuch startet. Folglich haben wir also auch Filme ohne Kidnapping gemacht. Es ist nur schwer, sich daran zu erinnern.

Sehen Sie sich hinter der Kamera eher als Zyniker oder als Moralisten?
Ethan: Weder noch. Wir sind ganz einfach Geschichtenerzähler. Eine gute Story muss sich durch nichts rechtfertigen.

Warum sind so viele Stars begierig darauf, sich in Ihren Filmen lächerlich zu machen?
Joel: Wir kennen da eigentlich nur einen.

Jetzt aber raus mit dem Namen.
Ethan: George Clooney.
Joel: Stimmt, der mag das. Und wir mögen es, dass er es mag. Wir haben dann eine gute Zeit zusammen.

George Clooney in "Hail, Caesar!"

Macht sich für die Coens gern zum Affen: George Clooney als entführter Hollywoodstar in "Hail, Caesar!".

Quelle: Verleih

Was treibt Clooney an?
Joel: So oft bekommt er vermutlich nicht die Gelegenheit dazu. Und er probiert einfach gern Dinge aus. Er ist nicht so eitel wie andere Stars. Außerdem macht er sich umgekehrt über uns lustig und behauptet dann, dass eine Idee von Ethan viel besser sei als meine.

Keine Schauspielerin taucht in Ihren Filmen häufiger auf als Frances McDormand. Mit der sind Sie zufällig auch verheiratet, Joel. Beschwert sich Ihre Frau beim Abendessen über die Rollen, die Sie ihr andichten? Wer spielt schon gerne eine Cutterin im Studio, die von einem Filmprojektor stranguliert wird?
Joel: Ich glaube, es ist besser, wenn ich diese Frage nicht beantworte. Ich könnte Probleme bekommen.

Wann ist es ein Gag wert, in Ihrem Film vorzukommen?
Ethan: Wenn wir beide darüber lachen konnten. Wenn wir den Witz nicht lustig finden, nehmen wir gewöhnlich Abstand davon, ihn an anderen auszuprobieren.

Lachen Sie beide immer über dieselben Witze?
Joel: Nicht unbedingt, aber meistens schon. Deshalb arbeiten wir ja so eng zusammen.

Wie schwer ist es, witzig zu sein?
Joel: Komödien sind hart.
Ethan: Ja, man kommt richtig ins Schwitzen. Das ist wie körperliche Arbeit.

Können Sie sich vorstellen, eine Komödie über einen Kandidaten fürs US-Präsidentenamt zu drehen, der Waterboarding erlauben möchte oder Muslimen verbietet, in die USA einzureisen?
Ethan: Das wäre uns zu nahe an der Wirklichkeit.

Ist das politische Geschehen in Amerika womöglich zu verrückt, um es in eine Komödie zu verwandeln?
Joel: Das kann im Moment so aussehen. Aber vielleicht dreht sich das auch wieder.

Haben Sie jemals die belgischen Dardenne-Brüder getroffen, die ja ähnlich symbiotisch wie Sie Filme drehen, allerdings viel sozialkritischere?
Ethan: Ja, beim Festival in Cannes, ist aber schon ziemlich lange her. Wir haben auch die Taviani-Brüder getroffen, die Marx Brothers nie, übrigens auch nicht die Rockefeller-Brüder.
Joel: Wenn wir mal beim Film bleiben: Den Warner Brothers sind wir auch nicht begegnet.
Ethan: Wer waren überhaupt die anderen Brüder neben Jack Warner, dem Studiochef?
Joel: Die müssen sich eher im Hintergrund gehalten haben. Ach so, Bob und Harvey Weinstein kennen wir auch schon lange. Aber die haben wir nie im selben Raum getroffen.
Ethan: Doch, haben wir.
Joel: Tatsächlich?

Eine interessante Paarung wäre es, wenn ein Dardenne- und ein Coen-Bruder zusammen einen Film drehen würden.
Joel: Wir sprechen leider kein Belgisch. Gibt es das überhaupt?

Die Dardennes sprechen Englisch.
Joel: Dann könnte es funktionieren. Ich frage mich nur, ob wir über dieselben Dinge lachen wie die Dardenne-Brüder. Und dann würde ich wahrscheinlich beleidigt fragen: Wieso findest du das nicht lustig, Luc? Oder bist du Jean-Pierre? Vermutlich würde ich in Antwerpen depressiv werden.

Sie haben an der Princeton University Philosophie studiert, in Ihrer Abschlussarbeit ging es um Ludwig Wittgenstein, Ethan. Wie lassen Sie Ihre philosophischen Erkenntnisse in Ihre Filme einfließen?
Ethan: Ich würde sagen: gar nicht. Das lässt sich nur schwer verbinden. Am ehesten ließe sich ein biografischer Film über Wittgenstein denken.
Joel: Und wer spielt Wittgenstein?

Muss da etwa schon wieder George Clooney ran?
Ethan: Nein, warten Sie einen Moment: Das muss eine ganz tiefgründige Sache werden. Ah, jetzt habe ich es: Eddie Redmayne. Der spielt alles.
Joel: Gute Idee.
Ethan: Das können Sie ruhig ankündigen: Die Coen-Brüder verfilmen Ludwig Wittgensteins Hauptwerk "Tractatus logico-philosophicus" mit Eddie Redmayne in der Hauptrolle und einem Gastauftritt von Wittgensteins philosophischem Lehrer Bertrand Russell. Den müssen wir aber auch noch besetzen.
Joel: Wir rufen Ralph Fiennes an.

Zur Person
Kultfilm der Coen-Brüder: "Fargo" von 1996

Kultfilm der Coen-Brüder: "Fargo" von 1996

Quelle: Verleih

Die Coen-Brüder pflegen das Absonderliche

Kinoheld in einem Coen-Film möchte man nicht unbedingt sein. Denn die Regie-Brüder Joel und Ethan lassen ihre gut gelaunte Boshaftigkeit gerne an ihrem fiktiven Personal aus. Sie haben ihre Kinofiguren schon aus dem Fenster befördert ("Hudsucker – Der große Sprung", 1994), im Schnee zerschreddert ("Fargo", 1996), von Psychopathen mit Topffrisur durchs halbe Land jagen ("No Country for Old Men", 2007) oder als erfolglose Folkmusiker auf fremden Sofas schlafen lassen ("Inside Llewyn Davis", 2013).

Und das sind nur einige Beispiele aus dem absonderlichen Coen-Country. Ganz aktuell tummeln sich dort Baird Whitlock (George Clooney) und seine Hollywood-Freunde (darunter Josh Brolin, Scarlett Johansson, Tilda Swinton), und denen ergeht es in "Hail, Caesar!" auch nicht gerade gut. Die schräge Komödie feierte Premiere als Berlinale-Eröffnungsfilm, seit Donnerstag läuft sie bei uns im Kino.

Wer von den beiden Coens bei "Hail, Caesar!" wofür zuständig war? Das ist schwer zu sagen, die Brüder wollen sich auch gar nicht auseinanderdividieren lassen. Sie machen alles zusammen – vom Drehbuch bis zum Schnitt. Manche halten die beiden sogar für Zwillinge, aber das sind sie nun auch wieder nicht. Joel, Jahrgang 1954, ist drei Jahre älter als Ethan und auch ein paar Zentimeter größer. Und an wen wendet sich ein Schauspieler, der am Set eine Frage hat? Antwort der Coens: "An den, der am nächsten steht."

Seit mehr als 30 Jahren treten die beiden als unzertrennliches Duo auf, schon bei ihrem Kinodebüt war das so, in dem ein Detektiv einen Mordauftrag an einem Liebespaar nicht ausführt, sondern lieber den Auftraggeber tötet. Typisch Coen war "Blood Simple" (1984) auch sonst, denn es handelte sich um eine eindeutige Hommage ans Kino, in diesem Fall an den Film noir. Gnadenlos lustig zitieren sich die beiden durch die Kinogeschichte.

Unzertrennlich und urkomisch

Jeden Film garnieren die Coens mit ihrem ganz speziellen Humor: In ihrem Western "True Grit" (2010) jagen ein Trunkenbold von einem Marshal, ein von sich selbst eingenommener Texas-Ranger und ein 14-jähriges Mädchen im Indianerland einen Mörder.

Und so einfallsreich die ­Coens auch arbeiten: Mit "Ladykillers" haben sie schon einmal ein Remake auf die Leinwand gebracht. Die britische Gaunerkomödie (im Original mit Alec Guinness) verlegten sie kurzerhand nach New Orleans und ließen Tom Hanks als Obergangster auftreten, der es mit genauso rechtschaffenen wie widerborstigen alten Damen zu tun bekommt.

Selbstverständlich wollten die Coens auch nie etwas anderes werden als Regisseure: Joel Coen hat sich, so geht die Legende, durch Rasenmähen das Geld für eine Super-8-Kamera zusammengespart. Damit drehten die beiden Brüder Fernsehfilme nach.

Den Rasen haben die Coens übrigens in Minneapolis im US-Bundesstaat Minnesota kurz gehalten. Die Stadt vergleichen die beiden gern mit Sibirien – allerdings gebe es in Minnesota "familientauglichere Restaurants". Verheiratet ist Joel Coen mit der ebenso humorbegabten Schauspielerin Frances McDormand.

Von Stefan Stosch

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