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Promi-Talk "Wir müssen machtkritisch sein"
Sonntag Promi-Talk
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20:05 18.12.2015
Terror, Tragödien, neuer Nationalismus in Europa: Klaus Stuttmanns Karikaturen treffen auch bei deprimierenden Themen den richtigen Ton. Quelle: Stuttmann
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Herr Stuttmann, 2015 ist viel passiert. War es aus Sicht des Karikaturisten deshalb ein gutes Jahr?
Ja, das kann man sagen. Es war ein sehr ereignisreiches Jahr, das ist gut für uns. Aber es war auch sehr viel Schreckliches darunter, und dieser schlimmen Dinge bin ich jetzt doch auch sehr überdrüssig.

Es begann gleich mit einem Ereignis, das Sie auch persönlich sehr aufgewühlt haben dürfte.
Der Mord an den Kollegen von "Charlie Hebdo" in Paris hat mich sehr erschüttert – und daran erinnert, dass auch ich mal bedroht wurde ...

... nachdem Sie 2006 iranische Fußballer mit einem Sprengstoffgürtel um den Bauch gezeichnet haben.
Die Unterschrift lautete "Warum bei der WM unbedingt die Bundeswehr zum Einsatz kommen sollte". Ich wollte zeigen, wie absurd die Idee ist, bei der WM die Bundeswehr einzusetzen. Aber diese Feinheiten wollten manche damals einfach nicht beachten. Ich musste jedenfalls für einige Tage verschwinden, um mich zu schützen. Diese Erfahrung hat mich verändert. Mir wurde klar, dass so etwas sehr schnell sehr ernst werden kann.

Klaus Stuttmann Quelle: privat

Sind Sie dadurch vorsichtiger geworden?
Nein, die Drohungen haben mich nicht eingeschüchtert. Ich habe, anders als die Kollegen von "Charlie Hebdo", religiöse Fragen ohnehin selten thematisiert. Aber wenn Institutionen den Glauben missbrauchen, um sich Macht zu sichern – dann ist das natürlich ein Thema. Da ist es egal, ob es um Islam oder Christentum geht.

Die Griechenlandkrise hat über Wochen mit endlos scheinendem Hin und Her die Nachrichten dominiert. Wie schwer ist es da, sich immer etwas Neues einfallen zu lassen?
Ziemlich schwer.

Die Griechenlandkrise, gesehen von Klaus Stuttmann Quelle: Stuttmann

Aus Ihren Zeichnungen spricht viel Sympathie mit den Griechen.
Es ging mir gar nicht um Sympathie mit den Griechen. Ich fand die Berichterstattung insgesamt sehr einseitig, das wollte ich infrage stellen. Mich hat die herrschende Meinung über die sparsamen Deutschen und die vermeintlich verschwenderischen Griechen schwer genervt.

Die Griechenlandkrise ging dann fast nahtlos in die Flüchtlingskrise über – und wieder war Merkel eine der Hauptfiguren.
Gefühlt habe ich sie in diesem Jahr jeden zweiten Tag gezeichnet.

Wie lange brauchen Sie für die Kanzlerin?
Für Merkel brauche ich nur noch eine halbe Minute.

Welche Politiker fallen Ihnen schwer?
Manuela Schwesig zum Beispiel. Jung, schlank, blond, da ist wenig Markantes dabei. Aber mir sind generell die Dicklichen, Knuddeligen lieber, so wie Merkel oder Sigmar Gabriel.

Der Germanwings-Absturz im März kommt bei Ihnen nicht vor. Sind manche Themen nicht karikaturtauglich?
Unglücke oder Naturkatastrophen sind generell schwierig. Mit etwas Abstand, wenn die Bilder eine ikonografische Qualität gewonnen haben, geht es dann. So war es mit beiden Türmen vom 11. September 2001 oder auch mit dem gekenterten Schiff, der "Costa Concordia". Insgesamt stößt das jedoch bei Lesern und in Redaktionen leicht auf Unverständnis.

Lassen Sie sich von solchen Protesten beeinflussen? Sind Sie dann beim nächsten Mal vorsichtiger?
Bewusst nicht, nein, im Gegenteil. Wenn ich zum Beispiel etwas über den Konflikt zwischen Russland und der Ukraine zeichne, dann kann ich sicher sein, dass es danach von der anderen Seite Beschwerden gibt. Aber mich ärgert Putins Unverfrorenheit ebenso sehr wie die Einseitigkeit, mit der der Westen die Ukraine unterstützt und es dabei beinahe zum Konflikt hätte kommen lassen. Im Nachhinein denke ich sogar, ich hätte da manchmal noch drastischer sein sollen.

Einseitige Berichterstattung ist Klaus Stuttmann ein Dorn im Auge. Quelle: Stuttmann

Einseitigkeit scheint Sie regelrecht zu ärgern ...
Ja, aber das ist auch eine Frage des Selbstverständnisses. Wir Karikaturisten müssen machtkritisch sein, das ist unsere Haltung – egal, wer gerade an der Macht ist. Ich werde immer dann besonders misstrauisch, wenn mir etwas als alternativlos dargestellt wird.

Am Ende des Jahres gab es wieder bedrückende Nachrichten aus Paris. Haben Sie da manchmal das Bedürfnis, nichts zu karikieren und gleichsam zu schweigen?
Warum? Die Zeitungen werden ja weiter gedruckt, Artikel weiter geschrieben, warum sollte ich aufhören? Was mir schwerfiel waren die Interviews zu Beginn des Jahres, als ich nach dem Charlie-Hebdo-Anschlag meine eigene Befindlichkeit als Karikaturist erklären sollte. Da hätte ich tatsächlich lieber geschwiegen – und weitergezeichnet. Das Zeichnen muss immer weitergehen.

Wäre ein ähnlich ereignisreiches Jahr 2016 für den Karikaturisten Stuttmann eine angenehme Vorstellung?
Ich schaue nicht als Karikaturist in die Zukunft, sondern als Mensch – und da bin ich gerade Pessimist. Wie der Nationalismus gerade überall an Raum gewinnt, beunruhigt mich sehr. Denken Sie an die AfD hier, an die Wahlen in Frankreich und Polen oder die Beliebtheit von Donald Trump in den USA. Das macht mich alles sehr skeptisch.

Zur Person

"Wir schaffen das!" von Klaus Stuttmann Quelle: Stuttmann / Schaltzeit Verlag

Klaus Stuttmann, Jahrgang 1949, wuchs in der Nähe von Stuttgart auf und studierte Kunstgeschichte in Tübingen und Berlin. Als Zeichner Autodidakt, arbeitet Stuttmann seit den Siebzigerjahren freiberuflich als Illustrator und politischer Karikaturist. Beim Karikaturenpreis "Rückblende" wurde Stuttmann mehrfach ausgezeichnet. In bislang neun Bänden wurden Stuttmanns Arbeiten veröffentlicht, der jüngste bündelt mehr als 200 Karikaturen und trägt einen Titel, der wohl als Satz des Jahres 2015 gekürt würde, wenn es einen solchen gäbe:
"Wir schaffen das!!". Erschienen im Schaltzeit Verlag für 19,90 Euro.

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