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Wünschen Sie sich eine Zeitmaschine?

Interview mit Jessica Schwarz Wünschen Sie sich eine Zeitmaschine?

Andere Schauspielerinnen machen dicht, wenn es um Privates geht. Jessica Schwarz gibt gerne Auskunft. Die Öffentlichkeit sei nun mal Teil ihres Lebens, sagt sie. Mit Stefan Stosch sprach die 40-Jährige über Beziehungsfragen, Schicksalsschläge und das Älterwerden.

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Wann stirbt das Kino denn nun endlich?

Frau mit vielen Karrieren: Jessica Schwarz in einer Szene aus ihrem neuen Film “Auf der anderen Seite ist das Gras viel grüner“.

Quelle: Verleih

Hannover.  

Frau Schwarz, wünschen Sie sich manchmal wie in Ihrem aktuellen Film einen Zeitsprung zurück in die Vergangenheit, um Dinge nachträglich ändern zu können?

Hätten Sie mich das vor einem Jahr gefragt, hätte ich gesagt: Nein, bislang ist alles ganz gut gelaufen. Aber nun sind wichtige Menschen in meinem Leben gestorben. Da hätte ich gerne wie meine Filmfigur in „Auf der anderen Seite ist das Gras viel grüner“ die Zeit zurückgespult: Meinen Vater hätte ich dann garantiert zur Darmspiegelung geschickt. Er hatte eine Überweisung, aber ist nicht zum Arzt gegangen.

Ihr Film ist eine romantische Komödie: Wie wäre es mit einer Zeitmaschine in Liebesdingen?

Klar gäbe es da die ein oder andere Begebenheit, mit der ich heute anders umgehen würde. Gleichzeitig habe ich durch die Fehler aber auch gelernt. Die Menschen, die ich danach getroffen habe, hatten mit mir mehr Glück. Aber so ist das nun mal. Man sollte jedenfalls nie vergessen, dass man viel im Hier und Jetzt regeln kann: Wenn man das Bedürfnis hat, jemanden in den Arm zu nehmen, sollte man das tun.

Woran denken Sie?

Eine meiner engsten Freundinnen ist während der Dreharbeiten gestorben. Ich habe ihren Wunsch respektiert, dass sie aufgrund ihres Zustandes niemanden mehr sehen wollte. Heute würde ich zu ihr gehen und klingeln, bis ich in der Wohnung bin.

Leben Sie im Augenblick?

Momentan beschäftige ich mich bewusst viel mit der Vergangenheit, gleichzeitig ist mein Leben als Schauspielerin weit in die Zukunft durchgeplant. Aber ich versuche schon, das Leben zu genießen und mich bewusst darin zu bewegen.

Warum haben Sie Ihre Modelkarriere so früh beendet?

Das hatte einen konkreten Anlass: Meine Agentur meinte, dass sie ihre Models nach Gewicht aussortieren würde. Ich solle doch bitte drei, vier Kilo abnehmen. Damals wog ich 53 Kilo. Da habe ich gemerkt, dass ich diesen Beruf nicht mehr machen möchte. Er war mir zu oberflächlich. Mir hat der Bezug zu Menschen gefehlt, ich fühlte mich einsam. Und ich war wohl zu dick!

Haben Sie das wirklich so gesehen?

Ich lebte in einer Model-WG, Gewicht war ein Dauerthema. Ich hoffe sehr, dass sich das Bewusstsein ändert und es auch kurvige Models künftig auf Titelblätter schaffen. Wir müssen zu einem normalen Körpergefühl zurückfinden. Immer noch sind viele Models extrem dünn – egal ob es, wie nun in Frankreich, Gesetze dagegen gibt. Ich verstehe auch nicht diese Instagram-Geschichten, bei denen Frauen ihren Thigh Gap vorführen, also die Lücke zwischen den Oberschenkeln. Solche Schönheitsideale können direkt zu Essstörungen führen.

Wie gut achten Sie auf Ihren Körper?

Sport ist mir wichtig – ich mache zum Beispiel Calisthenics, das sind Bewegungsübungen nur mit dem Eigengewicht, aber auch Pilates und Yoga. Ich fahre Fahrrad, reite, gehe schwimmen und klettern mit meinem Freund und seinen Kindern. Ich lebe ja in Wien, da sind die Berge nah.

Höhenangst kennen Sie also nicht.

Nein, aber ich habe ein Problem mit nach oben führenden Wendeltreppen. Im Petersdom im Vatikan bin ich oben in der Kuppel mal ohnmächtig geworden, genauso in der Siegessäule in Berlin.

Dann wäre der Hitchcock-Thriller “Vertigo“ nichts für Sie gewesen.

Da hätte ich mir auf jeden Fall therapeutische Unterstützung geholt. Um die Rolle hätte ich gekämpft.

Müssen Sie nicht sowieso dauernd Rollen absagen?

Mir sind schon viel mehr Sachen abgesagt worden, die ich irre gerne gespielt hätte. Als Schauspielerin kommt man nie aus der Prüfungsangst heraus: Es gibt immer ein nächstes Casting. Ich hatte schon als Schülerin Prüfungsängste, das ist bei Filmcastings leider nicht anders.

Was lässt sich dagegen tun?

Inzwischen trainiere ich mit einem Schauspielcoach. Natürlich weiß ich, dass man eine Absage nicht persönlich nehmen darf, aber irgendwo knabbert es doch an einem.

Ändern sich die Ihnen angebotenen Rollen, seit Sie 40 sind?

Lustigerweise bekomme ich immer noch Drehbücher auf den Tisch, in denen ich Frauen Anfang 30 spielen soll. Aber genauso verkörpere ich ja schon länger Mütter. Über Abwechslung kann ich mich nicht beschweren. Jedenfalls noch nicht: Frau Furtwängler hat ja gerade eine Studie initiiert, die ein bitteres Ergebnis hatte: Ältere Frauen verschwinden immer noch einfach von der Bildfläche.

Macht Sie das wütend?

Na klar! Wir Frauen haben so viel zu erzählen, und das muss sich keinesfalls immer um Liebe drehen. Immerhin gibt es aber auch hoffnungsvolle Signale. Denken Sie an die tollen Siegerinnen beim Deutschen Filmpreis – Maren Ade, Nicolette Krebitz, Anne Zohra Berrached.

In den USA wird heftig über die ungleiche Bezahlung von Schauspielern und Schauspielerinnen diskutiert. Hier auch?

Das ist schon lange Thema. Aber es gibt noch andere Probleme. Dumpingpreise nehmen zu. Mir klingelt das Wort “Sondergage“ in den Ohren, das bedeutet: niedrigere Gage.

Was tun Sie in einem solchen Fall?

Ich suche mir meine Projekte sehr genau aus. Aber ich muss auch lange von einer Gage leben, weil ich übers ganze Jahr manchmal nur 40 Tage drehe.

Und was machen Sie die restlichen 312 Tage?

Zum Beispiel führen meine Schwester und ich ein Hotel – auch wenn ich nicht ständig selbst in Michelstadt in der Küche stehe und Frühstückseier für die Gäste brate, ist das sehr zeitintensiv. Gerade verdoppeln wir die Zimmerzahl von fünf auf zehn. So eine Erweiterung macht jede Menge Arbeit. Dann gibt es noch Castings, Fotoshootings, ich bin das Werbegesicht einer Modemarke. Ich schlafe selten länger als drei Tage in derselben Stadt. Dieses Jahr hatte ich schon im Mai meine Frequent-Traveller-Meilen beisammen.

Können Sie sich vorstellen, irgendwann in den Odenwald zurückzukehren?

Ich bin momentan sowieso viel zu Hause. Ich bin mit Haustieren groß geworden, mit meinem Beruf verträgt sich nicht einmal eine Katze. Wenn meine Schwester im Odenwald eine Maiwanderung organisiert, kommen alle Freunde mit Kind und Kegel. Ich habe das mal in Berlin versucht – die Wanderung hat nie stattgefunden.

Also zurück nach Michelstadt?

Auch auf meiner Seite ist der Rasen grün. Es geht immer um Prioritäten: Ich liebe meinen Beruf viel zu sehr – trotz all der Ängste und Aufregungen, die damit verbunden sind.

Gelten Sie eigentlich nach einer romantischen Komödie wie dieser als Beziehungsexpertin?

Es kommen tatsächlich viele Fragen in diese Richtung. Glücklicherweise habe ich mir immer schon viele Gedanken darüber gemacht. Deswegen kann ich punkten, ohne erst im Internet recherchieren zu müssen.

Wie lautet denn Ihr ultimativer Tipp für eine funktionierende Beziehung?

Zum Beispiel sollte man sich immer wieder daran erinnern, was man am Partner geschätzt hat, als man ihn kennenlernte. Dann verliebt man sich vielleicht auch immer wieder neu in ihn. Stattdessen versuchen viele, am anderen rumzufuhrwerken. Und das geht schief. Ich hoffe, Ihre Leser haben der Beziehungsexpertin Schwarz jetzt gut zugehört.

Zur Person: Jessica Schwarz

Als Teenager war sie “Bravo-Girl“, dann entdeckte sie als blutjunges Model die Welt. Vom Laufsteg wechselte sie als Moderatorin zum Musiksender Viva. Für bis zu vier Sendungen gleichzeitig war sie damals zuständig. Und heute? Heute ist Jessica Schwarz eine der gefragtesten Schauspielerinnen in diesem Land.

Für eine 40-Jährige ist das ein ziemlich ausgefüllte Karriere, und man könnte noch manche Ergänzung anfügen: Zusammen mit ihrer Schwester führt Schwarz in ihrem idyllischen Heimatort Michelstadt im Odenwald seit 2008 ein Boutiquehotel mit angeschlossenem Café. Es heißt “Die Träumerei“, das Gebäude ist ein paar Jahrhunderte alt, und auf dem Frühstückstisch liegen auf Wunsch auch glutenfreie Brötchen.

Eine gewisse Abenteuerlust darf man Jessica Schwarz also getrost nachsagen. Schon als Jugendliche brach sie nach New York, Tokio, Mailand auf, auch wenn ihre eher bodenständige Familie dieses Fernweh gar nicht so recht nachvollziehen konnte. Jessica Schwarz tat trotzdem, was sie tun wollte.

Aufbruchsgeist spiegelt sich auch in ihrer Rollenauswahl. Einmal rief sie ein Regisseur ganz unverhofft an und fragte sie, ob sie eine Prostituierte spielen wolle. Der Filmemacher pries die Rolle folgendermaßen an: “Du wirst nackt sein, stirbst, und das Ganze geschieht auf Englisch.“ Der Regisseur hieß Tom Tykwer, der gerade seinen späteren Erfolgsfilm “Das Parfum – Die Geschichte eines Mörders“ (2006) nach Patrick Süskinds Bestseller vorbereitete. Schwarz sagte zu, wie Kinogänger wissen.

Ihr Kinodebüt legte die Schauspielerin 2001 als eine Abiturientin in “Nichts bereuen“ hin – und begegnete bei dieser Gelegenheit auch dem damals noch weitgehend unbekannten Kollegen Daniel Brühl, mit dem sie mehrere Jahre zusammen war. Heute ist der österreichische Kameramann Markus Selikovsky ihr Lebenspartner.

Zu ihren Auftritten mit Nachwirkung beim Publikum zählen zum Beispiel Dominik Grafs DDR-Drama “Der Rote Kakadu“ (2005), in dem Schwarz eine an die Schriftstellerin Brigitte Reimann erinnernde idealistische Dichterin spielte. In den “Buddenbrooks“ (2008) übernahm sie die Rolle der Tony. Im Fernsehen verkörperte sie 2006 die in ihr Unglück trudelnde Lulu aus Frank Wedekinds Theaterstück “Die Büchse der Pandora“, 2009 die glamouröse Romy Schneider. Auch fürs ganz junge Publikum hat Schwarz etwas zu bieten, etwa als sympathische Lehrerin Frau Rose in den “Wilde Hühner“-Filmen.

Oft haftet ihren Figuren etwas Nervöses, Chaotisches, durchaus auch Labiles an. In ihrem aktuellen Kinofilm “Auf der anderen Seite ist das Gras viel grüner“ (Regie: Pepe Danquart), einer romantischen Komödie, lernt sie die beiden möglichen Männer ihres Lebens kennen, indem sie wahlweise deren Fahrrad über- oder deren Auto anfährt. Dann gerät sie etwas überraschend in eine Zeitschleife, kann ihr Liebesleben noch mal von vorn beginnen – und sich noch einmal zwischen den beiden “Unfallopfern“ entscheiden, von denen sie eines ein paar Jahre zuvor schon einmal geheiratet hat. Welcher von beiden ist denn nun der Richtige?

Eine Schauspielschule hat Jessica Schwarz nie besucht, obwohl sie in München die Chance dazu gehabt hätte. Sie suchte lieber ihren eigenen Weg und die praktische Arbeit. Dominik Graf, einer ihrer bevorzugten Regisseure, hat über sie einmal gesagt, dass sie bei aller Recherche eine Figur “neu erfinden“ könne, sobald die Kamera laufe. Und: Sie sei ein Mensch mit einer “angeborenen Lebenserfahrung“. Sitzt man ihr gegenüber, fällt noch etwas auf: Jessica Schwarz hat unglaublich klare blaue Augen, deren Strahlkraft man sich kaum entziehen kann.

Von Stefan Stosch

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