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Ziehen Protestsongs überhaupt noch?

Interview mit Heinz Rudolf Kunze Ziehen Protestsongs überhaupt noch?

"Deutschland" heißt das neue Album von Heinz Rudolf Kunze. Natürlich macht sich der Künstler darin einmal mehr Sorgen um die Zukunft seines Landes – allein schon seiner Kinder wegen. Matthias Halbig traf den Dichter und Sänger in seinem ländlich gelegenen Zuhause bei Hannover.

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Sorgen um die Zukunft: Heinz Rudolf Kunze macht sich – natürlich – Gedanken über Deutschland.

Quelle: Martin Huch

Herr Kunze, Ihr neues Album heißt schlicht "Deutschland". Denken Sie an Ihr Land wie einst Heinrich Heine? Und lässt es Sie auch nicht schlafen?
Ich habe an Deutschland gedacht, seit ich Musik mache und vorher auch schon. Aber im Moment ist natürlich wieder einmal ein besonderer Grund zur Beunruhigung, denn das Ansteigen der Unzufriedenen am rechten Rand ist beklemmend. Das liegt aber natürlich auch daran, dass die demokratischen, etablierten Parteien sich doch sehr schwertun mit vernünftigen Antworten auf die Flüchtlingskrise. Die werden bei den anstehenden Landtagswahlen unglaubliche Quittungen bekommen. Das wird wie ein Donnerhall sein.

Mit der AfD als großer Nutznießerin?
Ich glaube nach wie vor, dass der größte Teil der AfD-Wähler nur verunsicherte, irritierte, wütende Menschen sind – und nicht Nazis. Die muss man unbedingt zurückholen. Dazu müssten die Herrschenden aber endlich mal liefern.

Wie kann man als Dichter und Sänger zu einer Lösung beitragen?
Ich kann in meinen Liedern immer nur kommentieren, abbilden, reflektieren. Ich habe auch keine Patentlösungen. Wenn man mich aber als Mensch nach meiner Meinung fragt, sage ich: "Wir schaffen das" ist ein sehr schöner Satz, aber besonnener wäre es gewesen, zu formulieren: "Gucken wir mal, was wir schaffen." Denn natürlich schaffen wir nicht alles.

Als er gesprochen wurde, glaubten alle noch an den europäischen Gemeinschaftsgeist. Die Kanzlerin hat nur nach dem christlichen Grundsatz der Nächstenliebe gehandelt. Etwas Anständigeres findet sich auf den ersten Blick kaum in der deutschen Geschichte.
Das war zutiefst humanistisch, das stimmt. Und deckt sich ja meiner Meinung nach auch mit dem Grundwertekatalog der EU. Eigentlich müssten das alle Länder der Gemeinschaft so sehen. Es ist eine Unverschämtheit, wie sich die Ostblockstaaten da einfach verweigern. Nachdem die EU schon einmal bei Griechenland ihre Glaubwürdigkeit verloren und den Banken geholfen hat, verliert sie die jetzt ein zweites Mal. Meinen Song "Europas Sohn" habe ich aus dem Programm gestrichen.

Kann der klassische Protestsong die Leute heute überhaupt noch bewegen?
Wahrscheinlich nicht. Aber ich will wenigstens Zeugnis ablegen. Ich will einiges trotzdem mal gesagt haben. Nur ohne den Zeigefinger vieler Protestsänger. Den gibt’s bei mir überhaupt nicht. Ich fordere die Leute zu nichts auf, bequatsche sie nie: Tut dies, lasst jenes. Ich beschreibe nur, was ich vorfinde.

Dafür wird ein Lied bei Ihnen schon mal zum kleinen Theaterstück, Sie schlüpfen gern in zum Teil extreme Rollen. Was das jeweilige Lied zum Instrument für die Falschen machen kann, und den Sänger diskreditiert, wie im Fall von "Willkommen, Ihr Mörder".
Das Lied haben sich AfD-Anhänger bei Facebook zu eigen gemacht. Ich habe das richtiggestellt. Erstens ist es 2014 geschrieben worden, mehr als ein Jahr vor der Flüchtlingskrise. Und es erzählt das Drama "Biedermann und die Brandstifter" von Max Frisch nach, der nicht an Flüchtlinge dachte, sondern an die auf dem rechten Auge blinden Spießer. Drittens gibt es die Zeile "Denn man erkennt sie nicht". Es geht also keinesfalls um Leute, die optisch als Gruppe aus der Menge herausstechen.

Eigentlich weiß man, dass Fremdenfeindlichkeit nie zum Repertoire von Heinz Rudolf Kunze gehören kann. Ist so etwas Sängers Risiko?
Das Lied wendet sich genau gegen die, die es missbraucht haben. Ich verbitte mir Beifall von dieser Seite.

Ihr Albumcover erinnert an "Abbey Road", nur ohne Beatles. Straße mit ein paar Baustellen. Ist das Deutschland?
Ich wollte so ein Bild aus der Lebensmitte. Das zeigt, wie die meisten Deutschen heute immer noch leben. Dort wohnt Martin Huch, mein Grafiker, und immer wenn ich da reinfahre, erinnert mich das an die Straße in Osnabrück, wo ich aufgewachsen bin. Das ist meine Lebensmitte: eine kleinbürgerliche Idylle, Enge. Bisschen heimelig, bisschen muffelig. Ich wollte kein Extrembild von Berlin Kreuzberg oder München Grünwald.

Heinz Rudolf Kunze: Deutschland

Richtig idyllisch wird dann das Deutschland Ihrer Kindheit in Ihrem Lied "In der Alten Piccardie".
Ich hatte eine traumhafte Kindheit. Ich war mit auf dem Feld, mit im Kuhstall. Das war wie im Wilden Westen: Eine Straße, an der waren die Bauernhöfe aufgereiht, dann noch eine Zwergschule, ein Laden – das war’s. Moor und Weite, flach ohne Ende. Ich fand’s herrlich da. Ich hab’s meinen Eltern nie verziehen, dass wir da weggezogen sind, als ich sechs war. Ich kriegte eine Drüsenkrankheit, der Arzt sagte, ich vertrüge das Moorklima nicht. Ich hab das lange vermisst. Das war Bullerbü.

Sie haben selbst drei Kinder. Haben Sie heute Angst, sie in eine unsichere Welt zu entlassen?
Ja. Man hat immer Angst um seine Kinder. Zwar – die Welt wird jetzt nicht wie früher: Es wird in Deutschland keine NSDAP wiederkommen, auch kein Hitler. Aber es gibt andere Gefahren.

Welche?
Dass die EU nicht funktioniert, dass Europa auseinanderbricht und sich nationalstaatlich eingräbt. Was bedeuten würde, das Europa als Player global keine Rolle mehr spielt, dass es in Sachen Gestaltungskraft gegen Russland, USA, China, Indien verliert. Und dann wächst auch automatisch wieder die Möglichkeit, dass es Kriege in Europa gibt. Dann ist diese lange Friedensperiode, die wir genießen durften, gefährdet. Ich hoffe, dass unseren Kindern was einfällt, was uns nicht einfällt.

Sie haben vor Jahren einen Kirchentagssong geschrieben. Jetzt schlagen Sie in "Jeder bete für sich allein" den Verzicht auf "Halbwahrzeichen" wie Kirchen, Moscheen, Synagogen vor. Immerhin nicht ganz so radikal wie John Lennon, der in "Imagine" von einer friedlichen Welt ganz ohne Religion träumte.
So weit gehe ich nicht. Ich mag Religion. Ich finde das Bedürfnis, an einen Gott zu glauben, legitim. Aber wenn man den verrückten Gedanken, Religion zu privatisieren, zu Ende dächte, wäre dem Fanatismus doch viel Dampf aus dem Kessel gelassen.

In "Das Paradies ist hier" singen Sie von der Endlichkeit. In "Der letzte Trick" geht es darum, die Bühne zu verlassen.
Ich spiele solche Sachen durch. Ich habe keine Lust, die Bühne zu verlassen, ich stelle mir nur vor, wie das so wäre. Die Angst, dass alle Tricks durchschaut sind, dass man die Magie nicht mehr herstellen kann, ist eine Berufskrankheit.

Plagen Sie Gedanken an die eigene Sterblichkeit?
Ich werde 60. Unvorstellbar, aber es ist so. Es ist absehbar, dass weniger kommt, als schon war. Und das ist kein schöner Gedanke. Damit muss man fertigwerden, dagegen muss man anmusizieren.

Wird die Angst vor dem eigenen Ende stärker, wenn einer wie David Bowie abtritt?
Klar. Für mich ist das ein Riesenverlust. Zwar bin ich Bowie nie begegnet, aber er war mir immer sehr nahe. Er war für mich die Verkörperung von Neugier, von Immer-nach-vorne, von Zukunft. Was soll die Zukunft jetzt ohne David Bowie machen?

Zur Person
Heinz Rudolf Kunze in seinem Haus bei Hannover

Geregelte Arbeitszeiten: Heinz Rudolf Kunze am Keyboard in seinem Haus bei Hannover.

Quelle: Hollemann / dpa

So fleißig ist wohl kein anderer Musikant seines Jahrgangs: Heinz Rudolf Kunze auf Platte gibt es jährlich – zuweilen sogar zweimal. Das Album "Deutschland" (RCA/Sony), gestern erschienen, ist seine Nummer 34 und kommt früh im Jahr. Es geht mit "Es ist in ihm drin" bluesig los, klingt nach John Lee Hooker und George Thorogood. Es hat schimmernde Westcoast-Gitarren ("Zu früh für den Regen") und beatlige Harmonien in "In der alten Piccardie". Und im schlagerhaft eingängigen "Das Paradies ist hier" klingt die Eröffnung sogar nach Disco.

"Deutschland" ist, anders als der Titel denken macht, kein reines Protestalbum (das war übrigens auch sein Album "Protest" von 2009 nicht), es finden sich Erinnerungslieder ("Nur eine Fotografie") und Liebesbekenntnisse ("Setz dich her"). Eingespielt wurde es in Bremen – in intensiven Sessions im September. Die Band schottete sich im Studio ab, wohnte zusammen, arbeitete zwölf Stunden am Tag.

"Zum ersten Mal waren alle Bandmitglieder zur selben Zeit da", schwärmt Kunze von den Aufnahmen. "Wir schafften 16 Lieder." Mit der Lage der Nation befasst Kunze sich auch. Individualismus ist ihm etwa Voraussetzung für eine glaubensterrorfreie Welt ("Jeder bete für sich allein"). Und im funkigen Titelsong sieht er die unfreundlicher zu Fremden werdende Heimat kritisch.

Vom Liedermacher zum Rocker

Das 1956 im Lager Espelkamp bei Minden geborene Kind von Flüchtlingen ist schon gut 35 Jahre im Geschäft – seit Kunze Ende 1980 den Würzburger Pop-Nachwuchsfestival-Preis in der Sparte "Folk, Lied, Song" gewann. Kunze galt anfangs als Liedermacher, war aber stark von den Britbands der Sechzigerjahre geprägt und wird seit seiner Coverversion des Kinks-Klassikers "Lola" (1984) als Rocker geführt.

Mit dem Song "Dein ist mein ganzes Herz" (1985) machte seine Karriere den Sprung in die Großhalle. In den Nullerjahren ging’s zurück in die Clubs, wo seine Musik am besten überspringt. Kunze lebt mit seiner zweiten Ehefrau Gabi in der Wedemark, ist seit 2009 mit ihr verheiratet, hat drei Kinder und arbeitet vornehmlich zwischen 10 und 18 Uhr – täglich.

Auf Tournee im Herbst

Zwei Bands (Verstärkung und Räuberzivil) hat Kunze, er hat 5000 Texte und mit seinem langjährigen Freund und Kreativpartner Heiner Lürig auch drei Musicals frei nach Skakespeare-Stücken ersonnen. Er ist Buchautor, war Mitglied der Enquete-Kommission "Kultur in Deutschland" und wird irgendwann gewiss auch als Maler, Regisseur, Museumsgründer in Erscheinung treten.

Zunächst aber wird Kunze im Herbst mit der Verstärkung auf 20-Stationen-Tournee gehen (u. a.: 1. 10. Leipzig, Haus Auensee; 9. 10. Rostock, Moya; 12. 10. Hannover, Capitol; 17. 10. Frankfurt, Batschkapp; 22. 10. Berlin, C-Halle; 26. 10. Dresden, Alter Schlachthof). Am 30. November feiert er 60. Geburtstag. Und dann ist das nächste Kunze-Räuberzivil-Album gewiss nicht mehr allzu weit weg. Der ewige Kreislauf der Musik.

Von Matthias Halbig

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