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Darauf kann man Gift nehmen

Universelles Gegengift Darauf kann man Gift nehmen

Vergiftungen bringen mehr Menschen um als Verkehrsunfälle und Diabetes zusammen. Denn die Entgiftung ist ein Wettlauf gegen die Zeit. Damit ihn Ärzte in Zukunft häufiger gewinnen, entwickelt ein Forscher derzeit ein universelles Gegengift.

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Ein Gegengift für alle Fälle: Vergiftungen kosten jedes Jahr viele Menschenleben. Schweizer Forscher arbeiten jetzt an einer Universallösung.

Quelle: RND

Was wäre, wenn Michael Jackson noch leben würde? Der King of Pop starb 2009 im Alter von 50 Jahren. Todesursache war eine akute Vergiftung durch das Narkosemittel Propofol. Vincent Forsters bahnbrechende Idee kommt zu spät, um Jackson retten zu können.

Forster, 31 Jahre alt, ist kein Spinner. Er hat Pharmazie an der Eidgenössisch-Technischen Hochschule Zürich (ETH) studiert. 2014 gründete er sein Unternehmen Versantis, das an der Entwicklung eines universellen Gegengifts arbeitet: Eine Substanz, die nahezu jede Vergiftung stoppen kann – selbst, wenn nicht genau bekannt ist, womit sich die Patienten vergiftet haben.

Bei Versuchen an Laborratten hat Forster bereits erstaunliche Erfolge erzielt. Bald, so der Traum des Pharmazeuten, soll sein Allesentgifter in jedem Krankenhaus verfügbar sein und viele Tausend Tote im Jahr verhindern. Doch zuvor steht ihm der lange Weg der Arzneimittelentwicklung bevor.

Dosierung ist alles

Anwendungsmöglichkeiten für Forsters Gegengift gäbe es mehr als genug: Im Jahr sterben rund 200 000 Menschen weltweit an Drogen. Andere schlucken zu viele Medikamente oder verwechseln schlicht zwei Flaschen im Arzneischrank. Vergiftungen bringen mehr Menschen um als Verkehrsunfälle und Diabetes zusammen.

Ob eine Substanz giftig ist oder nicht, das hängt von ihrer Dosierung ab, wie bereits der Schweizer Universalgelehrte Paracelus im frühen 16. Jahrhundert erkannte: "Alle Dinge sind Gift, und nichts ist ohne Gift; allein die Dosis machts, dass ein Ding kein Gift sei."

Die Geschichte der Gegengifte ist lang. Die antiken Griechen kannten Panazee, ein mythisches Universalheilmittel, dessen Geheimnis bis heute nicht vollständig gelüftet werden konnte. Ein anderes griechisches Universalgegengift, das Theriak, hielt sich bis ins Mittelalter. Erfunden hatte es im 2. Jahrhundert vorchristlicher Zeit König Mithridates VI., um sich gegen Vergiftungen zu schützen.

Vorbild von vor 200 Jahren

Es bestand aus 54 überwiegend unappetitlichen Ingredienzien wie Entenblut und Krötenfleisch. Substanzen, denen man heilende Kräfte zusprach. Dass Theriak trotz seiner medizinisch zweifelhaften Inhaltsstoffe dennoch großen Eindruck machte, lag vermutlich am enthaltenen Opium, das den Patienten die Sinne vernebelte.

Weil es zahllose Gifte gibt, die jeweils nach einem spezifischen Gegengift verlangen, will Vincent Forster alle Gefahren mit einem einzigen Präparat bannen. Doch seine Idee stößt bislang vor allem auf Skepsis: "Wenn ich von meinen Plänen erzähle, reagieren die Leute ungläubig", sagt Forster.

Ähnlich argwöhnisch beäugt wurde vor bald 200 Jahren der Apotheker Pierre-Fleurus Touéry, der 1831 eine Medizin gefunden hatte, die gegen das tödliche Gift Strychnin wirkte. Da ihm niemand Glauben schenkte, beschloss Touéry, seine Idee öffentlich mit einem drastischen Selbstversuch zu beweisen: Er nahm Strychnin in zehnfach tödlicher Dosis.

Vorher aber hatte Touéry das Strychnin mit 15 Gramm feiner Kohle gemischt, die das Gift bindet und dessen Aufnahme in den Stoffwechsel verhindert. Touéry überlebte. Doch das Publikum buhte ihn aus, weil es ihn für einen Schwindler hielt.

Vincent Forster

Einer der Preisträger des Pfizer-Forschungspreises 2016: Vincent Forster wurde für seine Arbeit am Universal-Gegengift ausgezeichnet.

Quelle: Pfizer

Pierre-Fleurus Touéry ist so etwas wie Forsters Vorbild – auch wenn er es nicht für nötig hält, seine Idee so drastisch vorzuführen. Und tatsächlich gehört Kohle nach wie vor zu den wirkungsvollsten Mitteln gegen Vergiftung. Wer heute mit einer Überdosis in die Klinik kommt, dem wird entweder der Magen ausgepumpt oder medizinisch wirksame Aktivkohle verabreicht.

Für beide Entgiftungsmethoden bleibt den Ärzten jedoch nur ein enges Zeitfenster von zumeist maximal einer Stunde, denn eine Rettung gelingt nur, wenn das Gift noch nicht ins Blut gelangt ist. "An dieser Stelle kommen wir ins Spiel", sagt Vincent Forster. Mit seiner Methode will er 85 Prozent der Substanzen herausfiltern können, die am häufigsten zu Vergiftungen führen.

Ein Präparat also, das auch "blind" eine hohe Trefferquote hätte, eine zeitraubende Diagnostik und die Suche nach dem passenden Gegengift in den meisten Vergiftungsfällen also überflüssig machen würde. Das Verfahren gleicht einer Dialyse, mit der das Blut gereinigt wird. Drogen und Giftstoffe werden isoliert und unschädlich gemacht. Forsters Flüssigkeit enthält Liposomen, kleine Bläschen, die sich wie ein Mantel um das Gift legen. "Sie funktionieren wie kleine Staubsauger", sagt Forster.

Gezielt behandeln, gezielt entfernen

So wird das Blut gereinigt, bevor die Gifte ihre Wirkung auf lebenswichtige Organe entfalten können. Eine Eigenschaft giftiger Substanzen hilft den Forschern dabei: Die Giftmoleküle sind häufig größer als die lebenswichtigen Stoffe des Körpers.

Die Grundlagen für sein Projekt legte Forster vor zwei Jahren in seiner Doktorarbeit. Die Idee entstand an der ETH. Eigentlich arbeitet die Forschungsgruppe von Professor Jean-Christophe Leroux an der zielgenauen Auslieferung von Medikamenten: Mit neuen Verfahren sollen die Wirkstoffe exakt dorthin gelangen, wo die Krankheit sitzt. Durch eine derart gezielte Behandlung wird weniger Wirkstoff gebraucht, Nebenwirkungen werden verringert und die Wirkung auf die kranken Zellen wird zugleich erhöht.

Forster hat dieses Verfahren in gewisser Hinsicht umgekehrt – und eine Methode zur nicht minder zielgerichteten Entfernung von Substanzen aus dem Körper entwickelt. Die Versuche mit Ratten liefen so gut, dass er sich entschloss, ein Spin-Off zu gründen. Mit seiner Kollegin Meriam Kabbaj und Professor Jean-Christophe Leroux gründete er die Firma Versantis. Für klinische Studien und Bewilligungsverfahren werde das Unternehmen voraussichtlich noch fünf Jahre brauchen, schätzt Forster.

Erprobtes Verfahren für Ärzte

Doch schon jetzt tüftelt er an der praktischen Anwendung seines universellen Gegengifts: Die Substanz soll in den Bauchraum gespritzt und nach den "Reinigungsarbeiten" wieder entfernt werden. So ähnlich funktioniert die im Krankenhausalltag bereits etablierte Bauchfelldialyse. Forsters Entgiftungsmethode wäre für Ärzte und Pflegepersonal also ein erprobtes Verfahren.

Vor wenigen Wochen hat Vincent Forster für seine Arbeit den renommierten Forschungspreis des Pharmariesen Pfizer gewonnen. Schon bald soll es den ersten Test am Menschen geben. Forster sagt: "Ganz so weit wie seinerzeit Touéry müssen wir dabei hoffentlich nicht gehen."

Von Konrad Schwarz

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