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Technik & Apps Das ist was für den hohlen Zahn!
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00:30 11.02.2017
Quelle: Angkrit Chamchuen
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Berlin

Es klingt fast zu schön, um wahr zu sein: Ein Loch im Zahn, das wie von selbst wieder zuwächst? Mit einer neuen Methode wollen britische Forscher genau das erreichen. Bei Mäusen ist das Experiment immerhin schon geglückt.

Löcher im Zahn entstehen, weil Kariesbakterien Zucker in Säure umwandeln. Die wiederum greift die Zahnsubstanz an, das Dentin. Ein Team von Wissenschaftlern des Kings College London hat nun einen Ansatz entwickelt, um die Neubildung von Dentin anzuregen. Sie verwendeten dazu ein Medikament namens Tideglusib, das bisher vor allem zur Behandlung von Alzheimer erforscht wurde. Aus Studien weiß man, dass es die Bildung von Plaques im Gehirn reduzieren kann.

Der gleiche Wirkstoff regt scheinbar auch die Stammzellen des Zahns dazu an, neue Substanz aufzubauen. Um das zu zeigen, bohrten die Wissenschaftler Löcher in die Zähne von Mäusen. Dann steckten sie mit Tideglusib getränkte Kollagenschwämmchen hinein. Innerhalb von sechs Wochen füllte neues Dentin das zuvor gebohrte Loch aus.

Könnte das Verfahren in Zukunft auch Menschen mit Karies helfen? Das dürfte mit Sicherheit noch eine Weile dauern, sagt Ralf Smeets, Professor an der Universitätsklinik Hamburg-Eppendorf und Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft für Grundlagenforschung der Deutschen Gesellschaft für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde. „Was bei einer Maus gelingt, muss nicht beim Menschen funktionieren. Dennoch handelt es sich um eine sehr gut gemachte Studie, die Kollegen sind auf einem guten Weg.“ Sollte es tatsächlich zu einem Durchbruch in der Anwendung am Menschen kommen, glaubt Smeets, dass die Methode nachgefragt würde – selbst wenn sie sich als kostspielig erweisen sollte. „Die Leute sind bereit, viel zu bezahlen, wenn es Schmerzen erspart. Und Zahnmedizin sei ohnehin zumeist mit hohen Kosten verbunden, sagt Smeets. So könne es gut und gern 1500 bis 2000 Euro kosten, einen irreparablen Zahn zu ziehen und zu ersetzen. Ein Eingriff, den das neue Verfahren bestenfalls eines Tages verhindern könnte.

Ganz neu sei die Idee der Briten übrigens nicht, sagt Smeets. Es handele sich eher um die gelungene Weiterentwicklung einer Behandlungsmethode. Schon seit Jahren setzen Zahnärzte auf die Selbstheilungskräfte eines Zahns, wenn eine Karies ins Mark vorzudringen droht. Bei der sogenannten Überkappung wird in solchen Fällen auch heute schon die Erneuerung der Zahnsubstanz angeregt. Sie führt zur Neubildung einer dünnen Schicht von Dentin, die genügt, um das Mark zu schützen. Das neue, effektivere Verfahren hingegen soll eines Tages ganze Zähne nachwachsen lassen. Füllungen, Kronen oder Implantate könnten dann überflüssig werden, genauso wie die unangenehme Wurzelbehandlung. Gebohrt würde zwar nach wie vor – denn ehe ein Zahn sich erneuern kann, muss die kariöse Substanz entfernt werden.

Doch auch hier wird an Alternativen geforscht. So wird ein geringer oder früher Kariesbefall heute zum Teil schon mit Säuren behandelt: „Es wird mit verschiedenen Substanzen gearbeitet, die Zahnschäden wegfressen können, sagt Smeets. Bisher gelinge das aber eher „semiperfekt“. Smeets glaubt dennoch, dass die Zukunft der Zahnmedizin in der Weiterentwicklung solcher Behandlungen liegt. „Man wird das noch optimieren und eines Tages Stoffe finden, die die gesunde Substanz besser schonen und wirklich nur erkranktes Zahnmaterial entfernen.

Insgesamt geht der Trend dazu, immer sanftere Methoden zu entwickeln, um so wenig wie möglich künstlich eingreifen zu müssen. Smeets selbst forscht an Schrauben und Implantaten aus Magnesium, die bei Kieferoperationen eingesetzt werden können. Anders als herkömmliche Materialien wie Titan lösen sich diese nach und nach auf und werden resorbiert – so müssen sie nicht in einem extra Eingriff wieder entfernt werden. Auch der Versuch der britischen Forscher sei typisch für zukünftige Entwicklungen, sagt Smeets, weil er auf die Regenerationskräfte des menschlichen Organismus setzt. „Es macht sich den Bioreaktor Mensch zunutze. Von der Forschung auf diesem Feld ist in den kommenden Jahren noch viel zu erwarten“, glaubt der Zahnmediziner.

Die schlechte Nachricht: Weil viele der neuen Methoden noch nicht erprobt genug sind, werden sie bislang nicht in der Breite angewendet oder von den gesetzlichen Krankenkassen bezahlt. In den meisten Fällen wird man also bei Karies nach wie vor nicht um die etablierten, schmerzhaften und nicht durchweg zahnschonenden Methoden herumkommen. Besser also, man lässt es gar nicht erst so weit kommen. Die beste Methode hierfür ist ebenfalls altgedient: Zähne putzen.

Von Irene Habich

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