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Die andere Seite des Eises

Forschung an Eisbergen Die andere Seite des Eises

Der Abbruch eines gigantischen Eisberges vom antarktischen Schelfeis ist nicht nur ein Ausweis des Klimawandels – sondern birgt auch neue Erkenntnisse: Die Eisriesen stecken voller Nährstoffe und schaffen im kargen Südpolarmeer neue Biotope.

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Radar für die Ohren

Gefährlich für die Schifffahrt, hochinteressant für Forscher und eine Oase für Lebewesen im Südpolarmeer: Eisberge stecken voller Überraschungen.

Quelle: iStock

Bremerhaven. Noch ist es finster auf der Antarktischen Halbinsel. Aber Ende August wird die Sonne ihre ersten Strahlen auf jenen gigantischen Eisberg werfen, der Mitte Juli ins Südpolarmeer kalbte. A68 heißt der vom Larsen-C-Schelfeis abgebrochene Gigant, und es ist der modernen Satellitentechnik zu verdanken, dass der Abbruch des Tafeleisbergs überhaupt bemerkt wurde.

Mehr als hundert Meter ist der Brummer hoch, dazu unglaubliche 175 Kilometer lang und vierzig Kilometer breit. Wie weit der Eisberg treiben wird, hängt von der Beschaffenheit des Ozeanbodens ab, sagt Thomas Rackow vom Alfred-Wegener-Institut in Bremerhaven. Zwei Entwicklungen sind denkbar: A68 könnte als ganzer Eisberg erhalten bleiben oder schnell in viele kleinere Stücke zerfallen. Im ersten Fall stehen die Chancen gut, dass er zunächst für etwa ein Jahr durch das Weddell-Meer im Nordwesten der Antarktis treiben wird.

Von Tasmanien aus behält Jan Lieser den Eisberg im Blick. Sein Beobachtungsgebiet umfasst eigentlich eher die Ostantarktis, aber einen solchen Brummer lässt auch er sich nicht entgehen. Der Exil-Berliner ist gelernter Meteorologe, seit über zehn Jahren arbeitet er als Glaziologe beim Cooperative Research Centre for Antarctica in Hobart. Seine Aufgabe ist es, Eisberge zu verfolgen und Schiffskapitäne zu beraten.

Je kleiner, desto gefährlicher

Dabei sind die großen Eisberge für die Schifffahrt gar nicht das Problem. Gefährlich sind vielmehr die kleinen, unscheinbaren, aber tonnenschweren Reste eines Eisbergs, weil sie im starken Wellengang des Südpolarmeers kaum zu orten sind. Bergy Bits und Growler heißen sie in der Sprache der Glaziologen, viele sind nicht größer als ein Klavier. Lieser fahndet vom Schreibtisch aus nach ihnen. Dazu wertet er Satellitenfotos aus und bedient sich modernster Radartechnik. Schiffsverkehr im Südpolarmeer? “Es ist dort unten mehr los, als man denkt“, sagt er. Vor allem die Versorgung der zahlreichen Stationen bedeute einen enormen Aufwand.

Einmal im Jahr fährt Lieser hinaus in die Antarktis, um jene unwirkliche Welt selbst in Augenschein zu nehmen. Dabei ist ihm nicht entgangen, wie sich die eisige Welt in den letzten Jahren verändert hat: Eis ist auch am kältesten Ort der Erde kein ewiger Zustand. Der vergangene Südsommer brachte es besonders stark zum Schmelzen. Noch nie seit Beginn der Satellitenmessungen im Jahr 1979 war weniger Meeresoberfläche eisbedeckt.

Letzter Zusammenhalt

Letzter Zusammenhalt: Der gigantische Riss im Larsen-C-Schelfeis, kurz vor dem Kalben des Eisbergs A68.

Quelle: NASA/John Sonntag

Für das ins Meer ragende Schelfeis ist das keine gute Nachricht. Denn Meereis wirkt wie ein Puffer und hält die riesigen Eismassen zurück. Fehlt es, werden Eisabbrüche wahrscheinlicher, wie man jetzt bei Larsen C beobachten kann. Dabei erwärmt sich die Region ohnehin wie kaum eine andere auf der Erde. Ein halbes Grad Anstieg verzeichnen die Klimaforscher seit den Vierzigerjahren – pro Jahrzehnt.

Auch deshalb machen sich die Wissenschaftler wegen A68 nun Sorgen. Sie befürchten eine Kettenreaktion, die den Eisschild im Landesinneren ins Rutschen bringen könnte. Ohnehin gehen die Forscher mittlerweile davon aus, dass die Westantarktis in einen Zustand unumkehrbaren Rückzugs übergegangen ist. Und dieser Eisverlust würde dann – im Gegensatz zum Schmelzen des Meereises und des auf dem Meer aufliegenden Schelfeises – auch den Meeresspiegel erhöhen.

Der Eisberg wird zur Oase

Doch die Schmelze hat auch eine gute Seite, die lange Zeit unentdeckt blieb. Jeder Eisberg bringt Leben ins Südpolarmeer, denn im mehrere Tausend Jahre alten Eis sind Eisen und andere Nährstoffe enthalten, die wie Dünger wirken. Dadurch wird der Eisberg zur Oase, denn Nährstoffe sind im Südozean äußerst selten. Gelangen die Partikel ins Meer, sprießt das Phytoplankton, also die Algen. Weil diese am Beginn der Nahrungskette stehen, profitieren am Ende auch Fische, Vögel und Wale, die wiederum tierisches Plankton und Krill vertilgen. Oder anders ausgedrückt: Mit einem umhertreibenden Eisberg beginnt das große Fressen.

Solche Beobachtungen sind seit Beginn der Seefahrt in der Antarktisregion bereits häufig berichtet worden. Aber erst seit einigen Jahren wird der Eisberg als Nahrungsquelle überhaupt erforscht. Der Ozeanograf Kenneth Smith vom kalifornischen Monterey Bay Research Institute berichtete vor zehn Jahren in „Science“ gleich von zwei Eisbergen, in deren Nähe es vor Leben nur so wimmelte. Offenbar waren die Tiere dem Eisberg im Weddell-Meer gefolgt, und zwar in einem Radius von bis zu vier Kilometern um die kalte Oase.

Ein großer Eisberg schwimmt vor Neufundland, Kanada, in Richtung Süden

Ein großer Eisberg schwimmt vor Neufundland, Kanada, in Richtung Süden.

Quelle: The Canadian Press/AP

Zwei Ozeanografen bestätigten später Smiths Ergebnisse. Ihren Schätzungen zufolge nimmt das Algenwachstum durch umherziehende Eisberge um ein Drittel zu. Dazu hatten die Forscher Satellitenaufnahmen von schwimmenden Eisbergen aus fünf aufeinanderfolgenden Sommern ausgewertet und mit anderen Aufnahmen verglichen. Allerdings wurde der Eisbergeffekt zum Ende des Sommers negativ. Es fehlte das Licht, das die Algen für die Fotosynthese brauchten.

Zudem fanden die Forscher einen weiteren Effekt. Da der Kiel eines Eisbergs mehrere Hundert Meter in die Tiefe ragt, kann er den Meeresboden aufschrammen. Die Folge: Einerseits werden erneut Nährstoffe aufgewirbelt, andererseits tötet der Eisberg Schwämme, Seesterne und anderes marines Getier, weil er wie eine Planierraube über den Meeresboden walzt. Nicht zuletzt kann ein auf Grund gelaufener Eisberg brütenden Pinguinen den Weg zum Meer versperren – und ganze Kolonien ausrotten. Egal, welchen Weg A68 jetzt nimmt: Die Forscher werden ihn nicht mehr aus den Augen lassen.

Von Andreas Frey

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