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Technik & Apps Frost gegen Frust
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00:30 18.02.2017
Im Wellnessbereich erfolgt die Kältetherapie vorzugsweise in hübschen Stickstoffduschen. In der Medizin hingegen in unglamourösen Kältekammern. Quelle: Imago
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Berlin

Gegen den Winterspeck gibt es jetzt womöglich ein sehr einfaches Mittel: ordentlich frieren. Ganzkörper-Kryotherapie (griechisch „kryos“ für Kälte) heißt der neue Gesundheitstrend aus den USA, der gerade nach Europa kommt. Die Anbieter versprechen straffere Haut, bessere Durchblutung, Endorphinausschüttung und vor allem weniger Pfunde. Zudem soll die Kryotherapie gegen Krankheiten wie Alzheimer, Rheuma, Arthritis, Migräne und auch gegen Depressionen helfen. Man muss dafür nur drei Minuten in einen Eisschrank steigen. Und halb nackt minus 150 Grad aushalten.

Frost gegen Frust? Kälte gegen Krankheiten? Hilft das wirklich? Die Zahl der Kälteanhänger jedenfalls wächst. Spitzensportler schwören auf Eiseskälte, um schneller zu regenerieren. Darunter sind Basketballspieler der NBA, aber auch Fußballer wie Cristiano Ronaldo und Franck Ribéry. Besonders angetan vom bedingungslosen Frieren bei Weltraumtemperaturen sind aber vor allem Hollywoodstars. Jessica Alba, Demi Moore und Jennifer Aniston bibbern regelmäßig, um jung und knackig zu bleiben.

Die Reise geht nach München, das Ziel ist Cryosizer, ein Kältestudio in der Leopoldstraße, das vor gut einem Jahr eröffnet wurde. Beste Lage, die Schickeria wohnt gleich um die Ecke. Besitzer Dejan Blagojevic, ein junger Vater und Personal Trainer, öffnet die Türe. Gepflegte Glatze, drahtige Figur, Lederarmband. Dejan, wie er sich vorstellt, reicht erst einmal grünen Tee mit Grapefruit und Guave, kalt aufgegossen, versteht sich. Dann zählt er die positiven Wirkungen der Kryotherapie auf: Gesundheit, Fettreduktion, Leistungssteigerung. Natürlich sei die Methode völlig ungefährlich, sagt er.

Erfunden hat die Ganzkörper-Kältetherapie der Japaner Toshima Yamauchi Ende der Siebzigerjahre. Die Methode hat den Vorteil, dass der eiskalte Stickstoffnebel den Körper sofort umhüllt und direkt auf die Haut wirkt.

Umstandslos deutet Blagojevic auf die Umkleidekabine. Für drei Minuten Schockfrost behält man lediglich die Unterhose an und schlüpft mit den Füßen in Fellschuhe, damit sie keinen Gefrierbrand erleiden. Anschließend steigt man in den Eisschrank, Modell Weltraumdusche. Nur der Kopf schaut oben raus. Bevor es losgeht, hat Dejan aber noch ein paar Fragen: Ob Herzkreislaufprobleme vorliegen, will er wissen; nach eventuellen Lungenbeschwerden Bluthochdruck, Entzündungen, akute Erkältungen fragt er ebenfalls.

Tatsächlich verhält es sich mit der Eissauna wie mit dem heißen Pendant: Nur wer gesund ist, sollte sie nutzen. Seit im Oktober 2015 eine junge Frau in Las Vegas in der Weltraumdusche starb, ist in den Staaten eine Debatte über Sinn und Nutzen der Kryotherapie entbrannt.

Zur Vorsicht verliert Dejan Blagojevic keinen Kunden aus den Augen. Jetzt lässt er den Stickstoffnebel langsam in den Eisschrank kriechen. Die Temperatur fällt rapide. Erst minus 50, dann minus 100 Grad. Nach etwa zwei Minuten zeigt das rote Display minus 151 Grad Celsius an. Abgebrochen habe noch keiner, sagt Dejan.

Der Körper reagiert sofort. Die Hautporen schließen sich, die Blutgefäße ziehen sich zusammen. Fast zeitgleich beginnt die sogenannte Zitterthermogenese. Die Muskeln kontrahieren, um den Körper zu wärmen. Bleibt es kalt, pumpt der Körper als Rettungsmaßnahme das Blut aus Armen und Beinen zu den lebenswichtigen Organen. „Wenn Sie erfrieren, passiert ja auch nichts anderes“, erklärt Blagojevic.

Dabei ist die Unterkühlung aus medizinischer Sicht nicht immer gefährlich. Manchmal schützt sie sogar vor Schäden. Dieses Wissen über die gesunde Seite der Kälte verdanken Mediziner schweren Unterkühlungsfällen. Lawinenopfer zum Beispiel konnten nach langer Zeit in der Kälte wiederbelebt werden, ohne dass sie Hirnschäden davontrugen. Die Schwedin Anna Bagenholm überlebte 1999 nach einem Skiunfall trotz einer Körpertemperatur von 13,7 Grad. Heute ist die therapeutische Hypothermie – also das gezielte Herunterkühlen bei Operationen – längst Standard.

Ob deshalb aber auch die Ganzkörper-Kryotherapie gegen Krankheiten hilft, ist mehr als zweifelhaft. Die amerikanische Zulassungsbehörde, die Food and Drug Adminis­tration (FDA), hat jedenfalls keine Belege dafür gefunden, dass die Eissauna einen medizinischen Nutzen aufweist. Weder könne man damit Alzheimer oder Rheuma noch Arthritis erfolgreich behandeln und auch nicht Migräne, Depressionen, Angstzustände oder chronische Schmerzen, schrieb die FDA in einem Bericht vom Juni 2016.

Und die übrigen Versprechen? Die drei Minuten sind schnell vorüber. Dejan Blagojevic öffnet die Tür. Mit dem Infrarotlaser misst er die Oberflächentemperatur. Die Haut hat 18 Grad, das mit den Glückshormonen scheint zu stimmen. Auch das Blut schießt sofort zurück. Es kribbelt. Dass die Ganzkörper-Kältetherapie aber auch schlanker und fitter macht, hält die FDA ebenfalls für unbewiesen – eine Metastudie der Cochrane Library kommt zu ähnlichen Ergebnissen.

Hanns-Christian Gunga von der Charité in Berlin wundert das nicht. Der Physiologe arbeitet am Zentrum für Weltraummedizin und extreme Umwelten. Ihm sind jedenfalls keine Studien bekannt, die eine Wirkung der Ganzkörper-Kältetherapie untermauern würden. Allenfalls bei einigen klinischen Rheuma-Behandlungen mit mehrfacher Anwendung gebe es Hinweise für einen Therapieerfolg. Kälte hemmt wohl Entzündungen – und heizt den Stoffwechsel an. Sonst lässt sie einfach nur schlottern.

Von Andreas Frey

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