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Jetzt geht’s rund!

Panoramakamera zum Werfen Jetzt geht’s rund!

Seit fast zweihundert Jahren sind Fotos eckig. Ein junger Berliner Erfinder wollte das ändern. Und bringt nach mehrjähriger Entwicklung jetzt eine Panoramakamera in Gestalt eines Balls auf den Markt.

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Keine schwere Ausrüstung, kein langwieriges Zusammensetzen: Mit der "Panono"-Kamera entstehen spektakuläre 360°-Panoramafotos einfach durch Hochwerfen.

Quelle: Panono

Die Idee, die die Fotografie verändern könnte, sie kam Jonas Pfeil, als er auf dem Gipfel eines Berges auf einer Insel in Tonga steht. Pfeil ist gebannt vom Ausblick. Er will den Moment in Gänze festhalten. Und er beschließt, ein Panorama von der überwältigenden Landschaft aufzunehmen. Dafür hat er einen ganzen Rucksack voll Ausrüstung mitgeschleppt. Erst baut er das Stativ seiner Spiegelreflexkamera auf. Dann macht er rundherum ein Bild.

Sein Kumpel neben ihm findet, das dauere zu lange. Da kommt Pfeil die Idee: "Man müsste eine Kamera in die Luft werfen und sie rundherum Aufnahmen machen lassen." Eine Panorama-Wurfkamera. Eigentlich eine Idee, so verrückt, dass sie von Daniel Düsentrieb, dem Erfinder aus Entenhausen, stammen könnte. Doch sie lässt Pfeil nicht mehr los. Jetzt, sieben Jahre später, ist es so weit: Die verrückte Kamera kommt tatsächlich auf den Markt.

Eine eckige Angelegenheit

Die Geschichte der Fotografie ist bislang eine eher eckige Angelegenheit. Vor 189 Jahren schoss der ehemalige Offizier Joseph Nicéphore Niépce das erste dauerhafte Foto der Welt. Es zeigt den Blick aus dem Fenster seines Arbeitszimmers im französischen Le Gras. Damit begann der Siegeszug der Fotografie. Fortan waren Fotos rechteckig, bisweilen auch mal quadratisch. Sie zeigen stets nur das Bildfeld vor dem Fotografen, nicht das dahinter.

Rundum-Panoramafotos sind etwas für bastelfreudige Profis. Auch die Digitalfotografie und der Boom der Smartphonekameras haben daran nicht viel geändert – trotz inzwischen weit fortgeschrittener Automatiken, die einen Rundumschwenk, bestehend aus einer Vielzahl von schnell hintereinander geschossenen Einzelbildern, ohne weiteres Dazutun des Fotografen zu einer Panoramaaufnahme verrechnen. Aber auch diese Bilder sind gefangen im Rechteckformat.

Pfeil will das ändern: Seine Panono genannten Kugelpanoramen kann man auf dem Smartphone oder mit einem Tablet und einer speziellen App betrachten. Wenn man sich mit dem Tablet dreht, dreht sich auch das Foto. Schaut man nach oben, sieht man auch den Himmel, den der Fotograf sah. Sieht man nach unten, sieht man den Fotografen. Ein Rundum-Panorama-Selfie sozusagen.

Die Panono-Kamera

Ausgefeilte Technik: 36 Kameras nehmen ein Bild auf und setzen es zu einem Kugelpanorama zusammen, wenn die Panono-Kamera hochgeworfen oder -gehalten wird.

Quelle: Panono

Möglich macht dies ausgefeilte Technik: Wenn man den Kameraball in die Luft wirft oder an einer Stange hochhält, nehmen am höchsten Punkt 36 Fixfokus-Kameras die Umgebung auf. Derartige Kameras finden sich auch in vielen Smartphones. Sie schießen 36 einzelne Fotos. Aus denen errechnet ein Computer später das Rundumpanorama – ein 108 Megapixel großes Foto: 360 Grad mal 180 Grad: einmal 360 Grad rundherum, dann wie ein tiefes Nicken 180 Grad für oben und unten.

"So macht der Kameraball es möglich, mit einer einzigen Auslösung das Abbild eines Moments festzuhalten. Und das auf einfachste Weise", sagt Pfeil. Neu sind Kugelpanoramen freilich nicht – allerdings beanspruchte ihre Erstellung deutlich mehr Zeit, Ausrüstung und Know-how beim Zusammensetzen der Einzelbilder, dem sogenannten Stitching.

Erfolgreich bei "Jugend forscht"

Kameraerfinder Pfeil verfügt über eines der gefragtesten Talente unserer Zeit: etwas, das man technische Fantasie nennen könnte. Microsoft-Gründer Bill Gates und Apple-Gründer Steve Jobs müssen eine ähnliche Gabe gehabt haben, sich Geräte vorzustellen, die es noch nicht gibt, aber geben sollte.

Pfeil hat viele davon entwickelt. Als Schüler hatte er sich mehrfach bei "Jugend forscht" beteiligt, dem größten Wettbewerb für Nachwuchstüftler in Deutschland. Pfeil war einer der erfolgreichsten Teilnehmer. Sein erstes Problem löst er zusammen mit seinem Freund Levin Alexander, als er 16 Jahre alt ist. Gemeinsam entwickeln sie im Jahr 2000 ein System, wie man die auf empfindlichem Thermopapier ausgedruckten Bilder von medizinischen Geräten in einer Arztpraxis durch Digitalisierung archivieren kann.

Im Jahr darauf bauen sie einen Roboter, der sich durch das Kinderzimmer bewegt. Sie gewinnen den Landeswettbewerb Berlin. Dann, 2002, ein "Gerät zur Erkennung von einsetzendem Sekundenschlaf anhand des Lidschlags", das übermüdete Autofahrer retten soll. Wieder gewinnen sie.

"Ich mag Probleme"

Wenn Pfeil spricht, schaut er aus dem Fenster des Besprechungsraums, als käme seine Geschichte von dort draußen zu ihm. Jede seiner Erfindungen kann er plastisch machen, sich in Details und Konstruktionsproblemen verlieren. Fragt man ihn nach seinem Talent, sagt er: "Mich interessieren eigentlich nur Probleme. Ich mag Probleme. Wenn eine Sache nicht nach einem Problem aussieht, interessiert sie mich nicht."

An der Universität macht er sich Gedanken über seine berufliche Zukunft. "Ich habe immer gedacht, ich muss später Waschmaschinen programmieren", sagt er. Doch zum Glück kletterte er während des Studiums 2007 auf den Berg in Tonga. Pfeil beginnt mit der Entwicklung der verrückten Wurfkamera. Zwei Jahre nach der Idee baut er die ersten Prototypen. Die Kamera ist seine Diplomarbeit. Er braucht anderthalb Jahre: Dann ist das Gerät, zunächst noch so groß wie ein Fußball, fertig.

Jonas Pfeil mit seiner Erfindung

Technische Fantasie und eine Vorliebe für Probleme: Jonas Pfeil mit dem Prototyp seiner Wurfkamera.

Quelle: Panono

"Zunächst wollte ich davon nichts mehr wissen", sagt er. Er geht nach Japan, der Prototyp verschwindet für ein halbes Jahr im Schrank. Da wäre er auch fast geblieben. Und die Rundum-Kamera wäre die verrückte Idee eines Studenten geblieben. Doch aus einer Laune heraus veröffentlicht Pfeil ein Youtube-Video, in dem die Kamera zu sehen ist. Mehr als drei Millionen Menschen schauen sich den Clip an und entdecken die Kamera. Viele wollen sie haben. "Ich wollte nie ein Unternehmen gründen. Aber die Menschen wollten es."

Per Crowdfunding auf der Internet-Plattform Indiegogo sammelt Pfeil 1,25 Millionen Dollar ein – Anzahlungen, verbunden mit Vorbestellungen für ein Produkt, von dem es bislang nur einen Prototyp gibt. Im Herbst 2014 besorgt er sich über die Plattform Companisto noch einmal gut 1,6 Millionen Euro von 1800 Investoren, die daran glauben, dass die Firma mit ihrem verwegenen Produkt die Zukunft der Fotografie mitgestalten kann.

Das erste Modell, die Panono Explorer Edition kostet 1499 Euro. Bei dem Preis sollte man sich das Hochwerfen allerdings zweimal überlegen.

Von Jakob Vicari

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