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Technik & Apps Lauter bekannte Gesichter
Sonntag Technik & Apps Lauter bekannte Gesichter
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20:01 29.07.2016
Gesichterkennung, Fingerabdrücke, Retina-Scan: Biometrie-Anwendungen sind ein boomendes Geschäftsfeld für Technologiefirmen – und stellen eine Gefahr für die Privatsphäre da. Quelle: Shutterstock

Die Fans der sonntäglichen "Tatort"-Krimis interessiert vor allem eins: wer der Mörder ist und wie es den Ermittlern gelingt, ihn zu überführen. Rückt die Spurensicherung an, inspiziert sie jeden Blutspritzer, sammelt hinterlassene Haare ein und untersucht die Beweismittel im Labor auf DNA-Spuren und Fingerabdrücke. Das könnte sich bald ändern. Denn im wahren Leben setzen Ermittler immer häufiger auf Gesichtserkennungssoftware, um die Täter festzusetzen.

Die Methode der Gesichtsidentifikation hat viele Vorteile: Der Täter muss keine Spuren hinterlassen haben, um ihn identifizieren zu können. Die Bilder einer Überwachungskamera reichen. Dennoch hat die Aussagekraft der Aufnahmen vor Gericht bislang selten Bestand: Verschlechtern ungünstige Perspektiven, mangelnde Auflösung oder Störungen die Bildqualität, lassen die Gerichte Videoaufnahmen nicht gelten.

Auch wenn Informatiker Gesichtserkennungssoftware seit Jahrzehnten weiterentwickeln, weist die Technik immer noch Mängel auf. Zu wandelbar ist das menschliche Gesicht, zu unterschiedlich die Umgebung: Was, wenn der Verdächtige sich einen Bart wachsen lässt? Eine Brille trägt? In einem anderen Licht von der Software erfasst wird?

Lukrativer Markt für Software

Seit Jahren versuchen Entwickler deshalb, Lösungen für diese Probleme zu finden. Die Zeit drängt: In Zeiten terroristischer Anschläge hoffen Sicherheitskräfte, Gesichtserkennungssoftware verstärkt beim Aufspüren von Straftätern oder verdächtigen Personen einzusetzen. Auch beim Einkauf mit Kreditkarten oder beim Entsperren von Handys wollen Unternehmen künftig auf Gesichtserkennung setzen. Bald könnte ein Blick in die Kamera genügen, um sich auszuweisen.

Der Markt für Gesichtserkennungssoftware ist lukrativ. Entsprechend liefern sich führende IT-Riesen einen Wettstreit um die technische Vormacht. Apple hat bereits im Jahr 2010 die schwedische Gesichtserkennungs-Firma Polar Rose gekauft. Facebook verleibte sich vor drei Jahren die israelische Firma Face.com ein, auf deren Technologie die Foto-App Facebook Moments basiert. Auch in Deutschland boomt die Gesichtserkennungsbranche. Die sächsische Firma Cognitec gilt weltweit als Vorreiter der Technologie.

Neben der Verbrechensbekämpfung und der Authentifizierung von Personen helfen Computerprogramme auch beim Durchforsten von Archiven. Ein Beispiel: Suchten Fernsehsender bislang nach einem bestimmten Video, konnten sie ihre Datenbanken nach Schlagworten, Datum oder Aufnahmeort durchstöbern. Eine Buche im Wald etwa ließ sich nur auffinden, wenn das Video beim Archivieren mit dem entsprechenden Schlagwort versehen worden war.

Anonymität war gestern: Die russische App "FindFace" durchforstet das Facebook-Pendant Vkontakte auf Grundlage beliebiger Personenfotos nach passenden Profilen. Quelle: Youtube / Screenshot

Um die Bildersuche künftig schlagwortunabhängig zu machen, haben Forscher der Uni Basel jüngst ein System entwickelt, das buchstäblich "nach dem Augenschein" arbeitet: Statt Suchbegriffe einzugeben, muss der Nutzer für das Open-Source-System vitrivr die gewünschte Szene auf einem Grafiktablet skizzieren. "Ist die Skizze gut gezeichnet, durchsucht das System die Videos nach ähnlichen Linien- und Farbverläufen. Das Problem: Damit die Suche funktioniert, muss man gut zeichnen können", erklärt Informatiker Luca Rossetto.

Theoretisch könnte man mit dieser Art der Suche auf einfachste Weise gigantische Videoarchive durchforsten. Selbst Fußballtrainer könnten profitieren: "Will ein Trainer die Laufwege und Pässe der Spieler analysieren, musste er bisher alle 90 Minuten des Spiels auf die eine Situation durchsuchen. Künftig skizziert er einfach, wie seine Spieler standen, als der schlechte Pass gespielt wurde, und das Programm spult automatisch zur richtigen Minute."

Bei allem Komfort, die fortschrittliche Bilderkennung bietet: Sie bedroht die Privatsphäre. Das zeigte erst kürzlich der Start einer russischen App, die für Aufsehen sorgte: Fotografiert man mit "FindFace" eine unbekannte Person auf der Straße, vergleicht die App das fotografierte Gesicht mit den Profilfotos von 300 Millionen Nutzern des russischen Facebook-Pendants Vkontakte. Die Trefferquote liegt laut Betreibern bei 70 Prozent.

Albtraum für Privatsphäre

In Russland dauerte es nicht lange, bis mit der Stalking-App gezielt Bilder von Amateur-Pornodarstellerinnen gemacht und in die App hochgeladen wurden. Anschließend wurden die pikanten Bilder an Freunde und Verwandte der betroffenen Person geschickt. Die "FindFace"-App beeindruckte die Moskauer Polizei so sehr, dass sie die App inzwischen einsetzt, um öffentliche Plätze zu scannen.

In Deutschland sind derart weitreichende Eingriffe in die Privatsphäre noch nicht möglich. Suchen Ermittler des Landeskriminalamts eine Person, können sie zwar ihre eigene Bilddatenbank, aber nicht Facebook durchforsten. Biometrieexperte Christoph Busch vom Fraunhofer-Institut für Graphische Datenverarbeitung in Darmstadt sagt: "Laut der neuen Europäischen Datenschutzverordnung gehören biometrische Daten künftig zu den sensiblen Daten. Daher muss genau begründet werden, warum man sie erhebt."

Doch selbst wenn man sich auf Umstände einigt, unter denen der Einsatz von Gesichtserkennungssoftware geduldet wird, bleiben Fragen jenseits des Datenschutzes offen: Was, wenn Menschen bewusst ihre Identität verschleiern, um die Gesichtserkennungssoftware eines Firmengebäudes zu überlisten? Bei sogenannten Maskenangriffen lassen sich Täter dreidimensionale Masken anfertigen, die dem Gesicht einer Person, die Zugang zu dem Gebäude besitzt, gleichen.

Iris-Erkennung zur Identifizierung

Auch eineiige Zwillinge können Gesichtserkennungsprogramme nicht auseinanderhalten. "Es gibt Ausnahmen", sagt Christoph Busch. "Bei besonders hochauflösenden Aufnahmen kann man anhand der individuell verschiedenen Regenbogenhaut des menschlichen Auges eine Person identifizieren." Die Methode nennt sich Visible-Spectrum-Iris-Recognition.

Wie erfolgreich diese Methode ist, zeigt die Geschichte von Sharbat Gula – dem Mädchen mit den grünen Augen. Sie wurde im Jahr 1984 erstmals im Alter von 12 in einem Flüchtlingslager in Pakistan von "National Geographic" Fotografen Steve McCurry fotografiert. Ihr Bild ging um die Welt und wurde ikonographisch für das Leid in den Flüchtlingslagern. Jahrelang versuchte der Fotograf das Mädchen wiederzufinden. Erfolglos.

Eines Tages begegnete McCurry einer Frau mit stechend grünen Augen in einem afghanischen Dorf nahe der pakistanischen Grenze. Er fotografierte sie und sandte das Bild an den "National Geographic" nach Washington. Dort wurden die Augen von damals mithilfe biometrischer Verfahren verglichen. Das Resultat: Das Mädchen mit den grünen Augen, er hatte es wiedergefunden.

Von Nadine Zeller

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