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Nie mehr allein

Der Arbeitsplatz der Zukunft Nie mehr allein

Auf der Arbeit ist es so lange schön, wie die Mittagspause andauert, heißt es. Das soll sich an den Schreibtischen der Zukunft ändern. Weltweit frisieren Unternehmen Arbeitsbereiche mit Spitzentechnik, Designermöbeln und Wohlfühlzonen.

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Nie wieder sitzen: So könnte das Büro der Zukunft aussehen, wenn es nach den Designern der RAAAF aus Rietveld geht.

Quelle: RAAAF

Von den Decken baumeln Pingpongbälle, Surfbretter lehnen an den Wänden, Hängegärten versprühen Natürlichkeit. Dann die Besprechungsräume: Einer mutet wie ein einziger Flipchart an, in dem sich selbst der Boden beschreiben lässt, ein anderer wie ein mit erlesenen Designerstücken eingerichtetes Wohnzimmer.

Weiter geht's, vorbei an gepolsterten Kuben, in denen sich junge Mitarbeiter im Corporate-Identity-Look aus Sneakers, Shirts und kurzen Hosen flätzen und über Bluetooth-Headsets telefonieren. In einem als Sporthalle dekorierten Aufenthaltsbereich sitzen Mitarbeiter gemeinsam auf einer Tribüne und arbeiten an einem Laptop. Später können sie sich auf einem Massagesessel entspannen oder im Pausenraum an Kickertisch und Dartsscheibe Dampf ablassen. Eine perfekte Arbeitswelt? Man wird sehen.

Zwischen Sporthalle und Wohngemeinschaft: Adidas testet neue Bürokonzepte.

Zwischen Sporthalle und Wohngemeinschaft: Adidas testet in seinem Hauptquartier neue Bürokonzepte.

Quelle: Adidas

Was anmutet wie eine Mischung aus Sportarena, Wohngemeinschaft und Hightech-Großraumarbeitsplatz, ist das neue Bürogebäude des Sportartikelherstellers Adidas, ein gläserner Flachbau, nur wenige Hundert Meter von der Konzernzentrale in Herzogenaurach entfernt. Im "Pitch" (zu Deutsch: Spielfeld), das nach eigenen Angaben von drei der weltbesten Büroeinrichtern ausgestattet wurde, testet Adidas Arbeitskonzepte der Zukunft. Die Mitarbeiter haben keine festen Schreibtische mehr.

Auf drei Ebenen können sie sich immer wieder neu aussuchen, welches "Arbeitsmodul" gerade zu ihrer Tätigkeit passt. Nach einem Jahr soll das Feedback der 300 Mitarbeiter, so formuliert es Personalchefin Karen Parking, zu einer "optimalen Future-Workplace-Lösung führen und weltweit ausgerollt werden".

Zellenbüros sind nicht mehr zeitgemäß

Nach Einschätzung des Fraunhofer-Instituts für Arbeitswirtschaft liegt der Sportartikelhersteller mit seinem Modellbüro am Puls der Zeit. "Die Arbeitssituationen werden flexibler und individueller", sagt Udo-Ernst Haner, Leiter des Teams für Arbeitsinnovation. Immer häufiger seien Mitarbeiter unterwegs und müssten von überall arbeiten können.

Gleichzeitig wachse der Bedarf an Austausch und Zusammenarbeit innerhalb der Firmen. "Der Inhalt der Arbeit fokussiert sich immer mehr auf Kreativität, Problemlösung, gute Einfälle – da sind herkömmliche Zellenbüros mit festem Schreibtisch und PC nicht mehr zeitgemäß", meint Haner.

Sehnsucht nach Rückzugsorten

Wesentliches Merkmal der modernen "Multispace"-Büros sind eine hochmoderne technische Ausstattung. Haner skizziert den Schreibtisch der Zukunft wie ein XXL-iPad: Auf der digitalen Oberfläche erscheinen Konzepte und Objekte, die per Fingerdruck vergrößert, verändert, kommentiert und direkt auf eine Monitorwand übertragen werden können – etwa in Meetings und Workshops.

"Das Smartphone wird in Zukunft unser Zugangsgerät zu jedem Schreibtisch, jedem Büro sein", prophezeit Haner. Darauf ist das persönliche Profil gespeichert, von Computereinstellungen bis hin zu Stuhlhöhe und favorisierten Lichtverhältnissen.

Freilich macht Technik allein noch kein Büro der Zukunft aus. Gerade in einer immer komplexeren Welt sei die Sehnsucht nach Rückzugsorten und einem Wohlfühlklima groß, wissen die Trendforscher – und konzipieren etwa Loungebereiche, die an ein Café erinnern, heimelige Ruhe- und Wellnessräume mit Hängematte bis hin zum Partyraum mit E-Gitarren fürs gemeinsame Mucken.

Büro mit Pool

Den Trend zu sogenannten Open-Plan-Workplaces sieht der kalifornische Internetunternehmer Stephen Searer immer häufiger in der Praxis umgesetzt. In seinem Blog Office Snapshots gibt er Einblick in weltweit gut 2000 spektakuläre Arbeitswelten, darunter das Googleplex (Googles Hauptsitz in Kalifornien), das unter anderem Pools mit Gegenstromanlage beherbergt, oder auch Red Bull in London, das im Stil einer Skater- und Snowboardanlage erbaut ist und über einen Empfangsbereich verfügt, der sich abends in eine Bar verwandelt.

Auch aus Deutschland haben es etwa 50 Unternehmen auf Searers Liste der Vorzeigebüros geschafft. Darunter das Berliner Start-up "Onefootball" mit Laufstrecke durchs Büro und der ebenfalls in Berlin ansässige Musiksender MTV mit seinen stylishen Räumen.

Dem Team der Rietveld Architecture-Art-Affordances (RAAAF) will es mit seinem Bürokonzept zuallererst um die Gesundheit gehen. Bei ihrem Projekt "The End of Sitting" haben die Niederländer eine komplette Bürowelt ohne einen Stuhl konzipiert. Der Arbeitstag soll in allen möglichen Haltungen bestritten werden – nur nicht sitzend. Die Mitarbeiter können dort hängend, lehnend, liegend, bäuchlings, auf dem Rücken oder selbst in Höhlen über ihren Laptops brüten.

Das Ende des Sitzens - ein Entwurf von RAAAF

Alles, nur keine Stühle: Das niederländische Design- und Architekturbüro RAAAF stellt mit dem Projekt „The End of Sitting“ eine Bürowelt vor, die besonders rückenfreundlich sein soll.

Quelle: RAAAF

Futuristische Arbeitswelten haben bisher eher bei großen Tech-Unternehmen und innovativen Start-ups Einzug gehalten, räumt Fraunhofer-Experte Haner ein. Doch auch Mittelständler sollten ihre herkömmlichen Konzepte überdenken, rät er. "Gute Jobs gibt es viele. Aktuelle Studien zeigen, dass sich hoch qualifizierte Mitarbeiter bewusst für den Arbeitsplatz entscheiden, der ihnen eine interessante Umgebung und Ausstattung verspricht."

Einher mit den Kreativräumen geht laut Fraunhofer-Institut eine veränderte Führungskultur. Vertrauen und Autonomie ersetzen zunehmend strenge Hierarchien, Präsenzpflicht, Kontrollmechanismen. "Von festen Arbeitszeiten sollte man sich verabschieden. Es geht eher darum, gesetzte Ziele zu erreichen", sagt Haner. "Wenn ein Mitarbeiter etwa von zu Hause aus arbeitet, darf man ihm nicht unterstellen, er beackere da nur seinen Garten."

Am Ende zählt ohnehin das Ergebnis, das sich der Arbeitgeber wünscht. "Die Zufriedenheit soll sich in Leistung niederschlagen", resümiert der Arbeitswissenschaftler. Das gilt auch bei den zukunftsweisenden Bürowelten von Adidas. Allerdings nur für diejenigen, die Image, Verkauf und Marke der Sportklamotten vorantreiben. Für die Produktion in den Billiglohnländern dürften die schönen, neuen Arbeitswelten wohl keine Rolle spielen.

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