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Technik & Apps Die Jagd nach dem heilenden Gral
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21:48 19.02.2016
Hoffnung auf den Durchbruch: Das US-Start-up Grail verspricht, mit Gensequenzierung die Krebsfrüherkennung zu revolutionieren. Quelle: Fotolia
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Wolfram von Eschenbachs Parzival war ein nicht ganz so idealer Rittersmann: überheblich, stur, ehrgeizig, treulos. Am Ende fand aber gerade er den Heiligen Gral. Jener Kelch war das Nonplusultra der mittelalterlichen Welt, das mythische Geschirr, das Jesu Blutstropfen aufgefangen hatte. Doch der Gral ging verloren. Und wurde jetzt offenbar wiedergefunden – jedenfalls lässt der Jubel aus den USA diesen Schluss zu.

Grail – Gral  also – heißt ein neues Start-up, das fortan mehr Krebsarten als jeder andere Test in ihrem frühesten Stadium erkennen soll. In das vom weltweit einzigen Genom-Sequenziergerätehersteller Illumina wohl nicht ganz uneigennützig gegründete Unternehmen investierten Amazon-Chef Jeff Bezos und Microsoft-Gründer Bill Gates kürzlich unter großem Medienbeistand viel Geld. 90 Millionen Euro Forschungskapital stecken schon in Grail – und der Kreis der Unterstützer wächst beständig.

Denn Krebs ist ein Angstmacher schlechthin – und wer einen "heilenden Gral", einen Generalschlüssel zur Frühesterkennung der wohl meistgefürchteten Krankheit der Welt verspricht, schürt beinahe unermessliche Hoffnungen. 450 000 Menschen erkranken allein in Deutschland jährlich an Krebs, 2013 forderte die Krankheit hierzulande knapp 224 000 Opfer. Beispiele populärer Persönlichkeiten, jüngst etwa Pop-Ikone David Bowie, zeigen, dass selbst optimale ökonomische Verhältnisse nicht vor dem Krebstod schützen.

Ambitionierter Zeitplan

"Flüssige Biopsie" heißt die relativ junge Nachweismethode von Grail. Statt der schmerzhaften Gewebeentnahme durch eine Hohlnadel werden ein paar Tropfen Blut des Kranken nach DNA-Teilchen von Krebszellen gefiltert. Der Plan: Schon kleinste Mengen der Tumormarker sollen erfasst werden, und das lange vor dem Auftreten erster Symptome.

Illumina-CEO Jay Flatley hält klinische Versuche binnen Jahresfrist für möglich, mithilfe von 30 000 Probanden will man Grail dann derart präzisieren, das der Test schon bei allerkleinsten Hinweisen im Blut auf eine Tumorerkrankung anschlägt. Die Marktreife ist für 2019 vorgesehen. Danach soll ein Test um 1000 US-Dollar kosten – die Auswertung erfolgt an den Sequenzierern des hinter dem Startup stehenden Medizintechnikriesen Illumina.

Hielte der Test, was seine Erfinder vollmundig versprechen, wäre ein Marktwert von Grail von bis zu 100 Milliarden Dollar vorstellbar. Ein gigantisches Geschäft – vor allem für Illumina und die prominenten Investoren der ersten Stunde.

Krebserkennung mit "Flüssiger Biopsie": Grail, ein Start-up des Medizintechnikunternehmens Illumina, das Gensequenzierer herstellt, will die Früherkennung revolutionieren. Quelle: Illumina

"Früherkennung ist oft wie die Suche nach der Stecknadel im Heuhaufen", gibt Professor Holger Sültmann, Leiter der Arbeitsgruppe Krebsgenomforschung des Deutschen Krebsforschungszentrums in Heidelberg, zu bedenken. Die neuesten Daten hätten gezeigt, dass ein Tumor kein einheitliches Profil, sondern viele unterschiedliche Tumorherde hat. Schwierig würde es mit der angestrebten Erkenntnis, wenn gerade die Herde, die dringlich therapiert werden müssten, nicht genug DNA ins Blut abgeben.

Würde Grail indes doch der allumfassende Früherkenner, wären regelmäßige Screenings der Bevölkerung der logische nächste Schritt, um die Volkskrankheit Krebs zu besiegen. "Die Mittel, die nötig wären, um in Deutschland ein populationsdeckendes Screening durchzuführen, wären allerdings kaum aufzubringen", meint Sültmann.

Die Amerikaner sind nicht allein im Rennen. Schon im Januar 2015 hat das deutsche Biotechunternehmen Qiagen – deutlich leiser – eine Zulassung für das erste flüssige Biopsieverfahren in Europa erhalten. Die Konstanzer Firma GATC Biotech, die seit vier Jahren an der Früherkennung von Brust- und Eierstockkrebs arbeitet, plant, in den nächsten Monaten die ersten Bluttests herauszubringen.

Basis für bessere Therapien

Und auch das junge Kölner Krebsdiagnostikunternehmen NEO New Oncology hat mit NEOLiquid im vorigen November einen Test auf den Markt gebracht. Ziel ist hier allerdings die Therapiekontrolle von Patienten mit bereits nachgewiesenen Tumoren, ein Ansatz, den auch Sültmann für "vielversprechend" hält. Durch solche Biopsietests würde beispielsweise das Fortschreiten einer nicht-kleinzelligen Lungenkrebserkrankung, der häufigsten Art von Lungenkrebs, weit genauer abgebildet als durch die Gewebeentnahme.

Ebenso lassen sich durch die flüssige Biopsie neuaufgeflammte oder gegen die Therapie resistent gewordene Tumore früher erkennen als etwa durch Gewebeentnahmen. Die Therapie des Patienten kann so zeitiger als bisher den Erfordernissen angepasst werden, wodurch Heilungs- und Überlebensraten zumindest signifikant steigen könnten.

Hoffnung auf den "Wendepunkt"

Illumina-Chef Flatley hingegen sieht in seinem sehr ähnlich gearteten Grail-Test eine Art Allzweckwaffe. Kein Klein-Klein, sondern schlichtweg "den Wendepunkt im Kampf gegen den Krebs".

Darauf hoffte und hofft wohl noch Jack Andraka, der am selben Tag wie David Bowie Geburtstag hat, gerade 19 Jahre alt ist, und als 15-Jähriger für einen Früherkennungstest gegen das tückische Bauchspeicheldrüsenkarzinom gefeiert wurde, jener Krebsart also, an der der britische Popstar starb. Ein Filterpapier, getränkt mit Kohlenstoffnanoröhrchen und Antikörpern soll das Protein Mesothelin in Urin oder Blut binden, das die Raumforderung am Pankreas anzeigt.

Andraka, dessen Verfahren mit nur 3 Cent Kosten unschlagbar billig wäre, gewann Preise, traf den Papst und Präsident Obama und veröffentlichte im Vorjahr vorzeitig seine Biografie "Breakthrough". Derzeit forscht er an einer Krebstherapie mit Nanorobotern. Sein Krebsnachweistest ist derweil noch immer "in Vorbereitung". Bis heute fehlen Publikationen zu dem vermeintlichem Geniestreich. Die Euphorie von 2013 erscheint somit drei Jahre später im trüben Licht eines Hypes.

Nicht zu viele Hoffnungen wecken

"Unfair gegenüber den hoffenden Betroffenen", nennt Holger Sültmann solche voreilig verkündeten Triumphe. "In der Regel ist sehr viel Zeit nötig, um derlei Ergebnisse in die klinische Routine zu bringen. Für heutige Patienten kommt das so angekündigte Produkt meistens zu spät."

"Es gibt 'den Krebs' nicht", sagt Sültmann. Jeder Fall sei eine separate Erkrankung. In der seriösen Wissenschaft hält Holger Sültmann wie bisher langen Atem für erforderlich: "Zehn, mitunter 15 Jahre dauert die Entwicklung neuer Therapien. Das ist der Zeithorizont in der Krebsmedizin."

Von Matthias Halbig

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