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Eine ganz neue Spielart

Das Comeback der Retro Games Eine ganz neue Spielart

Die Achtzigerjahre bedeuteten für Jugendzimmer vor allem eines – den Siegeszug von Commodore, Atari & Co. Mit den ersten Heimrechnern kamen etliche drollig-bunte und pixelige Computerspiele in Mode. Heute sind sie wieder begehrt.

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Pixelige Computerspiele zeichneten das Frühstadium der Digitalära aus und prägten eine ganze Generation.

Quelle: Fotolia

1982 war ein für Westdeutschland in mancherlei Hinsicht denkwürdiges Jahr: Helmut Kohl, der später als Kanzler der Einheit in die Geschichtsbücher eingehen wird, startet seine Marathonregentschaft. Die westdeutsche Fußballnationalmannschaft bringt es immerhin zum Vizeweltmeister, und ein besonders warmer Sommer beschert Millionen von Schülern schon Anfang Juni Hitzefrei.

Das zumindest im Rückblick folgenreichste Ereignis jenes Jahres vollzieht sich indes eher im Verborgenen, in Abertausenden Jugendzimmern – in der Bundesrepublik wie im Rest der westlichen Welt. Ein für damalige Verhältnisse bezahlbarer und zugleich bemerkenswert leistungsfähiger Heimcomputer kommt auf den Markt: der Commodore C64, wegen seiner leicht dicklichen Gehäuseform schon bald liebevoll "Brotkasten" genannt.

Der C64 revolutionierte das Freizeitverhalten

Obgleich nicht der welterste Hobbyrechner, vermochte es doch erst der C64, das Freizeitverhalten einer ganzen Generation ebenso tief greifend wie nachhaltig zu beeinflussen, mehr noch: Der C64, der bis zu seinem Produktionsende im Jahr 1994 allein in Deutschland mehr als drei Millionen Mal verkauft wurde, war für viele jener Menschen, die heute, gut drei Jahrzehnte später, als Digital Natives bezeichnet werden, eine Art Initiationserfahrung, das Tor zur wundersamen Welt der Bits und Bytes.

Aufs Schönste bis Schrillste äußerte sich dieses Frühstadium der Digitalära in Form zahlloser arg pixeliger Computerspiele wie dem quietschgelben Punktefresser "Pac-Man", dem bereits mit rudimentär-blecherner Sprachausgabe verblüffenden Jump-’n’-Run-Klassiker "Impossible Mission" (nicht etwa, wie Tom-Cruise-Fans meinen könnten, andersherum) oder den "Little Computer People", dem Vorläufer der Tamagotchis und der "Sims", jener digitalen Schützlinge, die der Gamer für maximalen Spielerfolg beinahe so hingebungsvoll hegen und pflegen muss wie reale Kinder.

Foto: Jugendliche bestaunen 1985 den neuen C64

Der Commodore 64, liebevoll "Brotkasten" genannt, eröffnete Jungendiche der Achtzigerjahre eine neue Spielwelt.

Quelle: Karl Staedele/dpa

Legendär waren auch die "Summer Games", eine aus acht Disziplinen bestehende Olympia-Simulation, die dem Spieler engagierten bis brachialen physischen Einsatz abverlangte, was sich regelmäßig in bis zur Funktionsuntüchtigkeit ausgeleierten Steuergeräten – in den Achtzigerjahren hießen sie zumeist Joysticks – äußerte.

Der spröde Charme fasziniert

Die Gamer der ersten Stunden konnten noch nichts ahnen von den fotorealistischen Spielewelten, die sich nur wenige Jahre später mit der nächsten Heimrechnergeneration, etwa dem Commodore Amiga oder dem Atari ST, auftun sollten. Sie ließen sich noch ganz gefangen nehmen von der basalen Klötzchenoptik der 8-Bit-Grafik.

Heute, da sich erste Hightech-Gamer anschicken, via Datenbrille vollends in täuschend realistische virtuelle Welten einzutauchen, gewinnt der spröde Charme alter Computerspiele erneut an Faszination. Ihre Auferstehung feiern Klassiker wie "Pac-Man", das Adventure "The Secret of Monkey Island" oder frühe Versionen des Nintendo-Hits "Super Mario" vorwiegend als hunderttausendfach heruntergeladene Smartphone-Apps, die das grafische Erscheinungsbild ihrer legendären Vorbilder zwar überzeugend nachstellen, dem Spieler allerdings nicht den haptischen Kick von Joysticks und federgelagerten Druckknöpfen bescheren. Und auch die Tatsache, dass es sich bei den Apps letztlich um Neuschöpfungen handelt, wirkt auf wahre Puristen eher abschreckend.

Alte Spiele gewahren, ein Rennen gegen die Zeit

"Wir wollen das Spielerlebnis möglichst umfassend bewahren – und Originalhardware und die authentischen Programmcodes gehörten im Idealfall einfach dazu", sagt Andreas Lange, Gründungsdirektor des Computerspielemuseums Berlin. Lange und das sechsköpfige Team des privat geführten und finanzierten Hauses, das im Jahr annähernd 100.000 Besucher empfängt, haben inzwischen mehr als 25.000 Computerspiele gesammelt und archiviert – angefangen bei der Mutter aller Computer- und Konsolen-Games, der aus einem Klötzchen und zwei Balken bestehenden Tennissimulation "Pong" aus dem Jahr 1972.

Dabei ist die Arbeit der selbst erklärten "Gamesbewahrer" durchaus ein Rennen gegen die Zeit: "Experten gehen davon aus, dass die Lebensdauer der meisten Hardware kaum mehr als 40 Jahre beträgt", berichtet Museumsleiter Lange. Was bezogen auf den C64 bedeuten würde, dass die letzten Exemplare des Heimrechners in maximal zwei Jahrzehnten den Dienst quittieren dürften – ganz zu schweigen von Floppy-Disks und Datasetten, den Speichermedien von einst, deren magnetische Spannung mit den Jahren immer schwächer wird.

Der "2600 clone" von Commodore war eines der ersten Joystick-Modelle.

Quelle: Adam Jenkins

Um die angejahrten Spieleschätze dem schleichenden Tod zu entreißen, setzen begeisterte Retrogamer auf sogenannte Emulatoren. Dabei werden neuzeitlichen Computern mittels einer Software die Eigenschaften beliebiger älterer Heimcomputer oder Spielekonsolen verpasst. Auf einem aktuellen, mit Windows 7, 8 oder 10 ausgerüsteten Rechner lässt sich so ohne Weiteres die Softwareumgebung des C64 erzeugen, auf der die ursprünglichen Programmcodes der Achtzigerjahre-Spiele lauffähig sind – vorausgesetzt, sie wurden zuvor auf ein Speichermedium übertragen, das heutige Computer lesen können.

Doch genau dieser Datentransfer, das Erstellen eines sogenannten Disk-Images, stellt für die Berliner Spieleretter eine erhebliche Hürde dar: "Technisch ist das durchaus möglich, aber es birgt stets die Gefahr, Urheberrecht zu verletzen", erläutert Andreas Lange. Zwar räume das deutsche Urheberrecht Spielebesitzern die Möglichkeit ein, eine private Sicherungskopie anzufertigen. "Wenn allerdings technische Kopierschutzmaßnahmen auf den Datenträgern enthalten sind, müssen die Rechteinhaber einwilligen", ergänzt Lange.

Schiere Enthusiasten

Das wiederum erkläre, warum sich viele der alten Programmcodes oft nur über dunkle Kanäle im Internet auftreiben ließen. Um auf sauberem Weg an die Disk-Images zu kommen, müssen Lange und sein Team meist in detektivischer Kleinarbeit die Urheber der Spiele ausfindig machen, was allzu oft scheitert: "Viele tolle Games, die damals keine ausgesprochenen Blockbuster waren, sind längst verwaist. Die Rechtehalter sind unauffindbar – doch das hebt den 70 Jahre währenden Urheberschutz allerdings nicht auf", erklärt Lange das Dilemma.

Dass es überhaupt so etwas geben kann wie verwaiste Spiele, belegt womöglich, dass etliche der ersten Gameentwickler – viele von ihnen schiere Enthusiasten – kaum über die Kommerzialisierung ihrer Programme nachgedacht haben. Vermutlich haben sie sich nicht träumen lassen, dass ihre Schöpfungen Millionen von Menschen in ihren Bann ziehen und dereinst zu Klassikern, zu den Grundpfeilern einer ebenso neuen wie folgenreichen Form des Spielens avancieren würden.

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Robotron: Die Antwort der Genossen

Mitte der Achtzigerjahre – in Westdeutschland waren bereits Hunderttausende Heimcomputer im Einsatz – beschloss die Staatsführung der DDR , dem Klassenfeind Paroli zu bieten. Die Früchte der Anstrengung werden 1984 auf der Leipziger Frühjahrsmesse präsentiert: die Modelle KC85/1 und KC85/2 des volkseigenen Betriebs VEB Mikroelektronik "Wilhelm Pieck" Mühlhausen.

Bezüglich ihrer Leistungsfähigkeit konnten es die DDR-Heimrechner durchaus mit westlichen Pendants wie dem C64 aufnehmen, was umso erstaunlicher ist, da die DDR durch ein Nato-Embargo vom Wissens- und Technologietransfer mit dem Westen abgeschnitten war.

Materialengpässe und veraltete Produktionsmethoden führten allerdings dazu, dass jährlich nur wenige Tausend Einheiten produziert werden konnten, die zudem vorrangig an "gesellschaftliche Bedarfsträger" wie Schulen, Universitäten oder die Volksarmee gingen. Auch spätere Ausführungen wie die in Dresden gefertigten Robotron-Modelle gelangten kaum in Privathaushalte. Dennoch entstand in der DDR eine rege Computerszene , gefördert etwa durch öffentliche Programmierclubs, sogenannte Computerkabinette.

Beliebt waren überdies Bastelanleitungen für rudimentäre Heimrechner oder Computerperipherie – wie etwa ein aus einer Seifendose und einem Stück Luftpumpe gefertigter Joystick.

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