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Twitter ist auch Glaubenssache

Social Media und Religion Twitter ist auch Glaubenssache

Das digitale Credo: Mit dem Smartphone kann jeder von zu Hause aus aktiv am Gottesdienst teilnehmen. Zum Abendgebet versammelt man sich bei #Twomplet und der Internet-Beichtstuhl verspricht einem per Mausklick von allen Sünden befreit zu sein.

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Vom Livestream bis zum gemeinsamen Twitter-Gebet: Glaube kann auch digital funktionieren.

Quelle: RND

Gott ist auf der Höhe der Zeit. Auch wenn man ihm gern eine konservative Haltung und eine gewisse Trägheit in Sachen Wandel unterstellt. Zur Verbreitung seines Wortes wurden jedenfalls schon immer die neuesten Medien verwendet.

Mit dem Gutenbergschen Buchdruck begann im 15. Jahrhundert das Zeitalter, in dem man sich die (von Martin Luther kurz davor ins Deutsche übersetzte) Heilige Schrift nach Hause holen konnte. Und in den 1920er-Jahren, als die Welt eine elektrische geworden war, begann die BBC in England, Gottesdienste aus großen Kathedralen zu übertragen.

Die Generation der Ururgroßmütter, die das Radio zunächst als Satanswerk begriff und drei Kreuze schlug, wenn Musik daraus plärrte, versöhnte sich mit dem Äther, als zum ersten Mal Kirchengeläut aus dem "Kasten" erscholl. Seit dem "Wort zum Sonntag", der zweitältesten Sendung des deutschen Fernsehens, sind Gottes Sendeplätze im Fernsehen gewachsen. Ganze Sender verschreiben sich seinem Wort, dem Besucherschwund in den Kirchen zum Trotz.

Chatseelsorge und Livestream

Digital ging es zuletzt auch voran. Lange beschränkte sich die Kirche hier ja auf die Gemeinde-Website, die einen über anstehende Termine informiert und auf der man – immerhin – die Sonntagspredigt noch einmal nachlesen und für sich ergründen kann. Und auf die Chatseelsorge, die sich nun schon seit vielen Jahren den Kummervollen widmet.

Seit einiger Zeit werden Gottesdienste auch kleinerer Gemeinden für Computer- oder Smartphone-Nutzer gestreamt. Dadurch soll sich das christliche Lagerfeuergefühl einstellen, das den Rundfunk- und TV-Gottesdiensten verlustig geht. Man ist in ARD und ZDF eben nicht wirklich dabei. Nicht nur der Bildschirm trennt, auch die Gemeinde ist einem fremd, die Atmosphäre fehlt und die eigene Stimme kommt einem beim Absingen von "Fest soll mein Taufbund immer stehen" im Wohnzimmer brüchig und verloren vor.

Viele Theologen waren denn auch Übertragungsgegner, hielten die Anwesenheit der Gläubigen für unabdingbar. Klingt plausibel. Die Erfahrung Gottes, der selbst nicht gegenständlich, der unfassbar ist, braucht Anhaltspunkte, braucht den Nachbarn in der Kirchenbank, dem man die Hand reichen kann und mit dem man sich anschließend an der Predigt reibt.

Fürbitte per Smartphone

Das sieht Ralf Peter Reimann, Pastor und Internetbeauftragter der Evangelischen Kirche im Rheinland, aus Erfahrung anders. Im Essener Unperfekthaus, einem ehemaligen Franziskanerkloster, leitete er am 19. September den ersten Twitter-Gottesdienst, der im Fernsehen übertragen wurde. Per Handy oder Computer eingespielte Fürbitten der vor Ort Versammelten, der Zuschauer von Bibel TV und der Twitter-User wurden von einem Twitter-Team moderiert und auf eine große Twitter-Wall gebeamt.

Die solchermaßen neu definierte Gemeinde, so Reimanns Erfahrung, habe "auf dem Umweg des Handys ihre übliche Zurückhaltung in Sachen Religiosität abgelegt", die Tweet-Fürbitten seien "deutlich persönlicher und anrührender als sonst" gewesen. "Es war eine Öffnung, eine Bereicherung für alle", zieht Reimann Bilanz.

Freilich sei die Vorbereitungszeit von einer Woche zu aufwendig, um aus #Twigo den ganz gewöhnlichen Sonntagsgottesdienst werden zu lassen. Die meisten Gemeinden seien auch noch zurückhaltend. Eine gewisse Öffnung stelle Reimann dagegen beim reinen Streaming fest. Man könne dann zu Hause am Fernseher in das eigene, vertraute Kirchenschiff blicken.

Mediathek für Gottesdienste?

Die Church of England denkt diesbezüglich "big". Mit der Smartphone-App Periscope will sie seit Oktober 52 Gottesdienste "von Malton nach Miami, von Middlesborough nach Mailand, von Manchester nach Mumbai" bringen, so Reverend Arun Arora, der Kommunikationschef des Rates der Erzbischöfe. "Church Live" heißt die Mission.

Wie also sieht die Zukunft der Gottesdienste aus? Werden irgendwann Mediatheken oder kirchliche Streamingdienste Videos aus zahllosen Pfarrgemeinden der ganzen Welt über Jahre hinweg vorhalten? Werden Gottesdienste oder Gottesdiensthäppchen – wie Filme und TV-Serien – am Smartphone oder Computer konsumiert, wenn man gerade Zeit und Lust hat, statt am fixen Sonntagstermin vor Ort?

Und wäre es dann nicht seitens der Kirchen sinnvoll, Daten zu erheben über das Verhalten der Nutzer, um wieder mehr Menschen an sich zu ziehen? Nach dem Motto: Wenn Sie diese Predigt mochten, könnte Ihnen vielleicht auch die folgende gefallen. Werden Pfarrerstars geboren, und gehen weniger entertainmentbefähigte Kollegen unter? Führt das zum Ende des Gottesdienstes als echter Gemeinschaft, wird er zu Gottes Kundendienst?

Grenzen des digital Erlaubten

Man soll das nicht an die Wand malen. Reimann hält einen Stream nur interessant für die Gläubigen, die aus verschiedensten Gründen nicht beim Gottesdienst ihrer Gemeinde anwesend sein können. Außerdem sei die Gleichzeitigkeit des Erlebens wichtig für das Gemeinschaftsgefühl. Ähnlich sieht das Michael Hertl, zuständig für katholische Fernseharbeit bei der Deutschen Bischofskonferenz. "Einen Gottesdienst aus der Konserve zu betrachten, das steht eher in der Nähe eines Gebets oder einer Meditation."

Die Grenzen des digital Erlaubten verlaufen unterschiedlich. Das Abendmahl, "das die meisten auf einem Kirchentag ohnehin nur über Videoleinwand sehen", könnte für Reimann durchaus auch "ein Haus weiter weg oder in noch größerer Ferne" stattfinden. Für die katholische Seite ist das Abendmahl indes ein Sakrament – was physische Anwesenheit voraussetzt.

Auch die Internet-Beichtautomaten, die einen per Mausklick von allen Sünden zu befreien versprechen, böten keine wirkliche Absolution. "Der Begriff 'Beichte' ist nicht geschützt, wäre von 'katholischer Beichte' die Rede, würden wir reagieren", meint Hertl im Gespräch. Verdammen will er diese außerkirchlichen Aktivitäten nicht, sie seien "ja ähnlich einem Beichtspiegel, mit dem man sein Gewissen erforscht".

Nächstenliebe in 140 Zeichen

Ebenfalls ohne offizielle Kirche entstand #Twomplet. Vor zwei Jahren hat der damals 18-jährige Abiturient Benedikt Heider einen Gebetsaufruf gestartet. Unter der Wortschöpfung aus "Twitter" und dem mönchischen Abendgebet "Komplet" versammeln sich allabendlich um 21 Uhr um die 1000 Follower in der virtuellen "Twapelle" und beten.

Nach der Komplet, die im Wechsel von etwa zehn Vorbetern ausgeführt wird, bringen die "Twompleter" ihre Gedanken ein. Und selten, dass jemand in den Fürbitten egozentrisch derer gedenkt "die mir Schlimmes angetan haben". Fast immer wird für andere Menschen gebetet, die es schwer haben, "für die Eltern des überfahrenen Kindes und den Fahrer" oder "für die Nachbarsfrau. Metastasen überall. Um ein Wunder."

Auch die Nächstenliebe muss dabei mit maximal 140 Zeichen auskommen. Weshalb der Dank an Gott schon mal seine Vokale einbüßt: #dnkgtt heißt es da. Er versteht das ganz sicher. Er ist immer auf der Höhe der Zeit.

von Matthias Halbig

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