Startseite HAZ
Volltextsuche über das Angebot:

"Hello Barbie" hört mit

Vernetztes Spielzeug "Hello Barbie" hört mit

Das Internet ist ein tolles Spielzeug. Aber was hat es im Körper einer Puppe oder eines Plastikdinos zu suchen? Über einen Spielzeugtrend mit Risiken und Nebenwirkungen.

Voriger Artikel
Die Jagd nach dem heilenden Gral
Nächster Artikel
Darauf kann man Gift nehmen

Vernetzte Puppe: "Hello Barbie" ist nur eins von vielen neuen Spielzeugen, die mit dem Internet verbunden sind. Das simuliert Intelligenz, bringt aber Datenschutzprobleme mit sich.

Kennen Sie das, wenn die Freundin in einem fort Geschichten erzählt und sich durch die Einwürfe ihres Gegenübers nicht in ihrem Redefluss beirren lässt? In etwa so muss man sich die sprechende Hello Barbie vorstellen. Sie erzählt und erzählt, fragt zwischendurch der Höflichkeit halber auch mal etwas. Doch die Entgegnungen ihres Gegenübers scheinen die Plaudertasche aus Plastik nicht zu interessieren.

8000 Zeilen Text beherrscht die babbelnde Barbie, was in etwa dem Sprachrepertoire eines fünfjährigen Kindes entspricht. Ein WLAN-Funkchip in ihrem Körper sorgt für die Verbindung mit dem Internet. Am Rücken hat Barbie eine Ladebuchse für den Akku, der wiederum im Bein steckt. Die ganze Technik sorgt nicht nur dafür, dass Barbie vollständig steif ist – sondern auch ein  fast unheimliches Auftreten hat.

Kinderfragen auf US-Servern

Früher weinten die Mädchen noch in Barbies blondes Haar. Sie vertrauten ihr an, was nur Barbie wissen sollte. Wenn das Kind heute überhaupt zu Wort kommt, schickt Barbie im Anschluss eine E-Mail an die Eltern, Betreff: "Ihr Kind hat diese Woche Unglaubliches erzählt!"

Das ist eine Funktion des neuesten Modells von Barbies Hersteller Mattel: Alle Wünsche und Beichten, die ahnungslose Kinder ihrer Spielgefährtin anvertrauen, wandern direkt auf die Server des US-Unternehmens – und von dort zurück an die Eltern.

Um Intelligenz und Lebendigkeit ihrer Spielzeuge vorzutäuschen, behalfen sich die Hersteller bislang mit Tricks: Es gibt Kuscheltiere, die wiederholen, was das Kind spricht. Andere wirken durch ein spärliches Sprachrepertoire von 20, 30 Sätzen wie Spielzeug gewordene Gebetsmühlen.

Kleine Freunde mit Rechenkapazität (v. l.): Puppe Cayla, Hello Barbie und der Cognitoys-Dino.

Kleine Freunde mit Rechenkapazität (v. l.): Puppe Cayla, Hello Barbie und der Cognitoys-Dino.

Quelle: Hersteller

Vor 15 Jahren hatte der Spielwarengigant Hasbro die Idee, ein Monster auf den Markt zu bringen, das eine eigene Sprache spricht: Furby. Das Fabeltier sah aus wie eine Kreuzung aus Katze und Eule, war weich, knallbunt – und plapperte in einem fort unverständliches Zeug. Die Herausforderung, Intelligenz überzeugend zu simulieren, wurde auf diese Weise umschifft. Doch Furby wirkte zumindest ziemlich aufgeweckt.

Bisher spricht die vernetzte Barbie nur Englisch. Das unterscheidet sie von Cayla. Auf den allerersten Blick sieht Cayla aus wie jede andere Puppe, Plastikkamm und Spiegel inklusive. Doch oberhalb ihres Steißbeins hat die sprechenden Puppe einen Einschalter.

Ihr Hersteller Vivid hat einen besonderen Trick: Cayla ist mit Wikipedia verbunden. Sie gibt Feedback auf dem aktuellen Stand des Weltwissens. Ohne ein Smartphone ist die Puppe allerdings so dumm wie ein Brummbär. Die Handyverbindung legt die Verbindung zu Wikipedia. Das hat Vorteile, weil sich die Puppenintelligenz gezielt erwecken oder abschalten lässt.

Künstliche Intelligenz im Plastiksaurier

Einige Teile der Online-Enzyklopädie hat schon der Hersteller gesperrt: So gibt Cayla zu dem Pop-Ikonen David Bowie und Abba gern Auskunft, will man mit ihr über Madonna reden, blockt sie ab. "Das solltest du besser mit deinen Eltern besprechen", sagt sie. Anders als Furby ist Cayla aber nie schlecht gelaunt: "Cayla ist immer eine freundliche Gesprächspartnerin, die es liebt zu lachen und zu kichern", teilt der Hersteller mit.

Da macht der dritte im Bunde, ein Plastikdinosaurier, einen ganz anderen Eindruck. Nach allem, was man weiß, waren Dinosaurier aufgrund ihrer erbsengroßen Gehirne eigentlich eher tumbe Wesen. Was den Hersteller Elemental Path nicht davon abgehalten hat, künstliche Intelligenz ausgerechnet in ein giftgrünes Dinogehäuse zu verpacken.

Der Cognitoys-Dinosaurier ist mit dem Internet verbunden und soll mit der Entwicklung seiner kindlichen Benutzer über Jahre Schritt halten können. Mehr noch: Durch Gespräche mit dem Plastiktier soll sich dessen Persönlichkeit formen, es soll zu einem wahren "Gegenüber seiner Benutzer" heranreifen.

Probleme mit dem Datenschutz

Das erforderliche Konversationswissen beamt der Superrechner IBM Watson, der bereits Quizchampions und Schachgroßmeister bezwungen hat, direkt in das Plastikhirn des Spielzeugdinos. Immerhin 2256 Eltern haben 275 000 US-Dollar auf der Gründerplattform Kickstarter beigetragen, damit der Traum vom schlauen Dino Wirklichkeit wird.

Über Mattel und seine Internet-Barbie brach derweil ein Shitstorm herein. Dass das Kinderzimmer aus der Ferne überwachbar sei, empörte die Nutzer, ebenso wie die Tatsache, dass sich die Puppe als eifrige Datensammlerin betätigt. Alarmiert überarbeitete kürzlich auch Elemental Path die Datenschutzeinstellungen seines Dinos. So lassen sich inzwischen alle gespeicherten Daten mit einem Resetknopf löschen.

Die Zerstörung einer innigen Beziehung muss man da aber nicht gleich fürchten. Das "Wissen" der Plastikgesellen mag verblüffen. Aber die Fähigkeit, empathisch zu sein, ein Kind zu trösten und ihm nah zu sein, erwächst gewiss nicht aus einem blechernen Stimmchen, das nach neuen Batterien verlangt.

Von Konrad Schwarz

Furby: Ein Klassiker des intelligenten Spielzeug

Damit das Monster seine Umgebung erspüren kann, ist es am Bauch, am Rücken und im Mund mit Sensoren ausgestattet, die Geräusche, Licht und Bewegungen registrieren. Sogar den feinen Unterschied zwischen Streicheln und Kitzeln erkennt Furby – und reagiert auf menschliche Ansprache mit einem breiten Verhaltensrepertoire, das vom Lachen über das Wackeln mit Augen und Ohren bis hin zum Tanzen, Singen und Sprechen reicht.

Immerhin 800 Wörter aller Sprachen, in denen das Plüschtier vertrieben wird, dazu ein paar Brocken "Furbisch" – die (Fantasie-)Sprache der Furbys – beherrscht das Plüschtier. Mit einem derartig vielseitig begabten Spielzeug hatten die Erfinder David Hampton und Caleb Chung 1998 einen Nerv getroffen: die wachsende Technikbegeisterung der Menschen, ihre Sehnsucht nach intelligenten Maschinen.

Plapperndes Plüschtier: Furby ist ein Verkaufsschlager

Plapperndes Plüschtier: Das Furby ist ein Verkaufsschlager.

Quelle: Hasbro

Da jedes Furby die menschliche Sprache erst langsam durch die Zuwendung seines Besitzers "lernt" (tatsächlich wird der programmierte Wortschatz häppchenweise freigeschaltet) erscheint es eher wissbegierig als dumm. Offenbar wirkt Furby sogar intelligent genug um der NSA derart suspekt zu sein, dass der US-Geheimdienst die Benutzung des Spielzeugs in eigenen Gebäuden verboten hat. Ob aus Sorge vor Spielzeug-Whistleblowern oder weil die Agenten im Spiel zu verweichlichen drohen, ist nicht überliefert.

40 Millionen der zwischen Maus, Katze und Eule changierenden Zotteltiere hat Hersteller Hasbro bis heute verkauft. Furbys Entwickler Caleb Chung ersann später unter anderem noch eine laufende Barbie und einen sprechenden Brontosaurus.

Die meisten dieser Spielzeuge langweilten die Kinder allerdings schnell und verschwanden, noch bevor die Batterie leer war, im Schrank. Nur Furby wurde zum Klassiker. Die neueste Version hat zwei Displays als Augen und kann mit einer App auf dem Smartphone "gefüttert" und bespielt werden.

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Technik & Apps