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Technik & Apps Was erwartet uns 2016?
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20:05 01.01.2016
Vom neuen Luxus bis zur Selbstvermessung: Die Zukunftsforscher Peter Wippermann und Matthias Horx über die Trends, die 2016 prägen werden. Quelle: Fotolia
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Terror und Verunsicherung haben 2015 geprägt. Inwiefern werden tief greifende Erfahrungen wie die Anschläge von Paris unseren Lebensstil beeinflussen?

Horx: Genauso, wie vergleichbare Ereignisse unser Leben beeinflusst haben – allzu viel ändert sich nicht, obwohl alle von einem "Epochenwandel" reden. Der Terrorismus siegt erst dann, wenn wir uns alle ständig fürchten. Deshalb ist die beste Waffe die Gelassenheit. Und ganz viele Menschen haben das verstanden.

Wippermann: Unsicherheit in der Gesellschaft trifft auf Komplexität des individuellen Alltags. Die Folge ist der Rückzug in kleine und vertraute Welten. Das Interesse an gesellschaftlichen Lösungen sinkt, dafür steigt der Wunsch, Privatprojekte erfolgreich umzusetzen.

Selfie-Hype und digitale Selbstvermessung mit Apps und smarten Uhren zeugen von einer selbstbezogenen Zeit. Bleibt der Trend zur Nabelschau?

Horx: Das Selbsttracking ist eher in einer Nische hängen geblieben, und das Selfiemachen ist eine Art harmloses Grundrauschen. Früher haben sich die Leute vor dem Eiffelturm mit Selbstauslöser fotografiert, heute eben mit komischen Stöcken.

Wippermann: Der wichtigste Wert der Deutschen ist die eigene Gesundheit, erst dann kommen Freiheit und Erfolg. Der Körper ist zum Mittelpunkt der eigenen Welt geworden – und digitale Gadgets scheinen ideale Werkzeuge für das Selbstmanagement. Diese Entwicklung wird sich vertiefen.

In Zeiten von Outletcentern und Dauer-Sales muss gefragt werden: Was wird 2016 echter Luxus sein?

Horx: Das Materielle hat seinen Glanz verloren. Champagner ist inzwischen was für Prolls und Rapper, die Subtileren trinken einen schlichten Wein vom Winzer ihres Vertrauens. 

Wippermann: Luxus 2016 sind immaterielle Dinge. Das Motto heißt: Tausche Rolex gegen Jugend. Wertvoller werden unverplante Zeit, enge Freundschaften, sinnvolle Arbeit und natürlich eine glückliche Familie.

Mit das Bemerkenswerteste an der Flüchtlingskrise war die Hilfsbereitschaft Tausender Deutscher. Werden Gemeinsinn und Solidarität dauerhaft wichtiger?

Horx: Sie waren noch nie unwichtig. Das sieht man an den empathischen Reaktionen auf die Flüchtlingsbewegung. Das Problem ist jedoch eine moralische Spaltung der Gesellschaft: in diejenigen, die sich engagieren und an die Zukunft glauben, und diejenigen, die ihre Zukunftsängste als Monstranz vor sich hertragen und glauben, mit Angst lasse sich hässliches Verhalten à la Pegida legitimieren.

Wippermann: Gemeinschaft zählt. Menschen bleiben auch 2016 soziale Wesen, aber sie organisieren sich nicht mehr nach den Tugenden der Institutionen von Kirche und Staat, sondern nach eigenen Wertvorstellungen. Die einen finden zusammen, um zu helfen und zu teilen. Die anderen aber protestieren und randalieren aus Angst, etwas zu verlieren. Die Gesellschaft wird sich weiter polarisieren.

In Sachen Rollen- und Geschlechterverhältnis gab es 2015 Bewegung. So waren die Frauenquote und die Gleichstellung homosexueller Paare starke Themen. Inwieweit beeinflussen derartige Debatten die tatsächliche Freiheit und Toleranz?

Horx: Wir sind zwar sehr tolerant gegen Minderheiten geworden, im Mainstream aber setzen sich immer wieder dieselben Rollenmuster durch. Die Männerwelt ist zäh, und den Frauen fehlt oft die Motivation oder die Kraft zum Kämpfen. Deshalb bleiben die alten Machos häufig am Ruder.

Wippermann: Das eigene Geschlecht wird zur individuellen Entscheidung. Facebook bietet allein 62 Geschlechterrollen an, von Transmann bis geschlechtslos. Nur in der Arbeitswelt bleiben die Unterschiede bestehen: Frauen bekommen für dieselbe Arbeit weiterhin deutlich weniger Gehalt als Männer.

Seit ein paar Jahren erlebt die vegane Bewegung rasenden Zulauf. Auch 2016?

Horx: Veganismus ist ja nur ein Teil jener Achtsamkeitsbewegung, in der immer mehr Menschen ihr Verhältnis zur Umwelt, zu ihrem eigenen Verhalten, ihrem Körper, den Tieren, überprüfen. Dieser Trend wird sich verstärken, bei der Ernährung aber eher zum Flexitarismus gehen, dem weniger Essen von Fleisch, nicht radikalem Verzicht.

Wippermann: Die kleine Welt der Veganer bietet große Orientierung: Die Entscheidung, keine tierischen Produkte zu nutzen, wird in einer Problemwelt zur Heilsbotschaft. Konsequenter Veganismus bleibt aber ein Nischenphänomen – dessen Einfluss auf die Mehrheit der Konsumenten jedoch weiter wächst.

Erwarten Sie für 2016 einen neuen Megatrend?

Horx: Sicherheit wird ein gigantisches Thema und beeinflusst immer mehr Branchen. Absolute Sicherheit ist eine Fiktion, aber wir streben nach der Bewahrung des Status quo.

Wippermann: Der Megatrend 2016 wird der praktizierte Abschied von der Globalisierung sein. Als Folge steigen die Sehnsüchte nach einer persönlichen Kontrolle der eigenen kleinen Welt.

Zur Person

Peter Wippermann (links): Der einstige Artdirector beim Rowohlt Verlag und beim "Zeit Magazin" ist seit 1993 Professor für Kommunikationsdesign an der Folkwang Universität Essen. Gemeinsam mit Matthias Horx gründete Wippermann 1992 das Trendbüro Hamburg.Matthias Horx (rechts): Der Publizist und Zukunftsforscher arbeitete zunächst als Redakteur unter anderem bei der "Zeit" und bei "Merian". 1997 gründete Horx das Zukunftsinstitut mit Hauptsitz in Frankfurt/Main und Zweigstellen in München und Wien. Quelle: privat
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