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Wir stricken uns ein Internet

Web fürs Wohnzimmer Wir stricken uns ein Internet

Die Unternehmer Ali Jelveh und Christopher Blum wollen jedes Wohnzimmer zum Teil des Internets machen. Nicht mit Anschlüssen, sondern mit kleinen Servern, über die sich ein vom World Wide Web unabhängiges Netz stricken lässt – und ein von NSA und Co. unbehelligtes.

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Der Ein-Knopf-Server fürs Wohnzimmer und kleine Firmen: "Maya" von Protonet.

Quelle: Protonet

Die Box mit dem Namen Maya ist orange und achteckig. Sie könnte auch ein Deko-Element aus einem bestens bekannten schwedischen Möbelhaus sein. Doch tatsächlich steckt in ihr ein Zentralrechner fürs Wohnzimmer, der nicht weniger will, als den Aufbau des Internets zu verändern. Es könnte bald unkontrollierbar wachsen: In kleinen Netzen, die in Nachbarschaften wuchern. Bisher ist das Internet ein archaischer Raum, dessen Organisation tatsächlich basisdemokratisch geregelt wird. Und diese Box könnte dazu beitragen. Das Hamburger Unternehmen Protonet setzt genau da an: "Wozu brauchen wir überhaupt noch eine Telekom?", fragt Ali Jelveh.

Ali Jelveh ist nicht nur einer der beiden Gründer der Firma, sondern auch "Chief Revolutionary Officer" von Protonet. Und diesen Titel nimmt er ernst. Als Berufsrevolutionär ist er zuständig dafür, alles anders zu machen, als es ein gewöhnliches Unternehmen machen würde. Einfacher. Schöner. Und ja, auch politischer. Er sitzt im zehnten Stock im Hochhaus auf dem Elbberg. Man kann ihn für verrückt halten. Aber man sollte nicht den Fehler machen, Jelveh zu unterschätzen. Er ist vielleicht kein geborener Unternehmer. Aber als Revolutionär ist er genau der Richtige.

Die Protonet Gründer: Ali Jelveh und Christopher Blum

Die Protonet Gründer: Ali Jelveh und Christopher Blum.

Quelle: Thies Raetzke / Protonet

Seinen Mitgründer Christopher Blum hat er kennengelernt, als beide beim sozialen Netzwerk Xing gearbeitet haben. Im August 2010 hatte er genug. Und schrieb ein Manifest. Der Whistleblower Edward Snowden war noch treuer Zuträger der NSA, die meisten Menschen machten sich kaum Gedanken um Datenschutz im Netz, als Jelveh formulierte, dass die Hoheit über unsere Daten für die Zukunft der Menschheit entscheidend sein werden. Heute, nahezu fünf Jahre später, ist Protonet ziemlich genau so geworden, wie Jelveh und Blum sich das erträumt hatten, nur noch etwas besser, sagt Jelveh.

Jelvehs Antrieb ist tief verwurzelt in seiner Biografie. "Wir sind aus dem Iran geflohen als ich fünf Jahre alt war. Die Familie wurde auseinandergerissen. Meine Mutter hat mich und meinen sechs Monate alten Bruder mitgenommen. Von einem Tag auf den anderen waren wir alleine. Ich hatte das Gefühl von Ohnmacht. Damals habe ich beschlossen: Das passiert mir nicht mehr." Die Ohnmacht, dass man die Bedingungen von Facebook und Co. akzeptieren muss – oder ausgeschlossen bleibt.

Kleiner Kasten mit guter Seele

Das Stück Internetscholle, auf dem unsere Daten fortan besser leben sollen, ist orange und aus Metall. Das ist der Protonet-Server Maya, den Jelveh manchmal "den einfachsten Server der Welt" nennt, meist aber nur "die Box". Die Box ist ein sechseckiger Tubus und hat tatsächlich nur einen Knopf. Sie ist Jelvehs Meisterstück. Sie kostet 1200 Euro und wird in Hamburg-Altona zusammengebaut.

Im orangefarbenen Gehäuse steckt eine gute Seele: Verwaltet werden die Daten von einem System namens "Soul", das die Menschen im eigenen Umkreis miteinander verbindet - ob beim Dateientauschen, Kinder orten oder Nachrichten versenden. Es ist quasi eigene Bio-Daten-Haltung. Und wenn der Server Kontakt zu anderen Servern aufnimmt, entsteht zwischen ihnen ein Netz, von Haus zu Haus, Nachbarschaft zu Nachbarschaft. Mesh-Netzwerke heißen solche Teile des Internets, weil sie wie die Maschen eines Wollpullovers verwoben sind. Sie entstehen ohne ein festes Zentrum aus vernetzten Rechnern und sind kaum zu überwachen.

Carla von Protonet

Mayas große Schwester: Carla bietet bis zu 12 Terabyte Speicherplatz.

Quelle: Protonet

Nach zehn Stunden hatten sie die geplanten 1,5 Millionen Euro im Internet gesammelt. 1,5 Millionen Euro von Menschen, die ihre Daten artgerecht halten wollen. Dann begann die Arbeit. Jelveh setzt nicht nur auf Familien, sondern auf all die sensiblen Gewerbe, die Angst vor Überwachung haben: Ärzte, Anwälte, Journalisten, Politiker. Der Hamburger Oberbürgermeister Olaf Scholz sagte über Protonet: "Revolutionen passieren eben doch im echten Leben ganz praktisch irgendwo in der Garage und nicht in einem Theorieseminar." Und natürlich arbeitet die Hamburger SPD mit einer Box von Protonet.

Die Protonet-Produktion gleicht eher einer Bonbonfabrik aus einem Kinderbuch als Fließbandproduktion. Die Mitarbeiter schrauben hier Boxen zusammen, so liebevoll, als wären es handgearbeitete Kunstwerke. Fast alles wird in Hamburg produziert. Zwei 3-D-Drucker summen, sie bauen die sechseckigen Plastikschnallen für die Verpackung auf. Im Raum nebenan, nur ein paar Schritte von der Server-Montage entfernt, findet gerade ein Comic-Workshop für Kinder statt. "Man kann keine Revolution ohne die Bevölkerung machen", sagt Jelveh.

Bausteine für ein neues Netz

Wie radikale Tierbefreier die Legebatterien stürmen, bläst Jelveh jetzt zum Sturm auf die Datenbatterien der Netz-Konzerne. Und ruft andere auf, ihm zu folgen. Die Daten sollen statt bei amerikanischen Internetgiganten lieber im eigenen Wohnzimmer liegen. Die Idee: Wenn die eigenen Daten anstatt bei Facebook, Google, Amazon in einer Box im Wohnzimmer lagern, kann jeder selbst entscheiden, wer worauf und zu welchen Bedingungen Zugriff bekommt.

Die ersten 500 Boxen haben sie gerade an die Unterstützer ausgeliefert. Sie sind die ersten Bausteine für ein neues Netz. Bald wird man sehen, ob es ein kleines Start-up aus Hamburg mit den Datenkraken aufnehmen kann.

Von Jakob Vicari

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