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20:05 02.02.2018
Fachpublikationen in der Wikipedia bringen Forschern kein Prestige. Islamwissenschaftler Patrick Franke will das ändern. Quelle: wikipedia
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Bamberg

Zugegeben, sagt er, vielleicht ist er ein bisschen süchtig. Dann lacht Patrick Franke. Sollte er es wirklich sein, scheint Franke seine Sucht nicht zu bereuen. Schließlich geht es um Wikipedia und um sein berufliches Hauptwerk. 260 Artikel hat er darin geschrieben, 350 behält er im Auge, weitere Hunderte hat er bearbeitet, Tendenz stetig steigend. 30 Stunden die Woche widmet er der freien Enzyklopädie, manchmal noch mehr.

Denn Franke, Professor an der Universität Bamberg am Lehrstuhl für Islamwissenschaft, hat eine Vision: Über die Jahre will er die Wikipedia als bestes Nachschlagewerk seines Fachs etablieren. Bisher gibt es in der Islamwissenschaft nur ein einziges anerkanntes, die Encyclopaedia of Islam (EI). “Aber mit den Möglichkeiten der Wikipedia kann die technisch nicht mithalten“, sagt Franke berauscht. Alle fünfzig Jahre wird die EI überarbeitet, die Wikipedia fortwährend. Nach Todesmeldungen etwa reagieren die Autoren der Wikipedia meist binnen weniger Minuten.

“Aber das Wichtigste“, sagt Franke, “ist die Verlinkung zwischen einzelnen Themen.“ Schreibe er beispielsweise einen Artikel zu Taklif, dem Konzept der Verpflichtung im Islam, verlinkt er diesen Artikel gleich auch unter dem allgemeinen Eintrag zur Pflicht. Forscher anderer Disziplinen, Philosophen etwa, können bei ihrer Recherche auf Wikipedia dadurch auch auf die islamische Sicht von Pflichten aufmerksam werden, die sie sonst nie berücksichtigt hätten. Franke wird poetisch, wenn er darüber spricht: “Während Fachenzyklopädien Texte nur linear als Texte denken, muss die Wikipedia als Netz gedacht werden. Ich stricke ein Netz aus Texten, die aufeinander Bezug nehmen und die eingewebt sind in ein riesiges Wissensimperium.“

Hausarbeit oder Wikipedia-Artikel

Mit dieser Euphorie ist Franke nicht allein. An mehreren deutschen Universitäten, Göttingen und Heidelberg etwa, können sich Studierende dank Wiki-begeisterter Dozenten aussuchen, ob sie eine Hausarbeit oder einen Wikipedia-Artikel verfassen. Auch Wikipedia als Quelle stößt zunehmend auf Beliebtheit. Allein 2011 (aktuellste Daten) tauchte laut Online Magazin Research Trends Wikipedia als Quelle in 4006 wissenschaftlichen Arbeiten auf. Die meisten dieser Artikel stammen allerdings von US-amerikanischen Forschern.

Mit 5,5 Millionen Artikeln ist die englischsprachige Version die umfassendste der mehr als 260 Sprachausgaben. Deutsche Forscher zitieren das Online-Nachschlagewerk deutlich verhaltener. Diese Vorsicht belegt eine Anfrage des RedaktionsNetzwerks Deutschland (RND) beim deutschen Wissenschaftsrat. Er berät Bund und Länder unter anderem bei der inhaltlichen Weiterentwicklung des Hochschulsystems. Auf die Frage, ob es vorstellbar wäre, die Wikipedia bei hinreichender Qualitätssicherung als wissenschaftliche Quelle einzustufen, bleibt eine Antwort aus. Schlicht, weil sich der Rat mit “diesem Thema bislang noch nicht beschäftigt“ habe. Anders ausgedrückt: Nein, es kommt nicht infrage, sonst hätte sich der Rat ja damit beschäftigt.

Das liegt vor allem daran, dass in der Wikipedia schreiben darf, wer will. Das macht das Nachschlagewerk für viele Wissenschaftler uninteressant. Weil zum einen viele Artikel noch immer fehlerhaft sind und zum anderen Publikationen darin kein Prestige bringen.

Patrick Franke Quelle: privat

Patrick Franke will dieses Problem mit seiner Bamberger Islam-Enzyklopädie lösen, einer Linksammlung, die er vor anderthalb Jahren angelegt hat. Sie listet Artikel auf, die von Fachwissenschaftlern wie ihm verfasst und gepflegt werden. Für diese Artikel verspricht er Aktualität und Korrektheit. Sie entsprechen wissenschaftlichen Qualitätskriterien und sind, da die Autoren unter Klarnamen schreiben, in Arbeiten zitierbar. Franke will dadurch Exklusivität schaffen, die das Engagement für die Wissensplattform unter Kollegen attraktiver macht. Zumal sich der Aufwand der Artikelpflege in Grenzen halte. “Die Zahl der Autoren, die regelmäßig im Themenbereich Islam mitschreiben, ist an einer Hand abzählbar.“ Denn wer Ergänzungen vornehmen will, braucht fundierte Fachkenntnisse und fachspezifisches Interesse.

Auf der anderen Seite: Gut gebildet sind die meisten Wikipedia-Autoren. Laut einer Studie des Medienwissenschaftlers Manuel Merz von der TU Ilmenau hat mehr als die Hälfte der Autoren einen akademischen Abschluss, neun Prozent sogar mit Promotion. Professoren wie Franke hingegen sind eine Seltenheit. Grund dafür ist laut Franke oft fehlende Zeit. Professoren müssen Drittmittel einholen, publizieren und lehren.

Trotzdem, in seinen Augen lohnt es sich, die zusätzliche Zeit zu investieren: “In unserem Fachbereich kann man froh sein, wenn in fünf Jahren zwei Leute einen Artikel gelesen haben. Das ist in der Wikipedia ganz anders.“ Er öffnet einen Artikel, verfasst vor neun Tagen. “186 Aufrufe. So etwas haben Sie bei wissenschaftlichen Artikeln nie. Und das ist ein strukturelles Problem. Es kann doch nicht sein, dass neu gewonnenes Wissen teils über Jahre nicht genutzt wird, weil es keiner mitbekommt.“ Dabei könnte es die Forschung ein ganzes Stück nach vorne bringen. Nur: So ruhig wie in der Islamwissenschaft geht es in anderen Bereichen bei weitem nicht zu.

Das Wissen der vielen

Die Wikipedia ist für viele Wissenschaftler auch deshalb uninteressant, weil sie Wissen, ganz im Sinne einer Enzyklopädie, zusammenträgt – nicht aber Raum für Theoriebildung oder das Einstellen einzelner Forschungsergebnisse bietet, sagt Jan Apel, Pressesprecher des Nachschlagewerks. “Wikipedia ist eine Sammlung von Lemmata (Stichworten, Anm. d. Red.), die Ausgangspunkt einer tieferen Auseinandersetzung sein sollen. Dabei setzt Wikipedia auf das Wissen der vielen, nicht der wenigen, wie das bei Fachenzyklopädien der Fall ist.“

Entsprechend hadert er damit, die Artikel durch Wissenschaftler als zuverlässig und nicht zuverlässig einzuschätzen. Denn immer, wenn einer sagt, “So ist es richtig“, ist das ein Verstoß gegen Wikipedias Idee des Wissens der vielen. Anders jedoch wird es kaum möglich sein, die Wikipedia für die Wissenschaft verwendbar zu machen. Dazu braucht es noch viel mehr Süchtige wie Franke.

Von Julius Heinrichs

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